Wenn Traditionen, Feuer und die echte Szene‑Gemeinschaft verschmelzen, dann feiern Subway to Sally ihre Eisheilige Nacht. Und mit dem Abschlusskonzert am 30.12.2025 im Waschhaus in Potsdam wurde dieses Ritual zu einem besonders intensiven Erlebnis. Die Eisheilige Nacht ist längst kein einmaliges Event mehr, sondern eine feste Konzertreihe im deutschsprachigen Raum, die Fans von Folk‑, Mittelalter‑ und Rockmusik alljährlich zusammenführt, und wie jedes Jahr nahm sie im Gründungsort von Subway to Sally, Potsdam, ihren fulminanten Abschluss.
Das Waschhaus Potsdam ist längst weit mehr als nur eine Adresse, es ist ein zentrales Kultur‑ und Konzertzentrum Brandenburgs, das in den frühen 1990er‑Jahren aus einem besetzten Haus entstand und sich seitdem zu einem festen Treffpunkt der lokalen und überregionalen Musikszene entwickelt hat. Konzerte, Clubabende, Lesungen oder Performances, hier pulsiert seit Jahrzehnten Kultur auf vielen Ebenen. Genau in diesem historischen Umfeld trafen sich an diesem kalten Winterabend hunderte Fans, um gemeinsam das Jahresende mit einem der wichtigsten Events der Szene zu begehen.
Der Abend war Sold Out und schon lange vor Einlassbeginn standen die Menschen bei frostigen Temperaturen geduldig Schlange vor den Toren des Waschhauses, um sich den besten Platz für den Abend zu sichern. Die Luft war erfüllt von gespannter Vorfreude, leichtem Frost auf Jacken und Mützen. Und mit einer Atmosphäre, die bereits vor Betreten des Clubs deutlich machte: Hier passiert heute etwas Besonderes.
Haggefugg
Den Startschuss für diesen besonderen Abend setzten Haggefugg. Und das mit einer Wucht, die keinen Zweifel daran ließ, dass hier niemand nur „zum Warmmachen“ auf der Bühne stand. Schon mit den ersten Schlägen der Trommeln und dem kraftvollen Einsatz der Dudelsäcke war die Aufmerksamkeit der Halle vollständig gebannt. Die Musik wirkte roh, lebendig und erstaunlich zeitlos, als würde sie direkt aus einer längst vergangenen Epoche in die Gegenwart getragen. Innerhalb kürzester Zeit verwandelte sich der Raum in einen lebendigen Treffpunkt aus klatschenden Händen, tanzenden Körpern und strahlenden Gesichtern.
Was Haggefugg besonders auszeichnet, ist ihre Fähigkeit, Leichtigkeit und Tiefgang miteinander zu verbinden. Ihre Texte kommen frech und humorvoll daher, verlieren dabei aber nie ihren inhaltlichen Kern. Musikalisch schwebten fröhliche, fast beschwingte Melodien über einer stabilen Rockbasis, getragen von zwei Dudelsäcken, die den Sound prägten, ohne ihn zu dominieren. Songs wie Spieglein oder Märchenwald fanden sofort Anschluss beim Publikum, das vom ersten Moment an mitging.
Bei Hexenkessel nahm der Auftritt endgültig Fahrt auf. Zusätzliche Gestalten in braunen Mönchsroben stürmten die Bühne, rührten, tanzten und sorgten mit bewusst inszeniertem Chaos für ein Bild, das perfekt zur Stimmung passte. Kurz darauf folgte Daheim, ein Song, der mit seiner klaren Botschaft genau den Nerv des Abends traf: Gemeinschaft entsteht dort, wo man gemeinsam feiert. Entsprechend laut und geschlossen fiel der Gesang aus dem Publikum aus.
Einen nachdenklicheren, aber nicht minder intensiven Moment bot Brennende Welt. Thematisch setzte der Song einen Kontrapunkt zur ausgelassenen Feierlaune, ohne die Stimmung zu brechen. Stattdessen entstand ein spürbares Gefühl von Zusammenhalt, verstärkt durch ein Lichtermeer im Publikum, das dem Stück eine besondere Tiefe verlieh.
Viel zu früh war der Auftritt nach rund einer halben Stunde bereits vorbei. Mit Totentanz verabschiedete sich die Band von einem Publikum, das längst auf Betriebstemperatur war. Wach, aufmerksam und bereit für alles, was dieser Abend noch bringen sollte.
Setlist: Tanz und Gloria // Spieglein // Märchenwald // Hexenkessel // Daheim // Brennende Welt // Böses Spiel // Totentanz
Kupfergold
Mit Kupfergold wurde das Stimmungslevel direkt noch einmal deutlich angehoben. Kaum hatte die Band die Bühne betreten, war klar: Hier geht es nicht um Distanz oder große Inszenierung, sondern um Nähe, Spaß und kollektives Mitmachen. Vom ersten Moment an entstand das Gefühl, man würde sich schon lange kennen – ein Abend unter Freunden, nur eben mit deutlich mehr Lautstärke.
Ungewöhnlich waren bereits die optischen Elemente des Sets. Statt ihrer sonst eher folkigen Erscheinung präsentierte sich die Band in einem Outfit, das eher an eine Glam-Rock-Parodie erinnerte: rosa und Leopardenmuster-Spandex-Leggings, Stirnbänder, Lederjacken und Badeanzüge über der Kleidung. Sängerin Bonnie Banks und Gitarrist Eric betraten die Bühne zunächst sogar in Leopardenmuster-Bademänteln; ein Bild irgendwo zwischen Steel Panther, Karneval und bewusstem Kontrollverlust. Spätestens mit dem Opener Fasan Alarm war die Richtung klar vorgegeben: Kupfergold nahmen kein Blatt vor den Mund und machten aus der Halle kurzerhand einen einzigen, fröhlich eskalierenden Fasanenstall.
Bonnie führte mit frechen Ansagen in Kölner Mundart durch das Set, brachte das Publikum immer wieder zum Lachen und animierte konsequent zum Mitsingen. Musikalisch bewegte sich die Band irgendwo zwischen Folk-Pop und Folk-Rock, doch im Zentrum stand ganz klar der Humor. Songs wie Zum goldenen Rammler oder ’n Tripper ließen keine Zweifel daran, dass Kupfergold keine Angst vor nicht ganz jugendfreien Themen haben, diese aber stets mit Augenzwinkern und einer ordentlichen Portion Selbstironie präsentieren. Die Band selbst nennt das liebevoll „Assi-Folk“ und genau das traf den Nerv des Abends.
Auch an kleinen Show-Momenten mangelte es nicht. Nach dem zweiten Song betrat Eric Fish von Subway to Sally die Bühne und setzte Bonnie eine glitzernde Spange mit stilisierten Hasenohren auf, begleitet von einem herzlichen Dank Kupfergold s für die Einladung auf diese Tour. Man merkte deutlich, wie viel diese Chance Kupfergold bedeutete: früher Fans, heute gemeinsam auf der Bühne.
Gegen Ende des Sets wurde es dann so richtig ausgelassen. Ein verkleideter Kobold begab sich crowdsurfend ins Publikum, verteilte Süßigkeiten und initiierte einen großen Circlepit. Beim abschließenden Es ist Obst im Haus kamen schließlich auch Mitglieder von Haggefugg, mit Masken und Obst bewaffnet, auf die Bühne, sorgten für kontrolliertes Chaos und machten dem Songtitel alle Ehre, Vitamine inklusive.
Das Publikum feierte die 2018 gegründete Band ausgelassen, und spätestens hier wurde klar: Kupfergold sind weit mehr als nur ein kurzweiliger Support. Diese Mischung aus Humor, Mitmach-Mentalität und ehrlicher Spielfreude dürfte ihnen auch in Zukunft noch viele offene Türen und volle Hallen bescheren.
Setlist: Fasan Alarm // Zum goldenen Rammler // Und’n Tripper // Kupfer und Gold // Lichtermeer // Koboldkeilerei // Der Klügere kippt nach // Es ist Obst im Haus
Schandmaul
Mit dem Auftritt von Schandmaul bekam der Abend eine neue, beinahe majestätische Färbung. Noch bevor der erste Ton erklang, erfüllte Sweet Caroline als Pausenmusik die Halle, begleitet von einem ersten kollektiven „ohohoh“ aus dem Publikum. Dann kippte die Stimmung schlagartig: Ein mystisches Intro aus Donnergrollen und Blitzen legte sich über den Raum, bevor die Violinistin und die Flötenspielerin mit Königsgarde den eigentlichen Startschuss setzten. Kurz darauf betrat Sänger-Neuzugang Till Herence die Bühne und es begann eine Stunde voller Folk-Rock, Geschichten und gemeinsamer Momente.
Schandmaul spielten an diesem Abend mit einer Selbstverständlichkeit, die aus jahrzehntelanger Erfahrung gewachsen ist, ohne jemals routiniert zu wirken. Neue Songs fügten sich nahtlos neben Klassiker, getragen von einer Spielfreude, die sofort auf das Publikum übersprang. Nach den ersten Stücken ließ es sich Thomas Lindner, der frühere Frontmann der Band, nicht nehmen, selbst das Wort zu ergreifen. Nach überstandener Krebserkrankung und inzwischen an Keyboard und Akustikgitarre zuhause, stellte er Till offiziell als neue Stimme von Schandmaul vor; ein Moment, der spürbar von gegenseitigem Respekt und Zusammenhalt geprägt war.
Wie schon so oft machten Schandmaul ihr Publikum zum festen Bestandteil der Show. Ob einfache Klatsch-Einlagen, pantomimische Spiele oder ein eigens einstudierter „Zombie-Tanz“, der dem Publikum in mehreren Stufen beigebracht wurde: erst winken, dann Zeitlupe, schließlich der vollständige Zombie-Walk inklusive einer Bewegung, um dem Nachbarn symbolisch das Herz herauszureißen. Die Halle machte bereitwillig mit und verwandelte sich in eine ausgelassene, mitspielende Gemeinschaft. Vor Der Teufel hat den Schnaps gemacht zog die Band noch einen augenzwinkernden Vergleich zum letzten Konzert in Bremen, genug, um die Stimmung weiter anzuheizen.
Besondere Bilder entstanden auch bei Tatzelwurm, als aufblasbare Krokodile durch die Menge surften, und bei Bunt und nicht braun, als bunte Riesenbälle über die Köpfe hinweg durch die Halle flogen. Spätestens hier sang, tanzte und feierte wirklich jeder Einzelne.
Einer der emotionalsten Momente des Sets folgte bei Dein Anblick. Das Publikum wurde gebeten, die Taschenlampen der Handys anzumachen und übernahm schließlich die letzten Strophen komplett selbst. Auch, nachdem der Song eigentlich beendet war, sang der Saal weiter, getragen vom Applaus und sichtbar bewegt von der Band, die die Fans auch noch einmal ermutigte, nicht aufzuhören.
Zum Finale schlugen Schandmaul dann noch einmal den Bogen zurück zur puren Ausgelassenheit. Bei Knüppel aus dem Sack fand die Aufforderung zur Wall of Love großen Anklang, auch kamen mehrere Musiker der vorherigen Bands in Kostümen auf die Bühne, bewaffnet mit aufblasbaren Keulen, und zogen gemeinsam durch das Publikum. Mit Walpurgisnacht endete der Auftritt schließlich, jedoch nicht, ohne die Halle zuvor noch einmal zu einem langen, getragenen „ohohohoh“ zu animieren – ein Chor, der selbst während der Umbaupause noch nachhallte.
Setlist: Königsgarde // Hexeneinmaleins // In der Hand // An der Tafelrunde // Tatzelwurm // Der Pfeifer // Der Teufel // Bunt und nicht braun // Dein Anblick // Knüppel aus dem Sack // Walpurgisnacht
Subway to Sally
Nun war es Zeit für die Gastgeber des Abends. Subway to Sally betraten die Bühne und mit ihnen entlud sich all das, was sich über Stunden hinweg aufgebaut hatte. Kein Feuer, keine Pyro, keine Flammenfontänen wie bei anderen Stationen der Tour, und doch wirkte dieser Moment gerade deshalb umso intensiver. Ein tanzender Phönix eröffnete das Set, vertraut von früheren Touren, ehe die ersten Töne von Phönix erklangen. Ein symbolischer Auftakt, passender hätte er für das Abschlusskonzert im Potsdamer Waschhaus kaum sein können.
Von Beginn an war spürbar, dass dieser Abend ein besonderer war. Die Setlist setzte auf Bewährtes: eine ausgewogene Mischung aus neueren Songs und langjährigen Klassikern, die das Publikum mühelos abholte. Mit Leinen los wurde die Halle endgültig in Bewegung versetzt, inklusive kleiner Papierboote, die der Fanclub vorab verteilt hatte. Spätestens bei Was ihr wollt war kein Halten mehr.
Auch leisere Momente fanden ihren Platz. Kleid aus Rosen wurde von einem geschlossenen Chor aus dem Publikum begleitet, während Eric aus der ersten Reihe die obligatorische Rosen bekam und diese während des Songs in seiner Hand zerdrückte. Nach Auf dem Hügel nutzte die Band den Moment, um die kommende Nackt III-Tour anzukündigen, nicht, ohne direkt einen zusätzlichen Termin in Neuruppin bekannt zu geben.
Im Anschluss folgte der akustische Block, der als Folk-Party-Medley angelegt war und einen ersten Eindruck davon vermittelte, wie sich Subway to Sally auf der kommenden Akustiktour präsentieren werden. Simon Michael verließ sein Schlagzeug und nahm vorne auf einer Kistentrommel Platz, Ingo griff zur Laute, Sugar Ray zur Akustikgitarre. Besonders Allys Geige setzte bei Sag dem Teufel und Ohne Liebe eindrucksvolle Akzente und verlieh den Stücken eine fast intime Atmosphäre. Ein kurzer Ruhepol, bevor das Tempo wieder anzog.
Nach dem Medley kehrte die Band zurück zur elektrisch verstärkten Wucht. Ein Metal-Medley brachte mit Henkersbraut, Knochenschiff und Falscher Heiland noch einmal die geballte Härte auf die Bühne, ehe mit Eisblumen der thematische Bogen zur winterlichen Jahreszeit geschlagen wurde. Gemeinsam mit Schandmaul folgte anschließend Räuber & Narren, bevor das große Finale eingeläutet wurde.
Zu Veitstanz stürmten schließlich auch Haggefugg und Kupfergold die Bühne. Kostümiert, ausgelassen und vollkommen im Moment aufgehend, verwandelten alle Beteiligten die Bühne in ein farbenfrohes Chaos aus Dudelsäcken, Gesang und Tanz. Mitglieder von Subway to Sally und Schandmaul wurden mit Perücken und roten Nasen ausgestattet, Eric Fish wurde mit eine blaue Perücke mit Fischschwanz geschmückt. Ein Bild irgendwo zwischen Wahnsinn, Tradition und purem Spaß. Genau hier zeigte sich, was die Eisheilige Nacht ausmacht: Gemeinschaft statt Distanz, Zusammenhalt statt Starallüren.
Die Zugabe begann mit Wenn Engel hassen, bevor sich die Band noch einmal Zeit nahm, um sich ausführlich beim Publikum zu bedanken und es bereits jetzt auf die Eisheilige Nacht 2026 einzuschwören. Zu Sieben flogen bunte Luftballons durch die Halle, ehe mit Julia und die Räuber der Schlusspunkt gesetzt wurde. Die Band erschien in Weihnachtsmützen, das Publikum sang geschlossen mit.
So endete das Abschlusskonzert der Eisheiligen Nacht dort, wo alles begann: in Potsdam. Ohne große Effekte, aber mit umso mehr Herz, Nähe und Bedeutung. Ein würdiger Abschluss und ein weiteres eingelöstes Versprechen, das diese Konzertreihe Jahr für Jahr aufs Neue gibt.
Setlist: Introitus // Phönix // Wunder // Leinen los // Was ihr wollt // Kleid aus Rosen // Auf dem Hügel // Akustik Block – Folk Party Medley Sag dem Teufel – Ohne Liebe – Tanz auf dem Vulkan // Metal Medley: Henkersbraut – Knochenschiff – Falscher Heiland // Post Mortem // Eisblumen // Räuber & Narren (mit Schandmaul) // Veitstanz (Finale)
Zugabe: Wenn Engel hassen // Sieben // Julia und die Räuber
Bericht und Bilder: Andreas Sperl
Mehr von der Eisheiligen Nacht bei Dark-Art findet ihr hier:
- Konzertbericht: Eisheilige Nacht in Dortmund, 20.12.2024
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- Bilderbeitrag: Eisheilige Nacht 2023 in Gießen
- 27.12.2022 Eisheilige Nacht in Würzburg
- 17.12.2022 Eisheilige Nacht in Gießen
- 29.12.2022 Eisheilige Nacht in Bremen
- 27.12.2019 Eisheilige Nacht 2019 – Würzburg
- Subway to Sally – Eisheilige Nächte 2019.12.30 Potsdam Metropolishalle
- 21.12.2019 Eisheilige Nacht in Giessen
- 29.12.2019 Eisheilige Nacht 2019 Bremen
Mehr von den Bands bei Dark-Art findet ihr hier:
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- Konzertbericht: Kupfergold – Fasan Alarm Tour, Cafe Central Weinheim, 14.11.2025
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