Wie ich in meinem vorausgehendem Beitrag mit der Überschrift „Warum ich „Female-Fronted“-Konzerte meide“, bereits erzählt habe, hat eine befreundete Musikerin, genauer gesagt, Sängerin, sich bereit erklärt, ein paar ihrer Erfahrungen mit euch zu teilen und weil das doch recht viel ist, haben wir uns dazu entschieden, diesen einen eigenen Beitrag zu widmen. An dieser Stelle einen Lieben Dank für das Vertrauen. Der Grund, warum hier keine Namen genannt sind, dient dazu, keinen Hass in Richtung ihrer Person und ihrer Band zu richten.
Eine Sammlung von Erlebnissen:
Meiner Band habe ich auf dem Weg zu einem Clubkonzert mit sog. Female-Fronted-Metal erklärt, dass sie darauf gefasst sein sollen, dass wir einer besonderen Art von Fans begegnen werden, die speziell auf solchen Events anzutreffen sind. Sie nennen sich selbst scherzhaft die Row Zero. Das sind mittelalte Männer in den ersten beiden Reihen vor der Bühne, die die ganze Zeit Fotos insbesondere von den weiblichen Musikerinnen machen und sonst nicht viel Stimmung machen. Sie wollen dann nach dem Konzert Fotos nur mit der Sängerin machen. Einige checken das gar nicht, dass ihr vorher auf der Bühne wart und Bandmitglieder seid. Die Band reagierte darauf mit ungläubigem Gelächter, aber auf dem Heimweg sagten auch sie irritiert „Was zur Hölle war denn das?!“ und „Was sind denn das für Creeps?“.
Wenn man sich auf Konzerten mit Frontsängerin mal in die dritte Reihe stellt, bekommt man das manchmal mit, wie diese Leute sich gegenseitig Fotos von Sängerinnen zeigen wie Pokemon-Sammelkarten. Der eine: „Guck mal, vor zwei Wochen war ich auf dem Konzert und hab die gesehen!“ Der andere: „Ach, mit der hatte ich ja schon letztes Jahr ein Selfie. Aber die hast du bestimmt noch nicht gesehen!“ und zeigt stolz ein Foto mit einer anderen Sängerin.
Für viele dieser Leute ist das eine richtige Passion und sie führen einen Tourplan. Neben bekannteren female-fronted Acts sind Kombinationen mit unbekannteren Bands mit Sängerin oder seltener in der Region anzutreffende kleinere ausländische Bands mit Sängerin, da sie die Fotosammlung komplettieren. Die meisten behalten diese Sammlung für sich privat. Leider schicken die wenigsten ihre Fotos den Bands oder posten sie auf Social Media, dabei wäre das für die Bands wichtig zu sehen, wie sie live wirken und auf Social Media sichtbar zu sein.
Wobei es auch einzelne Fälle gibt, die es besser nicht geben sollte, und zwar Upskirting und Nahaufnahmen von Po oder Brüsten. Wenn eine Musikerin vorne aufs Podest springt, gibt es welche, die da ihre Kamera voll draufhalten und ihr zwischen die Beine fotografieren. Selbst einer von denen, die auch immer vorne stehen, hat mir davon mal erzählt, dass er sich erschrocken hatte, weil man der Sängerin gut unter den Rock gucken konnte, er sich deshalb weggedreht und zum Gitarristen geguckt hat, aber er mitbekommen hat, dass sich der Nachbar sehr gefreut hat und voll draufgehalten hat. Das war auch für ihn zum Fremdschämen, aber er hat sich nicht getraut, denjenigen mal anzusprechen.
Nicht alle von diesen Leuten sind Idioten. Einige von ihnen sind doch Fans, die weiblichen Gesang als Instrument einfach lieben, die Ästhetik mögen und sich wirklich für die Musik interessieren. Sie kaufen auch für viel Geld Merchandise und teilen ihre Fotos mit der Band oder auf Social Media mit Link zu der Band. Ich muss auch erwähnen, dass ich selbst auch noch nie gegen meinen Willen angefasst wurde und immer gefragt wurde, ob sie mich umarmen dürfen.
Desinteresse an den männlichen Bandmitgliedern führt auch zu seltsamen Blüten, wie dass beim Gitarrensolo nicht der Solist gefilmt wird, sondern die Kamera der Sängerin folgt und sie dabei gefilmt wird, wie sie hinter die Bühne geht und trinkt. Oder dass beim Fotos machen, die männlichen Musiker aufgefordert werden, aus dem Bild zu gehen.
Was viele nicht wissen ist, dass diese Art von Fanverhalten zu Konflikten innerhalb von Bands führen. Ich bin persönlich schon mal mit Vorwürfen konfrontiert worden, ich sei eine Diva, weil sich die Fans (an die sie sich am besten erinnern konnten) nur für mich, die Frontfrau interessieren und ich die komplette Aufmerksamkeit an mich reiße. Auch wenn ich dieses Desinteresse an den anderen Bandmitgliedern selbst nicht gutheiße und darauf achte, bei Konzerten die Musiker vorzustellen und hervorzuheben, dass der Song von meinem Bandmate geschrieben wurde, wird mir persönlich das Verhalten dieser „Fans“ vorgeworfen. „Ich hasse deine Fans“ und „Ich bin doch der Hauptkomponist und die haben nur Augen für dich!“, habe ich mir anhören dürfen und habe auch mitbekommen, dass es anderen Sängerinnen gleichermaßen mal ergangen ist.
Ebenfalls wirkt diese Row Zero abschreckend auf andere Fans. Auf Festivals und gemischten Konzerten, die nicht auf den Tourplänen der Row Zero Fans stehen, haben wir erstmals bemerkt, dass wir auch viele Frauen und Kinder als Fans haben. Sie kommen nur nicht zu den Clubkonzerten, weil diese Row Zero Fans die Sicht auf die Bühne versperren und diese Leute in ihnen Unbehagen auslösen. So bleibt ein Teil der richtigen Fans der Musik von den Clubkonzerten fern.
Was ich mir wünsche, wäre kleine Personen vorne an die Bühne zu lassen, die auch mehr Stimmung machen, dass Fotos von allen Bandmitgliedern und von der ganzen Band gemacht werden, diese mit Nennung der Band auf Social Media geteilt werden, am Merch und beim Meet & Greet auch mal ein Wort mit den männlichen Musikern gewechselt wird, sowie wenn man Zeuge von Upskirting wird dagegen vorgeht, z.B. diese Person der Security melden.
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Bei der Aktion Adventskalender geht es dieses Jahr drum, einige Themen zu besprechen und zu diskutieren. Dinge, die bei Reviews, Konzertberichten und anderen Artikeln gerne untergehen. Persönliche Meinungen, Beobachtungen, Erlebnisse. Und auch ihr seid gefragt, antwortet gerne auf diese Themen, wir sind gespannt.
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