Adventskalender: Blut, Schweiz und Schwarzmetall

Als Tom Gabriel Warrior mit seiner Pionierband Hellhammer in den 80ern die musikalische Klanglandschaft der Schweiz in tiefschwarze Dunkelheit tauchte, ließ sich bereits erahnen, welche überaus hörenswerten Nachtschattengewächse die mannigfaltige helvetische Black-Metal-Szene unseres schönen Nachbarlandes im weiteren Verlauf der Geschichte hervorbringen würde. Neben vier Sprachen, atemberaubender Natur und allerlei kulinarischen bis kulturellen Feinheiten, hat die Schweiz auch ein mannigfaltiges Angebot an Bands zu bieten, die den Black Metal in vielerlei Hinsicht bereichern, vertiefen und mitunter sogar neu auslegen. Von den Klassikern wie den vergangenen und aktuellen Bandprojekten des eben erwähnten Herrn Warrior oder den frühen Samael muss ich vermutlich nicht anfangen, da diese jedem geneigten Extreme-Metal-Fan etwas sagen sollten und deren musikhistorische Relevanz unangefochten bleibt. Wir gehen daher etwas tiefer rein und schauen uns mal ein paar Bands an, die ich neben den Klassikern als sehr hörenswert erachte.

Schweizer Schwarzmetall lässt sich nicht kategorisieren oder auf eine bestimmte Klangfärbung beschränken. Von verspielt bis monoton, von verkopft bis plakativ, von stumpf bis überladen lässt sich im Land der Seen und Berge alles finden. Da es nie möglich ist, den kompletten Bandkatalog eines Landes ausreichend zu präsentieren und gebührend zu huldigen, muss ich mich natürlich auf wenige Namen einer gut ausgeprägten Szene beschränken. Die musikalische Bandbreite ist dabei, wie angeklungen, fast grenzenlos. Während Bandprojekte wie Darkspace und Paysage D’Hiver (über deren Genialität ich einen eigenen Beitrag schreiben könnte) der Szene Offenbarungen in Form von rauschigen, ausgedehnten, finsteren und oft durch zehrend lange Songlängen meditativ anmutenden Lo-Fi-Klangkulissen gewähren, rumpelt und ballert es mit Gruppen wie den räudig-dreckigen Chotzä oder den technisch mehr als versierten Aara an anderer Ecke umso mehr.

Da die fantastische Tanja bereits vor ein paar Wochen der Schweizer Klangperle Ungfell ein Loblied gesungen hat (den Link findet ihr hier), würde ich diese Formation aus Zürich erst einmal außen vor lassen. Deren Langrillen seien aber erneut wärmstens empfohlen, sollte man sich auch nur im Ansatz für rasenden, verspielten und folkloristisch geprägten Black Metal interessieren.

Wirft man einen Blick zurück auf die letzten Jahre und die damit verbundenen Exporte der Schweizer Szene, so kommt man zum Beispiel auch an Zeal and Ardor nicht vorbei. Kein Wunder, denn die Verbindung aus Gospel und Black Metal Elementen funktioniert zugegebenermaßen einfach viel zu gut. Bewaffnet mit diesem bis dato einzigartigen Konzept erschuf Manuel Gagneux 2013 ein Bandprojekt, das vor allem mit den ersten Platten einen mehr als frischen Wind in die Szene wehte und die schwarzmetallische Klangästhetik durch den Einsatz erwähnter chorischer Elemente bereicherte und erweiterte. Das Projekt hat sich mit den letzten Veröffentlichungen zwar weitestgehend vom Black Metal entfernt und ist aufgrund der genrefluiden Eigenschaften der Musik mehr in Richtung Progressive Rock/Metal gewandert, was die Tonträger aber nicht weniger empfehlenswert macht.

Wer es lieber verkopft, kompliziert und stellenweise absolut nicht eingängig mag, dem sei gesagt: Auch hier kann die Schweiz liefern und muss sich nicht hinter der ein oder anderen eher dafür bekannten französischen Band verstecken. DSKNT, AION und partiell auch die deutlich bekannteren und auch etwas zugänglicheren Schammasch sind für dich da, falls du mal so gar keine Lust auf finstere Musik mit klar erkennbarer Struktur nach Schema F hast. Dissonanz, Geräusch, unkonventionelle Riff-Strukturen, Rhythmus-Experimente sowie Einflüsse aus Ambient- und Noise-verwandten Genres stehen bei den erstgenannten beiden Kapellen im Mittelpunkt des Schaffens. Schammasch überzeugen dagegen mit thematisch dichten Konzeptalben, deren Komplexität durch die technisch unbeschränkte Instrumental- und Vokalarbeit gespiegelt, aufgegriffen und zum Klingen gebracht wird. Alle drei Bands sind eher weniger zum Hören nebenbei gedacht, sondern erfordern Aufmerksamkeit und durchaus auch Durchhaltevermögen.

Habt Ihr schon von Ungfell gehört? Okay, ich höre ja schon auf, aber ich muss an dieser Stelle erwähnen, dass sich in der näheren Umgebung der Band unter dem Oberbegriff Jünger Tumilon oder vormals Helvetic Underground Committee mit Formationen wie Kvelgeyst und Arkhaaik noch mehr Schätze aus der musikalischen Schweizer Erde heben lassen. Auch hier findet der geneigte Hörer keinen Standard-Black-Metal aus der Konservendose, sondern Bandprojekte, die sich von der Alltagskost emanzipieren, um eigene Konzepte rund um interessante Thematiken wie zum Beispiel die der Alchemie zu schaffen. Wer dem Blackened Death nahesteht, sollte sich bei dem erwähnten Band-Kombinat (Jünger Tumilon) definitiv auch mal die Formation Dakhma zu Gemüte führen. Schon das Cover der letzten Produktion namens Blessings of Amurdad stimmt den Hörer auf das kommende Inferno ein. Es wird monumental, drückend und … persisch?! Ganz recht, die Band befasst sich thematisch mit dem vergangenen antiken Reich der Perser und donnert finster und eindrucksvoll wie ein gewaltiger Sandsturm längst vergangener Zeiten über euch hinweg.

Alles vorherige bedeutet nicht, dass die Schweiz aktuell keine traditionelle Schwermetall-Kost für Old-School-Puristen zu bieten hat. Die gibt es natürlich auch: Da jüngst entdeckt, live gesehen und für gut befunden, sollen die Damen und Herren von Ernte hier erwähnt werden, die sich in den letzten 5 Jahren aus dem Untergrund einen Namen machen. Hier bekommt der Hörer klirrenden Black Metal nach rauer, kalter und kompromissloser Art, der gut reingeht und mit messerscharfen Riffs sowie eingängigen Songwriting finstere Lyrik in die Gehörwindungen des oder der Interessierten schleudert. Als Anspieltipp sei euch der Titel The Witch (Was Born in Flames) empfohlen, der das Schaffen des Duos perfekt zum Ausdruck bringt. Apropos Duo …

Nach dem jahrelangen täglichen Konsum von schwarzmetallischer Klangkunst und den gründlichen Investigationen, die ich dazu betrieben habe, vertrete ich die geerdete Meinung, dass es nahezu keine wirklich schlechten Duo-Projekte im Black Metal gibt. Was mich folgend zu Ghörnt bringt. Auch diese Formation möchte gar nicht mal so viele Experimente wagen. Rasend, hochmelodisch und mit lokalem Dialekt im Anschlag, blasten sich die beiden Hauptakteure der Band durch Themen wie Vampirismus und Schweizer Folklore. Hier kommen vor allem Fans der schwedischen Schule voll auf ihre Kosten, denn die hochmelodische Gitarrenarbeit zusammen mit den höllisch schnellen Blastbeats weckt nicht selten wohlige Erinnerungen an die Hochzeiten altbekannter schwedischer Gruppierungen.

Ein weiterer Vertreter der eher traditionellen Black-Metal-Schiene aus Switzerland, ist die Truppe Hån, die ich bereits vor ein paar Jahren im schönen Erzgebirge sehen durfte. Blasphemisch, klassisch, gut, sagt hier der schwarze Warentest und meint damit das feine Gespür der Band für Ohrwurmriffs, die auch gerne mal im Midtempo atmen und zur Geltung kommen dürfen, um sich dann mit feinstem Geschrammel der alten Schule abzuwechseln.

Zum Abschluss dieser musikalischen Rundschau (die absolut keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt) sei noch das All-Star-Projekt Malphas erwähnt, dessen Mitglieder dem geneigten Black-Metal-Fan auch noch von mindestens 2–3 anderen Bands bekannt sein dürften (u. a. Chotzä, Thron, Aara …). Hier wird es kompositorisch nochmal vielschichtiger, ohne die Bodenhaftung zu verlieren. Geboten wird melodischer Black Metal auf hohem technischen Niveau, der mit viel Liebe zum Detail, einem ausgewogenenen Wechsel von Raserei und Besinnung sowie fein ausgearbeiteten Riffs und einer ganzen Schwadron an Gitarren-Soli zu beeindrucken weiß. Stilistisch irgendwo zwischen Genrekollegen wie Watain, Theotoxin und Asphagor angesiedelt, findet sich genug eigener Charakter, um sich signifikant von der Masse abzuheben. Auch live sehr zu empfehlen.

Beim Schreiben dieses Beitrags fiel mir auf, dass sich ein Defizit an DSBM (Depressive Suicidal Black Metal) in unserem Nachbarland feststellen lässt. Geht es den Menschen dort zu gut? …Scherz. Aber selbst die allwissenden und gefühlt auch allumfassenden Metal Archives offenbaren beim Aufschlagen an der richtigen Stelle bis auf wenige vereinzelte Einträge kaum Vertreter des beliebten Subgenres. Ich denke schon, dass es vermutlich den ein oder anderen überaus deprimierenden Geheimtipp aus dem musikalischen Untergrund der Schweiz gibt, nur blieb dieser mir bisher verborgen. Aber schreibt es mir doch gerne in die Kommentare und lasst ein Like da, wie man als einer dieser „Beeinflusser“ wohl sagen würde.

Beeinflusst beziehungsweise beeindruckt hat mich die Schweizer Szene allemal. Ich freue mich immer, wenn mir jemand einen neuen Geheimtipp aus dem Land der präzisen Uhren vorbeibringt, da ich mir zu 90 % sicher sein kann, hochqualitatives Klangmaterial vorliegen zu haben. Die Schweiz und ihr Sammelsurium an spannenden Bands zeigen sehr gut auf, wie ausdifferenziert, kreativ und vielseitig unser geliebter Schwarzmetall klingen kann und wie man es mühelos schafft, das klangliche Korsett, in dem sich diese Musik bewegt, einerseits gebührend und huldigend zu bewahren und andererseits auch einfach mal zu sprengen oder etwas weiter zu schnüren, damit man nicht an den formelhaften Konventionen erstickt. Denn auch wenn der überzeugte Black-Metal-Purist/Elitist gerne und mit viel Hingabe an den Szene-Konventionen erstickt, lohnt es sich wirklich, den kreativen Schweizer Erzeugnissen der letzten Jahre sein Ohr zu leihen. Ich hoffe, euch die ein oder anderen Band-Empfehlung schmackhaft gemacht zu haben. Bis dahin und bis zum nächsten Mal, euer Benni.

Mehr von den erwähnten Bands bei Dark-Art findet ihr hier:

Türchen zuvor
Türchen darauf

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