Interview mit dem Fotografen und Steampunk-Designer Alexander Schlesier („Skulls n Gears“)

Alex Schlesier

Alexander Schlesier ist euch vielleicht durch seine wunderbaren stimmungsvollen Konzertfotografien bekannt. Aber er hat noch eine viel größere Leidenschaft, die ich euch hier vorstellen möchte – die faszinierende kreative Welt des „Steampunk″- Retrofuturismus.

Hi Alex, schön, das Du Dir die Zeit nimmst, ein paar Fragen für uns zu beantworten. Als ich das erste mal in den sozialen Netzwerken von Dir gelesen hab, war ich sofort beeindruckt vom Equipment, was Du damals (vor über 10 Jahren) bereits entworfen hattest. Vielleicht kannst Du uns eingangs mit einfachen Worten kurz erklären, was Du unter „Steampunk″ (SP) verstehst.

Steampunk sollte man als eine Art Ästhetik verstehen, welche Elemente aus den Bereichen Fantasy, Science Fiction und unserer aktuellen Gesellschaft mit der viktorianischen Industriekultur vereint. Die Wurzeln dessen finden wir in den Romanen eines Jules Verne oder auch eines H.G. Wells. Diese Autoren schrieben ihre futuristischen Werke während der Blütezeit der Dampfmaschine und zu Beginn der Industrialisierung. Die visuelle Ästhetik dieser Geschichten aufgreifend, untermauert mit Einflüssen des viktorianischen Zeitalters, hat sich das Genre ab den 80er Jahren bis heute zu einer Kunstrichtung entwickelt, die sich in alle Bereiche verästelt. So baue ich beispielsweise Kunstobjekte, angelehnt an die Ästhetik dieser Zeit, kombiniert mit teils moderner Technik von heute.

Weißt Du, warum es „Punk″ heißt? Kann man diese Subkultur auch politisch betrachten – als eine Art Flucht oder Provokation?

Ich verstehe das weder als Flucht noch als Provokation. Für mich ist es vielmehr eine Variante, eine Bereicherung und ein Gegenpol zu allem, was uns sonst so im Alltag umgibt. Natürlich ist es auch ein Stück weit Kritik an unserer heutigen Wegwerfgesellschaft. Kritik an Massenkonsum, Schnelllebigkeit, zunehmender Verdigitalisierung und an dem Schwund von Fantasie, Wertigkeit sowie der Wertschätzung von Handwerk und Qualität.

Du bist ja Event-Fotograf und daher viel auf Veranstaltungen, wie dem WGT, Feuertanz Festival oder M’era Luna unterwegs. Im SP geht es vielen darum, ihre Sachen der Öffentlichkeit zu präsentieren und Ideen zu teilen. Du stehst sozusagen vor und hinter der Kamera. Manchen „Steampunkern″ geht es einfach nur um das Foto-Shooting, andere möchten ihre selbst genähten viktorianischen Gewänder tragen, wiederum andere beschäftigen sich mit ökonomischen Themen, wie beispielsweise dem Upcycling. Ist es eine Art gelebte Utopie? Wann und wie bist Du zum SP gekommen und was bedeutet dieses Subgenre für Dich?

Für mich ist es keine Utopie, sondern eine Bereicherung der Realität. Schließlich geht es darum, sich, sein Umfeld und sein Leben so zu gestalten, dass man sich damit wohl fühlt. Ich verstehe auch das Schubladendenken nicht. Vieles von dem, was ich mache, passt gut in das Genre. Aber nicht alles. Manches ist auch eher post-apokalyptisch, ans Mittelalter angelehnt oder einfach nur schräg und schwer klassifizierbar. Ich muss schließlich damit auch keine Kundenwünsche erfüllen oder mich einer Norm unterordnen. Ich bin gänzlich frei in dem, was ich tue, und es muss letztlich nur mir gefallen und ich muss selbst Spaß daran haben. Ich bin seit fast 30 Jahren in der Gothic-, Metal- und Mittelalterschiene unterwegs, besuche jährlich zahlreiche Konzerte und Festivals und bin ursprünglich auch über diese zu dem Genre gekommen. Ich begann mich dafür zu interessieren, als die ersten selbst kreierten Outfits mit kleinen mechanischen Accessoires auf dem Viktorianischen Picknick beim WGT auftauchten. Als man damals den Begriff Steampunk googelte, fand man ausschließlich coole, selbst gebaute Gadgets und Outfits. Ich hab mir dann ein Outfit fürs nächste WGT gebaut, dieses auch getragen und dabei gemerkt, dass mir das Bauen eigentlich noch mehr Spaß macht als das Tragen. Ich hab dann Uhren gebastelt, kleinere Objekte gebaut, Lampen, etc. und in den darauffolgenden Jahren ist das alles etwas ausgeufert.

Du bist Dipl. Designer, aber auch „Steampunk-Artist″- wie Du Dich selbst nennst. Was kann man sich unter „Steampunk-Artwork″ vorstellen? Sind das digitale Collagen oder Objektkunst? Kann man diese auch käuflich erwerben? Kann/oder sollte man Design und Kunst trennen, oder gehören diese Deiner Meinung nach zusammen?

Wenn man kreativ ist, ist man das, glaube ich, in allen Bereichen und es lässt sich nicht auf ein Thema oder etwas bestimmtes begrenzen. Zumindest bei mir nicht. Sowohl für Design, als auch für die freien Künste sind Fantasie und Kreativität ja die Ausgangsbasis. Mein Interessenspektrum ist recht vielseitig, und wenn ich mich zu lang mit nur einer Sache beschäftige, langweilt mich das schnell. Ich switche auch zwischen Themen und Projekten. Es gibt Phasen, da stehe ich in der Werkstatt und baue irgendwelche Objekte, da ich gerade eine Idee hatte oder einfach nur, um mal abzuschalten. Schließlich hat es auch etwas Meditatives, wenn man in der Werkstatt, fokussiert auf nur eine Sache, konzentriert an etwas arbeitet und alles andere ausblenden kann. Dann gibt es Zeiten, da baue ich kaum oder wenig und fotografiere mehr. Manchmal für Bands oder Kunden, meist aber auch für mich selbst. Konzerte und Festivals fotografiere ich ganz gern, mache aber auch mal ein Bandshooting oder Pressebilder für Subway oder andere. Ich reise aber auch gern und hab schon immer alte Fahrzeuge gehabt und bin mit Wohnmobilen unterwegs gewesen. 20 Jahre war ein alter T3 mein Alltagsfahrzeug. Dann kamen in den letzten Jahren noch zwei Oldtimer LKWs dazu, die ich zu Womos ausgebaut habe. Auch hier lässt sich meine Sympathie für Altes und Objekte, die eine Geschichte haben, nicht leugnen. Vor zwei Jahren kam dann noch das Hausprojekt dazu, als ich mir im Vogtland eine alte Wassermühle von 1513 gekauft habe, die ich aktuell bewohne und ausbaue.

Primär baue ich die Sachen für mich, da es mir wie gesagt um den Prozess des Schaffens und die damit verbundene Freiheit geht. Auftragsarbeiten nehme ich eher selten an und nur, wenn ich es zeitlich gut eintakten und mich auch damit identifizieren kann. Aber natürlich muss auch manchmal wieder etwas Geld reinkommen, um Unkosten zu decken, daher wird auch mal etwas verkauft oder speziell für jemanden etwas angefertigt. Auch verleihe ich Objekte als Requisite für Shootings und Filmaufnahmen, biete selbst Shootings an und baue den Scheunenbereich meiner Mühle gerade als Mietstudio für Foto- und Filmaufnahmen aus. Auch kann ich auf Messen und Events mal einen Ausstellungsstand hinstellen oder Walking Acts in Klamotte über ein Event schicken.

Ich finde, dass Du nicht nur ein großartiger Künstler bist, sondern auch einer, der SP richtig lebt. Für Dich ist daraus eine Art „Lifestyle″ geworden – kann man das so beschreiben? Dein eigenes Haus ist zum Großteil mit SP-Unikaten („Kunstwerken″) eingerichtet. Wie „lebt″ man da? Erzähl uns gern davon.

Ich weiß nicht, wann ich das letzte mal in einem Einrichtungshaus wie IKEA war, das ist vermutlich 20 Jahre her. Ich habe nur alte Möbel, die teils über 100 Jahre alt sind. Auch sonst kaufe ich fast alles nur gebraucht, hole Material vom Schrott oder Sperrmüll oder aus der Caritas, repariere Sachen oder gebe ihnen eine neue Funktion. Fast alles, was ich verwende und besitze, hat ein Leben hinter sich, eine Geschichte zu erzählen und vermittelt etwas Lebendigkeit. Wenn ich mit Holz arbeite oder mit Eisen, Leder, Messing, etc., dann sind das für mich lebendige Materialien. Ein Ikea-Pressspan-Schrank hingegen ist tot, ebenso ein Stück Plastik.

Du vermietest unter anderem auch Gebrauchsgegenstände, Kleidung und Accessoires als Requisiten. Wie findest Du eigentlich Deine Inspirationen?

Ich habe ständig Ideen, weit mehr, als ich jemals umsetzen könnte. Und bei allem, was mir alltäglich begegnet, kommen neue hinzu. Ich hab mehr Kreativität in mir, als ich ausleben kann, das ist mitunter etwas frustrierend. Der limitierende Faktor dabei ist in erster Linie Zeit, gefolgt von Geld und Platz.

Apropos Kunst, AI-generierte Bilder tauchen mehr und mehr in unserem Alltag auf. Für Fotografen kann AI Fluch und Segen zugleich sein. Wie ist Deine Meinung zu dem Thema?

Es ist ein schwieriges Thema. Bereits als das vor ein paar Jahren aufkam, war das Drama absehbar. Ich empfinde es als Schlag ins Gesicht für jeden kreativen Menschen und halte es auch für sehr problematisch in Bezug auf Glaubwürdigkeit und Authentizität. Viele Kreativler werden ihre Arbeit verlieren, das Netz wird bereits überschwemmt von schlechten KI Bildern und Videos. Jeder Depp kann mit irgendeinem Prompt in Sekunden Content erzeugen und letztlich weiß keiner mehr, was echt oder was fake ist. Lug und Betrug wird ein weiteres Werkzeug in die Hand gelegt, um Wahrheiten zu verfälschen und Leute zu verarschen.

Sicher wird man mit KI auch viele sinnvolle Dinge tun können, sie könnte Wirtschaft und Gesellschaft bereichern. Aber sind wir doch mal ehrlich, unsere Gesellschaft ist so verblödet, dass sie damit überhaupt nicht sinnvoll und verantwortungsbewusst umgehen kann. Wenn man sich heute umschaut, hat man den Eindruck, dass unser Untergang quasi besiegelt ist, fragt sich nur, ob durch künstliche Intelligenz oder natürliche Dummheit.

SP hat mittlerweile viele Unterkategorien bekommen, so scheint es. Man sieht zunehmend auf Events Diesel-, Bio-, Atom- oder auch Tesla- oder Solarpunks, natürlich Cyberpunks oder „Endzeitler″ – um nur einige zu nennen. Man hat das Gefühl, die Science Fiction-Szenerie wird größer. Hast Du das Gefühl, dass die SP-Community kleiner wird oder gehört für Dich alles zusammen?

Für mich sind alle Subgenres eine einzige dunkelbunte Community. Völlig egal, wie man es bezeichnet, letztlich ist alles ein Stück Individualität, etwas Abgrenzung vom Mainstream; von der Gleichgültigkeit der Gesellschaft. Ich befürworte grundsätzlich alles, was dazu beiträgt, die Fantasie in uns zu beflügeln, egal, welchen Namen es trägt. Am Beispiel des WGTs sieht man, wie friedvoll alles zusammen findet und nebeneinander existiert.

Die Zeit um 1800 war ja eigentlich nicht gerade positiv in mancherlei Hinsicht. Auch Endzeit oder Cyberpunk sind eher Genres, die geprägt sind von Dystopien und düsteren Szenarien. Wie erklärst Du Dir diese „Romantisierung″?

Ich romantisiere gar nichts. Im Gegenteil. Ich spiele eher mit der dunklen Seite der Dinge, mit Themen, die heute oft tabuisiert oder aus unserer Gesellschaft verdrängt werden. Wer beschäftigt sich denn heut gern mit dem Tod, mit Krankheit, mit Depression, mit Schmerz oder generell dem Hinterfragen von Dingen? Es wird alles weichgespült, ignoriert, verdrängt, schön geredet. Viele meiner Arbeiten greifen diese Themen auf, spielen damit, insbesondere mit der Fantasie des Betrachters. Denn letztlich passiert alles im Kopf. Beim Lesen eines Buches geben die Zeilen zwar die Story vor, das eigentliche und die Bilder dazu passieren jedoch im Kopf. So ist es auch beim Betrachten von Kunst oder meiner Objekte. Nicht das Objekt ist schräg, sondern die Assoziation des Betrachters.

Ich bin ohnehin der Meinung, dass in unserer Gesellschaft die falschen behandelt werden…

Welche abschließenden Tipps kannst Du den Lesern empfehlen, für die dieses Thema noch Neuland ist?

Generell kann ich empfehlen, wie bei allem anderen im Leben durchaus etwas kritisch und wählerisch zu sein. Eine Plastik-Maske aus dem Tedi mit aufgeklebten Zahnrädchen oder ein Karnevalskostüm haben wenig mit dem Grundgedanken des Steampunk zu tun. Das ist nur eine Kommerz-Scheisse und das Gegenteil von „Punk“. Seid kreativ, baut selbst irgendwas, seid erfinderisch, neugierig und lasst Euch inspirieren…

Wer selbst kreativ ist und sich vernetzwerkeln möchte oder wer eine abgefahrene Shooting-Location nebst Requisite sucht, darf sich gern melden!

Vielen Dank, Alex!

 

Links: 

www.skulls-n-gears.com
www.facebook.com/SteampunkArtwork
www.facebook.com/skullsngearsphotos
www.instagram.com/photography_skulls.n.gears

 

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