Heute möchte ich euch einen Künstler vorstellen, der mich aufgrund seiner Herkunft und der damit verbundenen Kultur und Mythologie neugierig gemacht hat. Jorge Humberto Tapia Perez kommt ursprünglich aus Mexiko. Er arbeitet hauptberuflich als Neurochirurg im schönen Unterfranken. Nebenbei widmet er sich der Kunst.
Hallo Herr Dr. Tapia Perez, schön, dass Sie uns Ihre Arbeit vorstellen möchten. Ich finde diese sehr interessant. Die Ölgemälde drehen sich oft um das Leben, die Liebe und den Tod. Was ist im Allgemeinen Ihre Intention als Künstler?
Jahrelang habe ich in verschiedenen Lebenssituationen für mich und meine Familie Gemälde und Figuren geschaffen. Erst, als ich begann, meine Werke öffentlich zu zeigen, stellte ich mir die Frage nach meiner Intention bewusst. Dabei erkannte ich, dass Kunst Menschen verbindet.
Sie eröffnet uns neue Perspektiven und gibt Antworten auf existentielle Fragen. Kunst kommuniziert jenseits der Sprache – auf einer Ebene, die alle Menschen verstehen können. Meine Intention ist es, Menschen zusammen zu bringen und öffentliche Diskussionen über gesellschaftlich relevante Themen anzustoßen.
Hat die Kunst Sie schon immer begleitet?
Ja, eindeutig! Seit meiner Kindheit war ich ständig von Kunst umgeben. In der Schule wurde meine Kreativität gefördert, und ich durfte verschiedene Techniken ausprobieren. Mit zwölf Jahren besuchte ich regelmäßig Kunstkurse und zwischen der 7. und 9. Klasse war ich im Fach Kunst sehr engagiert.
Vor meinem Abitur erhielt ich sogar zwei Aufträge vom Bildungsministerium für lokale Feierlichkeiten.
Während meines Medizinstudiums nutzte ich Kunst, um Anatomie und Chirurgie besser zu verstehen. Als ich nach Deutschland kam, geriet die Kunst zunächst in den Hintergrund. Erst eine schwere Lebenskrise führte mich zurück zu ihr – und seither blüht meine künstlerische Arbeit wieder auf.
Mir ist eine Serie besonders aufgefallen: „Día de Muertos“. Erzählen Sie gern etwas darüber.
Das ist eines meiner Lieblingsthemen. In Mexiko ist der „Tag der Toten“ eine der wichtigsten Feierlichkeiten. Die Serie entstand nach Gesprächen mit dem Verein der Lateinamerikaner in Schweinfurt (Panamericanos e.V.).
Ich wollte zeigen, wie in meiner Kultur mit dem Tod umgegangen wird – offen, liebevoll und mit Respekt. In meinem Beruf habe ich erlebt, dass der Tod in Deutschland oft tabuisiert wird. Mit dieser Serie wollte ich zeigen, welchen Wert der Tod im Kreislauf des Lebens hat.
In der Kunst wird Religion oft thematisiert. Beim Recherchieren habe ich gelesen, dass Sie in Ihren Gemälden unter anderem „den Tod würdigen“. Sie gehen sogar so weit, dass Sie sagen: „Den Tod abzulehnen ist ein Akt der Arroganz und Selbstsucht.“ Wie ist das zu verstehen? Für viele Menschen bedeutet der Tod einfach nur das Ende des Lebens.
Ja, sicher kann man das einfach als das Ende des Lebens betrachten und sich eine religiöse Erklärung aneignen. Ich gehe allerdings mit meinen Ansichten etwas weiter und ziehe daraus pragmatische Konsequenzen für das Leben. Mir geht es nicht um die Verehrung des Todes als solchen, oder um Trost zu finden. Wichtig ist mir, dass wir uns mit unserer Existenz und unserem Sterben auseinandersetzen. Leben und Tod sind wie Tag und Nacht, sie gehören zusammen. Stellen Sie sich vor, keine Nacht zu haben, das kann nicht funktionieren. Das Leben ist ein Zyklus. Wenn wir alle anstreben würden, unsterblich zu sein, wäre der Sinn des Lebens verloren und damit auch unser Menschsein. Abgesehen von sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Folgen. Es ist nicht nur meine Meinung, das können wir in der Philosophie nachvollziehen, wie bei Heidegger, Cicero oder Octavio Paz. Wegen meiner kulturellen Prägung und aus meiner Erfahrung als Arzt, sowie aus meiner künstlerischen Arbeit, bin ich auf verschiedene Schlussfolgerungen gekommen: Das Unbekannte ist unvermeidlich (spätestens beim Sterben!), das Vergangene bleibt hinter, wie wir leben ist wichtiger als die Länge, und die Verbindung mit unseren Vorfahren, unseren Wurzeln in Zeit und Raum ist eine Quelle der Erkenntnis.
Wir sollen unsere Stelle als Teil eines Zyklus wieder erkennen. Die Natur existiert nicht nur für unsere Bedürfnisse, sondern dass wir zusammen mit der Natur ein großes Konstrukt bilden und wir eine Verantwortung tragen. Wenn wir unsere Endlichkeit akzeptieren und die Natur nicht nur als ein Produkt sehen, könnten wir mit den Ressourcen und Mitmenschen anders umgehen. Deshalb meine ich tatsächlich, dass wir mit Arroganz und Selbstsucht dem Tod begegnen, weil wir Gott spielen wollen und über den Tod siegen und die Natur bestimmen. Ich sehe auch eine gewiesene Verbindung mit dem Verlust der Empathie und Unfähigkeit zu lieben. Eine selbstsüchtige und arrogante Person ist wenig fähig zu lieben, zu geben.
Nur, wer seine Vergänglichkeit annimmt, kann empathisch, achtsam und liebevoll leben. Wenn ich weiß, dass meine Zeit begrenzt ist, will ich mehr Schönes schaffen – oder, wie der Dichter Nezahualcoyotl sagte: „Ich möchte mehr Blumen und Lieder hinterlassen.“
Gibt es da einen Zusammenhang zwischen der Kunst, Kultur und dem Interesse für Medizin?
Vielleicht war es nicht so klar für mich, als ich die Entscheidung getroffen habe. Über die Jahre kann ich doch einen großen Zusammenhang feststellen. Wir schon erwähnt, habe ich die Kunst zum Lernen benutzt. Beim Medizinstudium sind auch einige Sachen vorgekommen, was meine Affinität für die Kunst verstärkte. Erst gab es mehrere Professoren, die das Vermitteln des Wissens der medizinischen Fächer mit Kunst kombinierten. Andere waren der Meinung: jemand, der nur über medizinisches Wissen Bescheid weiß, weiß eigentlich nichts. In meiner medizinischen Fakultät wurde uns nach dem älteren Glauben Medizin gelehrt, dass ein guter Arzt nicht nur ein Wissenschaftler, sondern auch ein Künstler sei. Die Kunst der guten Medizin liegt nicht nur am biologischen, mechanischen Verständnis des Körpers, sondern auch an den begleitenden Phänomenen. Die Emotionen und Gefühle des Menschen sowie seine Umgebung müssen berücksichtigt werden.
Auch der „Liebe“ haben Sie eine Reihe gewidmet. Man sagt, in einem Gemälde steckt immer ein Stück der Künstlerseele. Woher nehmen Sie all Ihre Ideen und Inspirationen? Sind das eigene Erfahrungen oder spielen Beobachtungen, vielleicht auch Filme oder Literatur mit hinein?
Oh ja, auf jeden Fall. Meine Bilder über Liebe sind tatsächlich von eigenen Erfahrungen inspiriert, welche aus Gesprächen und literarischen Texten noch genährt werden. Ich durfte in den letzten Jahren so viele Sachen durchmachen, beziehungsweise erleben. Insofern hat die Kunst mir geholfen, mit Schmerzen und schweren Situationen umzugehen.
Ihre Arbeiten kann man unter anderem auf Ausstellungen und in den sozialen Netzwerken bewundern. Sie halten auch Vorträge. Sind neue Projekte oder Ausstellungen geplant?
Ja, viele. Ich möchte mit Menschen in Kontakt treten, wichtige Themen diskutieren und vor allem eine soziale Bewegung anregen. Es ist sehr interessant, wie das Ganze eine eigene Dynamik annimmt. Am 8. November lese ich bei einer digitalen Ausstellung mexikanische Gedichte zu meinen Werken.
Ich leite das Projekt Community Art: Demokratie leben, welches mehrere Künstler und Vereine der Region einschließt. Im Rahmen des Projekts werden wir im November eine Aufstellung in einem Einkaufszentrum geben und für das kommende Jahr sind weitere Orte geplant.
Außerdem arbeite ich mit zwei Galerien und meine Arbeiten können im Dezember in München gesehen werden, oder nächstes Jahr in China.
Noch in diesem Jahr halte ich einen Vortrag am 20.11. über das Thema Schmerz und Kunst und im Januar geht es um den Wert des Todes, das entstand in Kooperation mit der Stadtbücherei.
Kunst schafft Integration, Sie sind sozial sehr engagiert, hab ich gesehen, und sogar Integrationsbeirat der Stadt Schweinfurt, richtig?
Das ist richtig. Ich wurde letztes Jahr Mitglied des Integrationsbeirats der Stadt Schweinfurt. Der Verein Panamericanos sprach mich an, ob ich das machen würde, und ich nahm die Aufgabe an. Vorher hatte ich mich schon mit dem Thema Integration beschäftigt, weil es mich persönlich und meine Familie stark bewegt. Ich bin fest überzeugt, dass wir mit Kunst mehr Integrationsarbeit erreichen, als durch viele politische Programme. Dieses Jahr durfte ich bereits in mehreren Aktionen gute Erfahrungen sammeln, zuletzt organisierte ich im September einen Kunstbasar mit einem mehr als fünfzigprozentigen Anteil an Künstlern mit Migrationserfahrung. Die Aktion hat ein großes Echo in der Gesellschaft hinterlassen.
Kunst ist auch ein Instrument der Kommunikation. Gibt es ein Thema, das Sie aktuell beschäftigt?
Kunst ist eine Kommunikationsart, sie holt uns auf anderer Ebene ab. Mich beschäftigt die politische Lage und die Rolle der Kunst in unserer Gesellschaft. Aus meinem Heimatland kenne ich einen anderen Umgang mit der Kunst. Für mich hat die Kunst eine starke Wirkung auf die Meinung der Menschen und kann die Inklusion verschiedener Gruppen der Gesellschaft beeinflussen. Ich denke, dass die Kunst für alle zugänglich sein sollte und auch, wenn möglich, alle erreichen. Ich glaube auch, dass der Markt die Kunst momentan bedrängt. Ich habe den Eindruck, die Form sei wichtiger als der Inhalt geworden (um Agamben hier zu folgen). Auch bringen mich die technologischen Entwicklungen zum Nachdenken über die Notwendigkeit von mehr Menschlichkeit in der Kunst.
Zum Schluss vielleicht noch die Frage, würden Sie persönlich Ihre Kunstwerke zur „Dark Art“ zuordnen oder nicht, und warum?
Schwierige Frage, das ist Betrachtungssache. Ich habe mich zur Dark Art bekannt, weil ich bemerkt habe, dass man in Europa und in den westlichen Ländern mit dem Tod und ähnlichen Themen anders umgeht. Ich finde, dass Dark Art nicht ganz verstanden wird. Das war auch der Grund für meinen Eintritt in die internationale Kunstbewegung DARK ART. Die Kraft der Dunkelseite des Lebens und des Universums werden durch einen für mich manchmal toxischen Hyperpositivismus überschattet. Hier stehen wir wieder am Anfang, Leben und Tod gehören zusammen und ebenso die Dunkelheit und die Helligkeit. Ich muss ehrlich sagen, wenn ich in meinem Heimatland wäre, wäre ich wahrscheinlich der „Arte Popular“ oder dem „magischen Realismus“ zugeordnet. Mein Wunsch wäre eigentlich, dass sich eine neue Denkweise hier in Europa entwickelt. Vielleicht finden wir einen neuen Weg, wo sich Dark Art, Magischer Realismus und Arte Popular treffen. Wir brauchen dringend eine andere Art von Kunst, die uns als Menschen wieder verbindet und menschlicher werden lässt. Ein Kunstwerk sollte nicht nur schön sein, sondern vor allem provozieren und zum Nachdenken anregen.
Vielen Dank, Dr. Tapia Perez, dass Sie sich die Zeit genommen haben, die Fragen zu beantworten!
Links:
https://darkartmovement.com/jorge-humberto-tapia-perez/
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