Adventskalender: Wie viel „Show“ braucht eine gute Show?

Es gibt Bühnenshows, die hauen rein wie eine Sachertorte.

Der Materialumfang des Bühnenbilds beträgt gefühlt in etwa den des Gesamtinventars eines Großstadttheaters, Pyro kommt in Mengen zum Einsatz, die wohl die komplette Freiwilligen- und Berufsfeuerwehr der dazugehörigen Großstadt in Angst und Schrecken zu versetzen mag. Nebelwände, so dicht wie eine Männerverbindung an ihrem Stiftungsfest, Lichteffekte, gegen deren ausgeklügelte und bis ins kleinste Detail abgestimmte Technikmagie Berichte von Disneyland abstinken. Und ein Level an Partykanonen-Publikumsinteraktion, das selbst ein wirklich leidenschaftlicher Cluburlaubs-Animateuer wohl nicht ohne Koks aufrechtzuerhalten vermag.

Und dann gibt es Shows, bei denen eine Band die Bühne betritt, ihre Musik spielt, und wieder geht.

Im Hintergrund vielleicht ein Banner des Bandnamens; ganz, ganz vielleicht noch ein Aufsteller auf der Bühne. Licht ist halt mehr oder weniger da, beim Publikum wird sich höchstens mal bedankt und ein Blick ausgetauscht.

Mein Herz gehört zweiterem.

Zum einen bin ich ausgesprochene Freundin kleiner bis winziger Konzerte und Festivals, entdecke gerne eher unbekannte bis nischige Bands, und fühle mich in dieser (für mich) intimeren, übersichtlicheren und manchmal auf positive Art etwas ranzigen Atmosphäre sehr wohl.
Zum anderen bin ich der Meinung, dass gute Musik für sich stehen und wirken kann.
Gleichzeitig kann ich Bandauftritten Respekt, nicht selten auch Anerkennung, zollen, die nicht meinem persönlichen Geschmack entsprechen – das ist keine Sache grotesker Hirnverrenkungen, sondern eine der Differenziertheit. Und eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Eindrücken, die die Welt außerhalb (oder innerhalb) des eigenen Kopfes so auf einen wirft, ist eigentlich meistens eine sinnvolle Sache.
Somit gibt es an dieser Stelle keinen kompletten Verriss (und ich mag gut geschriebene Verrisse wirklich gerne – manche der von Erich Kästner verfassten lesen sich zum Beispiel ähnlich unterhaltsam wie der eigentlich humorvolle Teil seines literarischen Werks). Vielleicht ein bisschen granteln. Aber das ist schließlich auch fränkischer Volkssport.

 

Wertschätzung inszenatorischer Materialschlachten

Im Sinne der Differenziertheit habe ich überlegt, was man an umfangreichen Bühnenshows so alles gut finden kann, und mich mit Menschen unterhalten, die sich ebensolche sehr gerne ansehen.

Der größte Punkt zuerst: Der persönliche Geschmack. Es gibt Menschen, die mögen aufwändige Wagner-Inszenierungen, oder Barock-Theater und -Kunstmalerei, oder Lyrik der Romantik, oder eben Shows von den Grailknights, Behemoth oder anderen Inszenierungsgrößen diverser Metal-Subgenres. Das gefällt ihnen, es macht ihnen Spaß, sie schauen es gerne an und/oder machen gerne mit. Meine Mission ist nicht, ihnen das kaputtzumachen; käme es mir doch auch in anderen Bereichen unsensibel vor, jemandes harmlose Freude wegzupöbeln.
Tatsächlich angebrachte Kritik kann, darf und sollte meiner Meinung nach durchaus geäußert werden; auch ein konstruktiver Meinungsaustausch kann interessant sein. Aber unaufgefordertes Schlechtmachen einer Sache, die in sich harmlos ist und jemandem Freude bereitet, erscheint mir wenig konstruktiv, häufig pubertär, und meistens nur für die Person „lohnenswert“, die auf diese Art ihr Ego aufpolstern und betonen kann, wie anders und elitär/trve/cool sie doch im Vergleich zum unaufgefordert angesprochenen Gegenüber ist.

Fans solcher Auftritte und Konzerte gefällt, was sie sehen – und es gibt da ja auch jede Menge zu sehen. Bands, die nicht einfach nur auftreten, sondern eine richtige Show liefern, bringen jede Menge visuelle Reize mit, sodass es eigentlich immer etwas zu sehen gibt, egal, in welche Ecke der Bühne man schaut. Im besten Fall ist das sauber auf die Musik abgestimmt, manchmal gibt es sogar eine richtige Rahmenhandlung, sodass sich das Ganze für manche wie ein Kinobesuch anzufühlen scheint: bombastisch, intensiv bis hin zum Ausflug in eine andere Welt. Auf der ganz pragmatischen Ebene stelle ich mir das auch für meine fotografierenden Kolleginnen und Kollegen praktisch vor, wenn sich so viele verschiedene Motive in Hülle und Fülle anbieten.

Und schließlich ist da noch die Sache mit der Publikumsinteraktion. Fragen nach dem Befinden der Besucher („Habt ihr Bock?“, „Geht’s euch gut?“), Aufforderungen zu gemeinsamen Handlungen (mitsingen, trinken, etc.), Animation zum Teilen der hoffentlich empfundenen Freude (Fäuste hoch, „Ich will eure Hände sehen“ und Konsorten), nicht zuletzt auch auf gemeinschaftlich-körpernahe Art (Moshpits, Rudern, und was es alles gibt) können das Gefühl von Nähe zwischen Fans untereinander, sowie Fans und Band schaffen. Gerade bei humorbetonten Mitmachprogrammen kommt noch das gemeinsame Herumalbern dazu, das sich potenziell auch einfach mal befreiend anfühlen kann.

 

Ein wenig Verriss, oder: Bühnen-Minimalismus muss man sich leisten können

Beim Auftritt einer Band, die halt einfach auf die Bühne geht, ihre Musik spielt, und wieder geht, sieht die Sache anders aus.
Hier gibt es weniger visuelle Vielfalt bzw. Intensität, eine geringere Menge an explizit geäußerter Motivation zum Teilhaben und Abfeiern, und weniger bis keinen direkten verbalen Austausch zwischen Band und Publikum.
Wer gerne viel sieht, gerne viel mit anderen Fans und der Band interagiert, oder sich generell an cineastischem Schauspiel erfreut, wird das unter Umständen unterwältigend bis langweilig finden. Das ist legitim; siehe den zuvor ausgeführten Punkt zu Angelegenheiten des persönlichen Geschmacks.
Hinsichtlich der Fotografie-Tauglichkeit erlaube ich mir als Nur-Schreiberin kein abschließendes Urteil; auf der einen Seite kann ich mir vorstellen, dass es hier weniger Motiv-Vielfalt gibt, auf der anderen Seite ist es vielleicht einfacher, nicht gegen Nebelwände, dunkelbuntes Licht oder Effektgewitter abfotografieren zu müssen.

Was mir über die Jahre als Konzert- und Festivalgängerin immer wieder aufgefallen ist: Eine ansprechend gestaltete Show kann erstaunlich viel kaschieren. Ebenso explizit wie gnadenlos auf das Publikum geworfene Begeisterung kann wohl ansteckend sein; erst recht, wenn immer wieder dazu aufgefordert wird, gemeinsam mit anderen Besuchern teilzuhaben.
Aber vor allem: Musik, die eigentlich nur eine Genre-Konvention nach der anderen wiederkäut, textlich ebenso unkreativ und stumpf erscheint wie musikalisch, und beim bloßen Anhören sehr, sehr nah in Richtung des mittelmäßigen Einheitsbreis driftet, kann oft durch entsprechend hohe Dosierung zur Spannungserzeugung genutzter Showelemente ein ganzes Stück in Richtung eines guten Live-Erlebnisses gehievt werden. Feuer, Nebel, Licht, Requisiten und Dekoration in rauen Mengen können seichter Emotionalität mehr Rumms verleihen, platte Klischees zumindest ein bisschen in Richtung Theatralik oder Pathos schubsen, und insgesamt durchaus ablenkend genug sein, dass ein schwachbrüstiges Mittelmaß gar nicht mehr so stark auffällt.
Natürlich funktioniert das nicht immer, und auch nicht unbedingt für jede Besucherin oder jeden Besucher. Mir selbst erscheint die umfangreiche Show in solchen Fällen als Krücke, deren Planung und aufwändige Umsetzung ich anerkennen kann, die mich aber weder mitreißt noch vom blutleer-einheitsbreiigen Klischeebingo ablenkt.

Weiter oben habe ich geschrieben, gute Musik könne für sich stehen. Ausführlicher und konkreter gefasst: Musik, die in sich und für sich ausdrucksstark genug ist, um ihre Botschaft zu transportieren, eine Stimmung zu schaffen, oder/und echte, authentische Emotionalität zu zeigen und auszulösen, braucht kein „Drumherum“. Das, was sie vermittelt, ist bewegend, berührend und intensiv genug, um nicht ablenken oder kaschieren zu müssen.
Mehr noch: Unter Umständen profitiert sie sogar von einer reduzierten Inszenierung, die genug Raum schafft, um das Ganze auf sich wirken zu lassen. Gerade Musik, die auf das Erschaffen einer intensiven Atmosphäre ausgelegt ist oder starke Emotionalität transportiert, profitiert hier meiner Ansicht nach, denn durch die minimalistische Inszenierung steht sie quasi automatisch im Wahrnehmungszentrum. Da wird kein Interpretationsraum durch externe Faktoren beschnitten, da lenkt nichts ab, da reißt kein „Habt ihr noch Bock??“ oder hochfrequentes „Hoch die Tassen!“ raus aus dem Erleben.
Das Publikum erhält hier viel Freiraum, die Musik und das durch sie Ausgelöste direkt und unvermittelt auf sich wirken zu lassen.
Damit dieser Freiraum nicht als Mangel empfunden wird, muss es die Musik im Fall minimalistischer Shows aber eben auch „alleine“ schaffen, diesen Freiraum auch auszufüllen; sowohl im Hinblick auf das, was sie liefert, als auch im Hinblick darauf, was sie im Zuhörenden bewegt.
Das alles muss weder automatisch emotionslos sein, noch bedingt es zwangsläufig mangelnde Nähe zwischen Publikum und Band. Einige meiner einprägsamsten Erfahrungen emotionaler wie menschlicher Intimität habe ich bei Minimalismus-Auftritten gemacht, bei denen Musiker derart eindringlich und authentisch nicht nur Herzblut, sondern gleich ihre ganze Seele in Musik fließen lassen haben, dass alleine der Umstand, anwesend zu sein und das gemeinsam mit den Menschen auf der Bühne zu fühlen, mehr Nähe gab als manche Umarmungen.

 

Zum versöhnlichen Abschluss

Das ist natürlich kein unvoreingenommener Beitrag. Ich mag Musik, die intensive Wirkung entfaltet, egal, ob diese Wirkung gemeinhin als positiv betrachtet wird oder nicht – wenn mich eine Band zum Weinen bringt, ist das durchaus als Kompliment an ihre Musik zu verstehen. Das ist sicherlich ein Faktor, der dazu beiträgt, dass ich große Shows meistens bestenfalls als „nett, aber unnötig“ oder ablenkend empfinde.

Auch gibt es natürlich Gruppen, bei denen die umfangreiche Inszenierung nicht zum Kaschieren eingesetzt werden, sondern ein integraler Bestandteil dessen sind, was sie auf die Bühne bringen. Etwa, weil ihre Auftritte weniger als Konzert konzipiert sind, sondern als multimediale Erfahrung. Zum Beispiel Eldamar, deren Auftritt auf dem diesjährigen Atmospheric Arts für mich Musik und Inszenierung derart eng verflochten miteinander erscheinen ließ, dass ein kohärentes Ganzes dabei entstand, das sich nicht mehr in seine Einzelteile aufdröseln ließ.
Und dann gibt es auch noch die Spaßkapellen, deren Auftritte auf ein fröhliches Live-Miteinander ausgelegt sind, das ebenfalls kohärent und konsequent Songinhalte und Showelemente verknüpft. Auch das zählt für mich als Kunst und kann ich gut finden – eben mehr „gut gemacht“ und weniger „gut“ im Sinne von „gefällt mir“. So wäre der Besuch einer Heavysaurus-Show einer meiner persönlichen Albträume aufgrund der puren Reizüberflutung, der Inkompatibilität mit meinem Musikgeschmack, sowie des Umstands, dass ich anscheinend eine ausgeprägte Immunität/Untersensibilität/Allergie gegenüber dem habe, was normale Menschen als unterhaltsame oder spaßige Musik empfinden. Trotzdem sind sie für mich eine gute Band, die meinen Respekt hat dafür, dass sie sich „Dinos“ und „Metal“ genommen, zu einem kohärenten Konzept zusammengefügt und ein Gesamtkunstwerk daraus geschaffen hat, das kreativ, wirklich konsequent und anscheinend auch wirklich mit richtig viel Spaß an der Sache durch die Gegend tourt.
Es gibt also auch für mich Sachertorten-Auftritte, die ich gut finden kann. Entscheidend dabei ist für mich nicht, was (im Sinne von: welches Stilmittel, Showelement, o.ä.) genutzt wird, sondern wie es genutzt wird – zu welchem Zweck, aus welchen Gründen, und wie die konkrete Umsetzung erfolgt. Und sie bleiben letztlich Sachertorten: Absolute Geschmackssache, bei unvorbereiteter Konfrontation irritierend, im Fall von höherem oder regelmäßigen Konsum unter Umständen übelkeiterregend.

Zugegebenermaßen bin ich aber auch kein Torten-Fan.

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Bei der Aktion Adventskalender geht es dieses Jahr darum, einige Themen zu besprechen und zu diskutieren. Dinge, die bei Reviews, Konzertberichten und anderen Artikeln gerne untergehen. Persönliche Meinungen, Beobachtungen, Erlebnisse. Und auch ihr seid gefragt, antwortet gerne auf diese Themen, wir sind gespannt. 

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