Und wieder einmal war es wieder so weit und es zog uns zu den letzten Möglichkeiten, noch einmal die Posthalle in Würzburg zu besuchen. Denn hier wurde als eines der letzten Konzerte, zumindest vorerst (wir beten dafür, dass es weitergeht mit unserer geliebten Posthalle), noch einmal ein richtiges Highlight geboten. Denn niemand Geringeres als Tarja Soile Susanna Turunen Cabuli, die ehemalige Sängerin, mit der Nightwish weltweit erfolgreich wurde, besuchte Würzburg auf der Tour mit ihrem eigenen, seit 2006 existierenden Projekt. Nun, dies ist jetzt nicht das erste mal, dass man sie in Würzburg besuchen kann. Bereits im Jahr 2022 beglückte sie uns mit einem Weihnachtsprogramm in der Johanneskirche. Doch sollte sich ein erneuter Besuch nicht unbedingt als „kenn ich schon“ anfühlen, denn diesmal war ein völlig anderes Programm geboten. Nicht mehr still und sinnlich, wie man es im Dezember gerne ist, nein, mit Pauken und Trompeten und einem Best-of- und Metal Set ging es diesmal auf die Bühne. Begleitet wurde sie dabei von den beiden Vorbands The Skys und Rock Ali and The Addiction.
The Skys
Und so begann der Zeitplan pünktlich mit The Skys. Nun, was gab es hier zu sehen? Wir wussten es vorher selbst nicht. Doch das ist das Schöne an Musik: Man kann sich einfach mal auf neue Dinge einlassen, ohne sich vorher damit auseinandersetzen zu müssen. Und ich war überrascht von dem, was da auf mich zukam. Die Band startete mit einer gekonnten Lichtshow und präsentierte eine Form des progressiven Rocks, welche an alte Zeiten erinnerte, der es jedoch auch an modernen Elementen nicht mangelte und die zusammen mit dem Licht eine sehr sphärische und kosmische Atmosphäre erzeugte. Dabei zeigte sich ein sehr verspielter und gekonnt progressiver Spielstil, mit Songs, die es in sich hatten und einen in Überlänge durch die cineastischen Soundlandschaften der Litauer Band trugen. Hier wurde deutlich klar, dass die Musiker ihr Handwerk beherrschen und dies auch bestens zur Schau stellen. Ein starker, rockiger Auftakt, der dem Hörer jedoch viel abverlangte, da das Soundkleid einen nicht zu unterschätzenden Anspruch an die Gäste stellte.
Rok Ali(son Krebs) and The Addiction
Nach einer wirklich kurzen Umbaupause ging es auch direkt weiter und Rok Ali and The Addiction begannen ihre Show, um ihre wilde Mischung aus klassischem Rock, 70s Blues Rock, Grunge und Metal auf uns loszulassen. Mit vollem Elan und viel Energie ging die Show los und ich ziehe meinen Hut vor Sängerin Ali, offensichtlich auch in gut gehobenem Alter (ich weiß nicht, wie ich es eleganter formulieren soll, aber ich meine es voller Respekt) dennoch mit vollem Einsatz loslegte. Der Sound kam für mich sehr „vintage“ rüber, wie auch die ganze Stimmung „drumherum“. Vielleicht bin ich dafür zu jung, aber mitgerissen hat es mich nicht wirklich, da Sängerin Ali meiner Meinung nach ihr Stimmspektrum nicht beherrschte. In den extremeren Spektren ihrer Stimmfarben lagen Töne, Melodie und Stimme leider oft zu weit auseinander für mich und hinterließen in meinem musikalischen Gehör, keine angenehme Stimmung, auch wenn die Grundidee der Band völlig nachvollziehbar und respektierbar ist.
Setlist:
Change The Script // Vanishing Screams // Darker Day Part II // You Want // Pulse // Violently Fast
Tarja
Und nun war es so weit. Der Hauptgrund des Abends bereitete sich auf ihren Auftritt vor. Nun musikalisch ein wenig ein Bruch zum Vorprogramm, aber vielleicht habe ich mir deshalb auch etwas schwergetan, da man ja eigentlich auf eine Symphonic Metal Show gegangen ist und dementsprechend auch emotional auf genau das eingestellt ist und die Erwartungen eher hier lagen. Dennoch hat alles, was bisher geschah, absolut seine Daseinsberechtigung, bitte nicht falsch verstehen. Doch nun zu meinen Erwartungen für den Hauptakt. Epic, Sphäre und Rock’n’Roll mit harten Riffs und orchestralen Synthesizern. Und dennoch hatte ich sogar hier einige Vorbehalte, aus der Erfahrung heraus, dass ich Tarja noch von Nightwish und kurz danach, als nicht besonders große und mobile Entertainerin in Erinnerung habe.
ABER: Vergessen wir alle meine Voreinstellungen, Erfahrungen und Erinnerungen, denn Spoiler – diese Show hatte wirklich nichts damit zu tun. Und das nur im Positiven!
Doch wie fing alles an? Mit dem sehr jazzigen Intro Riff von Demons In You. Dies passte dann tatsächlich irgendwie sehr zum Vorprogramm und bildete noch einmal eine Brücke dazu. Und nun ja, wie soll ich sagen, endlich kam mehr Härte auf in der Halle und das Publikum begrüßte erst die Band und dann auch Tarja mit tosendem Applaus und man bemerkte, dass die Leute hungrig waren und genau darauf gewartet hatten. Im Original ist der Song ja sogar mit einem Feature von Allissa White-Gluz versehen, welche bis vor kurzem Frontfrau von Arch Enemy war, und mit diesem Fakt, dem Leser vielleicht noch einmal verdeutlicht, wie ich es meine, dass es endlich an Härte zulegte.
Mit einem fließenden Übergang, einer kurzen Begrüßung des Publikums und einer bereits völlig ausrastenden ersten Reihe, ging es direkt in Undertaker über, und der erwartete Symphonic Flair, so wie die unverkenntliche Stimme von Tarja Turunnen machten klar, worum es heute Abend geht und warum wir alle hier waren. Mit einem Bewegungsdrang der Sängerin, den man von früher nicht kannte, und guter Interaktion mit dem Publikum, kam so auch wirklich direkt eine großartige Stimmung auf, bevor es mit 500 Letters zu einer wilden Mischung aus „Ruhig, nostalgisch und rockig“ zur Sache ging.
Passend und typisch für Tarja, entstand anschließend bei Anteroom of Death diese künstlerspezifische Atmosphäre einer kleinen Ballerina, die sich auf ihrer Spieluhr dreht und dabei immer wieder ihre Bewegungsmuster ändert und der Eindruck einer menschlichen Puppe entsteht, sofern das verständlich ist. Aber ich liebe ja Ecken und Kanten in der Musik, und dies ist eine rundlaufende Kante, die sich perfekt einfügt, mit tollen Steigerungen, Stimmungswechseln und der richtigen Nachhaltigkeit, mit der es auf den Zuhörer einwirkt.
Doch was wäre Tarja ohne opernhafte Einlagen und ruhigere Passagen, die perfekt mit ihrer großartigen Stimme koalieren? Und genau dafür bietet sich doch nichts besser an als Victim of Ritual, das genau in diesem Stil startet und dann von brachialen Passagen abgelöst wird, wieder dahin zurückfindet und sich dennoch bis zuletzt steigert.
Nun, bisher merkte man schon die Reise durch die verschiedenen Alben des Projekts und damit auch den Best-of-Tour-Charakter, was ja immer sehr schwer ist, die perfekte Reise durch seine eigenen Werke in einem Auftritt zu finden, die das Publikum auch noch am besten bedingungslos teilt. Doch bis zu diesem Zeitpunkt musste ich sagen, war dies sehr gelungen und es war klar, dass bei Tarja auch einmal eine Ballade ins Programm gehört. Und so kam es, dass Sie erzählte, wie der nächste Song entstanden ist, in einer Zeit, in der sie hochschwanger war und sich ihren Ängsten stellen musste, vor 14 Jahren. Zuvor wurde noch ein Keyboard in die Mitte der Bühne gebracht, an dem sie platz nahm und zu Ehren ihrer Tochter komplett allein am Piano Into The Sun sang und das Publikum so emotional zum Schmelzen brachte, was man am Beifall deutlich spüren konnte.
Und so ging es weiter. Tarja blieb einfach an ihrem Piano sitzen und begann mit Shaddow Play, welches sie weiterhin allein auf der Bühne startete und zum Höhepunkt trug, bis die Band zum großen Finale wieder auf die Bühne zurückkehrte und es ordentlich scheppern ließ, sodass man kaum bemerkte, wie die Frontfrau klammheimlich die Bühne verließ, während die Band weiter entertainte, bevor auch diese unter tosendem Applaus von der Bühne ging.
Und so verschwand die gesamte Band, was jedoch nicht von langer Dauer war, da die Zugabe Rufe so laut wurden, dass niemand sie ignorieren konnte, man jedoch auch spürte und irgendwie wusste, dass hier nicht das Ende der Show gekommen war. Nein, vielmehr war die erste Hälfte vergangen und es ging in eine andere Richtung der Tarja Hits über. Kurzer Outfitwechsel und schon kehrten die Musiker auf die Bühne zurück, um mit Silent Masquerade die härtere Hälfte des Hitsets einzuläuten.
Und nun kam es dazu, dass völlig unerwartet eine Perle das Licht der Bühne erblickte und ein Beben auslöste. Nichts geringeres als Planet Hell aus ihrer Nightwish-Ära schlug wie eine Bombe zu, und niemand im Publikum oder auf der Bühne oder im Nebenzimmer der Nachbarn, konnte hier ruhig bleiben. Zwischen Gänsehaut und Abgehen gab es kein Halten mehr und es spiegelte so gut wider, wie, wo und womit wir alle Tarja haben lieben gelernt. Das Publikum rastete schier aus und für mich war der Höhepunkt der Show hier bis jetzt definitiv noch einmal getopt. Absolute Krönung und ein inneres Blumenpflücken, diesen Song noch einmal mit Tarja live dargeboten zu bekommen.
Und so jagte ein Meisterstück das andere. Weiter ging es mit I Walk Alone der Single ihres ersten richtigen Soloalbums, My Winter Storm. Symphonischer Metal in Bestform, mit genial tragender Opernstimme, wie man sich Tarja wünscht und schätzt.
Und so wurde die letzte Runde als Finale der Show einfach durchgeballert. So wie bei Dead Promises, welches im Studio zusammen mit dem Frontmann Bjorn Speed Strid (Sänger der Band Soilwork) performt wurde und daher auf einen der härteren Songs hindeutet. Hier wurde es auch klar, dass die Band sehr gut zusammenharmoniert und ein geschlossenes Bühnenbild, mit und nicht neben dem Solokünstler, der auf der Bühne steht, bildet.
Und nun das zweite große Finale in meinen Augen. Das Licht ging aus und Tarja begann noch in der Dunkelheit zu singen, dass sie sich nach einem Engel sehnt. I Wish I Had An Angel (for a moment of love) erschallte und holte alle innerhalb einer Millisekunde im Publikum ab. Ein weiterer Nightwish Klassiker, der mit Originalstimme noch einmal perfekt in Szene gesetzt wurde und die Begeisterung im Publikum spürbar zur Spitze trieb. Viel mehr braucht man an dieser Stelle, denke ich, nicht erwähnen, da jeder Kenner sicherlich genau Bescheid weiß, wie der Spaß ablief.
Und so kam es nach knapp eineinhalb Stunden ging die Show nun wirklich zu Ende ging und bevor es zum letzten Song kam, wurde noch einmal die gesamte Band dem Publikum vorgestellt und sich herzlichst bei allen Dagewesenen bedankt, was im Allgemeinen einen sehr emotionalen Moment darstellte, was auf der Bühne auch allen Künstlern anzumerken war. Und so wurde zum Abschied noch einmal inhaltlich Until My Last Breath angestimmt. Ein schöner Abschluss, eine schöne Metalnummer, ein schöner Ausklang eines wirklich gelungenen Abends.
Setlist: Demons In You // Undertaker // 500 Letters // Anteroom of Death // Victim Of Ritual // Into The Sun // Shaddow Play // Silent Masquerade // Planet Hell // I Walk Alone // Dead Promises // Wish I Had An Angel // Until My Last Breath
Und so schließen wir den Abend, mit einem Resümee, das nur zeigt, wie auch weltbekannte Künstler sich über die Jahre noch steigern können. Meine Erwartungen, basierend auf Erfahrungen von Konzerten, die ich von Tarja (egal ob solo oder mit Nightwish) erlebt habe, wurden wirklich in den Schatten gestellt, und ich ziehe meinen Hut vor Tarja, welche endlich gelernt hat, perfekt mit dem Publikum zu interagieren, Stimmung und gute Laune, so wie ernste Emotionen und allem, was dazu gehört, zu vermitteln. Ein wirklich tolles Konzert in der Posthalle, welches jedoch vorerst wohl mein letztes in dieser Erlebnisreichen Location sein wird, welche mich nun 18 Jahre lang begleitete und eine Menge Erinnerungen in sich trägt. Hoffen wir, dass es irgendwie vernünftig vielleicht doch noch weitergeht. Bitte Würzburg, verkackt einmal was nicht, für die Kultur. Ansonsten hoffe ich, dass ich vielleicht den ein oder anderen, dazu bewegen kann, sich diese tolle Tour noch anzuschauen, wenn er oder sie die Gelegenheit dazu bekommt. Es lohnt sich auf jeden Fall!
Bericht: Jonas
Bilder: Matthias
Mehr zu Tarja auf Dark-Art findet ihr hier:
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