Bei wohl keiner Band sieht man so viele Zylinder im Publikum wie bei Coppelius. So auch am 27.2.2026 im Bett in Frankfurt, wo sie im Rahmen der Moshpit Theater Tournee Halt machten. Mit auf musikalischer Wanderschaft war die Irish-Folk-Gruppierung Garden of Delight. Busladungen an Menschen strömten zur Location – und zwar buchstäblich Busladungen, denn dank Streik fuhr weder U- noch Straßenbahn. Als Kontrastprogramm zum Einstimmen gab es unter anderem erstmal Slayer und Red Hot Chili Peppers zu hören, während sich der Saal langsam füllte.
Garden of Delight
Das Licht wurde dunkel und Heart of Courage von Two Steps from Hell erklang während Garden of Delight die Bühne betraten, um dann mit The Old Man Song loszulegen. Die Band sorgte direkt für Stimmung und Bewegung im Publikum. Manch einer sang sogar textsicher mit. Sänger und Gitarrist Michael M. Jung stellte die Band vor für alle, die sie noch nicht kannten. Garden of Delight stehen inzwischen schon seit fast 30 Jahren auf Bühnen und sind sehr verbunden mit Coppelius. Sie spielen primär eigenen Stücke, aber auch Traditionals, wie den folgenden Song Star of County Down, dessen Ankündigung direkt mit Applaus quittiert wurde. Jung kommentierte dies mit „nicht so einen Druck aufbauen“, was wiederum einige Lacher hervorrief.
Mit The Raggle Taggel Gypsy, ebenfalls einem Traditional, wurde auch der meistgestreamte Song der Band zum Besten gegeben. Dabei unterstützt die Band das Streaming gar nicht so sehr und stellt nur wenige der Songs auf Spotify und Co. Leider gibt es auch keine CDs mehr, dafür kann man am Souvenirstand USB-Sticks mit den Alben kaufen. Hier sei die Qualität auch deutlich besser als beim Streaming. Mit König der Bettler wurde auch ein Stück gespielt, das vom ehemaligen Nebenprojekt Keltenherz stammt. Die wahre Stärke von Garden of Delight wurde aber erst im Laufe des Abends spürbar, als es zu Songs wie Braveheart und Pixies on the Dancefloor ging. Hier wird nämlich Irish Folk mit Electronic- und Dance-Elementen kombiniert. Das Trio hat neben Folk aber auch Seemannslieder im Repertoire, so wurden auch Drunken Sailor und Wellerman gespielt. Als letzten Song vor der Zugabe spielten sie noch ein Cover des Faun-Klassikers Tanz mit mir.
Die Band hatte sichtlich sehr viel Spaß auf der Bühne. Geiger Dominik Roesch wirbelte seinen Bogen herum oder warf ihn hoch in die Luft, um ihn wieder aufzufangen. Immer wieder wurde gesprungen, getanzt und sich gedreht und alle hatten ständig ein Strahlen im Gesicht, was die Gäste mitriss.
Coppelius
Nach einer kurzen Umbaupause wurde es zunächst dunkel, dann wurde die Bühne mit blauem Licht etwas erhellt. Weiße Strahler bildeten eine Art Vorhang, durch den man nur einzelne Silhouetten ausmachen konnte, die zum Tanz der Zuckerfee von Tschaikowsky auftauchten. Anmutend wie ein Renaissance-Gemälde posierten die Herren Coppelius, bevor sie ihre Plätze an den Instrumenten einnahmen. Butler und Sänger Bastille feuerte das Publikum an und ging direkt zu Habgier ab. Mit den Zylindern wurde im Takt gewunken, manch einer verlor ihn durchs Headbangen. Es folgte Dreaming mit nicht weniger Elan. Da hier Klarinettist Max Coppella das Singen übernahm, und das, obwohl er erkältet war, hatte Bastille Zeit, die Instrumente abzustauben.
Bastille äußerte einige Worte der Begrüßung. Die Gruppe freue sich auf die Gäste und bedankte sich beim harten Kern, der schon um 17 Uhr vor der Spielstätte wartete, um in der ersten Reihe stehen zu können. Außerdem wurde der Elefant im Raum angesprochen. Es ging „wie immer“ um Herrn Voss, der, für Coppelius untypisch, mit E-Bass auf einem Stuhl saß. Man erkenne es ja schon auf den ersten Blick: Er trage keine Strümpfe. Bastille entschuldigte sich dafür, dass die Fabergé-Seiden-Strümpfe nicht mehr rechtzeitig angekommen seien. Das Programm ging ohne Umschweife mit I’d change everything weiter. Der gesamte Auftritt war durchtränkt von kleinen komödiantischen Einlagen, die einem leicht entgingen, wenn man nicht aufmerksam zuschaute. Beispielsweise nahm Bastille Herrn Coppella einen kleinen Shaker ab, woraufhin dieser einen größeren aus der Tasche zog, oder Bastille streckte beim Singen den Arm aus, woraufhin direkt ein Frack und ein Zylinder am Arm aufgehängt wurden, die er wegräumen sollte.
Der Applaus nach Schöne Augen wurde mit einem „So gut war es auch wieder nicht“ abgewunken. Danach wurde die neue Kategorie „Applaus im Voraus“ vorgestellt, denn Coppelius sei eine sehr interaktive Band, nicht nur digital in den Sozialen Medien, sondern auch analog im Saal. Mit Applaus und Handzeichen wurde über den folgenden Song abgestimmt. Zur Auswahl standen Operation und Der Luftschiffharpunist. Das Rennen machte Operation. Doch auch Balladen waren im Programm, so wie Es fiel ein Himmelstaue. Bastille bat vorher aber die Band, ihre Instrumente neu aufeinander einzustimmen. Der Saal sollte auch einmal die Note a hören lassen, auch wenn die entsprechende Vorgabe mittels Stimmgabel durch das Mikro kaum zu hören war. Dennoch: „Sehr schön, Sie dürfen mitsingen“. Das E-Piano spielte aber zunächst den falschen Ton, bis Bastille es per Knopfdruck auf Cembalo umstellte. Ohne den Butler läuft eben einfach nichts auf der Bühne. Weil es Herrn Linus von Doppelschlag, natürlich der Schlagzeuger, während des Liedes etwas langweilig war, durfte er nach vorne kommen und auf einem Lamellophon ganze zwei Töne spielen.
Contenance wurde ebenfalls mitgesungen und ging direkt in die Bandhymne Coppelius hilft über. Hier durfte Bastille auch mal an ein Instrument, denn er durfte die Becken spielen. Es folgte wieder eine Ansprache. Coppelius sei nicht nur interaktiv, sondern auch versatil. Max Coppella schreibt nebenbei auch Opern mit Orchester und allem drum und dran. Das fing 2015 an mit der Steampunk-Oper Klein Zaches genannt Zinnober nach ETA Hoffmann, und ging weiter mit Krabat nach Ottfried Preußler, welche dieses Jahr noch einmal aufgeführt werden wird. Aus dieser Oper wurde Aus den Betten gespielt, auf das Viel zu viel folgte.
Auf die Frage, wer die Gruppierung denn noch nicht kenne, erhoben sich nur sehr wenige Hände. Für die, die die Band noch nicht kennen, wurde Herr Voss gefragt, was er denn normalerweise spiele. „Ukulele“ lautete die Antwort, aber Bastille wusste natürlich, dass der Gefragte nebenberuflich auch Kontrabass spielt. Also fragte er Herrn Voss, was denn der E-Bass solle, was dieser mit „Ich wollte mich vergrößern“ beantwortete. Der eigentliche Grund war aber ein komplizierter Schulterbruch. Den Hergang beschrieb Sissy Voss wie folgt: Er esse normalerweise nur Kohlrabi, aber an dem Tag wollte er einen Keks essen. Der Keks sei ins Schallloch seiner Ukulele gefallen und beim Versuch, ihn herauszuholen, sei die Schulter einfach zerbrochen, genau wie die Ukulele. Aber den Keks habe er retten können. Der OP-Termin war zufälligerweise am 10. Jahrestag der Oper Klein Zaches genannt Zinnober, was die perfekte Überleitung zum nächsten Song bildete, nämlich zur Ouvertüre Kein Land so schön.
Zeit, die Instrumente wieder aufeinander einzustimmen; diesmal musste der Saal nicht mitmachen, durfte es aber. Auf besonderen Wunsch (auch wenn nicht gesagt wurde, auf wessen Wunsch), spielten Coppelius den Subway to Sally Song Maria und grüßten die Kollegen auch ganz herzlich. Aber das war nicht das einzige Cover des Abends, denn es folgte der System of a Down Klassiker Aerials, der einem auf Cello und Cembalo gespielt doch eher selten begegnet. Ein Höhepunkt folgte aber noch, als Bastille Unterstützung einer Dame aus dem Publikum suchte und scheinbar wahllos eine Dame aus der ersten Reihe auswählte. „Ich weiß nicht, wie ich es Ihnen sagen soll. Also, ich weiß es wirklich nicht, deshalb habe ich mir Unterstützung geholt“, sagte er. Spätestens, als Bastille einem Mann, der die Bühne daraufhin betrat, eine kleine Schatulle überreichte, war klar, das war ein Heiratsantrag! Und sie hat sogar „Ja“ gesagt! Herzlichen Glückwunsch!
Passenderweise ging es mit I hate weiter, Bastilles Lieblingsstück des letzten Albums Abwärts, was nun auch schon drei Jahre alt ist. Er versprach aber, dass bald etwas Neues käme. Dann gab es erstmal Werbung. Die stilsichere Coppelius Bauchtasche im Extrablatt-Look wurde vom Modell Bastille zu Can’t get you out of my head von Kylie Minogue vorgeführt. Zur Formung eines Laufstegs wurde die Menge aufgeteilt, um eine Lücke zu bilden. Geupcycelt aus dem Bühnenbild der Extrablatt-Tour und von Bastille im Stile von Theater-Bühnenbildern bemalt, ist jedes der vierzig Exemplare ein Unikat. Dass Coppelius versatil ist, zeigte sich jedoch auch im Drum Solo, das nach Time-Zeit kam. Bastille baute einen Plattenspieler auf und legte Eine kleine Nachtmusik auf, die als Basis für das Drum Solo diente. Das Solo war aber natürlich nicht vorbei, bevor die Triangel gespielt wurde!
Mitten bei Rather Be Dead servierte Bastille Salzstangen, hatte aber leider den Sekt verlegt. Er wurde am Souvenirstand gefunden, wo er ihn kaltgestellt hatte. So wurde Sekt ausgeschenkt und der Hashtag #esgibtnochsekt etabliert (oder es versucht), während eine neue Runde Applaus im Voraus gespielt wurde. Diesmal konnte sich zwischen Moor und Risiko entschieden werden, Risiko gewann.
Weil Bastille den Anblick von Herrn Voss ohne Strümpfe nicht mehr ertragen konnte, jedoch Fabergé-Seiden-Strümpfe aus Paris, handgestrickt von Pinguinen, sehr teuer sind, wurde einmal Werbung für das band-eigene Patreon gemacht. Zum Ende hin zeigte Bastille noch einmal, was er für ein hervorragender Butler ist. Nicht nur, indem er Graf Lindorf mit Getränken versorgte, sondern auch, indem er Max Copella ein Kissen hinlegte, als dieser sich bei einem Klarinetten-Solo auf die Knie fallen ließ.
Das obligatorische Gruppenfoto wurde gemacht, im Anschluss gab es natürlich noch eine Zugabe: Chop Suey!, ein weiterer System of a Down Klassiker, und Bitten Danken Petitieren, bei dem noch einmal richtig ausgerastet wurde. Zum Beispiel nahm Bastille Max Copella auf seine Schultern und lief mit ihm auf der Bühne hin und her.
Zum finalen Abschluss wurde sich bei allen Beteiligten bedankt: Licht, Ton, Souvenirs, Konzertsaal, Publikum. „Ein Schild sagt mehr als tausend Worte“, sagte Bastille und hob ein Schild über den Kopf, auf dem „Danke“ stand. Die gesamte Band war anschließend für Gespräche, Fotos und Autogramme im Publikum anzutreffen, aber für viele Besucher wurde es Zeit, nach Hause zu gehen und dieses tolle Erlebnis Revue passieren zu lassen. Und das sind Coppelius-Konzerte: ein Erlebnis. Ein Erlebnis voller schöner Momente, Überraschungen und sehr viel Humor. In diesem Sinne: Coppelius hilft!
Setlist: Habgier // Dreaming // I’d change everything // Nur für dich // Schöne Augen // Operation // Der Musenkuss // Es fiel ein Himmelstaue // Contenance // Coppelius hilft! // Aus den Betten // Viel zu viel // Kein Land so schön // I told you so // Maria // Aerials // I hate // Time-Zeit // Rather be dead // Risiko // Spieldose // Die Glocke // I get used to it
Zugabe: Chop Suey! // Bitten Danken Petitieren
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