Adventskalender: Dark Art – gruseliger Horror oder ästhetische Kunst? Part II

Hier gehts weiter mit Part 2, wer Part 1 nicht gelesen hat, sollte es zuerst tun.

Nun nach einer relativ langen Einführung – man merkt, ich bin selbst Künstler, mir liegt die Thematik sehr am Herzen – zum Bereich Dark Art. Ich persönlich mag eigentlich keine Schubladen. Als Künstler muss man sich leider oft auf eine Richtung, einen Stil „festlegen“, um Akzeptanz der Galerien beispielsweise zu bekommen. Das finde ich sehr schade. Man probiert als kreativer Mensch gern verschiedene Medien aus. Es gibt auch Künstler, die nur eine „dunkle Phase“ in ihrer Schaffensperiode haben. Daraus schlussfolgernd handelt es sich bei Dark Art zunächst um einen Sammelbegriff aller Kunstformen mit einem düsteren, dunklen, verstörenden, beunruhigenden, makabren oder unheimlichen oder gruseligen Grundgestus. Da es keinen einheitlichen „Kunstbegriff“ gibt, ist es schwierig „dunkle Kunst“ zu definieren. Es ist, wie in der Welt der Musik auch, oft eine Frage der Emotionen, des Wesens und Temperamentes. Daher gibt es auch Künstler, die ausschließlich „dunkle Kunst“ schaffen. Ich möchte allerdings dafür später einen anderen Begriff ins Spiel bringen.

Dunkle Künste im Mittelalter

Unter „Dunkler Kunst“ verstand man im Mittelalter etwas anderes. Aberglaube war weit verbreitet. Magische, übernatürliche und okkulte Praktiken, die wider des christlichen Glaubens standen, wie etwa Wahrsagerei, Alchemie, Hexerei oder Schwarze Magie, gehörten zu den „Dunklen Künsten“. Ich möchte nicht tiefer in die Materie eindringen, da dies nur eine Kolumne wird, aber es war natürlich ein sehr sehr „dunkles“ Kapitel unserer Geschichte, wenn man an Hexenverbrennung und Verfolgung Andersdenkender in der frühen Neuzeit (um ca. das 15.-18. Jahrhundert) zurückblickt. Die Kirche soll hier aber nicht das Thema werden. Auf den Glauben oder Spiritualität möchte ich aber schon etwas eingehen. Seit Äonen bis heute sind Menschen von Mystik und Magie fasziniert. Auch die Frage nach dem Sinn des Lebens und des Todes spielte immer wieder eine Rolle.

Dark Art als moderne Kunstbewegung

Wir meinen, die Dark Art-Kunstbewegung – die viele durch Tattoos kennen – ist relativ neu, aber weit gefehlt. Die Dark Art wurde allerdings damals anders bezeichnet. Ich war im vergangenen Jahr in der beeindruckenden Ausstellung „Tod und Teufel – Faszination des Horrors“ in Düsseldorf. Diese hat einen super Einblick in dieses Thema gegeben – von Horrorfilmen, über Kleidung der „Goth-Szene“, Haute-Couture oder Metalcover-Illus bis hin zu makabren oder dystopischen (Kunst-)Objekten. Es waren außerdem Gemälde, Zeichnung, Stiche oder Radierungen der Kunst des Mittelalters, der Renaissance, der Romantik bis heute ausgestellt.

Künstler der „dunklen Kunst“ verwenden oft eine reiche Symbolik. Offensichtliche Symbole dieses Genres sind unter anderem Schädel oder Kreuze. Diese sind allerdings auch schon zum Teil der Popkultur geworden. Man sieht sie beispielsweise mit Strass besetzt auf pinkfarbenen Shirts. Der Schädel wird in diesem Fall nicht mehr unmittelbar mit dem Tod in Verbindung gebracht. Bei Dark Art geht es aber häufig genau darum, um Tod, Furchterregendes, Makabres, Bizarres, Morbides oder Übernatürliches, in Form von Monstern, Vampiren, Geistern, Friedhöfen und ähnlichem oder auch um surreale, schauerliche und fantastische Momente. So weit, so oberflächlich.

Tiefer betrachtet, nehmen wir beispielsweise einmal die Memento Mori-Werke, auch bekannt unter dem Namen „Todeskunst“. Wie der Name schon sagt, geht es hierbei um die Unvermeidlichkeit des Todes und die damit verbundene Vergänglichkeit alles Irdischen. Memento Mori ist lateinisch für „Erinnere dich an deine Sterblichkeit“. Dieses Konzept stammt aus der antiken stoischen Philosophie – eine vernunftsorientierte Lehre. An mittelalterlicher Architektur, besonders an Grabdenkmälern zeichnet sich dieser Gedanke ab. Der Tod wird zum Bestandteil des Lebens. In Vanitasstillleben des Barock (zum Teil auch späten Renaissance) wurde die Vergänglichkeit oft durch verschiedene Dinge symbolisiert, wie beispielsweise Totenschädel, abgebrannte Kerzen, verdorbene Früchte, Sanduhren, verwelkte Blumen oder den Schlüsseln zur Himmelspforte. Auch in der Literatur gab es das Vanitas-Motiv. Memento Mori ist eine Art Selbstreflexion, die den Blick auf die wichtigen und positiven Dinge des Lebens lenken soll, um es sinnvoll zu gestalten. Was die Prioritäten oder die Sinnhaftigkeit betreffen, so sind diese natürlich individuell.
Der Schädel hat nichts Unheimliches an sich, er wird so zu etwas Natürlichem – was er ja auch ist. Der Tod hat nichts Abscheuliches, er ist „nur“ das Ende des Lebens. Angst machen nur das WIE und das WAS.
Auch in anderen Kulturen gehört der Tod zum Leben dazu, wie beispielsweise in Mexiko. Da wird das „Fest der Toten“ zelebriert. Man kennt es vielleicht unter der spanischen Bezeichnung „Día de los Muertos“.

Auch in der Epoche der Romantik als Kunst- und Geistesbewegung – die eine Gegenbewegung zur Politik, Naturwissenschaft und Vernunft war – spielte der Tod eine große Rolle. Es war eine Realitätsflucht nach innen, mit Fokus auf Emotionen und Individualität. In Literatur, Musik und natürlich in der Kunst wendete man sich dem Rätselhaften, Dunklen und Unbekannten, dem Drang nach Unendlichkeit zu. Caspar David Friedrich ist einer der bekanntesten Maler der Epoche (1774-1840). An dieser Stelle möchte ich den Begriff der Schwarzen Romantik einwerfen. Schöpfer dieses Begriffes war der italienische Kunsthistoriker und Literaturwissenschaftler Mario Praz. Erst kürzlich konnte ich mir über sein (Standard-)Werk „Liebe, Tod und Teufel“ (erstmals 1930 erschienen) einen Überblick verschaffen. In dem Werk wird die „Nachtseite“ – die Dekadenz –untersucht. So beschreibt Praz das Genre als „Hingabe an die Natur und schwärmerische Liebe, die Wiederentdeckung des Mittelalters, des Volksliedes und des Märchens“ und weiter „ Die schwarze Romantik mit ihrer morbiden und makabren Szene der Todessehnsucht und der perversen Liebe, der lustvollen Grausamkeiten und empfindsamen Morde, mit ihrer Welt der Vampire und Faune, der Geister und Gespenster, der verdorbenen Priester und Nonnen, der femmes fatales und der amoralischen Übermenschen“. In keiner literarischen Epoche hat der Sexus mehr im Mittelpunkt gestanden. Namensgeber des Sadismus war der französische Autor Marquis de Sade. Gem. Praz, begeisterten sich Surrealisten für Sade. Er bezeichnete Sade als „die graue Eminenz der Romantik, ein Hausgeist […]. Denn er gab schließlich nur dem in jeden Menschen wohnenden Trieb seinen Namen – einem Trieb, der so geheimnisvoll ist wie die Kräfte des Lebens und des Todes selbst, mit denen er untrennbar verbunden ist.“

 Dark Romance heute

Vielleicht an dieser Stelle kurz ein kleiner Exkurs. Es gibt aktuell in der Literatur im Genre der Liebesromane die Strömung oder den Trend der Dark Romance-Bücher. Eventuell sind das Nachwehen der Bücher/Filme wie „(Fifty) Shades of Grey“ oder „Twilight – Biss zum Morgengrauen“. Was Freud wohl dazu sagen würde? Im Übrigen sind die Shades of Grey-Filme m. E. nach eher weichgespülter Konsumkitsch, der versucht Themen wie BDSM zu erklären. Wobei man dazu sagen sollte, dass viele Personen in der BDSM-Szene sich nicht in ihm wiederfinden. Grundsätzlich gilt besonders in dem Bereich natürlich, dass immer ein zwischenmenschlicher Konsens vorliegen muss. Es gibt selbstredend auch eine Schattenseite des Sadismus, nämlich dann, wenn er einseitig wird. Meiner Meinung nach sollte man nie die Gefahren von Sadismus oder Narzissmus unterschätzen, auch wenn sie in solchen Werken gerne verharmlost werden. Trendwelle hin oder her. Das nur mal am Rande.

Aber weiter im Kontext. Auch Goethes „Faust“ enthält Elemente der Romantik, wie die übersteigerte Sehnsucht und Hinwendung zum Übernatürlichen oder die Naturverbundenheit. Die Walpurgisnacht-Szene war im „Urfaust“ eine Orgie. Nicht nur Goethe benutzte den Begriff romantisch allerdings in einer eher befremdlichen Art. Er meinte „ Das Klassische nenne ich das Gesunde und das Romantische das Kranke“ als Störung des Gleichgewichts. „War es nicht schon immer das, was uns fasziniert, das Verbotene?“ Romantisch wurde im 17. Jh. im Zeitalter des Rationalismus gleichgesetzt mit: barock, dekadent, chimärenhaft, unnatürlich, bombastisch, märchenhaft, surreal. Einen Gegenpol sah auch Nietzsche. Er unterschied zwischen apollinisch und dionysisch. In dieser Zeit wurde allerdings romantisch auch mit „weibisch“ und „klassisch“ mit „männlich“ gleichgesetzt. Aber auch Sexismus soll hier nicht das Thema sein. Praz sieht die Romantik nicht als Gegenbewegung: „Ein Gegenpol zu romantisch besteht einfach deshalb nicht, weil romantisch nur eine bestimmte Gefühlslage bezeichnet, die von jeder anderen verschieden ist und weder durch Gleichsetzung noch durch Entgegensetzung vergleichbar wird.“. Im Verlauf wurde Romantik mit magisch, mystisch, suggestiv, sehnsüchtig gleichgesetzt. Es ging also um Gemütsbewegungen und Seelenzustände, um Wahnsinn und Ängste. Bekannt sind sicherlich Autoren wie Dante oder E.T.A. Hoffmann. Die schwarze Romantik, auch Schauerromantik oder Dunkle Romantik, kann aber nicht eindeutig von der Hauptströmung der Romantik abgegrenzt werden. Die Übergänge sind auch hier fließend. Die Themen in der Literatur greift natürlich auch die Kunst auf.

Künstler und Kreaturen der Dunklen Kunst

Berühmte zeitgenössische Maler, die düstere Lebensabschnitte verarbeitet und gemalt haben, sind beispielsweise der Niederländer Hieronymus Bosch (1450 – 1516) als Vertreten der Gotik. Weitere sind beispielsweise die Spanier Francisco Goya (1746 – 1828) und Salvador Dalí (1904 – 1989) oder der Schweizer Hans Rudolf (Ruedi) Giger. Da wir schon bei Giger, dem Künstler der Biomechanik, sind, möchte ich an dieser Stelle gern Wesen aufzählen, die in dieser Kunstkategorie zu nennen wären, welche ich selbst bereits in Kunstwerken „verkörpert“ habe, da wären beispielsweise Aliens, Cthulhu – als Figur des Schriftstellers H. P. Lovecraft oder auch Drachen, Cyborgs oder die Medusa. Darunter fallen natürlich sämtliche Fabelwesen, Tiergestalten und dunkle Kreaturen aus Sagen und Märchen, (Dark)Fantasy-, Horror-, Abenteuer- oder Science-Fiction-Filmen, -Büchern oder -Spielen, die „auf der dunklen Seite der Macht“ stehen. Die Liste ist lang. Dämonen, außerirdische Lebensformen oder andere dystopische oder beängstigende düstere Wesen sollten in uns eigentlich eher Beklommenheit oder Bangnis, zumindest aber eine gewisse Ehrfurcht oder Scheu auslösen.

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Bei der Aktion Adventskalender geht es dieses Jahr drum, einige Themen zu besprechen und zu diskutieren. Dinge, die bei Reviews, Konzertberichten und anderen Artikeln gerne untergehen. Persönliche Meinungen, Beobachtungen, Erlebnisse. Und auch ihr seid gefragt, antwortet gerne auf diese Themen, wir sind gespannt. 

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