Donnerstagabend in Nürnberg. In der kalten Luft hängt eine Mischung aus Pizza und Bier, mit einem Windhauch zieht ein leichter, süßlicher Geruch vorbei. Wir befinden uns nicht am Bahnhof oder in der Innenstadt, sondern vor dem Hirsch. Am 05. Februar beehrte nämlich Götz Widmann zum wiederholten Mal Nürnberg und den Hirsch. Der deutsche Liedermacher ist unterwegs mit seinem aktuellen Programm Party Time! und hat schon einen vollen Terminkalender vorgelegt.
Götz Widmann
Im Hirsch selbst zeigt sich ein ungewöhnliches Bild: Es gibt Sitzplätze. Nicht nur ein paar, sondern der gesamte Raum ist mit Biertischsitzbänken gefüllt; kleine Korridore sorgen für gutes Durchkommen und eine Menge Besucher. Deren genaue Anzahl ist bei solchen Abenden schwierig zu beurteilen, geschätzt jedoch 200 Besucher, durch die Palette durchmischt. Kurz nach 20 Uhr betrat Götz Widmann dann die Bühne: ein Mann, eine Gitarre und unzählige Geschichten. Mit Zöllner vom Vollzug abhalten auf der A4 begann das Set und so manches Gelächter ging auch los. Direkt danach erzählte Götz als Einleitung zum nächsten Lied über eine Frau, die vor einiger Zeit aufgrund eines Liedes abgemahnt wurde, da sie dieses in ihrer WhatsApp-Story hatte. Dass es sich um einen Joint Venture Klassiker Tach, Herr Chef handelt, ergab sich aus dem Kontext recht schnell. In den Ansagen, die so ziemlich 50% der Show ausmachten, erzählte Götz Widmann aber nicht nur Geschichten, sondern auch von seiner Arbeit, von der Idee, seine Memoiren aufzuschreiben, und dass er denke, er sei dafür noch zu jung. Sowie über seine Arbeit mit seiner Lebensgefährtin und Hörbuchproduzentin Anke Pahlenberg, darüber, wie es war, die Hörbücher zu Die Abenteuer von Fernando und Enrique musikalisch begleitet zu haben, und dass er dafür nach 30 Jahren Musikerdarsein das erste Mal jugendfreie Lieder geschrieben hatte. Und schließlich auch zu seiner Arbeit an Joint Venture: Die ganze Geschichte, einem Hörbuch von knapp 12 Stunden Länge, sowie darüber, dass er seine ganzen Inhalte der letzten 30 Jahre hat digitalisieren lassen und nun Fans zur Verfügung stellt auf seiner Webseite, auf der man für 20€ im Jahr (oder beim aktuellen Tourangebot für 10€ Am Merchstand) Zugriff auf das ganze Material bekommen kann. Auch auf die Audiodateien der jeweiligen Konzerte – ein Grund, weshalb ich hier auch nicht zu sehr ins Detail gehen möchte, denn ihr könnt und solltet es euch einfach dort anhören.
Und so folgten zwischen weiteren Liedern auch weitere Geschichten um diese herum: Mit Drogendealern mit gebrochenen Herzen und vielem mehr ging es bei Heute mach ich einen drauf abermals stimmungsmäßig hoch her, bevor es eine 20-Minütige Pause gab, in der die Besucher ihren Bedürfnissen nachgehen konnten; sei es essen, trinken, rauchen oder einkaufen am Merch, an dem auch Götz Widmann selbst einsprang.
Nach der Pause ging es mit Das Leben sollte mit dem Tod beginnen weiter. Mit weniger Geschichten auf dem Buckel und mehr Liedern kam diese zweite Hälfte daher, auch, wenn er es sich nicht nehmen ließ, zu manchen Liedern ein wenig zu erzählen. Wie auch zu Romi, dem platonischen Liebeslied an eine Art Mensch, die er als etwas kennzeichnete, das ein jeder in seinem Leben braucht – um dann nach all der Romantik von seinen allerersten Vollrausch von vor 50 Jahren zu erzählen, als Überleitung zu einem seiner aktuellen Stücke, Verkacken mit Verstand. Mit Hank starb an ner Überdosis Hasch und Die zarte Artischocke folgten ohne viele Worte zwei Publikumslieblinge. Zum Song Lokalkommunenhippie sollte das Publikum im Chor „Heya na nana heya“ singen, was stellenweise gut klappte und die Besucher stimmten begeistert mit ein. Apropos Publikum: Jemand aus dem Publikum hatte sich bei Götz direkt das Lied die zwei Trauben gewünscht, weshalb es noch schnell in die Setlist integriert wurde.
Auch einen kleinen Ausflug zum Thema Europa und Fußball gab es, bevor es mit Holland weiterging. Weitere Fanlieblinge wie Chronik meines Alkolismuss und Eduard der Haschischhund folgten, bevor es so langsam mit dem Set dem Ende zuging. Nach leichterer Kost wie Das Kornfeld und der Wind und Der Laptopwebcammann sprach Götz Widman über das Thema Erstwähler und seine damalige Wut auf diese, weshalb er das folgende Lied, Für Euch, 2010 geschrieben habe. Mit Im Hippiebus nach Marrakesch und Kosmisches Kind endete der Abend dann endgültig nach guten 3 Stunden.
Setlist: Zöllner vom Vollzug abhalten auf der A4 // Tach, Herr Chef // Ich liebe mich // Party Time // Schwanger // Scheiß auf deine Ex // Badmülleimer // Meine nächste große Liebe // Markt, Marx undsoweiter // Heute mach ich einen drauf // Das Leben sollte mit dem Tod beginnen // Älter als Kurt Cobain // Idealist // Romi // Verkacken mit Verstand // Hank starb an ner Überdosis Hasch // Die zarte Artischocke // Landkommunenhippie Nr. 1 // Die zwei Trauben // Gudrun vom Feuilleton // Holland // Chronik meines Alkolismuss // Eduard der Haschischhund // Das Kornfeld und der Wind // Der Laptopwebcammann // Für euch // Im Hippiebus nach Marrakesch // Kosmisches Kind
Fazit:
Götz Widman hat das Publikum grandios unterhalten. Zugegeben, ja, hätte er nicht jede Ansage so zelebriert, hätte er doppelt so viele Songs spielen können, doch darum geht es nicht. Diese unterhaltsamen Ausschweifungen sind nicht nur menschlich, sondern auch ein Zeichen eines vollen und bewegten Lebens, das er gerne mit den Leuten teilt. Und das ist etwas Schönes.
Bericht und Bilder: Roksana
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