Die Erfindung des Internet war ein Meilenstein für die Menschheit! Informationen konnten auf einmal blitzschnell geteilt werden, und es war plötzlich möglich, mit wenigen Klicks an Wissen zu gelangen. Das Internet wurde in vielen Bereichen unseres Lebens und unserer Kultur zu einem festen Bestandteil – und mit Kultur meine ich auch die Musik. Mit wenigen Klicks kann Musik ins Netz geladen und von anderen Menschen überall auf der Welt konsumiert werden. Ebenso lassen sich mit Leichtigkeit zahlreiche Informationen über Künstler*innen finden: Geschlecht, Alter, Wohnort, Lieblingsessen, politische Meinung und vieles mehr. Einige dieser Informationen können für einige Bereiche der Arbeit bei Dark-Art notwendig sein – etwa für unsere Reviews, die Rubrik „Band der Woche / Band of the Week“ oder unsere Konzertankündigungen.
Diese Fülle an Informationen erzeugt eine neue Transparenz zwischen Musiker*innen, ihrer Kunst und den Fans. Doch seit einigen Jahren stelle ich mir die Frage, ob diese Transparenz ein Fluch oder ein Segen für die Szene ist. Seit meiner Tätigkeit bei Dark-Art taucht diese Frage immer häufiger auf, und in diesem Text möchte ich meine Gedanken dazu teilen. Ich möchte die genannten Möglichkeiten der Transparenz nochmal näher beleuchten, anhand eines Beispiels mögliche Auswirkungen aufzeigen und am Ende versuchen, eine Antwort zu finden.
Transparenz kann ein Segen sein …
Die Musikszene lebte schon immer von ihrer Wirkung nach außen und von der Reaktion der Gesellschaft auf sie. Dabei war es nie entscheidend, ob diese Reaktion positiv oder negativ ausfiel – in manchen Genres war eine ablehnende Haltung sogar erwünscht. Bereits der Rock’n’Roll lebte von seinem Ruf, teuflisch und rebellisch zu sein, und Jahrzehnte später wiederholte sich dies mit Heavy Metal, Punk, Black Metal und in vielen weiteren Stilrichtungen. Die Gesellschaft reagierte in den meisten Fällen sofort auf diese Provokationen und verurteilte in Printmedien, Radio und Fernsehen die Musik, die Musiker*innen und die dazugehörige Szene. Doch genau diese Ablehnung brachte Aufmerksamkeit – und Bekanntheit ist für Kunstschaffende aller Genres essenziell. Natürlich gab es aber auch positive Berichterstattungen, die die Reichweite von Bands zusätzlich steigerten. Zusammengefasst war also vor allem eines wichtig: eine Reaktion – egal ob positiv oder negativ, solange sie die mediale Präsenz vergrößerte.
Mit dem Aufkommen des Internets änderte sich daran wenig – nur das Medium wurde ein anderes. Das Netz ermöglichte eine schnellere, direktere und ungefilterte Reaktion. Musiker*innen fanden im Internet eine neue Plattform für ihre Selbstdarstellung, und die Fans konnten unmittelbar darauf reagieren. Es entstand eine „transparente“ Kommunikation, die faszinierend und zugleich gnadenlos ehrlich sein kann.
Ein Beispiel: Am 6. Januar 2021 stürmten mehrere hundert Personen das Kapitol in Washington. Dieser Tag war geschichtsträchtig – auch für die Metal-Szene. Unter den Angreifenden befand sich nämlich Jon Schaffer, Gründer und Gitarrist der Band Iced Earth. Eine Band, die zu diesem Zeitpunkt seit über 30 Jahren existierte, weltweit tourte und auf großen Festivals wie dem Wacken Open Air spielte. Schaffer wurde, mitten im Geschehen und mit einem Pfefferspray für Bären bewaffnet, wurde auf Fotos identifiziert. Die Metal-Szene reagierte dank des Internets unmittelbar. Online-Magazine berichteten, Fans diskutierten in Foren und auf Social Media, und Labels sowie Musiker*innen distanzierten sich öffentlich von Schaffer – ebenfalls über das Internet.
Hans Kürsch, Frontmann von Blind Guardian, beendete daraufhin das gemeinsame Projekt Demons & Wizards – und auch diese Entscheidung wurde online verkündet.
Zusammengefasst: Der gesamte Vorfall wurde durch das Internet für alle transparent. Fans erfuhren schon kurz nach dem 6. Januar von Schaffers Handlungen; Labels und Künstler*innen reagierten nur wenig später. Diese Transparenz ermöglichte es, Positionen sichtbar zu machen – und für Menschen, die sich ernsthaft mit der Szene auseinandersetzen, war das ein echter Segen.
… oder ist Transparenz ein Fluch?
Eine starke Präsenz im Internet scheint auf den ersten Blick nur Vorteile zu bieten: Tourankündigungen und Veröffentlichungen erreichen mehr Menschen, Fanbases können über soziale Medien aufgebaut werden, und potenzielle Hörer*innen finden leichter ihre neue Lieblingsband. Für diese Vorteile müssen Bands oder Musiker*innen lediglich regelmäßig etwas Zeit in ihre Online-Auftritte investieren – und werden mit Reichweite belohnt. Die Fans danken es mit Likes, Follows und Newsletter-Anmeldungen.
Doch diese mediale Sichtbarkeit hat auch Schattenseiten: den wachsenden Druck, ständig Beiträge veröffentlichen und einem immer stärker werdenden Wunsch nach immer noch mehr Transparenz gerecht zu werden zu müssen. Künstler*innen mit hoher Online-Präsenz erhalten mehr Aufmerksamkeit, ihre Musik wird häufiger gehört, ihre Alben und ihr Merch öfter gekauft. Das kann in einen Wettlauf um Sichtbarkeit ausarten, in dem fieberhaft nach neuen Ideen für Posts gesucht wird.
Plötzlich erscheinen Fotos vom Plätzchenbacken, Livestreams beim Zocken oder Mitschnitte einer privaten DnD-Runde. Fans belohnen diese Offenheit mit Zustimmung und Interaktion – doch manchmal wirkt es wie ein verzweifeltes Ringen nach Aufmerksamkeit, das mit der eigentlichen Kunst nichts mehr zu tun hat. Mich persönlich schreckt das ab.
Aber was ist mit den Bands, die keine so hohe Präsenz aufbringen wollen oder können? Diese Musiker*innen erhalten oft nicht die Aufmerksamkeit, die sie eigentlich aufgrund ihrer Musik verdient hätten. Die dafür notwendigen Kompetenzen – Social Media, Marketing, Community-Management – müssen manchmal erst erlernt werden und kosten viel Zeit. Zeit, die dann nicht mehr in das eigentliche Schaffen fließt, oder die das Privatleben nicht zulässt. Das macht mich in manchen Fällen traurig, denn hier verwandelt sich die gewünschte und geforderte Transparenz tatsächlich zum Fluch für die Musikszene.
Fazit
Das Internet hat die Musikszene grundlegend verändert – für Fans wie für Musiker*innen gleichermaßen. Der schnellere Zugang zu Informationen und das unmittelbare Teilen von Inhalten führen zu größerer Transparenz und einer besseren Erreichbarkeit von Kunst und Künstler*innen. Gleichzeitig entsteht ein Wettbewerb, der nicht auf der Kunst selbst, sondern auf dem Privatleben der Kreativen ausgetragen wird.
Viele begrüßen diese Transparenz – und auch ich finde sie wertvoll, wenn es um wichtige Themen geht: etwa um politische Haltungen, ethisches Verhalten oder gesellschaftliche Verantwortung, wie im Fall Jon Schaffer. Doch in vielen anderen Bereichen empfinde ich diese Offenheit als störend, weil sie Künstler*innen ihres geheimnisvollen Status beraubt und sie zu dauerpräsenten Entertainer*innen macht, die auf Knopfdruck Inhalte liefern sollen.
Wie seht ihr das? Ist die Transparenz durch das Internet ein Segen oder ein Fluch für die Kunst?
Eure Meinung würden wir gern lesen.
Bei der Aktion Adventskalender geht es dieses Jahr drum, einige Themen zu besprechen und zu diskutieren. Dinge, die bei Reviews, Konzertberichten und anderen Artikeln gerne untergehen. Persönliche Meinungen, Beobachtungen, Erlebnisse. Und auch ihr seid gefragt, antwortet gern auf diese Themen, wir sind gespannt.
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