Die Arbeiten von Nils Franke kenne ich seit 2016, als wir zusammen im Agra-Café auf dem WGT ausstellten. Leider sind wir uns damals nicht persönlich begegnet. Umso schöner ist es, ihm jetzt ein paar Fragen stellen zu dürfen.
Hallo Nils, schön, dass Du Dir für uns etwas Zeit nimmst. Du bist m. E. nach, ein Künstler, der wahrscheinlich stark polarisiert. Deine Werke sind manchmal düster und traurig. Würdest Du Dich selbst als „Dark-Artist“ beschreiben? Wie würdest Du den Stil bezeichnen, in dem Du arbeitest?
Hallo Dani, schön, dass wir nach all den Jahren nun doch noch miteinander ins Gespräch kommen.
Wenn du meine Arbeiten als polarisierend wahrnimmst, klingt das für mich erst einmal plausibel. Ich nehme das eher mit Humor, denn vermutlich sind sie tatsächlich nichts für jeden. Umso erfreulicher und manchmal auch beruhigend ist die Erfahrung, dass es durchaus einige gibt, die sich darauf einlassen – gerade bei den Fliegenarbeiten überrascht mich das immer wieder.
Inhaltlich bewege ich mich wohl eher auf der dunkleren, melancholischen Seite. Mich interessieren weniger das Leichte oder rein Dekorative als vielmehr eine Art existenzielle Schwere. Viele Motive greifen auf alte Fotografien zurück, häufig auch auf Kinderporträts. Figuren aus vergangener Zeit tragen eine besondere Spannung in sich, vor allem dort, wo Unschuld, Erinnerung und Vergänglichkeit aufeinandertreffen.
Stilistisch fällt mir eine eindeutige Einordnung schwer. In der Malerei bewege ich mich technisch zwischen altmeisterlicher Arbeitsweise und einer Nähe zum Fotorealistischen. Wirklichkeit entsteht für mich über Schichten, Verdichtungen und Überlagerungen, ein Prinzip, das sich auch in meinen Objekten wiederfindet.
Einen festen Stil zu planen lag mir nie besonders. Ich beginne Arbeiten oft sehr unterschiedlich, lasse dem Prozess Raum und vertraue darauf, dass sich am Ende dennoch eine eigene Handschrift zeigt. Vielleicht wirkt meine Arbeit deshalb wie ein fortlaufendes Kuriositätenkabinett: eine Sammlung von Bildern und Objekten, die aus verschiedenen Zeiten zu stammen scheinen und dennoch derselben inneren Logik folgen.
Ich glaube, oder besser gesagt ich wünsche mir, dass meine Arbeiten vor allem Menschen ansprechen, die ungewöhnliche Bilder zu schätzen wissen und bereit sind, sich auf das Rätselhafte einzulassen.
Wie ich gelesen habe, hast Du Malerei und Grafik studiert. War das „Außergewöhnliche“ bereits im Studium Deine Richtung? Dein derzeitiges Hauptsujet oder Hauptmedium sind Ölgemälde, oder? Interessant finde ich Deine Portraitbilder. Deine Kunst hat häufig einen gesellschaftspolitischen, kritischen Hintergrund, wie beispielsweise die Werke BDM (Bärtiges Deutsches Mädel), HJ (Hübscher Junge), Ohne Tadel, Das letzte Mahl oder Schindluder. Wie kommst Du auf Deine Motive? Erzähl gern etwas über diese Arbeiten.
Ja, ich habe Malerei und Grafik an der HGB Leipzig studiert und anschließend mein Meisterschülerstudium an der HfBK Dresden absolviert. Während des Studiums habe ich früh gemerkt, dass mich Randthemen, das Abseitige und auch Tabus interessieren. Das Gewöhnliche oder gerade Angesagte hat mich selten gereizt.
Die Ölmalerei ist bis heute mein zentrales Medium, weil sie eine Tiefe und Komplexität erlaubt, die ich in keiner anderen Maltechnik finde. Sie braucht Zeit, sie reagiert auf Licht, auf Nähe und auf Geduld.
Mich ziehen vor allem Menschen an. Gesichter tragen unglaublich viel in sich: Erinnerung, Prägung, Spannung, manchmal auch etwas Unausgesprochenes. Ein gutes Porträt zu malen empfinde ich als eine der intensivsten Aufgaben überhaupt. Wenn es gelingt, entsteht etwas, das mehr ist als eine bloße Abbildung. Fast etwas Lebendiges.
Das wird besonders spürbar, wenn man einem Gemälde tatsächlich gegenübersteht. Vor einem Ölgemälde merkt man sehr schnell, dass es sich nicht wirklich ersetzen lässt. Kein Foto, keine Reproduktion kann diese Präsenz einfangen. Es ist ein bisschen wie bei einem echten Menschen: Man kann ihn abbilden, aber man muss ihm gegenüberstehen, um ihn wirklich wahrzunehmen.
Viele Motive entstehen aus historischen Fotografien, Wortspielen oder gesellschaftlichen Beobachtungen. Serien wie BDM (Bärtiges Deutsches Mädel) oder HJ (Hübscher Junge) arbeiten mit ironischen Verschiebungen innerhalb klar historischer Bezüge. Mich interessiert dabei, wie stark Bilder von Erwartungen geprägt sind, von Geschlechterrollen, von Idealen, von Projektionen. Die Auseinandersetzung mit Texten wie Klaus Theweleits Männerphantasien hat diesen Blick sicherlich geschärft, ohne dass es mir um eine direkte Illustration geht.
Andere Arbeiten sind deutlich stiller und ernster angelegt. Das letzte Mahl verhandelt Abschied, ohne ihn auszusprechen, einen Moment, der rückblickend schwerer wiegt, als er im Augenblick selbst erscheint. Ohne Tadel und Schindluder greifen die frühe Fotografie auf, ihre Strenge und ihren gesellschaftlichen Drill. Kinder, die funktionieren, die sich präsentieren müssen, die zugleich etwas Groteskes entwickeln. Heute mag das stellenweise fast humorvoll wirken, doch unter der Oberfläche bleibt ein Unbehagen, das mich interessiert.

Gibt es ein Thema, welches Dich gerade aktuell beschäftigt?
Ja, tatsächlich. Im Moment beschäftigt mich Yggdrasil – eine Arbeit, die für mich fast wie ein neues Kapitel ist. Es bewegt sich zwischen Symbol, Mythos und Zerfall, eine Spurensuche nach dem, was bleibt, wenn Formen, Systeme und Glaubenssätze brüchig werden. Das Thema taucht in unterschiedlichen Formen wieder auf: in Gemälden, Skulpturen und auch in Objekten mit Fliegen. Für mich wird es weniger ein abgeschlossenes Werk sein, sondern mehr ein lebendiges Experiment, das in unterschiedlichen Formen auftaucht und Fragen stellt.
Du arbeitest mit verschiedenen Medien und hast ein Faible für makabre Dinge, wie ich festgestellt habe. Was war Deine Intention für die Kunstwerke und Objekte aus Fliegen? Manche Menschen würden das wahrscheinlich als ekelig, fragwürdig oder absurd bezeichnen. Wie kommt man auf Insekten? Gibt es da ein Erlebnis oder eine Symbolik dahinter oder hat es eine religiöse Bedeutung? Man kennt ja viele Interpretationen der „Fliege in der Kunst“. Oder wolltest Du nur vermeintlich ekligen Dingen „Schönheit“ und Akzeptanz verleihen?
Fliegen ziehen mich an, weil sie Gegensätze in sich vereinen. Sie stehen für Verfall und Endlichkeit und besitzen zugleich eine fragile Schönheit, die man erst erkennt, wenn man genauer hinsieht. Ihre Flügel wirken beinahe ornamental, im Licht schimmern sie wie etwas Kostbares – ein Widerspruch, der mich nicht loslässt.
Als Motiv bewegen sich Fliegen für mich zwischen Tod und Beharrlichkeit. Sie sind allgegenwärtig, widerständig, kaum auszurotten. In meinen Objekten geht es nicht darum, das Abstoßende zu entschärfen, sondern ihm Raum zu geben, in dem Schönheit, Irritation und Bedeutung zugleich spürbar werden.
Im Rückblick hat diese Faszination sicher auch damit zu tun, dass mich die Auseinandersetzung mit Ekel schon seit dem Studium begleitet. Seine Ambivalenz, dieses gleichzeitige Anziehen und Abstoßen, bildet einen wichtigen Hintergrund für meine Arbeit mit Fliegen und anderen vermeintlich makaberen Dingen.

Was sich vielleicht viele an dieser Stelle fragen: Wie lange dauert es, so viele Fliegen zusammen zu bekommen?
Ich glaube, dass würde meinen Zeitrahmen komplett sprengen. Ich sammele die Fliegen nicht zufällig, sondern züchte sie selbst. Wichtig ist mir dabei: Ich töte sie nie, sondern füttere sie, bis sie eines natürlichen Todes sterben. Je länger sie leben und je mehr Licht sie abbekommen, desto intensiver werden ihre Farben. Untergebracht sind sie in einer großzügigen, mit Fliegengitter bespannten Konstruktion aus Holz – eher ein kleines Habitat als ein Käfig – in meinem Atelier. Ich beobachte sie gerne, wobei ich nicht immer sicher bin, wer wen im Blick hat.
(Anm. d. Red.: Wow!)
Du hast auch schon mit „künstlicher Intelligenz“ experimentiert. Ich denke da gerade an „Melancholy of Darkness“ oder „Spiegelbilder des Selbst“. Ist das ein neuer Weg in Sachen Kunst oder eine Art Selbstreflexion?
Ja, ich denke, man kann das durchaus als eine Form der Selbstreflexion betrachten. Für mich ist die Arbeit mit KI weniger ein neuer künstlerischer Weg als vielmehr ein Experimentierfeld. Ich nutze sie, um Gedanken, philosophische und religiöse Fragestellungen, biografische Elemente und utopische Ideen in einer gemeinsamen Bildsprache zusammenzuführen.
Die dabei entstehenden Bilder stehen nicht wie meine analogen Arbeiten für sich allein, s0ondern funktionieren eher als Illustrationen innerhalb eines größeren Denk- und Schreibprozesses. Mich interessiert, wie die KI Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen diesen unterschiedlichen Ebenen erkennt, neu kombiniert und mir meine eigenen Gedanken aus einer Art Metaebene zurückspiegelt.
In gewisser Weise ist es der Versuch, meine eigenen Ideen zu ordnen oder neu zu strukturieren und dabei möglicherweise Aspekte sichtbar zu machen, die mir zuvor nicht bewusst waren.
Eine Herausforderung besteht darin, ein gesundes Gleichgewicht zwischen dem öffentlichen Leben, der Kunstwelt und dem privaten Raum zu finden. Gibt es da noch Zeit für Hobbys?
Mein Alltag ist stark strukturiert, nicht zuletzt durch meine Kinder. Das erdet vieles ganz automatisch. Kunst ist für mich kein klar abgegrenzter Bereich, der irgendwo neben dem Leben stattfindet, sondern etwas, das permanent mitläuft. Ideen notiere ich mir fortlaufend, egal ob ich im Atelier bin oder nicht.
Zeit für klassische Hobbys im engeren Sinn ist begrenzt, aber Musik machen spielt nach wie vor eine wichtige Rolle und lässt sich manchmal ganz gut in meine Arbeit integrieren. Auch Sport gehört dazu, vor allem um den Kopf freizubekommen.
In der Kunstwelt bin ich heute vermutlich weniger präsent als früher. Das liegt vor allem daran, dass ich meine Zeit eher im Atelier verbringe, als von Ausstellung zu Ausstellung zu gehen. Manchmal denke ich, ich sollte mich wieder öfter blicken lassen – aber im Moment ist das Atelier der Ort, an dem für mich am meisten passiert.
Man sieht Deine Arbeiten in den sozialen Netzwerken und auf Deiner Website. Sind auch wieder Ausstellungen geplant?
In den vergangenen Jahren hat sich mein Fokus zeitweise stärker ins Private verschoben, was sich natürlich auch auf Sichtbarkeit und Ausstellungen ausgewirkt hat. Diese Phase war bewusst gewählt und ist inzwischen abgeschlossen.
Aktuell arbeite ich wieder kontinuierlich im Atelier. Mehrere neue Arbeiten und Werkgruppen sind in Vorbereitung oder kurz vor dem Abschluss. Ein Teil davon wird bewusst noch nicht online gezeigt, da ich sie zuerst im Ausstellungszusammenhang sehen möchte.
Konkrete Termine stehen noch nicht fest, aber neue Ausstellungen sind geplant und werden folgen, sobald die aktuellen Arbeiten abgeschlossen sind.

Vielen lieben Dank, Nils!
Sehr gern. Danke für das Gespräch, Dani.
Links:
www.nilsfranke.com
www.instagram.com/niiilsfranke
www.instagram.com/niiilsfranke_ai
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