Festivalbericht: Ragnarök Festival, Samstag, 11.04.2026 – Part 2

Zum letzten Mal in diesem Jahr ein freundliches trves Servus zum insgesamt fünften Teil unseres Berichts über das Ragnarök-Festival 2026. Dieser Part widmet sich der zweiten Hälfte des Samstagsprogramms und folgt, wie immer, der chronologischen Reihenfolge der Running Order, von den Death Metal-Veteranen Vomitory und ihren wirklich kreativen Songtiteln, über Windir-Nachfolger Vreid, Metal-Hitmaschine Harakiri For The Sky (inklusive next Level Sardinendosen-Feeling angesichts maximal ausgenutzter Hallen-Kapazität), Abbath im authentischen Abbath-Modus, bis zum atmosphärisch-schwarzmetallischen Abschluss mit Mist of Misery.

Vomitory

Mit großartiger Theatralik in Intro, Bühnenbild oder Lichtshow hielten sich Vomitory gar nicht erst auf, sondern legten ganz pragmatisch und direkt mit dem los, wofür sie stehen und geschätzt werden: Schnörkelloser schwedischer Death Metal nach Art einer musikalischen Prügelei.

Dabei bewiesen sie, dass sie es wirklich verdient haben, in ihrem musikalischen Bereich als Institution angesehen zu werden: Vomitory gibt es bereits seit 1989, sie knüppeln sich ich also (mit Pausen, wie nach dem Split Up bzw. Ruhestand zwischen 2013 und 2017/2018) schon länger musikalisch durch Blut, Tod, Eingeweide und alles andere, was im Death Metal und Gore-Bereich Spaß macht, als manche Festivalbesucher auf der Welt sind. Zum Ragnarök taten sie genau das, feierten mit dem Lied Two And A Half Men eine Live-Premiere und vermittelten bei ihrem Auftritt ein Maß an Energie und Begeisterung, das nicht nur überzeugend und ehrlich wirkte, sondern offensichtlich auch ansteckend – zwar war die Halle merklich leerer als beim vorangegangenen Act, aber ein „doch die verbliebenen Zuschauer hatten sichtlich Bock“ scheint hier nicht mehr ausreichend. Denn die Anwesenden bewiesen, dass das populärerweise Einstein zugeschriebene Zitat falsch ist und es mindestens zwei weitere Dinge gibt, die unendlich sind: Die Motivation von Vomitory-Fans und ihre Ausdauer. Das anschaulichste und hinsichtlich der sportlichen Leistung beeindruckendste Beispiel hierfür war jener Circle Pit, der das komplette Set durch kreiste und sich dabei auch von Kleinigkeiten wie vorbeifliegenden Crowdsufern nicht rausbringen ließ – die Person wurde einfach, so schwungvoll und pragmatisch, wie es auch die Musik ist, in den Circle Pit integriert und surfte dann halt im Kreis weiter.

Vomitory spielten kompromisslosen Death Metal mit ebenso kompromissloser Energie, bei der ich nicht anders kann, als sie zu feiern, obwohl sie eigentlich nicht „meine“ Band sind. Ganz offensichtlich haben sie Fans, die ebenfalls eine derartige Energie mitbringen, dass sie sich eine explizite Erwähnung und vor allem ein ehrliches Kompliment verdient haben. 

 

Setlist: Revelation Nausea // Terrorize Brutalize Sodomize // For Gore And Country // Rage Of Honour // Two And A Half Men // All Heads Are Gonna Roll // Wrath Unbound // Regorge In The Morgue // The Voyage // Chaos Fury

Vreid

Dass die Organisation einer Running Order nach Prinzip des Kontrastprogramms nicht unbedingt etwas schlechtes ist, sondern im Gegenteil das Profil verschiedener Bands schärfer hervorteten lässt und ihre atmosphärische oder emotionale Wirkung intensiver zur Entfaltung bringen kann, bewiesen und beweisen diverse Veranstaltungen immer wieder. Auch das Ragnarök demonstrierte diesen Effekt dieses Jahr mehrmals; so auch bei der auf Vomitory folgenden Band Vreid.

Nach der Auflösung Windirs, die 2004  auf den Tod ihres Sängers Valfar folgte, fand ein guter Teil der verbliebenen Musiker in Form von Vreid zusammen, und das hört man. So demonstrierte bereits der Opener Kraken (vom im Vormonat veröffentlichten neuen Album The Skies Turn Black) jenes mit Synthie-Samples angereichertes, erst langsames und dann umso intensiveres Abgleiten in den musikalischen Stimmungsteppich, der sich auch bei Windir immer wieder fand. Ausbalanciert wurde das immer wieder mit eingängigen, fast schon tanzbaren Passagen, die durchaus auch mal sehr groovig bis Black’n’Roll-mäßig daher kamen. Passenderweise dazu wurde The Skies Turn Black, Titeltrack des gleichnamigen und bereits erwähnten neuen Albums Ozzy Osbourne als dem „Godfather of Metal“ gewidmet.

Auf dem Programm standen allerdings nicht nur neue Songs; so folgte etwa direkt im Anschluss mit Eldast, utan å gro ein Lied vom ersten Album der Band, Kraft. Besagtes Album ist nun schon ein paar Jährchen alt – 22, um genau zu sein. Das kann man durchaus kontextualisieren mit der zuvor getätigten humorigen Ansage, Vreid spielten nun bereits zum fünften Mal auf dem Ragnarök und dies bedeute, sie würden  so langsam „old as fuck“. Ob man die Musiker, die, Windir-Zeit eingerechnet, seit den Neunzigern auf der Bühne stehen, nun bereits als steinalt einstufen möchte oder nicht, ist wohl persönliches Ermessen; angestaubt oder eingerostet wirkten jedenfalls weder sie, noch ihre Musik – die definitiv ihre Fans hat. Ansagen von der Bühne und Aufforderungen zum Mitmach-HeyHey folgten Teile des Publikum gerne, zwischendurch flog auch mal ein rosa Luftballon durch die Gegend.  

Alles in allem auch hier ein wirklich solider Auftritt einer Charakter-Band, die man als solche  wohl entweder fühlt – oder eben nicht.

 

Setlist: Kraken // Pitch Black // Sólverv // The Skies Turn Black // Eldast, utan å gro // Speak Goddamnit // Into The Mountains // From These Woods // Lifehunger

Eihwar

Mit Eihwar wurde es in der Lichtenfelser Stadthalle kurz chaotisch – im besten Sinne. Im Gegensatz zur Situation beim Auftritt ihrer Tour‑Begleitung Mira Ceti füllte sich die Halle bei diesem Auftritt bereits vor Beginn sicht- und spürbar. Was beim Blick auf die Bühne sofort auffiel, waren die dort angebrachten Lichtröhren-Konstruktionen, die wohl vage an Runen erinnern sollten und den Hintergrund der großen Bühne füllten. Dass eben jene große Auftrittsfläche auch von einem Duo problemlos komplett ausgenutzt und -gefüllt werden konnte, bewiesen die französischen Eihwar. Nachdem sie die Bühne betreten hatten, ging es quasi direkt los:  Sängerin Asrunn sang und tanzte sich Percussion-spielend durch das Set, als würde sie das komplette Cardio-Programm des Wochenendes in diesen Auftritt legen, während sich ihr Kollege Mark an/mit Gesang, E‑Drums, Gitarre und diversen Samples musikalisch austobe. Von so viel Energie ließ sich das Publikum schnell mitreißen. Auf Kommando springen? Kein Problem. Mitschreien? Ebenfalls.

Eine Version von Herr Mannelig tauchte im Set auf, ebenso der Song Ragnarök, der an diesem Abend kaum passender hätte liegen können. Zwischendurch bedankte sich Asrunn mehrfach beim Publikum – „Thank you Ragnarök, I love your energy, remember you always have this energy!“ – und verwies auf ihr Merch, das sie selbst gestaltet. Zum Abschluss forderten sie noch einmal alles: „Move your ass Ragnarök, this is the last song.“ Berserker machte dem Namen alle Ehre, und der Jubel danach war entsprechend massiv. Ihrer selbstgewählten Beschreibung „music for Viking dancefloors“ wurden Eihwar also durchaus gerecht – der thematische Fokus war inhaltlich und bühnengestalterisch gegeben, und in Sachen des sportlichen Tanz- und Körpereinsatzes pustete Asrunn diverse Fitness-Influencer locker aus dem Wasser.

Harakiri For The Sky

Die These, dass die Stadthalle Lichtenfels ihre Grenzen erreicht, wenn der Großteil der Zuschauer eben nicht verteilt irgendwo auf dem Campingplatz sitzt, sondern zusammenkommt, um eine Band zu sehen, wurde in dieser Berichtreihe bereits aufgestellt. Als absoluter Fakt bestätigt wurde sie bei Harakiri For The Sky. Wobei „voll“ zur Beschreibung der Räumlichkeit beinahe zu niedrig gegriffen erscheint. Spätestens, als zu den leuchtenden Neonröhren in Form ihres Logos auch Harakiri For The Sky auf die Bühne kamen und das Set mit Calling The Rain starteten, schien die Sardinendosen-Transformation des Raums derart vollständig umgesetzt, dass damit die deutsche Gründlichkeit hinsichtlich Vorschriften bezüglich der Menge und Zugänglichkeit von Notausgängen, sollte etwas passieren, durchaus greifbar und plausibel begründet wurde.

Glücklicherweise gab’s aber keinen Notfall,  sondern einfach einen wirklich guten Harakiri-Auftritt. Dieser hatte, passend zur Reliving the Trauma-Tour, eben jenes vor 10 Jahren erschienene Album (III:Trauma, 2016) im Gepäck, das dementsprechend auch vollständig live gespielt wurde. Wie das nun (nicht nur bei diesem Album) so ist, boxt die Musik dieser Band ja nicht nur emotional so richtig in die Magengrube, sondern bringt auch auf der Bühne ein entsprechendes Maß an rauer Energie mit. Nicht anders war es auf dem Ragnarök: J.J. wütete auch hier wie ein gehetztes Tier über die Bühne, lag gegen Ende von Funeral Dreams auf dem Boden, sprang zwischendurch in den Graben, um von der Absperrung aus ins Publikum zu schreien; später auch, um sich in die Menschenmenge hinein zu werfen und dort weiter zu toben. Einen etwas kleineren Bewegungsradius, aber definitiv nicht weniger Energie und Leidenschaft zeigten die anderen Musiker, sodass bei mir erneut der Eindruck enstand, dass die Band ihre Musik ebenso fühlt, wie das ihre Fans tun. Große Mitgerissenheit und Aufgewühltheit auch hier – ich habe weinende Menschen ebenso gesehen, wie absolut beeindruckende Leistungen in Sachen des platzoptimierten Dauer-Headbangens mit extrem langen Haaren.

Das Zentrale bei Harakiri For The Sky ist für mich aber eher eine Sache des Fühlens/Erlebens und weniger des Sehens. Die absolut rohe, aufgewühlte und aufwühlende emotionale Gewalt, die bei dieser Band sowohl auf der Bühne und in der Musik passiert, als auch von ihr ausgelöst wird, ist für mich zugleich das, was diese Band ausmacht, das, wofür ich sie schätze, und das, was ich vielleicht nie vollständig und angemessen in Worte werde packen können, egal, wie oft ich sie sehe.

So bleibt auch die Beschreibung dieses Auftritts ein Versuch, es mag abgedroschen klingen, Dinge in Worte zu fassen, die man eigentlich nur durchs Erleben so richtig erfassen oder greifbar machen kann. Ein wenig wie das Wüten von Naturgewalten.

Sprachlosigkeit ist eins der größten Komplimente, die ich Bands geben kann. Harakiri For The Sky verdienen es immer wieder.

 

Setlist: Calling The Rain // Funeral Dreams // Thanatos // This Life As A Dagger // The Traces We Leave // Viaticum // Bury Me // Dry The River

Abbath

Nachdem Harakiri For The Sky ihr Set mit Paukenschlag (oder Knall – Kopfschuss-Geste zum entsprechenden Pistolengeräusch, Licht aus, fertig) beendet hatten, legte auf der Nachbarbühne jener Mann los, der die Bezeichnung als „Original“ oder „Charakter“ verdient hat, wie nur wenige andere: Abbath. Verglich man mit der vorangegangenen Band, war hier deutlich weniger los, vor „seiner“ Bühne stand man trotzdem dicht gedrängt. Gleichzeitig war die Publikumsbewegung, zumindest in der Nähe der Ausgänge, das komplette Set durch sehr dynamisch: Hier herrschte ein ständiges Kommen und Gehen, als wolle jeder Mal einen Blick auf den Mann werfen, um dann beim Anblick der Nebelschwaden und des sympathisch höllenroten Bühnenlichts vom Blitz der Erkenntnis getroffen zu werden, dass der Campingkocher noch an ist.

Wer seinen Campingkocher vorher abgeschalten und fachgerecht verstaut hatte, konnte Abbath und Band dabei zuhören und -sehen, wie er in bester Abbath-Manier Abbath-Dinge tat. Klar passierte hier auch Musik, aber der groteske Unterhaltungswert war nicht zu leugnen, wenn er etwa an jenen Stellen, an denen normgemäß Songtitel angekündigt werden, mit kratzig fieser BM-Stimme und diebischer Freude immer und immer wieder, anscheinend unabhängig von externen Auslösern, in zackiger Folge „Was? Nein!“und ein absolut großartig diabolisches Bösewicht-Lachen auf das Publikum abfeuerte. Dazu ebenfalls sehr zackige bis abgehakte große Gesten mit erhobenen Armen, und als einziges weiteres verständliches Wort innerhalb der schnell-zackig abgehakt abgefeuerten Krächzlaute eben „Abbath!“

Nichts davon ist übrigens als Lächerlichmachen oder negative Kritik gemeint. Abbath und Immortal sind prägende Black Metal-Größen historischer Relevanz und der Mann steht nicht nur immer noch vor allem als Musiker und Kunstfigur auf Bühnen, sondern er tut das nach wie vor mit absolut kompromissloser und konsequenter Kauzigkeit. So konsequent, dass sein Künstlername eigentlich nicht mehr nur einen Menschen bezeichnet, sondern die Einstufung als Kulturgut verdient; er vertritt nicht nur in Sachen Sound, sondern gerade auch  in Sachen Dramaturgie den klassischen Black Metal seiner Epoche bilderbuchhaft.

Zum Ragnarök zeigte sich ein Abbath, der seine Musik und deren Live-Darbietung nach wie vor zu fühlen scheint, der sie ebenso feiert wie seine Kauzigkeit, und der, ganz gepflegt, keinen Fick gibt. Dafür feiere ich ihn.

Und für jenes Video aus einem Interview, in dem er ganz gelassen und normal weiter redet, während er parallel konzentriert den Journalisten schminkt. 

 

Hypocrisy 

Bei Hypocrisy gab es keine große Ansage und kein Intro – sie kamen auf die Bühne und legten sofort los, auch, wenn sie eigentlich noch acht Minuten bis zur angesetzten Stage Time hatten. Musikalisch ging es medias in res: direktes Geknüppel, Growls, keine Umwege. Die ersten Crowdsurfer tauchten schon beim zweiten Song auf, und die Halle war zu diesem Zeitpunkt längst voll. Der Nebel lag tief und schwer über der Bühne, verzog sich aber schnell genug, um die großen Monitore am Bühnenrand freizugeben, die mit ihren frühen‑2000er‑CGI‑Clips und Clipart‑Sequenzen eine eigene Art von Retro‑Dramaturgie erzeugten. Ja, man könnte sagen, diese Band hat einfach einen gewissen Vibe, der so auch nur bei ihnen funktioniert. Und das vor allem durch den Frontmann Peter Tägtgren.

Dieser wirkte, wie immer, souverän und charismatisch; auch im Hinblick aufs Instrumentale zeigte sich, dass Hypocrisys Mischung aus Melodic Death Metal und klar gesetzten Spannungsbögen einfach funktionierte. They Will Arrive, Fire in the Sky, Inferior Devoties und Carved Up setzten den Ton, bevor die Band sich einmal komplett zurückzog – eine kurze Pause, die das Publikum eher irritierte als ausbremste. Erst dann erklang das epische Intro, das man normalerweise am Anfang eines Auftritts erwartet hätte. Dennoch lief alles in einer dichten, gut abgestimmten Welle weiter. Synchron‑Headbangen gehört bei Hypocrisy quasi zum Bühnenbild, und die Menge zog ohne Zögern mit. Children of the Gray, Killing Art, Eraser und Deathrow (No Regrets) hielten das Tempo und die Stimmung hoch, bevor Adjusting the Sun und Fractured Millenium die melodischeren, aber nicht weniger wuchtigen Parts setzten. War‑Path und Roswell 47 rundeten das Set ab.

Insgesamt illustrierte dieser Auftritt von Hypocrisy erneut das hohe Maß an musikalischer Professionalität und Sog-Wirkung, die der Band ihren Kult-Status und die anhaltende Begeisterung ihrer Fans sichert.

 

Setlist: They Will Arrive // Fire In The Sky // Inferior Devoties // Carved Up // Children Of The Gray // Killing Art // Eraser // Deathrow (No Regrets) // Adjusting The Sun // Fractured Millenium // War-Path // Roswell 47

Mist of Misery 

Dass der Tag und das Festival von Mist of Misery beendet wurden, war eigentlich gar nicht so vorgesehen – eigentlich hätten an dieser Stelle Vomitory gespielt. Aufgrund von Anreiseproblemen hatten die beiden Bands den Zeitslot getauscht, sodass der Abend und das Ragnarök mit tendenziell atmosphärischem und melodischem Black Metal ausklangen.

Anfang und Ende dieses atmosphärisch wie emotional dichten Sets bildeten mit The Long Road bzw. Severance zwei Titel vom aktuellsten Album (Severance, 2022), wobei insbesondere Severance als letztes Lied des Auftritts und des Festivals zumindest meiner Ansicht nach wirklich sehr stimmig gewählt war. Mit Heir of Misfortune gab es einen Ausflug zurück zu 2019er Veröffentlichung Unalterable, und auch Mist of Misery, vor mittlerweile zehn Jahren auf Absence erschienen, erweiterte das ansonsten klar aufs Severance-Album fokussierte Set.

Im Hinblick auf visuelle Aspekte hatten Teile des Teams, verbunden mit der Info zu besagten Anreiseproblemen, tatsächlich kurz eine „Die kommen direkt aus der Bahn“-Assoziation, denn die Band trug zwar Corpse Paint, verzichtete sonst aber auf jegliche „Kostümierung“. Dieses, im Vergleich zu anderen Bands des Tages, visuelle Understatement fügte sich für mich jedoch als kleines und stimmiges Detail ein in eine Show, die insgesamt ganz klar den Fokus auf die Musik und ihre Wirkung legte: Kein großartig ausstaffiertes Bühnenbild, im Licht überwiegend klassische dunkelblaue Kühle, dann und wann gab es etwas Nebel, jedoch auch den nicht in einer Dosis, die (erneut) den Feueralarm der Halle ausgelöst hätte. Kein dramatisches Posieren, keine großartigen Aktionen zur Motivation oder Bespaßung des Publikums. Insbesondere letzteres wäre hier aber auch schlichtweg deplatziert gewesen, denn Mist of Misery sind alles andere als Party-Metal. Die Songs setzen sich oftmals mit jenen Emotionen und Erfahrungen auseinander, die mit dem Erleben von Depressionen einhergehen; passend zu  Motiven von Isolation, Einsamkeit und den ganzen namenlosen Grauensschemen, die das Hirnwohnzimmer belagern können, strömt auch aus ihrer musikalischen Umsetzung immer wieder eine greifbare bis schneidende Kälte.

Mist of Misery sind vielleicht keine einfache Musik, sicherlich nichts für „nebenbei“, und auch den Vorstellungen vom klassischen „Rausschmeißer“ entsprechen sie nicht. Trotzdem, oder gerade deswegen, ist es schön, dass sie es zum Ragnarök, und doch auch nicht wenige Besucher zu ihrem Auftritt geschafft haben.

 

Setlist: The Long Road // A Sombre Solace // Into The Embrace Of Winter // Mist of Misery // Heir Of Misfortune // Severance

Anstelle eines Fazits

Wäre das ein schulnorm-gerechter Artikel, würde an dieser Stelle eine Zusammenfassung als „Schlussfazit“ kommen.

Das ist aber kein schulnorm-gerechter Artikel, daher gibt’s an dieser Stelle keine schlichte Zusammenfassung einer Reihe wirklich wortreicher Artikel, sondern stattdessen sowas wie eine Liebeserklärung. Keine überschwängliche, das gibt die fränkische Herzlichkeit nicht her, aber schon so eine kleine Zuneigungsbekundung.

Das Ragnarök war eines meiner ersten Festivals, als ich angefangen habe, ebensolche zu besuchen. Das ist jetzt schon eine ganze Weile her, und ich gehe da immer noch hin. Gelegentliches granteln über Wetter hin, Nachbarn mit zweifelhaftem Musikgeschmack und teilweise absolut vollgestopfte Halle her: Es ist und bleibt das Festival, das ich bisher am häufigsten besucht habe. Dass ich das nach wie vor tue, liegt nicht primär an günstiger geografischer Lage und praktischen Sitzmöglichkeiten (auch, wenn die Tribüne manchmal schon sehr angenehm ist), sondern an dem, worum es primär geht: An der Musik nämlich. Das Ragnarök gibt mir die Möglichkeit, Bands (wieder) zu sehen, die eine absolute Herzensangelegenheit sind (in diesem Jahr etwa Agrypnie und Psychonaut 4, neben diversen anderen) ebenso wie freundliche Schubser, mich mit solchen, die es werden könnten, nochmal genauer auseinander zu setzen (Helfró zum Beispiel). Nebenbei sorgt es dafür, dass ich über den Rand meiner musikalischen Komfortzone raus schaue, um auch bei Vertretern anderer Stilrichtungen das wahrzunehmen, was ich an Musik, und Kunst allgemein, schätze: Authentizität, ehrliche Leidenschaft, und das Transportieren von echter Emotionalität, Stimmungen und Atmosphäre. Das tut das Ragnarök nach wie vor, obwohl es, gemessen an den Besucherzahlen, einer enger gefassten Definition von „Nischen-Veranstaltung“ nicht mehr unbedingt entspricht. Und dafür wertschätze ich es.

Daher, alles in allem und von Herzen: Ragnarök, du basst scho so.

Bericht: TanjaRoksi
Bilder: Roksi

 

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