Wer am Sonntag des 14.06. anstelle von im Kollektiv oder privat zelebriertem Fußball-Saufpöbeljubel gerne was gscheids machen Atmosphäre und Emotion der anderen Art erleben wollte, hatte in der Live Music Hall Weiher eine hervorragende Gelegenheit dazu. Denn die Australier des kosmisch-avantgardistischen Black-Metal-Projekts Midnight Odyssey spielen seit einem Weilchen endlich live, und Teil ihrer ersten Europa-Tour war auch ein Auftritt in Mörlenbach. Mit dabei war Agasch, deren atmosphärischer Black Metal auf Ebene der musikalischen Umsetzung und konkreter inhaltlicher Aspekte durchaus in eine andere Kerbe schlug, gleichzeitig aber spannenderweise den Hauptact hervorragend komplementierte und das Konzert als stimmiges Ganzes erscheinen ließ. Denn beide Bands liefern, aus meiner Sicht, in Sachen Stimmungsempfinden und Atmosphäre eine ebenso eindringliche wie charakteristische Erfahrung.
Ein paar mehr Besucher hätte ich der Veranstaltung gewünscht, dennoch war die Live Music Hall, insbesondere für einen Sonntagabend, durchaus nicht schlecht besucht – anfangs größere Freiräume, vorwiegend im hinteren Bereich des Publikums, füllten sich im Lauf des Abends, und bei beiden Bands zeigten sich insbesondere die ersten Reihen wirklich begeistert, und das quasi vom Beginn des Konzerts kurz vor 20 Uhr bis zum Ende.
Agasch
Eingerahmt von etwas Schädel-Deko an den Bühnenrändern, sowie zunehmend intensiver werdenden Räucherwerk-Schwaden, ausgehend von einem kleinen altar-ähnlichen Aufbau vorm Schlagzeug, starteten Agasch und verdeutlichten erneut, warum man sie sich am besten direkt live anschauen sollte. Natürlich sind die Bayern auch auf Platte sehr schön anzuhören, aber die raue, authentische und hemmungslose Emotion, die sie auf der Bühne liefern, macht die musikalische Stimmung ihrer Musik nochmal unmittelbarer erfahrbar und erweckte auch bei diesem Auftritt den Eindruck, dass auch die Band wirklich mit dem Herzen dabei ist. Ravenson lieferte nicht nur stimmlich die komplette Palette des Schreiens bis Krächzens in diversen Schattierungen des Gequälten bis Dämonischen wirklich überzeugend, sondern auch seine Mimik ließ keinen Zweifel daran, dass der Mensch seine Musik fühlt. Gleiches ließ sich bei den anderen Musikern beobachten – so hatte etwa Bassist Wolfsturm zwar kein Mikrofon in seiner Ecke, das hielt ihn aber nicht davon ab, Liedtexte nicht nur sicht- sondern auch hörbar mitzuschreien.
Stimmungsstarke Musik kann es sich leisten, Showelemente lediglich als Abrundung eines in sich stimmigen und überzeugenden Gesamtkonzepts zu nutzen. Das gilt auch im Fall von Agasch. Neben den erwähnten Dekorationselementen gab es lediglich ein paar schwungvolle Nebelstöße, sowie die im Black Metal gefühlt obligatorische Ausleuchtung in dunkelschummrig-blau und/oder mittelschummrig-höllenrot. Und natürlich das Räucherwerk. Auch das aber visuell unauffällig – der kleine Räucheraufbau vorm Schlagzeug stand zwar an sich mittig auf der Bühne und wurde von Ravenson regelmäßig versorgt, aber stets mit passendem Timing (etwa zwischen zwei Songs), um als organischer Teil eines Gesamtrituals zu erscheinen. Auch auf Ansagen und Publikumsmotivation wurde größtenteils verzichtet – was aber auch nicht nötig erschien, denn bereits bei Verfall der Leere war die Begeisterung der Besucher nicht nur hör-, sondern aufgrund diverser erhobener Hände auch sichtbar. Auch im weiteren Verlauf gab es immer mindestens ein paar Headbanger und wohlverdienten Applaus.
Mit Umnachtete Gestalt, einem ordentlichen Nebelstoß und gefühlt (gerochen) dem Erreichen der maximal möglichen Räucherduft-Sättigung der Raumluft endete der Auftritt von Agasch. Atmosphäre, ohne ins zu Verschnörkelte abzudriften, Unmittelbarkeit und Authentizität, mit genau dem richtigen Maß an Brachialität, um alles auszubalancieren und vorm Kitschsumpf zu bewahren – Herz, was willst du mehr? Ich bin gespannt auf das wohl am Ende des Jahres erscheinende neue Album und spreche erneut eine Empfehlung für diese Band aus.
Setliste Agasch: Des Waldgeists Tod// Verfall der Leere // Fallbeil der Angst // Delirium der Angst // Irrlicht // Zeremonie // Treibjagd der Teufel // Umnachtete Gestalt
Midnight Odyssey
Musikschaffen und -erleben ist manchmal ein Drahtseilakt. Das gilt auch, und insbesondere, für die Werke von Midnight Odyssey, ein Projekt von Dis Pater, das bereits auf inhaltlicher Ebene abstrakte bis sperrige Konzepte aufgreift, sie musikalisch verpackt und mittlerweile auch auf die Bühne bringt. Mythologisches bis Misanthropisches erhörbar zu machen, ist eine Sache; eine andere ist es, wenn es darum gehen soll, Dinge erfahrbar zu machen, die per definitionem nicht vollständig (be-)greifbar sind – spirituelle Transzendenz etwa, oder kosmische Weite. Das kann klappen, oder auch nicht – sowohl im Hinblick auf den Künstler, der das umzusetzen versucht, als auch auf den Hörer, der sich hineinversenkt (oder eben nicht).
Mindestens in Mörlenbach hat das geklappt. Bereits vor Beginn des Sets von Midnight Odyssey wurde es in den ersten Reihen nochmal etwas voller; mit der Zeit war auch im restlichen Raum Zusammenrücken angesagt. Die Palette der physischen und emotionalen Teilnahme des Publikums reichte vom stillen Dastehen mit geschlossenen Augen über etwas hin- und her tanzen bis hin zum schwungvollen Headbangen, und auch die Menge an Applaus und Jubelrufreaktionen sprach dafür, dass sich die Besucher bereitwillig von der Musik mitnehmen ließen.
Im Kontrast zum gut gefüllten Besucherraum stand das Arrangement auf der Bühne: Midnight Odyssey ist an sich ein Ein-Mann-Projekt, das ohne Schlagzeuger auskommt und an diesem Abend, inklusive Live-Musikern, mit insgesamt drei Personen auf der Bühne stand – genug Raum nicht nur für musikalische Entfaltung und charismatische Präsenz, sondern auch für die maximale Wirkung des klassischen Black Metal : Dunkelblaulicht und eine ziemlich schwungvolle Nebeldosierung. Mehr dramaturgische Unterstützung brauchte es auch nicht, um mithilfe von Musik eine der überzeugendsten Darstellungen einer Reise durch dunkelkühle Weltraumweite zu schaffen, die mir bisher begegnet sind. Midnight Odyssey hören fühlt sich genau wie das an, was die Namensbestandteile, strikt wörtlich genommen, assoziieren lassen. Allein schon dafür lohnt sich ein Konzertbesuch, vollkommen unabhängig davon, ob das Ganze den eigenen Hörgewohnheiten entspricht oder nicht.
Setliste Midnight Odyssey: Journey // Hunter // Storm // Whisper // Land/Death // Tears // Frozen
Schlussgedanken
Ich gehöre zu den Menschen, für die Musik vorwiegend eine Sache der Emotion und der Atmosphäre ist, und begegne ihr nicht nur mit ähnlicher Methodik, sondern auch mit ähnlicher Begeisterung wie der Literatur und der Malerei. Somit bin ich weitestgehend zwangsläufig Agasch-Fan und hatte das Konzert tatsächlich auch primär ihretwegen auf dem Radar; Midnight Odyssey war vorab ein sehr netter, aber eher sekundärer Bonus für mich. Musik zum Dauerhören wird das Projekt für mich auch nach diesem Auftritt nicht – als solche ist das Ganze meines Empfindens nach aber auch nicht angelegt. Gerade aufgrund des live nochmal nachhaltigeren, weil unmittelbaren, Erfahrbar-Machens der inhaltlichen Konzepte hat mich allerdings auch der Auftritt von Midnight Odyssey beeindruckt. Ich stufe ihn als ebenso spannende wie lohnenswerte Erfahrung von, und Auseinandersetzung mit, Kunst ein und werde ihn definitiv in Erinnerung behalten.
Kurz: Jo, war geiler als Fußball gucken.
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