Stimmgewalt im Abendrot: Eine emotionale Beichte unter freiem Himmel
Beim Konzert von Beth Hart auf Gut Wöllried in Rottendorf bei Würzburg zeigte sich am vergangenen Montag, was Fans nach den verschobenen Terminen bereits ahnten: Die Rückkehr der US-Amerikanerin brachte kein gewöhnliches Konzert, sondern ein hochemotionales Naturschauspiel. Bei bestem Sommerwetter entfesselte die Blues-Rock-Ikone einen stürmischen Abend. Dieser wird vor allem angesichts ihrer schieren Stimmgewalt als eines der besten Konzerte des Jahres in Erinnerung bleiben.
Bereits ab 18:30 Uhr füllte sich das geschichtsträchtige Areal zügig. Trotz einer langen Schlange am Einlass bewies das Team vor Ort eine tadellose Organisation. Das kulinarische Konzept ging ebenfalls auf – auch wenn die Bewirtung pünktlich um 21:00 Uhr endete. Das Gelände war übersichtlich aufgeteilt. Zudem bot es dank der angenehm hohen Bühne von nahezu überall beste Sicht.
Beth Hart live auf Gut Wöllried: Keine glattpolierte Routine
Pünktlich um 20:00 Uhr übernahm die Musikerin das Zepter. Schon beim zweiten Song forderte sie das Publikum zum Mitsingen auf. Darauf folgte eine charmante Cover-Version von Tom Waits‘ Chocolate Jesus. Vor dem vierten Lied stellte sie ihre hervorragend eingespielte Band vor: Jon Nichols (Gitarre), Tom Lilly (Bass) und Todd Wolf (Drums) trieben den klanglich transparenten Sound gewohnt druckvoll nach vorne. Aufgrund des strikten Curfews verzichtete Beth jedoch auf lange Geschichten; stattdessen feuerte sie einen Song nach dem anderen ab.
Wie unberechenbar und intuitiv diese Ausnahmekünstlerin agiert, zeigte sich, als sie einige am Boden liegende Setlists aufsammelte, demonstrativ zerknüllte und die geplante Song-Reihenfolge kurzerhand über den Haufen warf. Sie spielte das Set nach eigenem Gespür, packte spontane Ergänzungen obendrauf und reagierte unmittelbar auf die Schwingungen im Publikum.
Stimmgewalt und Gänsehaut-Momente in Würzburg
Ihre Stimme blieb das alles überragende Zentrum des Abends. Mal klang sie rau und brüchig, dann wieder erstaunlich kontrolliert, zart und im nächsten Moment von brachialer Intensität. Ein absoluter Gänsehaut-Moment folgte, als Beth sich an den Bühnenrand hockte und das Melody Gardot-Cover Your Heart Is as Black as Night anstimmte. Für Beth ist Gardot aktuell die beste livehaftige Jazz-Vokalistin. An diesem Abend reichte Beth diesen Titel mit ihrer eigenen, tief unter die Haut gehenden Gesangsperformance direkt an ihre Fans weiter.
Wenig später folgte eine raue Hommage an Led Zeppelin mit When the Levee Breaks. Diese garnierte sie mit dem Spruch: „Wenn wir in England wären, würden sie uns erschießen!“ Zwischen den Songs blitzte immer wieder ihre sensible Seele auf. So sprach sie offen über ihre spirituelle Ader, eine von Missbrauch geprägte Vergangenheit und richtete rührende Worte an ihren Ehemann Scott. Er sei der Nette, sie die Kriminelle.
Akustik-Set und ein emotionales Finale im Sonnenuntergang
Nach packenden Klavier-Solos (darunter Mechanical Heart und Hole Through The Night), bei denen sie die ganze Tragweite ihrer Biografie in den Tasten und den Stimmbändern zu verdichten schien, bedankte sie sich ausdrücklich beim Veranstalter sowie der FOH- und Monitor-Crew. Ein fließender Übergang, getragen vom Kontrabass Tommys, öffnete ein ungemein expressives Akustik-Set. Später stand die Sängerin mit ihrer Gitarre im Rampenlicht. Dabei kokettierte sie bei Broken mit den Worten „Broken and ugly?“, ehe ihr charakteristisches, markerschütterndes Machine-Gun-Vibrato einsetzte.
Nach dem regulären, 90-minütigen Set forderte das Publikum lautstark eine Zugabe. Beth Hart kehrte allein mit Gitarre zurück und ging voll auf die Wünsche der jubelnden Menge ein. Sie erfüllte den Fan-Wunsch nach Thankful und widmete das wütend-intensive Don’t Call The Police – inklusive eines packenden Vokal-Solos – dem Gedenken an George Floyd. Das furiose Finale mit dem Cover I’d Rather Go Blind verschmolz perfekt mit dem malerischen Sonnenuntergang. Dieser verlieh dem ohnehin grandiosen Lichtdesign eine dramatische Tiefe. Nach einer rund 20-minütigen Zugabe war dann kurz vor 22:00 Uhr Schluss. Das Gelände leerte sich rasant, und ein kleiner Stau auf dem Parkplatz blieb die einzige Erinnerung an dieses absolute Live-Highlight.
Fazit
Das lange Warten auf den Nachholtermin aus der Posthalle hat sich mehr als gelohnt. Wer Beth Hart noch nicht live erlebt hat, hat meiner Meinung nach die beste Blues/Rock-Sängerin unserer Zeit verpasst.
ursprüngliche Setlist:
Face Forward // Waterfalls // Chocolate Jesus // Bad Woman Blues // Pimp Like That // Heart as Black as Night // Levee // Mechanical Heart // Without Words // Sugar Shack // If I Tell you // Broken // Savior // Machine Gun Vibrato // Baddest Blues /// Don’t Call the Police // War in my Mind // There in your Heart
Eingeschoben: Thankful // I’d rather go blind
Bericht & Bilder: Clemens
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