Adventskalender: Warum ich „Female Fronted“-Konzerte meide

Es gibt Konzertabende, auf die ich mich freue – und solche, bei denen ich vorher schon weiß, dass ich mit zusammengebissenen Zähnen im Fotograben oder im Publikum stehen werde. Nicht wegen der Musik. Nicht wegen der Bands. Sondern wegen des Publikums. Genauer gesagt: wegen eines bestimmten Teils des Publikums, der sich bei sogenannten „female fronted“ Konzerten regelmäßig in erschreckender Dichte versammelt. Und hier möchte ich nicht den einen Typ Fan herauspicken, denn diese Fans kommen in allen Formen und Farben daher. Und sind in meinen Augen ein gewisses Problem. Doch worum geht es hier genau? 

Das kann man relativ einfach und knackig zusammenfassen: Die Row Zero der Symphonic und Melodic Metal Szene, Männer ab einem gewissen Alter, die eigentlich nur Konzerte mit Sängerinnen besuchen und sich auch nur für diese interessieren. Wenn dies die absolute Ausnahme wäre, würde ich daraus niemals ein Thema machen, denn wer bin ich denn jemanden für seine Vorliebe, seinen Geschmack zu verurteilen? Warum sollte ich mich über zahlende Besucher von Konzerten beschweren, wo es doch der gesamten Konzert-Szene gar nicht so gut geht? Weil es mir so langsam wirklich unangenehm auffällt und ich bin damit nicht alleine, denn ich werde darauf angesprochen, als Crew, als Fotografin, als Besucherin. Daher möchte ich euch in diesem Artikel von meinen Erlebnissen, meinen Empfindungen dazu und Beobachtungen sprechen, die sich um dieses Thema drehen. 

Doch fangen wir mal ganz geordnet an, was waren die Erlebnisse, die mich dazu bewegt haben, darüber zu schreiben?

Thundermother Abstandskonzerte.

Abstandskonzert, Pandemieauflagen, Tische statt Moshpit. Ich bahne mir den Weg durch die Reihen, Kamera im Anschlag. Links von mir: fünf Männer, deutlich jenseits der 50, die sich gegenseitig entgegen grölen, was sie mit den „Mädeln da vorne auf der Bühne“ alles anstellen würden. Detailreich. Respektlos. Und laut genug, dass ich es trotz Musik und Maske mitbekomme. Unangenehm.
Aufgrund des zeitlichen Abstands zu heute kann ich die gesagten Dinge nicht mehr genau wiedergeben, noch möchte ich das, doch das Gefühl dazu sehr wohl: Ekel. Im ersten Moment habe ich dies als Fantasien von deprimierten Mit-50ern abgetan, doch nach ein paar weiteren Runden war mir klar: Ja, diese Musik scheint doch einige Creeps anzuziehen und ich fühlte mich sehr eklig unter ihnen.

Ein anderer Abend, ein kleiner Club.

Die erste Reihe ist fest in männlicher Hand. So weit, so unbedenklich, eigentlich. Allerdings standen diese Herren da nicht, weil sie textsicher mitsingen oder die Band feiern wollen – sondern weil sie ihre Handys und mitgebrachten Kameras zücken, um den Sängerinnen in den Ausschnitt zu filmen oder fast nur sie zu fotografieren. Nach dem Konzert wurden die Sängerinnen für Fotos belagert, die Musiker selbst oft nicht einmal nach einem Autogramm gefragt, wenn sie überhaupt beachtet werden. Das alles ist erstmal unangenehm, aber nicht wirklich schlimm, wenn nicht, einige schon einige Zeit vor dem Konzert da waren, um die Mädels abzufangen, für Fotos und persönliche Momente. Nach dem Konzert wurden die gleichen Leute mehrfach deutlich aus der Halle gebeten, da sie absolut nicht genug bekommen konnten und irgendwann muss auch mal Feierabend sein.  

Neben diesen deutlichen Erlebnissen sammeln sich weitere kleine Beobachtungen auf diversen Konzerten, über viele Jahre hinweg sowie Unterhaltungen mit Freundinnen, die insbesondere anmerkten, wie kritisch sie gewisse Verhaltensweisen, wie die, die ich weiter oben beschrieben habe, sehen.

Female Empowerment, was es bedeutet und wie es benutzt wird. 

Als Fotografin und Redakteurin treffe ich einige Kollegen und auch wenn jeder einen gewissen individuellen Fokus legt, finde ich diejenigen ganz spannend, die sich auf Bands mit Frauen spezialisiert oder gar fokussiert haben. Teilweise geht dieser Fokus so weit, dass die männlichen Bandmitglieder nicht mit abgebildet werden und Bands, die keine Frauen haben, auch nicht erwähnt werden. Neben der, in meinen Augen, mangelhaften journalistischen Arbeit schwingt da immer ein gewisser Begriff mit: Female Empowerment. Doch ich glaube, da müssen wir genauer hinsehen. 

Female Empowerment bezeichnet die Stärkung und Befähigung von Frauen, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten und gleichberechtigt an allen gesellschaftlichen Bereichen teilzuhaben. In der generellen Auslegung des Begriffs geht es darum, Frauen Zugang zu Ressourcen, Bildung, beruflichen Chancen und Entscheidungsfreiheit zu verschaffen und bestehende Barrieren abzubauen, die durch patriarchale Strukturen oder Diskriminierung entstanden sind. Der Begriff umfasst sowohl die individuelle Ebene – also das persönliche Selbstbewusstsein, die Fähigkeit, eigene Entscheidungen zu treffen und für sich einzustehen – als auch die gesellschaftliche Ebene, auf der es um gleiche Rechte, Sichtbarkeit und Teilhabe geht.

Im Kern bedeutet Female Empowerment also, Frauen nicht auf bestimmte Rollen zu reduzieren, sondern ihnen die gleichen Möglichkeiten wie Männern einzuräumen und ihre Stimmen, Talente und Perspektiven ernst zu nehmen. Problematisch wird der Begriff, wenn er als Schlagwort oder Marketing-Label missbraucht wird: etwa wenn „Female Empowerment“ nur dazu dient, Frauen hervorzuheben, weil sie Frauen sind, und nicht wegen ihrer künstlerischen oder fachlichen Leistung. In solchen Fällen kippt die Idee ins Gegenteil und wird zu einer Form von „positivem Sexismus“ – einer scheinbar wohlwollenden, aber letztlich reduzierenden Haltung, die Frauen nicht wirklich stärkt, sondern sie auf ihr Geschlecht festschreibt. Und das passiert hier. 

Und da kommen wir an einen Punkt, den man kritisch betrachtet und hinterfragt werden sollte. Nicht nur von den Konsumenten, sondern auch von Veranstaltern und Bands, die dies gewähren lassen. 

Ein Genre-Problem?

Wenn ich über dieses Phänomen nachdenke, fällt mir auf, dass ich es fast ausschließlich aus den „zugänglichen“ Genres kenne. Je poppiger und massentauglicher die Musik ist, desto mehr Publikums-Gaffer sind unterwegs, desto mehr wird das Konzert zur Fleischbeschau. Interessanterweise spielt dabei auch die Bekanntheit der Band eine Rolle: Bei sehr großen Namen gibt es natürlich viele Besucher, die auch vor allem für die Frontfrau da sind, doch ab einer gewissen Größe geht das im Gesamtbild im Publikum unter, da die meisten einfach wegen der Musik da sind. Das eigentliche Problem zeigt sich eher bei kleineren, unbekannteren Bands. Dort fällt es besonders auf, wenn der Fokus fast ausschließlich auf die Sängerin gelegt wird, und genau das wirkt und ist unangenehm, wie ich bereits von einigen Sängerinnen und anderen Musikerinnen erfahren durfte.

Ganz anders ist es in den Nischen-Genres wie Black Metal oder Death Metal, also in allem, was härter und kompromissloser ist. Dort kommen die Leute in erster Linie wegen der Musik. Ob eine Sängerin oder ein Sänger auf der Bühne steht, spielt keine Rolle – entscheidend ist die Intensität des Sounds, nicht das Geschlecht der Person, die ihn trägt. Und auch da stehen objektiv gesehen wirklich schöne Frauen auf der Bühne. 

Ein Schlusswort

Ich glaube, ich habe mit dem Thema meinem Unmut ein wenig Luft gemacht und wahrscheinlich den einen oder anderen Strauch in Brand gesteckt. Denn, so sehr ich mich über jeden Besucher bei Konzerten freue, habe ich irgendwann einfach kapituliert und meide, wie einige andere Frauen auch, Konzerte mit Sängerinnen. Insbesondere diese, die als solche beworben werden. Ich meide sie, weil ich es leid bin, mich zwischen sabbernden Smartphone-Zombies und lauten Altherrenfantasien hindurchschlängeln. Ich meide die Besucher, nicht die Bands, denn über die freue ich mich im Rahmen eines gemischten Festivals, mit einem gemischten Publikum sehr. 
Ich habe keine Lösung, die ich anbieten kann, ich habe keine Idee, wie man mein Problem, wenn es eines ist, lösen lässt. Ich weiß nicht, ob ich einfach überreagiere, oder ob ich einfach zu verkopft bin. Ich weiß nur, dass ich nicht alleine bin. In den nächsten Tagen gibt es einen Folgebeitrag von einer befreundeten Musikerin, die von ihren Erlebnissen berichten wird. Ich freue mich auf euer Feedback, eure Erlebnisse und Ideen. 

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Bei der Aktion Adventskalender geht es dieses Jahr drum, einige Themen zu besprechen und zu diskutieren. Dinge, die bei Reviews, Konzertberichten und anderen Artikeln gerne untergehen. Persönliche Meinungen, Beobachtungen, Erlebnisse. Und auch ihr seid gefragt, antwortet gerne auf diese Themen, wir sind gespannt. 

Türchen zuvor
Türchen darauf

Über Roksi 616 Artikel
Roksana Helscher, Fotografin und Redakteurin. Seit 2016 bei Dark-Art dabei, ein Teil der Chefredaktion und das Mädchen für alles. Seit meinen ersten Konzertfotografie-Gehversuchen in 2011 bis heute unterwegs und versuche das Geschehen auf großen und kleinen Bühnen zu dokumentieren.

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