Feuer brennt nicht nur auf der Bühne. Manchmal brennt es auch in der Art, wie Menschen über Musik sprechen. Seit 20 Jahren steht Stahlzeit für Konzerte, die mehr sein wollen als bloße Reproduktion, für Abende, an denen Klang, Licht und Körperlichkeit zu einem gemeinsamen Moment verschmelzen.
Nach der Jubiläumsshow in Berlin nahm sich Sänger Heli Reißenweber mit unserem Fotografen und Redakteur Andreas Zeit für ein ausführliches Gespräch. Kein schnelles Interview, kein Fragenkatalog, sondern ein Innehalten. Es geht um die Anfänge, um Entscheidungen, die sich nicht geplant, sondern eingeschlichen haben. Um den schmalen Grat zwischen Huldigung und eigener Handschrift. Und um die Frage, wie viel Verantwortung mit einer immer größer werdenden Bühne einhergeht.
Heli spricht über Pyrotechnik und Präzision, über Belastung und Rituale, über die Menschen hinter der Bühne und über das, was bleibt, wenn der letzte Ton verklungen ist. Über Berlin als Angstgegner und Sehnsuchtsort zugleich. Über Kunst, Interpretation und den Wunsch, im richtigen Moment loszulassen.
Ein Gespräch über Musik, Haltung und Leidenschaft. Und darüber, warum manche Shows nicht nur gesehen, sondern gespürt werden wollen.
Wenn du heute an das allererste Stahlzeit-Konzert zurückdenkst: Was war der Moment, in dem du wusstest: Das wird größer als nur ein einmaliges Projekt?
Das hat sich tatsächlich eingeschlichen. Es war nie geplant, dass Stahlzeit einmal diese Größe erreicht. Am Anfang hieß es nur: „Du klingst ein bisschen wie Lindemann“, also habe ich gesagt, gut, ich probiere das mal.
Ich habe damals selbst Veranstaltungen gemacht und uns in Kulmbach für gerade mal 20 Minuten ins Vorprogramm gesetzt, einfach um zu sehen, ob das überhaupt jemand hören will. Die Resonanz war überraschend gut, auch bei der Presse, und so haben wir Schritt für Schritt weitergemacht.
Richtig Fahrt aufgenommen hat das Ganze dann über Holland und Belgien. Dort gab es schon eine große Tribute-Szene mit eigenen Festivals, und über eine Agentur kamen wir schnell in gute Shows. Erst danach wurden auch deutsche Veranstalter auf uns aufmerksam.
Ein weiterer Wendepunkt war das Management. Eigentlich sollte Mathias Schaettgen uns nur für ein Konzert in Bayreuth veranstalten, aber ich fand ihn menschlich so passend, dass ich ihn gefragt habe, ob er nicht das Management übernehmen will. Ab da ging es spürbar nach oben, größere Hallen, größere Shows. Und natürlich auch mehr Verantwortung und Kosten.
War das auch der Punkt, an dem ihr gemerkt habt: Das wird mehr als eine kleine Show, und an dem ihr angefangen habt, die Produktion gezielt auszubauen?
Ja, das hing direkt miteinander zusammen. Die Hallen wurden größer, und gleichzeitig kam von uns selbst der Anspruch: Wenn wir das machen, dann machen wir es ordentlich. Also haben wir angefangen, die Produktion Schritt für Schritt auszubauen.
Man wird da auch ein bisschen angefixt. Nach jeder Show denkst du: Da geht noch mehr, hier ein Detail, dort eine Idee. Das ist kreativ, spannend, aber natürlich auch eine echte Herausforderung.
Trotzdem war das noch nicht der Punkt, an dem ich sagen konnte: Ich lebe jetzt davon. Das hat sich über Jahre entwickelt. Die endgültige Entscheidung kam erst vor knapp zehn Jahren, mit 50 habe ich gesagt: Wisst ihr was, jetzt mache ich nur noch diesen Job.
War das für dich ein besonders bedeutender Moment und was bedeutet es dir persönlich, heute von der Musik leben zu können?
Ja, absolut. Musik mache ich eigentlich, seit ich denken kann. Und irgendwann von der Musik leben zu können, Musiker zu sein, das ist so ein Kindheitstraum, den ich mir damit erfüllt habe.
Natürlich gab es viel Gegenwind. Viele haben gesagt: „Das kannst du doch mit 50 nicht mehr machen.“ Aber ich habe mir gedacht: Wenn die Chance da ist, dann mache ich das, egal was andere sagen.
Ich habe es nicht bereut. Gut, während der Pandemie habe ich kurz gezweifelt, aber insgesamt ist das mein Traumjob. Klar, mit eigener Musik wäre es vielleicht noch schöner gewesen, aber ich weiß sehr genau zu schätzen, was ich habe und jeden Moment, den ich auf der Bühne stehen darf.
Für jemanden, der Stahlzeit bis jetzt nicht kennt: Wie würdest du in zwei, drei Sätzen zusammenfassen, wofür ihr steht und was euch von anderen Rammstein-Tribute-Bands unterscheidet?
Es gibt inzwischen viele Rammstein-Tribute-Bands, und jede hat ihre eigene Herangehensweise. Was uns unterscheidet, ist unser Anspruch, nicht nur die Songs zu spielen, sondern dem gesamten künstlerischen Universum von Rammstein musikalisch und visuell zu huldigen, mit eigener Dynamik, eigenen Ideen und echter Bühnenpräsenz. Wir imitieren nicht bloß, sondern interpretieren und durchleben diese Musik, weil wir sie fühlen, nicht nur nachspielen.
Dass wir dabei auch eigene Wege gehen, zeigt unser eigener Jubiläumssong Zwanzig, den wir zur Feier unseres 20-jährigen Bestehens veröffentlicht haben. Mit ihm blicken wir auf die gemeinsame Reise zurück und zeigen, dass Stahlzeit mehr ist als Cover. Es ist eine lebendige Hommage und ein eigenständiges künstlerisches Statement.
Gibt es für dich persönlich eine Grenze, an der es zu viel Rammstein und zu wenig Stahlzeit wäre?
Die Grenze beginnt für mich tatsächlich schon beim Outfit. Wir orientieren uns daran, aber es ist nie eine Eins-zu-eins-Kopie. Es ist eher ein bewusster Mischmasch aus verschiedenen Phasen, sonst müsste ich ja jedes Mal alles komplett ändern.
Spätestens bei solchen Details wie den Haaren hört es für mich auf. Ich komme ursprünglich eher aus dem Mainstream-Rockbereich und hatte früher sehr lange Haare. Für die erste Show habe ich sie mir tatsächlich drei Tage vorher abschneiden lassen, aber irgendwann ist auch gut. Da muss es noch Stahlzeit bleiben.
Als du dich damals entschieden hast, dir für Stahlzeit die Haare zu schneiden, gab es dafür Gegenwind aus deinem persönlichen Umfeld?
Ja, vor allem aus der Familie. Meine Tochter fand das damals gar nicht gut und hat ordentlich gemeckert, heute ist sie allerdings ein großer Fan. Der Haarschnitt war für sie damals schon eine ziemliche Umstellung.
Mir selbst war dabei immer wichtig, dass das Ganze nicht ins Lächerliche kippt. Ich achte sehr darauf, dass es kein Kasperle-Theater wird. Kleidung und Auftreten müssen zu mir und meiner Figur passen und nicht eins zu eins kopiert sein.
Alles bei Rammstein ist exakt auf Till Lindemann zugeschnitten. Wenn man das einfach übernimmt, funktioniert das bei jemand anderem nicht. Für mich ist das ein ständiger Spagat zwischen Tribute und eigener Identität und den versuche ich bewusst zu halten.
Was unterscheidet Stahlzeit für dich persönlich vom reinen Nachspielen, gerade in dem, was auf der Bühne passiert?
Für mich ist entscheidend, dass das, was auf der Bühne passiert, echt ist. Was ich dort tue, meine ich auch, das spüre ich selbst und das spürt auch das Publikum.
Ich glaube, das unterscheidet uns von manch anderen. Wir haben eine starke Energie auf der Bühne, weil wir nichts spielen. Wenn ich auf die Bühne gehe, dann lebe ich das, es ist kein reines Nachmachen.
Eure Shows sind in den letzten Jahren enorm gewachsen, zuletzt auch sichtbar durch den Wechsel von der Columbiahalle ins Tempodrom in Berlin. Wie nehmt ihr in dieser Größenordnung die Erwartungen des Publikums wahr, wenn ihr auf die Bühne geht?
Der Wechsel von der Columbiahalle ins Tempodrom war eine bewusste Entscheidung. Ich liebe die Columbiahalle, aber dort war unsere aktuelle Show einfach nicht mehr umsetzbar. Und gerade dem Berliner Publikum wollten wir diese andere Dimension einmal zeigen, sie haben sich das wirklich verdient.
Ich glaube aber gar nicht, dass es unser Ziel ist, Erwartungen zu erfüllen. Wir wollen den Menschen etwas bieten, diesen kleinen Aha-Moment. Wenn ich von der Bühne aus in begeisterte Gesichter und glänzende Augen schaue, dann weiß ich: Im Moment machen wir alles richtig.
Das ist auch der Punkt, an dem sich der enorme Aufwand lohnt. Wir sind mit einer riesigen Produktion unterwegs, das kostet viel, aber wenn das Publikum diese Details wahrnimmt und spürt, warum wir das machen, dann ist genau das die Bestätigung.
Trotzdem bleibt immer eine Unsicherheit. Von oben ist es manchmal schwer zu sehen, wie alles ankommt. Aber ich glaube schon, dass der Unterschied zwischen einer Columbia-Show und dem Tempodrom sichtbar ist, allein durch die Möglichkeiten, die wir dort haben.
Sind genau solche Momente, in denen man dem Publikum die Reaktion förmlich ansieht, das, worauf ihr mit eurer Show abzielt?
Genau darum geht es. Solche Momente sind bewusst so angelegt, auch wenn sie einen enormen technischen und logistischen Aufwand bedeuten. Wir sind bei unserer großen Show mit vier 40-Tonner Sattelaufliegern unterwegs. Darunter die markanten Scheinwerfer-„Sonnen“, die am Bühnenrand nach oben gefahren werden.
Wenn man dann aber sieht, wie das Publikum reagiert, weiß man, warum man diesen Aufwand betreibt. Gerade bei Open-Air-Shows wird das noch einmal intensiver. Dort arbeiten wir mit Flammen, die man bis ganz nach hinten spürt. Das macht Spaß, weil man den Menschen zeigen kann: Es ist eine Show, die man sehen und fühlen kann.
Musikalisch und gesanglich gehe ich dabei bewusst ab und zu meinen eigenen Weg. Ich habe eine ähnliche Stimme, klar, aber ich singe nicht alles eins zu eins. Für mich ist das eine Huldigung an diese Band, keine Kopie. Und genau so sollte Tribute auch verstanden werden: als Respekt vor dem Original, nicht als Ersatz.
Heißt das für dich, dass solche Gesten und Momente auf der Bühne nur dann stattfinden sollten, wenn sie sich wirklich richtig anfühlen?
Genau das meinte ich mit Kasperle-Theater. Für mich müssen solche Momente aus dem Gefühl heraus entstehen.
Ich mache bestimmte Gesten oder Bewegungen nicht, weil sie erwartet werden oder weil jemand anderes sie genauso gemacht hat, sondern nur dann, wenn ich sie wirklich spüre. Wenn ich merke: Jetzt habe ich Bock, jetzt muss das raus, dann passiert es. Und genau das ist für mich der Unterschied.
Nehmt ihr bei euren Konzerten wahr, dass auch Menschen im Publikum stehen, die über Stahlzeit erst zur Originalband gefunden haben, gerade auch aus jüngeren Generationen?
Ja, das erleben wir tatsächlich immer wieder. Es gibt Menschen, die vorher keinen Zugang zu Rammstein hatten, aber über unsere Shows neugierig geworden sind. Viele schreiben mir danach und sagen: „Ich war vorher kein Fan, aber nach eurem Konzert habe ich mich mit der Originalband beschäftigt und inzwischen alle Alben gehört.“
Oft ist es die visuelle und emotionale Wirkung, die diese Hemmschwelle abbaut. Gerade über eine Tribute-Show trauen sich manche erst heran und entdecken dann, was diese Musik eigentlich ausmacht.
Dass wir so gesehen ein Stück weit dazu beitragen können, macht uns natürlich stolz. Gleichzeitig ist uns immer bewusst: Ohne Rammstein gäbe es Stahlzeit nicht. Deshalb bedanke ich mich am Ende unserer Shows auch ganz bewusst bei ihnen. Ich weiß sehr genau, wem ich das alles zu verdanken habe.
Rammstein-Songs arbeiten oft mit sehr starken, teils provokanten Bildern. Wie geht ihr bei Stahlzeit damit um, diese Inhalte live zu interpretieren, ohne in bloße Provokation oder Kontroversen abzurutschen?
Für mich ist entscheidend, die Songs wirklich zu verstehen. Viele Rammstein-Texte sind deutlich komplexer, als sie auf den ersten Blick wirken. Wenn man sie nur oberflächlich spielt, landet man schnell bei reiner Provokation und das wollen wir vermeiden.
Ein gutes Beispiel dafür ist Heirate mich. Der Song wurde lange völlig falsch interpretiert, weil sich kaum jemand ernsthaft mit dem Text beschäftigt hat. Genau deshalb gehört für mich Recherche dazu, um den Liedern gerecht zu werden und sie respektvoll zu interpretieren.
Natürlich gibt es auch Titel, die ganz bewusst plakativ sind. Aber auch dann geht es uns nicht darum zu provozieren, sondern die Songs respektvoll zu interpretieren, als Huldigung an die Band, nicht als Karikatur.
Solch ein Song wäre beispielsweise Dicke Titten. Ihr habt ihn bereits live gespielt, noch bevor Rammstein ihn selbst auf die Bühne gebracht haben. Gab es Gründe, genau diesen Titel ins Programm zu nehmen?
Ich fand den Song einfach stark, eine gute Nummer mit einem sehr gelungenen Video. Für mich dachte ich, das sollte live funktionieren, also habe ich gesagt: Machen wir das.
Mich hat ehrlich gesagt überrascht, dass Rammstein den Song selbst nie live gespielt haben. Ich war bei mehreren Shows der letzten Tour und auch bei einer Probeshow dabei und er war nie im Set.
Aber das kennt man ja: Songs werden ausprobiert, und wenn man merkt, dass sie live nicht so funktionieren, verschwinden sie wieder. Das geht uns genauso wie jeder anderen Band.
Nach welchen Kriterien stellt ihr eure Setlist zusammen? Gibt es interne Diskussionen oder persönliche Favoriten und wie stark spielt dabei das Publikum eine Rolle?
Natürlich hat jedes Bandmitglied seine persönlichen Favoriten, ich selbst auch. Aber bei der Setlist geht es am Ende weniger um unseren eigenen Geschmack als um das Publikum.
Ich beobachte die Menschen sehr genau: den Altersdurchschnitt, die Stimmung, die Reaktionen. Viele im Publikum sind jünger oder kennen Rammstein eher über die großen Songs. Tiefere Albumtracks funktionieren live oft nicht, so sehr ich sie persönlich auch liebe.
Wir haben das ausprobiert. Songs, die musikalisch stark sind, aber weniger bekannt, interessieren live oft nur die Hardcore-Fans. Der Großteil will die bekannten Stücke hören. Also muss man diesen Spagat schaffen, zwischen Anspruch und Unterhaltung.
Rammstein können spielen, was sie wollen. Wir müssen dafür sorgen, dass möglichst alle abgeholt werden. Unser Anspruch ist es, den Menschen die bestmögliche Konzertatmosphäre zu bieten.
Ist genau das der Spagat bei eurer Setlist, einerseits die bekannten Songs zu spielen, ohne dabei in ein reines „Best of“ abzurutschen?
Genau das ist der Spagat. Wir wollen vermeiden, dass es nur ein reines Best-of wird, auch für uns selbst soll es spannend bleiben.
Deshalb bauen wir bewusst Momente ein, die dem Ganzen mehr Konzertcharakter geben. Kleine Brüche, besondere Szenen oder Elemente, die nicht nur auf Mitsingen ausgelegt sind.
Natürlich hängt manches auch von äußeren Faktoren ab, manche Showelemente lassen sich nicht immer sofort umsetzen. Aber genau diese Abwechslung ist wichtig, damit es lebendig bleibt.
Heißt das, dass sich ein Stahlzeit-Konzert auch in Zukunft immer wieder verändert und es sich lohnt, erneut vorbeizuschauen?
Ja, definitiv. Die Setlist verändert sich immer wieder, auch wenn bestimmte Songs einfach dazugehören. Die großen Hits bleiben, weil die Leute sie einfach hören wollen.
Ein gutes Beispiel ist Engel. Den würde ich mir privat wahrscheinlich nicht mehr anhören, aber live funktioniert er einfach unglaublich gut. Das Publikum trägt diesen Song, und genau deshalb gehört er für uns ins Set.
Diese Energie bekommst du nur im Konzert und genau darum geht es am Ende.
Solche visuellen Momente, wie der Augenblick an dem du dich an den Engelsflügeln im Hintergrund hochziehen lässt, wirken extrem stark. Wie bewusst plant ihr solche Bildinszenierungen, gerade auch im Unterschied zum Original?
Genau so war das auch gedacht. Uns ist wichtig, an solchen Stellen bewusst einen Unterschied zu machen. Rammstein haben den Moment mit den Flügeln anders inszeniert, und das haben wir früher auch so gemacht.
Mich reizt es aber viel mehr, solche Bilder aus dem Off entstehen zu lassen, wenn jemand plötzlich auftaucht. Da nehmen wir uns ganz bewusst die Freiheit, Dinge anders zu lösen.
Es gibt auch Songs wie Spring, bei denen die komplette Showidee von uns selbst stammt. Rammstein haben den Song ja nie live gespielt. Solche Momente wachsen dann ganz aus unserer eigenen Inszenierung heraus.
Heißt das, dass ihr bewusst mit bekannten Elementen spielt, sie aber immer so abwandelt, dass es nicht zur bloßen Kopie oder zum „Kasperle-Theater“ wird?
Ja, genau. Dieser Ansatz funktioniert für uns grundsätzlich sehr gut. Trotzdem greift man natürlich auch mal daneben, wir haben Songs ausprobiert, von denen wir dachten, sie kommen gut an, und gemerkt: funktioniert live einfach nicht.
Dazu kommt, dass das Publikum extrem unterschiedlich ist. In Deutschland geht ganz vieles sehr gut, aber im Ausland musst du ganz anders denken. In Ländern wie Tschechien oder Holland funktionieren oft nur die wirklich bekannten Songs, ältere oder speziellere Nummern kommen dort kaum an.
Das zwingt uns dazu, sehr flexibel zu bleiben und unsere Sets anzupassen. Genau dieser Prozess gehört für mich zu dem Spagat dazu: eigenständig bleiben, ohne am Publikum vorbeizuspielen.
Gerade im Ausland scheint es besonders wichtig zu sein, Songs zu spielen, die das Publikum wiedererkennt, selbst wenn die Texte nicht immer vollständig verstanden werden. Wie sehr beeinflussen kulturelle oder auch politische Kontexte eure Setlist-Entscheidungen?
Gerade im Ausland ist Wiedererkennbarkeit extrem wichtig. Viele kennen die Songs aus dem Radio und können sie mitsingen, auch wenn sie die Texte nicht im Detail verstehen. Das ist völlig okay, Hauptsache, es entsteht eine Verbindung.
Natürlich berücksichtigen wir auch den Kontext. Wenn wir nächstes Jahr in Paris spielen, gehört Frühling in Paris einfach dazu.
Gleichzeitig muss man bei manchen Songs sensibel sein. Es gibt Titel, die politisch oder kulturell unterschiedlich wahrgenommen werden. Deshalb schauen wir genau hin, was passt und setzen im Zweifel lieber auf die bekannten Stücke, mit denen wir alle abholen können.
Momente wie der Auftritt mit den Engelsflügeln bei Engel wirken extrem spektakulär und fast spontan. Wie viel davon ist tatsächlich exakt geplant und wie wichtig ist dabei die Balance zwischen maximaler Wirkung und absoluter Sicherheit?
Nichts davon ist zufällig. Jeder Effekt ist exakt geplant und hat seinen festen Moment. Wir müssen genau wissen, wo wir auf der Bühne stehen, wohin wir uns bewegen und wo welcher Effekt ausgelöst wird.
Sicherheit spielt dabei eine enorme Rolle. Es gibt klare Sicherheitsabstände, feste Abläufe und Timings. Nur weil alles so genau durchgeplant ist, kann es am Ende überhaupt so spektakulär wirken.
Das klingt nach enorm viel Planung und Erfahrung. Wie detailliert ist der Ablauf eurer Pyrotechnik organisiert und wie zentral ist dabei das Thema Sicherheit für euch?
Das ist vor allem Erfahrung über viele Jahre. Die Songs sind im Ablauf meist gleich, und wir wissen grundsätzlich, bei welchem Song welcher Effekt kommt. Bei größeren Shows verändern sich Positionen, mal laufen Effekte an Türmen hoch, mal über der Bühne, aber der Ablauf ist klar.
Vor jeder Show gibt es ein Briefing. Ich muss genau wissen, was passiert und womit ich arbeite. Gerade bei bestimmten Effekten ist das wichtig, weil sie einen enormen Rückstoß haben. Wenn ich weiß, was geladen ist und wo es zündet, kann ich mich darauf einstellen.
Natürlich kommt es trotz aller Planung immer wieder zu kleinen Verletzungen. Funkenregen oder heiße Rückstände können Verbrennungen verursachen, gerade wenn Luftzüge die Effekte unvorhersehbar verteilen. Das sind meist kleinere Verbrennungen, die dazugehören, aber genau da hört der Spaß dann auch auf.
Nimmt man solche kleineren Verletzungen im Moment überhaupt wahr oder merkt man unter Adrenalin erst später, dass etwas passiert ist?
Das kommt sehr auf den Effekt an. Beim Song Ohne dich zum Beispiel spürt man das sofort. Am Ende stehe ich unter diesem Ring, aus dem glühende Funken herabregnen, das ist echte Glut, die noch lange weiter glüht. Die brennt richtig und tut auch weh.
Andere Effekte sind eher Funkenregen, den nimmt man zwar wahr, aber deutlich weniger intensiv. Genau deshalb achten wir extrem auf unsere Kleidung.
Wir tragen ausschließlich Baumwolle und kein Polyester, sollten sich synthetische Stoffe entzünden, wird es richtig gefährlich. Baumwolle hält das aus.
Da wir gerade bei der bildlichen Wirkung der Show waren, welche Rolle spielt die fotografische Dokumentation eurer Shows für euch? Nehmt ihr Fotografen während des Konzerts bewusst wahr und entdeckt ihr euch auf Bildern manchmal selbst aus einer Perspektive, die ihr auf der Bühne so gar nicht erlebt habt?
Ja, das ist uns sehr wichtig. Gerade bei größeren Shows nehmen wir Fotografen natürlich wahr, vor allem, wenn sie nah an der Bühne stehen. Gleichzeitig haben wir seit einiger Zeit auch einen festen Fotografen dabei, weil wir gemerkt haben, wie wichtig diese Dokumentation ist.
Mir geht es dabei nicht nur um die Bühne, sondern auch darum, das Publikum und die Stimmung festzuhalten. Auf Fotos entdecke ich manchmal Momente oder Perspektiven, die ich selbst so gar nicht wahrgenommen habe und das finde ich großartig.
Natürlich schaue ich mir nicht jedes einzelne Bild an, aber den Querschnitt schon. Gute Fotos helfen der Band enorm weiter und halten Dinge fest, die auf der Bühne in dem Moment einfach vorbeirauschen.
Wenn man eure Show sieht, denkt man zuerst an Bühne, Licht und Pyrotechnik. Welcher Teil eurer Produktion ist aus deiner Sicht unverzichtbar, bleibt für das Publikum aber meist unsichtbar?
Ganz klar: das sind alle, die im Hintergrund arbeiten. Die Crew, die morgens um acht oder neun in die Halle geht und den ganzen Tag aufbaut. Was diese Leute leisten, ist unglaublich, dafür ziehe ich jedes Mal meinen Hut.
Licht, Bühne, Technik: Da steckt wahnsinnig viel Arbeit drin, die man später oft gar nicht bewusst wahrnimmt. Unsere Lichtleute programmieren stundenlang, teilweise bis tief in die Nacht. Wir haben aktuell neue Leute im Team, und die feilen immer noch an Details, weil ich immer wieder sage: Das passt noch nicht, das fühlt sich noch nicht richtig an. Die brauchen dafür nicht nur Können, sondern auch echte Nerven.
Und das gilt für alle im Hintergrund, Tourleitung, Produktionsleitung, die komplette Crew. Das Pensum, das sie abliefern, ist enorm. Dafür bin ich extrem dankbar.
Wenn ich zurückblicke, macht mich diese Entwicklung besonders demütig. Früher haben wir alles selbst gemacht: Bus gefahren, LKW gefahren, aufgebaut, abgebaut, Feueranlagen selbst gebaut. Wir sind mit dem Sprinter durch halb Europa gefahren, haben gespielt, nachts wieder heim und am nächsten Tag ging es weiter.
Heute ist das anders. Wir haben eigene Nightliner, sogar einen extra für die Crew. Mir war irgendwann klar: Die Leute müssen schlafen können, sie müssen sich auch mal zurückziehen können. Das ist kein Luxus, das ist Respekt. Es ist ein Geben und Nehmen und genau so verstehen wir das.
Dass wir Musiker heute auf die Bühne gehen können, während hinter uns alles reibungslos funktioniert, ist keine Selbstverständlichkeit. Das ist das Verdienst der Menschen, die man nicht sieht. Und ohne die wäre das alles hier schlicht nicht möglich.
Gibt es für dich, oder für euch als Band, vor der Show einen bewussten Moment, in dem ihr vom privaten Ich in das Bühnen-Ich wechselt? Oder ist das eher ein fließender Übergang?
Für mich beginnt dieser Übergang ziemlich genau eine Stunde vor der Show. Dann fange ich an, mich umzuziehen und zu schminken, ganz in Ruhe. Das ist für mich ein langsames Hineingleiten in die Show.
Kurz vor dem Auftritt haben wir ein festes Ritual: Wir stoßen gemeinsam an, Band und Crew. Mir war wichtig, dass wirklich alle dabei sind. Für mich sind wir eine Einheit. Keiner kann ohne den anderen. Die Crew braucht uns, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, und wir brauchen sie genauso. Das ist ein Geben und Nehmen.
Diese Wertschätzung ist mir sehr wichtig. Danach brauche ich noch ein paar Minuten ganz für mich, um in diese Rolle zu gehen. Wenn ich einmal auf der Bühne bin, will ich alles geben, dann darf eigentlich nichts mehr passieren. Wenn man mich aus diesem Flow reißt, ist es schwer, wieder reinzukommen. Aber genau diese Mischung aus Gemeinschaft und Rückzug ist es, die mir hilft, fokussiert auf die Bühne zu gehen.
Gehören kurz vor der Show auch feste Gesangs- oder Stimmübungen dazu, bevor es auf die Bühne geht?
Ja, das gehört inzwischen definitiv dazu. Früher habe ich das tatsächlich nicht gemacht, aber vor etwa fünf Jahren hatte ich einmal Probleme mit der Stimme. Seitdem wärme ich die Stimmbänder konsequent auf.
Ich arbeite dabei mit sogenannten Lax Vox-Übungen. Es geht nicht darum, große Höhen zu singen, sondern die Stimme locker und belastbar zu machen. Gerade wenn wir mehrere Tage hintereinander spielen, ist das enorm wichtig.
Ist die stimmliche Belastung während der Show gerade durch Länge und Pyrotechnik entsprechend hoch?
Ja, auf jeden Fall. Du singst über zwei Stunden, und dazu kommt der Rauch und der Staub der Pyrotechnik. Das darf man wirklich nicht unterschätzen, der legt sich auf die Stimme und macht alles sehr trocken.
Deshalb trinke ich extrem viel auf der Bühne. Man merkt das ja auch als Publikum: brennende Augen, trockener Hals oder dieser Geruch in der Luft. Auf der Bühne ist das noch einmal deutlich intensiver.
Ich muss dann regelmäßig den Schleim loswerden, damit die Stimme frei bleibt, und ständig nachfeuchten. Das ist anstrengend, aber notwendig, sonst hält man so eine Show auf Dauer nicht durch.
Man spürt als Publikum schon die Druckwellen und die Hitze der Effekte. Wie wirkt sich das auf euch oben auf der Bühne aus, gerade in Kombination mit dem Gesang?
Ja, das merkt man deutlich. Wenn alle Flammen hochgehen, nimmt das oben auf der Bühne tatsächlich Sauerstoff weg und in dem Moment leidet sogar der Sound ein bisschen.
Man erstickt nicht, aber man spürt es. Besonders bei bestimmten Effekten wie den Bengalos wird die Luft extrem scharf. Wenn dann noch die Lüftung in Richtung Bühne zieht, muss man wirklich aufpassen, wie man atmet, weil das Zeug in den Atemwegen richtig beißt.
Das gehört leider dazu. Aber ohne Pyrotechnik wäre die Show eben auch nur halb so eindrucksvoll. Natürlich kommt dazu, dass wir nicht überall alles umsetzen dürfen. Je nach Halle oder Stadt sind die Auflagen unterschiedlich, manchmal untersagt die Feuerwehr bestimmte Effekte komplett. Das nimmt der Show zwar Elemente, aber Sicherheit geht immer vor.
Gab es Songs zu denen du lange keinen richtigen Zugang hattest und bei denen sich dein Blick erst mit der Zeit verändert hat?
Ja, das gab es, sowohl bei einzelnen Songs als auch bei Rammstein insgesamt. Ein gutes Beispiel ist für mich der Song Ausländer. Über viele Jahre kam ich da überhaupt nicht ran. Der elektronische Charakter war einfach nicht mein Ding. Wir haben ihn trotzdem gespielt, weil er extrem erfolgreich war, und ehrlich gesagt, lange Zeit eher unter Protest.
Irgendwann ist der Song aus dem Set verschwunden, später kam er wieder rein. Und heute mag ich ihn tatsächlich. Das zeigt ganz gut, wie sich der Zugang zu Musik verändern kann.
Grundsätzlich ist es so: In jeder Band gibt es Songs, die einzelne Musiker nicht mögen. Das ist völlig normal. Aber man kann nicht jeden Geschmack berücksichtigen, sonst würde man am Ende mehr Songs streichen, als übrig bleiben. Und live funktioniert vieles ohnehin ganz anders, als man es vorher erwartet.
Das gilt auch für meine Beziehung zu Rammstein selbst. Ich war lange kein Fan. Ich komme aus einer ganz anderen musikalischen Ecke, melodischer Rock, Bands wie Toto oder Supertramp. Rammstein war für mich zunächst schwer greifbar. Dazu kam, dass mir früher oft gesagt wurde, ich würde wie Lindemann klingen und das wollte ich lange Zeit gar nicht hören.
Erst als ich mich wirklich intensiv mit Rammstein beschäftigt habe, mit den Texten, der Lyrik, den Live-Auftritten, habe ich verstanden, was diese Band ausmacht. Dieses Poetische, dieses Einzigartige. Da hat es mich dann erwischt. Ich habe verstanden, warum das funktioniert.
Lindemann ist kein klassischer Sänger im traditionellen Sinn, aber sein Charisma und sein Umgang mit Sprache sind außergewöhnlich. Das kann so niemand sonst. Und genau an diesem Punkt bin ich dann tatsächlich Rammstein-Fan geworden.
Gibt dir das Verständnis für die Inhalte und Hintergründe der Songs eine andere, vielleicht sogar intensivere Möglichkeit, sie auf der Bühne zu präsentieren?
Ja, absolut. Das ist für mich extrem wichtig. Für mich funktioniert das nur, wenn ich wirklich fühle, was ich da oben singe. Diese Songs müssen in mir etwas auslösen, sonst wäre es nur ein Runtersingen oder Runterspielen.
Ich versuche, die Texte wirklich in mich aufzunehmen und zu verstehen, was dahintersteckt. Nur dann kann ich sie glaubwürdig transportieren. Andernfalls würde ich vielleicht ähnlich klingen, aber es hätte keine Tiefe.
Ein gutes Beispiel ist für mich der Song Lügen. Ich finde den Text großartig, musikalisch ist das ein fantastischer Song. Ich habe ihn geliebt, das Publikum leider nicht. Das gehört dann eben auch dazu.
Es gibt aber auch Titel, bei denen man bis heute nicht genau weiß, worum es eigentlich geht, etwa Bückstabü. Und trotzdem funktioniert es, weil es eine Stimmung transportiert. Aber selbst da ist es mir wichtig, mich ernsthaft mit dem auseinanderzusetzen, was ich da singe.
Rammstein lassen bewusst viel Raum für Interpretation, etwa indem sie keine Erklärungen abgeben oder auf Youtube Kommentare deaktivieren. Ist genau diese Offenheit ein wichtiger Teil dessen, was ihre Texte für dich so stark macht?
Ja, das finde ich großartig. Ich mag es sehr, dass sie nicht alles erklären. Wenn man ein bisschen versteht, wie Lindemann tickt, merkt man, wie viel Tiefe in diesen Texten steckt.
Gerade bei Rammstein ist das unglaublich poetisch und lyrisch. Dinge werden umschrieben, nicht platt erklärt. Das ist etwas völlig anderes als Musik, bei der dir alles direkt vorgekaut wird.
Ein gutes Beispiel ist Deutschland. Da haben alle gerätselt, und genau das macht es so stark. Wie diese Themen verpackt sind, ohne sie klar auszusprechen, das ist sensationell.
Dieser Raum für Interpretation ist für mich ein ganz wesentlicher Teil der Faszination. Genau das liebe ich an diesen Texten.
Hat dich die lange Zeit mit Stahlzeit als Musiker verändert und lässt sich das klar von deinem eigenen Projekt Maerzfeld trennen, oder gab es Phasen, in denen das ineinander überging?
Früher ist das tatsächlich mehr ineinander übergegangen. Gerade am Anfang wurde oft gesagt: Das klingt wie Rammstein. Aber das war nie unser Anspruch und ist es heute erst recht nicht mehr.
Bei Maerzfeld singe ich inzwischen ganz anders, deutlich weniger tief. Das war auf dem ersten Album noch anders, aber spätestens beim zweiten war klar: Das soll nicht in Richtung Rammstein gehen. Ich glaube auch, dass man Rammstein nicht kopieren kann. Niemand klingt wie Rammstein und alle, die das versuchen, scheitern früher oder später. Das ist etwas Eigenes, das sich nicht reproduzieren lässt. Und ehrlich gesagt: Die Welt braucht kein zweites Rammstein. Es ist viel wichtiger, seine eigene Stimme zu finden.
Brauchst du neben Stahlzeit bewusst ein kreatives Outlet, in dem du ganz bei dir selbst sein kannst ohne Erwartungen von außen?
Ja, absolut. Irgendwann habe ich für mich gemerkt, dass ich Dinge auch anders machen möchte. Unser Produzent für unser Projekt MAERZFELD hat damals gesagt: Du kannst doch singen, dann sing doch einfach anders. Und genau das haben wir ausprobiert.
Maerzfeld ist aktuell etwas ruhiger geworden, einfach weil meine Mitmusiker gerade andere wichtige Schwerpunkte im Leben haben, wie Familie, Beruf oder Alltag. Das ist völlig in Ordnung und dafür habe ich großes Verständnis. Mir ist wichtig, niemanden unter Druck zu setzen oder Erwartungen aufzubauen, die im Moment nicht passen.
Ich selbst arbeite aber weiterhin an eigenem Material, ganz ohne Zeitdruck. Ob daraus irgendwann wieder ein gemeinsames Projekt oder etwas Solomäßiges entsteht, wird sich zeigen. Es wird auf jeden Fall etwas kommen.
Gibt es schon einen groben Zeitpunkt, wann man mit deinem eigenen Material rechnen kann?
Ich denke, nächstes Jahr (2026, Anm. d. Red.) werde ich es angehen, spätestens. Ich weiß noch gar nicht genau, was es am Ende wird. Wahrscheinlich werde ich das Material zunächst einfach bei unseren Shows anbieten, ganz unkompliziert. Wer es hören möchte, kann es sich holen.
Für mich geht es dabei weniger um Veröffentlichung oder Reichweite. Ich habe Texte im Kopf, Themen, die raus müssen. Bevor ich so etwas irgendwo ungefiltert teile, möchte ich es lieber musikalisch verarbeiten. Das hilft mir, den Kopf frei zu bekommen.
Wenn du heute noch einmal auf die Anfänge von Stahlzeit zurückblickst: Gibt es etwas, das du deinem Ich von 2005 mit auf den Weg geben würdest, einen Rat, den du damals gebraucht hättest?
Wenn ich ehrlich bin, würde ich mir selbst gar keinen konkreten Rat geben. Vielleicht war alles genau richtig so, wie es gelaufen ist.
Wenn überhaupt, dann würde ich sagen: Such dir die richtigen Menschen. Es gibt viele Blender da draußen, und man merkt oft zu spät, mit wem man sich umgibt. Das ist etwas, worauf man wirklich achten muss.
Gleichzeitig darf man bei all dem Ehrgeiz nicht vergessen, wo man herkommt. Man lässt auf diesem Weg viel zurück, auch Freunde. Das passiert schneller, als man denkt, wenn man versucht, etwas zu erreichen.
Natürlich könnte man sagen, man hätte früher alles auf eine Karte setzen sollen. Aber dieses „Vielleicht“ begleitet einen immer. Vielleicht wäre dann alles anders gekommen, oder auch nicht. Das weiß man nie.
Was ich aber jedem mitgeben würde, der Musik machen will: Bleib dir selbst treu. Sei ehrlich. Gekünsteltes fällt irgendwann jedem auf, selbst dem Letzten im Publikum.
Wenn du du selbst bleibst und dich mit den richtigen Leuten umgibst, dann bist du auf einem guten Weg. Das ist eigentlich der wichtigste Rat, den ich geben kann.
Wenn du einen Blick in die Zukunft wagst: Wo siehst du dich und Stahlzeit in zehn Jahren und was muss passieren, damit es für dich selbst und das Publikum spannend bleibt?
Du weißt ja, wie alt ich bin, zehn Jahre sind da schon sehr optimistisch gedacht. (lacht)
Aber im Ernst: Ich fühle mich körperlich noch fit und habe nach wie vor große Lust, auf der Bühne zu stehen. Wenn die Leute mich mit 70 noch sehen wollen, dann mache ich das natürlich. Und wenn nicht, dann ist das auch okay. Wichtig ist, dass es sich sinnvoll anfühlt.
Was wir auf jeden Fall vorhaben, ist, mehr im Ausland zu machen. Wir fangen jetzt mit Paris an und schauen, wie das funktioniert. Ob und wie weit das geht, wissen wir selbst noch nicht aber wir wollen uns breiter aufstellen und neue Wege ausprobieren.
Was mir dabei Hoffnung gibt, ist, dass immer wieder neue und auch sehr junge Fans dazukommen. Das zeigt mir, dass das, was wir tun, noch eine Relevanz hat.
Und dann gibt es diese besonderen Orte. Berlin ist so einer. Das war für mich früher ein absoluter Angstgegner. Als wir vor 14 Jahren das erste Mal in der Columbiahalle gespielt haben, hatte ich wirklich Schiss. Berlin, das Headquarter von Rammstein, und wir als Band vom Land. Ich dachte ernsthaft: Wer will uns da sehen?
Berlin scheint für euch eine ganz besondere Rolle zu spielen. Was macht diese Stadt für dich persönlich so speziell?
Wir merken das tatsächlich schon am Kartenverkauf für unseren Auftritt im Januar 2027, die Berliner sind hungrig nach mehr, das freut uns wahnsinnig. Vielleicht kriegen wir das Ding ja irgendwann sogar mal komplett ausverkauft. Dann muss ich wohl wieder mit dem rosa Tütü auf die Bühne.
Das habe ich mir damals selbst eingebrockt. In der Columbiahalle habe ich irgendwann gesagt: Wenn wir hier jemals ausverkauft sind, komme ich mit rosa Tütü raus. Und ein Jahr später war es tatsächlich so. Ein Mann, ein Wort.
Aber Spaß beiseite: Berlin ist für mich wirklich etwas ganz Besonderes. Das sage ich nicht, weil es gut klingt. Das war früher meine größte Angst. Berlin galt für mich immer als das Headquarter von Rammstein, und wir hatten echt Respekt davor.
Als wir unseren ersten Auftritt hatten, war das ein extrem komisches Gefühl. Ich hatte wirklich Schiss. Und dann wurden wir so herzlich empfangen. Diese Angst ist komplett abgefallen und dieses Gefühl habe ich bis heute nicht vergessen.
Deshalb freue ich mich jetzt schon unglaublich auf das nächste Mal. Berlin gehört zu diesen wenigen Shows im Jahr, auf die man sich ganz besonders freut.
Gibt es eigentlich Fragen, bei denen du dir manchmal denkst: Die stellt mir wirklich jeder oder umgekehrt etwas, das erstaunlich selten gefragt wird?
Ich glaube, es gibt kaum Fragen, die mir noch nie gestellt wurden. Es gibt eher viele, die ich schon unzählige Male beantwortet habe. Ganz vorne dabei ist natürlich: Wie kommt man dazu, Rammstein zu machen? Oder auch die klassische Frage: Kennt ihr die Jungs persönlich?
Die Neugier ist völlig verständlich, aber die Antwort ist im Kern immer dieselbe: Nein, wir kennen die Bandmitglieder nicht persönlich. Wir arbeiten mit dem Management von Rammstein zusammen, alles ist offiziell geklärt und transparent.
Natürlich sind die Mitglieder von Rammstein jederzeit herzlich eingeladen, sich eine unserer Shows anzuschauen und um sich mal kennenzulernen. Gleichzeitig sind wir sehr dankbar für die professionelle und respektvolle Zusammenarbeit, wie sie aktuell besteht und das ist für uns eine sehr gute Basis.
Wenn du irgendwann das letzte Mal von der Bühne gehst: Was würdest du dir wünschen, dass das Publikum von dir mit nach Hause nimmt, ganz unabhängig von der Musik?
Ich wünsche mir, dass die Menschen sich einfach positiv an mich erinnern. Dass sie sagen: Da war einer, der hat ehrliche Musik gemacht und war dabei irgendwie menschlich.
Mir ist wichtig, nicht so von der Bühne zu gehen, dass man denkt: Jetzt wird es aber Zeit. Ich hoffe eher, dass ein kleines weinendes Auge dabei ist, beim Publikum genauso wie bei mir.
Es gibt Künstler, die machen zu lange weiter, und irgendwann kippt die Erinnerung. Das möchte ich unbedingt vermeiden. Lieber soll man sagen: Schade, dass es vorbei ist, und nicht: Gott sei Dank.
Den richtigen Moment zu erkennen, ist unglaublich schwer. Das ist wie bei Menschen, die ihren Führerschein nicht abgeben wollen, obwohl es eigentlich Zeit wäre. Ich hoffe, dass ich diesen Punkt erkenne.
Wenn die Leute irgendwann sagen können: Das waren viele gute Jahre, das war ehrlich und es war gut, dann wäre ich sehr zufrieden.
Nach gut einer Stunde endet das Gespräch so, wie es begonnen hat: offen, herzlich und ohne große Inszenierung. Heli nimmt sich Zeit, spricht über Begegnungen genauso wie über Bühnenmomente und macht deutlich, dass es ihm bei all dem Erfolg vor allem um echte Verbindungen geht. Man verabschiedet sich mit einem ehrlichen Dank auf beiden Seiten und dem festen Vorsatz, beim nächsten Berlin-Termin wieder dabei zu sein. Ein Interview, das weniger mit großen Worten endet, sondern mit dem Gefühl, einen Menschen kennengelernt zu haben.
Haben wir euch neugierig gemacht und ihr wollt Stahlzeit selbst erleben? Hier findet ihr die neuesten Tourdaten. Und wenn ihr das besondere Flair in Berlin miterleben wollt, habt ihr am 08.01.2027 dazu Gelegenheit!
Mehr von Stahlzeit bei Dark-Art findet ihr hier:
- Im Gespräch mit Heli Reißenweber – Teil 3
- Im Gespräch mit Heli Reißenweber – Teil 2
- Im Gespräch mit Heli Reißenweber – Teil 1
- Konzertbericht: Stahlzeit – 20 Jahre Jubiläumstour – Berlin Tempodrom
- Ankündigung: Stahlzeit – Jubliäumstour 20 Jahre Plus
- Stahlzeit Schutt und Asche Tour 2022 – Berlin
- Stahlzeit – 24.07.2021 – Strandkorb Open Air Rosenheim
- Amphi Festival 2012
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