Interview mit dem Künstler Toby Bohne

Interview Toby Bohne

Ich weiß nicht mehr ganz genau, wo ich Kunst von Toby das erste mal gesehen hab. War es die Ausstellung „Kuriosa“ bei „Jesus Chris“ (einer kleinen beliebten Kunstgalerie in Essen) oder in den sozialen Medien? Vielleicht war es auch etwa zeitgleich. Seine beeindruckenden und fesselnden Ölportraits – meist auf dunklem Untergrund – sind mir sofort aufgefallen.

Hi Toby, Du hast ja „freie Kunst“ an der Ruhrakademie studiert. Vielleicht zunächst die Frage, wann hast du Dein Talent bemerkt und was bedeutet für Dich die Kunst?

So richtig bewusst wurde mir das Malen erst relativ spät. Ich habe schon früh gezeichnet und gemalt, aber eher intuitiv, ohne großes Ziel. Während des Studiums hat sich dann etwas verschoben: Kunst wurde für mich weniger Ausdruck von Können, sondern eher ein Mittel, innere Zustände sichtbar zu machen. Heute bedeutet Kunst für mich vor allem Konzentration, Verlangsamung und ein sehr ehrlicher Umgang mit mir selbst. Malen ist kein Ausgleich, sondern eher eine Form von Auseinandersetzung.

Toby Bohne

Du malst häufig Portraits. Auch vorrangig männliche Körper. Wie kommst Du auf Deine Motivauswahl? Ich denke da beispielsweise an den traurigen „Clown“. Ist es eventuell auch eine Art Selbstreflexion?

Ja, definitiv. Die Figuren sind keine Selbstportraits im klassischen Sinn, aber sie tragen sehr viel von mir in sich. Mich interessieren Gesichter und Körper als Projektionsflächen für innere Zustände – Unsicherheit, Verletzlichkeit, Scham oder Müdigkeit. Der „Clown“ ist dafür ein gutes Beispiel. Die männlichen Körper sind mir wahrscheinlich deshalb näher, weil ich dort intuitiver arbeite und weniger Distanz habe.

Es sind oft ernste, nachdenkliche Menschen, die Du portraitierst. Oft hat man auch das Gefühl, als schauten sie einem direkt in die Augen. Würdest Du Dich selbst auch als Melancholiker beschreiben?

Ja, das passt ganz gut. Ich bin kein dauerhaft trauriger Mensch, aber sehr empfänglich für Stimmungen und Zwischentöne. Die direkte Blickführung entsteht meist unbewusst. Vielleicht, weil ich selbst dem Blick nicht ausweiche, wenn ich male. Melancholie ist für mich nichts Negatives – eher ein Zustand von Aufmerksamkeit und Tiefe.

Malst Du von Fotovorlagen? Wie ist Dein Schaffensprozess?

Ich arbeite meist mit Fotovorlagen, oft selbst erstellt oder stark verändert. Die Vorlage ist aber nur ein Ausgangspunkt. Während des Malens entferne ich mich zunehmend davon. Der Prozess ist langsam, manchmal auch zäh. Ich übermale viel, lasse Dinge stehen und komme Tage später zurück. Entscheidend ist der Moment, in dem das Bild beginnt, eine eigene Präsenz zu entwickeln.

Manche empfinden Deine Arbeiten als düster oder schwer. Was möchtest Du mit Verzerrungen oder Dopplungen ausdrücken?

Mich interessiert das Unfertige und das Instabile. Verzerrungen oder Dopplungen stehen für innere Spannungen, für Gedanken, die sich überlagern oder nicht zur Ruhe kommen. Ich versuche nicht, Harmonie herzustellen, sondern etwas Wahrhaftiges. Das Dunkle ist dabei kein Ziel, sondern eher eine Konsequenz.

Toby Bohne

Wie reagieren Rezipienten auf Deine intensiven Gemälde? Welche Erfahrungen hast Du gemacht?

Sehr unterschiedlich. Manche fühlen sich direkt angesprochen oder berührt, andere eher abgestoßen. Beides ist für mich in Ordnung. Die Bilder lassen wenig Raum für Gleichgültigkeit – und das ist mir wichtig. Besonders berührend finde ich Gespräche, in denen Menschen eigene Erfahrungen in den Arbeiten wiederfinden.

Du hast unter dem Titel „IKONEN.MORATORIUM“ Arbeiten mit Bezug auf Andy Warhol gezeigt. Ist er ein Vorbild?

Warhol war für mich lange ein wichtiger Referenzpunkt, vor allem im Hinblick auf Ikonen, Wiederholung und Oberfläche. „IKONEN.MORATORIUM“ war der Versuch, diese überhöhten Figuren wieder zu entleeren, sie stillzustellen. Heute ist der Einfluss indirekter und eher historisch.

Deine Werke berühren die Betrachter auf die eine oder andere Art und Weise. Du fängst wunderbar Emotionen ein. Gibt es diesbezüglich künstlerische Vorbilder?

Mich interessieren Künstler, die mit Reduktion und psychologischer Tiefe arbeiten. Wichtiger als Stil ist mir die Haltung: das Ernstnehmen des eigenen Themas.

Du vergibst selten Titel für Deine Werke. Warum?

Titel können sehr schnell etwas festlegen oder erklären, was offen bleiben sollte. Wenn ich Titel vergebe, dann eher wie einen leisen Hinweis, nicht wie eine Überschrift. Oft reicht ein einzelnes Wort.

Gibt es ein Thema, das Dich aktuell bewegt?

Mich beschäftigen momentan Erschöpfung, Schutzmechanismen und das Verhältnis von Körper und innerem Zustand. Wie viel kann man zeigen, ohne sich zu verlieren? Und wie viel Verbergen ist nötig, um bestehen zu können?

Kann man Deine Werke auf Ausstellungen sehen? Ist irgendwas in Planung?

Ja, meine Arbeiten sind regelmäßig in Ausstellungen zu sehen. Für 2026 ist unter anderem meine Teilnahme an der Revierkunst in Hattingen geplant. Darüber hinaus entstehen aktuell neue Arbeiten und Projekte, aus denen sich weitere Ausstellungsmöglichkeiten entwickeln werden.

Lieben Dank, Toby!

 

Links: 

https://www.instagram.com/toby_bohne_kunst/

 

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