Im Gespräch mit Heli Reißenweber – Teil 2

Was auf der Bühne spektakulär und mühelos wirkt, ist das Ergebnis akribischer Planung, jahrelanger Erfahrung und enormer körperlicher Belastung.

Im zweiten Teil unseres Gesprächs gibt Heli einen selten offenen Einblick hinter die Kulissen von Stahlzeit: von exakt getimter Pyrotechnik über Rauch, Hitze und Atemnot bis hin zur oft unsichtbaren Arbeit der Crew. Ein Teil über Verantwortung, Vertrauen und darüber, warum große Shows nur als Gemeinschaft funktionieren.

Solche visuellen Momente, wie der Augenblick an dem du dich an den Engelsflügeln im Hintergrund hochziehen lässt, wirken extrem stark. Wie bewusst plant ihr solche Bildinszenierungen, gerade auch im Unterschied zum Original?

Genau so war das auch gedacht. Uns ist wichtig, an solchen Stellen bewusst einen Unterschied zu machen. Rammstein haben den Moment mit den Flügeln anders inszeniert, und das haben wir früher auch so gemacht.
Mich reizt es aber viel mehr, solche Bilder aus dem Off entstehen zu lassen, wenn jemand plötzlich auftaucht. Da nehmen wir uns ganz bewusst die Freiheit, Dinge anders zu lösen.
Es gibt auch Songs wie „Spring“, bei denen die komplette Showidee von uns selbst stammt. Rammstein haben den Song ja nie live gespielt. Solche Momente wachsen dann ganz aus unserer eigenen Inszenierung heraus.

Heißt das, dass ihr bewusst mit bekannten Elementen spielt, sie aber immer so abwandelt, dass es nicht zur bloßen Kopie oder zum „Kasperle-Theater“ wird?

Ja, genau. Dieser Ansatz funktioniert für uns grundsätzlich sehr gut. Trotzdem greift man natürlich auch mal daneben, wir haben Songs ausprobiert, von denen wir dachten, sie kommen gut an, und gemerkt: funktioniert live einfach nicht.
Dazu kommt, dass das Publikum extrem unterschiedlich ist. In Deutschland geht ganz vieles sehr gut, aber im Ausland musst du ganz anders denken. In Ländern wie Tschechien oder Holland funktionieren oft nur die wirklich bekannten Songs, ältere oder speziellere Nummern kommen dort kaum an.
Das zwingt uns dazu, sehr flexibel zu bleiben und unsere Sets anzupassen. Genau dieser Prozess gehört für mich zu dem Spagat dazu: eigenständig bleiben, ohne am Publikum vorbeizuspielen.

Gerade im Ausland scheint es besonders wichtig zu sein, Songs zu spielen, die das Publikum wiedererkennt, selbst wenn die Texte nicht immer vollständig verstanden werden. Wie sehr beeinflussen kulturelle oder auch politische Kontexte eure Setlist-Entscheidungen?

Gerade im Ausland ist Wiedererkennbarkeit extrem wichtig. Viele kennen die Songs aus dem Radio und können sie mitsingen, auch wenn sie die Texte nicht im Detail verstehen. Das ist völlig okay, Hauptsache, es entsteht eine Verbindung.
Natürlich berücksichtigen wir auch den Kontext. Wenn wir nächstes Jahr in Paris spielen, gehört „Frühling in Paris“ einfach dazu.
Gleichzeitig muss man bei manchen Songs sensibel sein. Es gibt Titel, die politisch oder kulturell unterschiedlich wahrgenommen werden. Deshalb schauen wir genau hin, was passt und setzen im Zweifel lieber auf die bekannten Stücke, mit denen wir alle abholen können.

Momente wie der Auftritt mit den Engelsflügeln bei „Engel“ wirken extrem spektakulär und fast spontan. Wie viel davon ist tatsächlich exakt geplant und wie wichtig ist dabei die Balance zwischen maximaler Wirkung und absoluter Sicherheit?

Nichts davon ist zufällig. Jeder Effekt ist exakt geplant und hat seinen festen Moment. Wir müssen genau wissen, wo wir auf der Bühne stehen, wohin wir uns bewegen und wo welcher Effekt ausgelöst wird.
Sicherheit spielt dabei eine enorme Rolle. Es gibt klare Sicherheitsabstände, feste Abläufe und Timings. Nur weil alles so genau durchgeplant ist, kann es am Ende überhaupt so spektakulär wirken.

Das klingt nach enorm viel Planung und Erfahrung. Wie detailliert ist der Ablauf eurer Pyrotechnik organisiert und wie zentral ist dabei das Thema Sicherheit für euch?

Das ist vor allem Erfahrung über viele Jahre. Die Songs sind im Ablauf meist gleich, und wir wissen grundsätzlich, bei welchem Song welcher Effekt kommt. Bei größeren Shows verändern sich Positionen, mal laufen Effekte an Türmen hoch, mal über der Bühne, aber der Ablauf ist klar.
Vor jeder Show gibt es ein Briefing. Ich muss genau wissen, was passiert und womit ich arbeite. Gerade bei bestimmten Effekten ist das wichtig, weil sie einen enormen Rückstoß haben. Wenn ich weiß, was geladen ist und wo es zündet, kann ich mich darauf einstellen.
Natürlich kommt es trotz aller Planung immer wieder zu kleinen Verletzungen. Funkenregen oder heiße Rückstände können Verbrennungen verursachen, gerade wenn Luftzüge die Effekte unvorhersehbar verteilen. Das sind meist kleinere Verbrennungen, die dazugehören, aber genau da hört der Spaß dann auch auf.

Nimmt man solche kleineren Verletzungen im Moment überhaupt wahr oder merkt man unter Adrenalin erst später, dass etwas passiert ist?

Das kommt sehr auf den Effekt an. Beim Song „Ohne dich“ zum Beispiel spürt man das sofort. Am Ende stehe ich unter diesem Ring, aus dem glühende Funken herabregnen, das ist echte Glut, die noch lange weiter glüht. Die brennt richtig und tut auch weh.
Andere Effekte sind eher Funkenregen, den nimmt man zwar wahr, aber deutlich weniger intensiv. Genau deshalb achten wir extrem auf unsere Kleidung.
Wir tragen ausschließlich Baumwolle und kein Polyester, sollten sich synthetische Stoffe entzünden, wird es richtig gefährlich. Baumwolle hält das aus.

Da wir gerade bei der bildlichen Wirkung der Show waren, welche Rolle spielt die fotografische Dokumentation eurer Shows für euch? Nehmt ihr Fotografen während des Konzerts bewusst wahr und entdeckt ihr euch auf Bildern manchmal selbst aus einer Perspektive, die ihr auf der Bühne so gar nicht erlebt habt?

Ja, das ist uns sehr wichtig. Gerade bei größeren Shows nehmen wir Fotografen natürlich wahr, vor allem, wenn sie nah an der Bühne stehen. Gleichzeitig haben wir seit einiger Zeit auch einen festen Fotografen dabei, weil wir gemerkt haben, wie wichtig diese Dokumentation ist.
Mir geht es dabei nicht nur um die Bühne, sondern auch darum, das Publikum und die Stimmung festzuhalten. Auf Fotos entdecke ich manchmal Momente oder Perspektiven, die ich selbst so gar nicht wahrgenommen habe und das finde ich großartig.
Natürlich schaue ich mir nicht jedes einzelne Bild an, aber den Querschnitt schon. Gute Fotos helfen der Band enorm weiter und halten Dinge fest, die auf der Bühne in dem Moment einfach vorbeirauschen.

Wenn man eure Show sieht, denkt man zuerst an Bühne, Licht und Pyrotechnik. Welcher Teil eurer Produktion ist aus deiner Sicht unverzichtbar, bleibt für das Publikum aber meist unsichtbar?

Ganz klar: das sind alle, die im Hintergrund arbeiten. Die Crew, die morgens um acht oder neun in die Halle geht und den ganzen Tag aufbaut. Was diese Leute leisten, ist unglaublich, dafür ziehe ich jedes Mal meinen Hut.
Licht, Bühne, Technik: Da steckt wahnsinnig viel Arbeit drin, die man später oft gar nicht bewusst wahrnimmt. Unsere Lichtleute programmieren stundenlang, teilweise bis tief in die Nacht. Wir haben aktuell neue Leute im Team, und die feilen immer noch an Details, weil ich immer wieder sage: Das passt noch nicht, das fühlt sich noch nicht richtig an. Die brauchen dafür nicht nur Können, sondern auch echte Nerven.
Und das gilt für alle im Hintergrund, Tourleitung, Produktionsleitung, die komplette Crew. Das Pensum, das sie abliefern, ist enorm. Dafür bin ich extrem dankbar.
Wenn ich zurückblicke, macht mich diese Entwicklung besonders demütig. Früher haben wir alles selbst gemacht: Bus gefahren, LKW gefahren, aufgebaut, abgebaut, Feueranlagen selbst gebaut. Wir sind mit dem Sprinter durch halb Europa gefahren, haben gespielt, nachts wieder heim und am nächsten Tag ging es weiter.
Heute ist das anders. Wir haben eigene Nightliner, sogar einen extra für die Crew. Mir war irgendwann klar: Die Leute müssen schlafen können, sie müssen sich auch mal zurückziehen können. Das ist kein Luxus, das ist Respekt. Es ist ein Geben und Nehmen und genau so verstehen wir das.
Dass wir Musiker heute auf die Bühne gehen können, während hinter uns alles reibungslos funktioniert, ist keine Selbstverständlichkeit. Das ist das Verdienst der Menschen, die man nicht sieht. Und ohne die wäre das alles hier schlicht nicht möglich.

Im morgigen dritten und letzten Teil wird das Gespräch persönlicher: über Kunst und Interpretation, Berlin als emotionalen Fixpunkt, den Blick nach vorn und die Frage, wie man in Erinnerung bleiben möchte.

 

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