Feuer, Licht und eine Bühne, die keine halben Sachen kennt: Stahlzeit feiern ihr 20-jähriges Bestehen mit einer Show, die visuell wie musikalisch Maßstäbe setzt. Nach der Jubiläumsshow in Berlin unterhielt sich Sänger Heli mit unserem Fotografen und Redakteur Andreas. Im ersten Teil des Gesprächs ging es um die Anfänge der Band, den schleichenden Weg vom Experiment zur professionellen Produktion und die Frage, wo für ihn die Grenze zwischen respektvoller Huldigung und bloßer Kopie verläuft. Ein Austausch über Identität, Haltung und die Verantwortung, sich selbst treu zu bleiben.
Wenn du heute an das allererste Stahlzeit-Konzert zurückdenkst: Was war der Moment, in dem du wusstest: Das wird größer als nur ein einmaliges Projekt?
Das hat sich tatsächlich eingeschlichen. Es war nie geplant, dass Stahlzeit einmal diese Größe erreicht. Am Anfang hieß es nur: „Du klingst ein bisschen wie Lindemann“, also habe ich gesagt, gut, ich probiere das mal.
Ich habe damals selbst Veranstaltungen gemacht und uns in Kulmbach für gerade mal 20 Minuten ins Vorprogramm gesetzt, einfach um zu sehen, ob das überhaupt jemand hören will. Die Resonanz war überraschend gut, auch bei der Presse, und so haben wir Schritt für Schritt weitergemacht.
Richtig Fahrt aufgenommen hat das Ganze dann über Holland und Belgien. Dort gab es schon eine große Tribute-Szene mit eigenen Festivals, und über eine Agentur kamen wir schnell in gute Shows. Erst danach wurden auch deutsche Veranstalter auf uns aufmerksam.
Ein weiterer Wendepunkt war das Management. Eigentlich sollte Mathias Schaettgen uns nur für ein Konzert in Bayreuth veranstalten, aber ich fand ihn menschlich so passend, dass ich ihn gefragt habe, ob er nicht das Management übernehmen will. Ab da ging es spürbar nach oben, größere Hallen, größere Shows. Und natürlich auch mehr Verantwortung und Kosten.
War das auch der Punkt, an dem ihr gemerkt habt: Das wird mehr als eine kleine Show, und an dem ihr angefangen habt, die Produktion gezielt auszubauen?
Ja, das hing direkt miteinander zusammen. Die Hallen wurden größer, und gleichzeitig kam von uns selbst der Anspruch: Wenn wir das machen, dann machen wir es ordentlich. Also haben wir angefangen, die Produktion Schritt für Schritt auszubauen.
Man wird da auch ein bisschen angefixt. Nach jeder Show denkst du: Da geht noch mehr, hier ein Detail, dort eine Idee. Das ist kreativ, spannend, aber natürlich auch eine echte Herausforderung.
Trotzdem war das noch nicht der Punkt, an dem ich sagen konnte: Ich lebe jetzt davon. Das hat sich über Jahre entwickelt. Die endgültige Entscheidung kam erst vor knapp zehn Jahren, mit 50 habe ich gesagt: Wisst ihr was, jetzt mache ich nur noch diesen Job.
War das für dich ein besonders bedeutender Moment und was bedeutet es dir persönlich, heute von der Musik leben zu können?
Ja, absolut. Musik mache ich eigentlich, seit ich denken kann. Und irgendwann von der Musik leben zu können, Musiker zu sein, das ist so ein Kindheitstraum, den ich mir damit erfüllt habe.
Natürlich gab es viel Gegenwind. Viele haben gesagt: „Das kannst du doch mit 50 nicht mehr machen.“ Aber ich habe mir gedacht: Wenn die Chance da ist, dann mache ich das, egal was andere sagen.
Ich habe es nicht bereut. Gut, während der Pandemie habe ich kurz gezweifelt, aber insgesamt ist das mein Traumjob. Klar, mit eigener Musik wäre es vielleicht noch schöner gewesen, aber ich weiß sehr genau zu schätzen, was ich habe und jeden Moment, den ich auf der Bühne stehen darf.
Für jemanden, der Stahlzeit bis jetzt nicht kennt: Wie würdest du in zwei, drei Sätzen zusammenfassen, wofür ihr steht und was euch von anderen Rammstein-Tribute-Bands unterscheidet?
Es gibt inzwischen viele Rammstein-Tribute-Bands, und jede hat ihre eigene Herangehensweise. Was uns unterscheidet, ist unser Anspruch, nicht nur die Songs zu spielen, sondern dem gesamten künstlerischen Universum von Rammstein musikalisch und visuell zu huldigen, mit eigener Dynamik, eigenen Ideen und echter Bühnenpräsenz. Wir imitieren nicht bloß, sondern interpretieren und durchleben diese Musik, weil wir sie fühlen, nicht nur nachspielen.
Dass wir dabei auch eigene Wege gehen, zeigt unser eigener Jubiläumssong Zwanzig, den wir zur Feier unseres 20-jährigen Bestehens veröffentlicht haben. Mit ihm blicken wir auf die gemeinsame Reise zurück und zeigen, dass Stahlzeit mehr ist als Cover. Es ist eine lebendige Hommage und ein eigenständiges künstlerisches Statement.
Gibt es für dich persönlich eine Grenze, an der es zu viel Rammstein und zu wenig Stahlzeit wäre?
Die Grenze beginnt für mich tatsächlich schon beim Outfit. Wir orientieren uns daran, aber es ist nie eine Eins-zu-eins-Kopie. Es ist eher ein bewusster Mischmasch aus verschiedenen Phasen, sonst müsste ich ja jedes Mal alles komplett ändern.
Spätestens bei solchen Details wie den Haaren hört es für mich auf. Ich komme ursprünglich eher aus dem Mainstream-Rockbereich und hatte früher sehr lange Haare. Für die erste Show habe ich sie mir tatsächlich drei Tage vorher abschneiden lassen, aber irgendwann ist auch gut. Da muss es noch Stahlzeit bleiben.
Als du dich damals entschieden hast, dir für Stahlzeit die Haare zu schneiden, gab es dafür Gegenwind aus deinem persönlichen Umfeld?
Ja, vor allem aus der Familie. Meine Tochter fand das damals gar nicht gut und hat ordentlich gemeckert, heute ist sie allerdings ein großer Fan. Der Haarschnitt war für sie damals schon eine ziemliche Umstellung.
Mir selbst war dabei immer wichtig, dass das Ganze nicht ins Lächerliche kippt. Ich achte sehr darauf, dass es kein Kasperle-Theater wird. Kleidung und Auftreten müssen zu mir und meiner Figur passen und nicht eins zu eins kopiert sein.
Alles bei Rammstein ist exakt auf Till Lindemann zugeschnitten. Wenn man das einfach übernimmt, funktioniert das bei jemand anderem nicht. Für mich ist das ein ständiger Spagat zwischen Tribute und eigener Identität und den versuche ich bewusst zu halten.
Was unterscheidet Stahlzeit für dich persönlich vom reinen Nachspielen, gerade in dem, was auf der Bühne passiert?
Für mich ist entscheidend, dass das, was auf der Bühne passiert, echt ist. Was ich dort tue, meine ich auch, das spüre ich selbst und das spürt auch das Publikum.
Ich glaube, das unterscheidet uns von manch anderen. Wir haben eine starke Energie auf der Bühne, weil wir nichts spielen. Wenn ich auf die Bühne gehe, dann lebe ich das, es ist kein reines Nachmachen.
Eure Shows sind in den letzten Jahren enorm gewachsen, zuletzt auch sichtbar durch den Wechsel von der Columbiahalle ins Tempodrom in Berlin. Wie nehmt ihr in dieser Größenordnung die Erwartungen des Publikums wahr, wenn ihr auf die Bühne geht?
Der Wechsel von der Columbiahalle ins Tempodrom war eine bewusste Entscheidung. Ich liebe die Columbiahalle, aber dort war unsere aktuelle Show einfach nicht mehr umsetzbar. Und gerade dem Berliner Publikum wollten wir diese andere Dimension einmal zeigen, sie haben sich das wirklich verdient.
Ich glaube aber gar nicht, dass es unser Ziel ist, Erwartungen zu erfüllen. Wir wollen den Menschen etwas bieten, diesen kleinen Aha-Moment. Wenn ich von der Bühne aus in begeisterte Gesichter und glänzende Augen schaue, dann weiß ich: Im Moment machen wir alles richtig.
Das ist auch der Punkt, an dem sich der enorme Aufwand lohnt. Wir sind mit einer riesigen Produktion unterwegs, das kostet viel, aber wenn das Publikum diese Details wahrnimmt und spürt, warum wir das machen, dann ist genau das die Bestätigung.
Trotzdem bleibt immer eine Unsicherheit. Von oben ist es manchmal schwer zu sehen, wie alles ankommt. Aber ich glaube schon, dass der Unterschied zwischen einer Columbia-Show und dem Tempodrom sichtbar ist, allein durch die Möglichkeiten, die wir dort haben.
Sind genau solche Momente, in denen man dem Publikum die Reaktion förmlich ansieht, das, worauf ihr mit eurer Show abzielt?
Genau darum geht es. Solche Momente sind bewusst so angelegt, auch wenn sie einen enormen technischen und logistischen Aufwand bedeuten. Wir sind bei unserer großen Show mit vier 40-Tonner Sattelaufliegern unterwegs. Darunter die markanten Scheinwerfer-„Sonnen“, die am Bühnenrand nach oben gefahren werden.
Wenn man dann aber sieht, wie das Publikum reagiert, weiß man, warum man diesen Aufwand betreibt. Gerade bei Open-Air-Shows wird das noch einmal intensiver. Dort arbeiten wir mit Flammen, die man bis ganz nach hinten spürt. Das macht Spaß, weil man den Menschen zeigen kann: Es ist eine Show, die man sehen und fühlen kann.
Musikalisch und gesanglich gehe ich dabei bewusst ab und zu meinen eigenen Weg. Ich habe eine ähnliche Stimme, klar, aber ich singe nicht alles eins zu eins. Für mich ist das eine Huldigung an diese Band, keine Kopie. Und genau so sollte Tribute auch verstanden werden: als Respekt vor dem Original, nicht als Ersatz.
Heißt das für dich, dass solche Gesten und Momente auf der Bühne nur dann stattfinden sollten, wenn sie sich wirklich richtig anfühlen?
Genau das meinte ich mit Kasperle-Theater. Für mich müssen solche Momente aus dem Gefühl heraus entstehen.
Ich mache bestimmte Gesten oder Bewegungen nicht, weil sie erwartet werden oder weil jemand anderes sie genauso gemacht hat, sondern nur dann, wenn ich sie wirklich spüre. Wenn ich merke: Jetzt habe ich Bock, jetzt muss das raus, dann passiert es. Und genau das ist für mich der Unterschied.
Nehmt ihr bei euren Konzerten wahr, dass auch Menschen im Publikum stehen, die über Stahlzeit erst zur Originalband gefunden haben, gerade auch aus jüngeren Generationen?
Ja, das erleben wir tatsächlich immer wieder. Es gibt Menschen, die vorher keinen Zugang zu Rammstein hatten, aber über unsere Shows neugierig geworden sind. Viele schreiben mir danach und sagen: „Ich war vorher kein Fan, aber nach eurem Konzert habe ich mich mit der Originalband beschäftigt und inzwischen alle Alben gehört.“
Oft ist es die visuelle und emotionale Wirkung, die diese Hemmschwelle abbaut. Gerade über eine Tribute-Show trauen sich manche erst heran und entdecken dann, was diese Musik eigentlich ausmacht.
Dass wir so gesehen ein Stück weit dazu beitragen können, macht uns natürlich stolz. Gleichzeitig ist uns immer bewusst: Ohne Rammstein gäbe es Stahlzeit nicht. Deshalb bedanke ich mich am Ende unserer Shows auch ganz bewusst bei ihnen. Ich weiß sehr genau, wem ich das alles zu verdanken habe.
Rammstein-Songs arbeiten oft mit sehr starken, teils provokanten Bildern. Wie geht ihr bei Stahlzeit damit um, diese Inhalte live zu interpretieren, ohne in bloße Provokation oder Kontroversen abzurutschen?
Für mich ist entscheidend, die Songs wirklich zu verstehen. Viele Rammstein-Texte sind deutlich komplexer, als sie auf den ersten Blick wirken. Wenn man sie nur oberflächlich spielt, landet man schnell bei reiner Provokation und das wollen wir vermeiden.
Ein gutes Beispiel dafür ist „Heirate mich“. Der Song wurde lange völlig falsch interpretiert, weil sich kaum jemand ernsthaft mit dem Text beschäftigt hat. Genau deshalb gehört für mich Recherche dazu, um den Liedern gerecht zu werden und sie respektvoll zu interpretieren.
Natürlich gibt es auch Titel, die ganz bewusst plakativ sind. Aber auch dann geht es uns nicht darum zu provozieren, sondern die Songs respektvoll zu interpretieren, als Huldigung an die Band, nicht als Karikatur.
Solch ein Song wäre beispielsweise „Dicke Titten“. Ihr habt ihn bereits live gespielt, noch bevor Rammstein ihn selbst auf die Bühne gebracht haben. Gab es Gründe, genau diesen Titel ins Programm zu nehmen?
Ich fand den Song einfach stark, eine gute Nummer mit einem sehr gelungenen Video. Für mich dachte ich, das sollte live funktionieren, also habe ich gesagt: Machen wir das.
Mich hat ehrlich gesagt überrascht, dass Rammstein den Song selbst nie live gespielt haben. Ich war bei mehreren Shows der letzten Tour und auch bei einer Probeshow dabei und er war nie im Set.
Aber das kennt man ja: Songs werden ausprobiert, und wenn man merkt, dass sie live nicht so funktionieren, verschwinden sie wieder. Das geht uns genauso wie jeder anderen Band.
Nach welchen Kriterien stellt ihr eure Setlist zusammen? Gibt es interne Diskussionen oder persönliche Favoriten und wie stark spielt dabei das Publikum eine Rolle?
Natürlich hat jedes Bandmitglied seine persönlichen Favoriten, ich selbst auch. Aber bei der Setlist geht es am Ende weniger um unseren eigenen Geschmack als um das Publikum.
Ich beobachte die Menschen sehr genau: den Altersdurchschnitt, die Stimmung, die Reaktionen. Viele im Publikum sind jünger oder kennen Rammstein eher über die großen Songs. Tiefere Albumtracks funktionieren live oft nicht, so sehr ich sie persönlich auch liebe.
Wir haben das ausprobiert. Songs, die musikalisch stark sind, aber weniger bekannt, interessieren live oft nur die Hardcore-Fans. Der Großteil will die bekannten Stücke hören. Also muss man diesen Spagat schaffen, zwischen Anspruch und Unterhaltung.
Rammstein können spielen, was sie wollen. Wir müssen dafür sorgen, dass möglichst alle abgeholt werden. Unser Anspruch ist es, den Menschen die bestmögliche Konzertatmosphäre zu bieten.
Ist genau das der Spagat bei eurer Setlist, einerseits die bekannten Songs zu spielen, ohne dabei in ein reines „Best of“ abzurutschen?
Genau das ist der Spagat. Wir wollen vermeiden, dass es nur ein reines Best-of wird, auch für uns selbst soll es spannend bleiben.
Deshalb bauen wir bewusst Momente ein, die dem Ganzen mehr Konzertcharakter geben. Kleine Brüche, besondere Szenen oder Elemente, die nicht nur auf Mitsingen ausgelegt sind.
Natürlich hängt manches auch von äußeren Faktoren ab, manche Showelemente lassen sich nicht immer sofort umsetzen. Aber genau diese Abwechslung ist wichtig, damit es lebendig bleibt.
Heißt das, dass sich ein Stahlzeit-Konzert auch in Zukunft immer wieder verändert und es sich lohnt, erneut vorbeizuschauen?
Ja, definitiv. Die Setlist verändert sich immer wieder, auch wenn bestimmte Songs einfach dazugehören. Die großen Hits bleiben, weil die Leute sie einfach hören wollen.
Ein gutes Beispiel ist „Engel“. Den würde ich mir privat wahrscheinlich nicht mehr anhören, aber live funktioniert er einfach unglaublich gut. Das Publikum trägt diesen Song, und genau deshalb gehört er für uns ins Set.
Diese Energie bekommst du nur im Konzert und genau darum geht es am Ende.
Haben wir euch neugierig gemacht und ihr wollt Stahlzeit selbst erleben? Hier findet ihr die neuesten Tourdaten.
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