Schock-Rock vom Dachboden: Alice Cooper verwandelt das Amphitheater Gelsenkirchen in ein Tollhaus
Wenn der Altmeister des Schock-Rock lädt, strömen die Jünger des Morbiden in den Nordsternpark. Bei bestem Sommerwetter feierten die Fans das Konzert von Alice Cooper in Gelsenkirchen. Die Location stand ganz im Zeichen der Alice’s Attic Tour – einer von nur zwei exklusiven Deutschland-Terminen.
The Howlers
Den Abend eröffnete pünktlich das Londoner Duo The Howlers. 30 Minuten lang gaben sich die Briten redlich Mühe, das Publikum auf Betriebstemperatur zu bringen. Die Indie-Rocker erfreuen sich derzeit eines spürbaren kleinen Hypes, mussten sich jedoch im Amphitheater vor einer ganz neuen Herausforderung beweisen. Ursprünglich als Trio gestartet, touren Frontmann Adam Young an Gitarre und Gesang sowie Schlagzeuger Toby Richards seit Ende 2024 nur noch zu zweit.
Während direkt vor der Bühne der Funke übersprang, blieb es in den steilen Rängen der Cavea dennoch eher ruhig. Man saß, genoss das hervorragende Sommerwetter und wartete eben geduldig auf den legendären Hauptact. Das war keineswegs abwertend gemeint, sondern die typische Ruhe vor dem akustischen Sturm. Dem anwesenden Gelsenkirchener Publikum gefiel der unkomplizierte Sound der Briten am Ende sichtlich: Nach ihrem knackigen 30-Minuten-Set verabschiedeten sich The Howlers mit deutlich mehr als nur einem anstandshalber gespendeten Achtungsapplaus von der Bühne.
Perfekte Roadshow im Amphitheater Gelsenkirchen
Um Punkt 21:00 Uhr hieß es dann: Vorhang auf für Alice Cooper. Die Bühne im Amphitheater Gelsenkirchen ist zwar ein wenig kompakter als die gewohnten Hallen-Locations. Dem Gruselkabinett tat das jedoch keinen Abbruch. Die totenkopfverzierten Requisiten, der Riesen-Alice und das Soli-Podest rückten einfach enger zusammen.
Unterstützung bot eine gewaltige LED-Wand. Diese fing das Geschehen auch für die hintersten Plätze gestochen scharf ein. Einzig die Lichtshow hatte anfangs zu kämpfen. Die Sonne stand um 21 Uhr noch recht hell am Himmel. Daher entfaltete das Licht erst in der letzten halben Stunde seine volle, düstere Wirkung.
Besonders spannend war an diesem Abend der Blick auf die Besetzung. Die eingespielte Fraktion um Ryan Roxie, Chuck Garric und Tommy Henriksen funktionierte wie ein Uhrwerk. Zudem stand eine neue Personalie im Fokus: Die erst 22-jährige Anna Cara vertritt aktuell Nita Strauss während ihres Mutterschaftsurlaubs. Von Henriksen via Social Media entdeckt, fügte sie sich mit technischer Präzision nahtlos in die Roadshow ein. Wer den harten Weg solcher Ausnahmetalente verstehen will, dem sei die Dokumentation Hired Gun empfohlen.
Musikalische Zeitreise und Anna Caras Gitarrensolo
Musikalisch geriet das Set zu einer perfekt ausbalancierten Zeitreise. Bei Dirty Diamonds flogen traditionell die Perlenketten ins Publikum. Danach versetzten Klassiker wie Feed My Frankenstein und Poison die Menge endgültig in den Party-Modus. Das Mitsingen in den Zwischenpassagen wirkte stellenweise allerdings noch etwas verhalten.
Nach Poison folgte ein clever gesetztes Break. Anna Cara übernahm die Bühne für ein fulminantes Gitarrensolo voller High-Speed-Shredding und Tapping. Ihr Solo ging direkt in ein wuchtiges Drumsolo von Glen Sobel über.
Die theatralische Inszenierung zog im letzten Drittel spürbar an. Zur traditionellen Hinrichtung bei Second Coming / Going Home betrat Sharon die Bühne. Als eiskalte Krankenschwester mimte sie den Henker – inklusive makaberer Tanzeinlage nach der geglückten Enthauptung.
Kaum steckte der Kopf wieder auf den Schultern, folgte die absolute Publikumshymne School’s Out. Der Song war gewohnt stark mit Pink Floyds Another Brick in the Wall verwoben. Währenddessen schlitzte Alice die riesigen Ballons mit dem Katana auf.
Nirvana-Überraschung zum Finale
Als alle mit dem regulären Ende rechneten, überraschte die Band mit einer echten Premiere. Statt des klassischen Abgangs lieferte Cooper ein absolut starkes Cover von Nirvanas Smells Like Teen Spirit. Das riskante Unterfangen ging durch die pure Spielfreude der Band komplett auf. Die Fans feierten die Nummer frenetisch. Nach den traditionellen Abschiedsworten „May all your dreams become nightmares!“ endete die Show ohne Zugaben-Unterbrechung.
Ein kleiner Wermutstropfen blieb am Rand. Kurz vor Schluss musste die Security wegen einer kleinen Rangelei im Zentrum vor der Bühne kurz einschreiten. Ein verpatzter Drumstick-Wurf sorgte zudem für Verzweiflung bei einem Fan. Der Head of Security bewies jedoch Fingerspitzengefühl und klärte die Situation auf. Er entschädigte den anderen Fan kurzerhand mit der einzigen Setlist des Abends, die direkt von der Bühne kam. Ein versöhnlicher Abschluss für eine Performance, die bewies, dass Alice Cooper auch mit 78 Jahren kein Stück leiser wird.
Setlist:
Intro // Hello Hooray // Who Do You Think We Are // Spark in the Dark // No More Mr. Nice Guy // House of Fire // Billion Dollar Babies // I’m Eighteen // Muscle of Love // Feed My Frankenstein // Dirty Diamonds // Caught in a Dream // Hey Stoopid // Dangerous Tonight // Poison // Guitar Solo // Brutal Planet // Ballad of Dwight Fry // Cold Ethyl // Only Women Bleed // Second Coming / Going Home // School’s Out // Smells Like Teen Spirit // Under My Wheels
Bericht & Bilder: Clemens
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