Release: 07.08.2026
Genre: Black Metal
Spieldauer: 58 Minuten, 41 Sekunden
Label: Independent
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Tracklist:
- Wanderer in den Schatten
- Knochenkabinett
- Festung Einsamkeit
- Interludium Osseum
- Gipfelthron
- Wir waren das Volk
- Die Leichtigkeit des Scheins

Wen oder was siehst du, wenn du in den Spiegel blickst? Wer bist du wirklich, wer willst du sein? Die Suche nach Anerkennung, die Sucht der Eitelkeit, das Streben nach Bestätigung. Am Ende bleiben nur Knochen und Staub. Kein Monument, keine Lobpreisung, keine Huldigung. Ein Kabinett der Knochen. Gib dir die Chance, es zu verstehen, auch du wirst in der Schönheit vergehen.
Mit diesen begleitenden Worten lädt uns Wallfahrer ein, der neuen Veröffentlichung namens Knochenkabinett zu lauschen. Wer sich nun fragt: Wallfahrer? Der Name sagt mir nichts. Dem sei gesagt, dass sich hinter diesem bewusst anonymen Solo-Projekt ein Black-Metal-Juwel verbirgt, für das Fans von Nagelfar, Helrunar, frühen Minas Morgul, Imperium Dekadenz oder auch Drengskapur schnurstracks zur Anlage laufen sollten. Das Cover erinnert mich dabei an das Beinhaus Sedlec (Kostnice Sedlec) in der Tschechischen Republik. Die Band verwehrt sich moderner Streamingdienste und ist für Interessierte und bereits Wissende über YouTube und Bandcamp zu finden. Da mir bereits die Vorgängerplatten (insbesondere das Erstlingswerk Anthologie der Abkehr sowie In Dubio Pro Misanthropia) bereits sehr zugesagt haben, war ich dementsprechend auf die neue Langrille gespannt.
Die Person hinter dem Projekt legt nach eigener Aussage Wert darauf, unerkannt zu bleiben, sodass die Musik für sich sprechen kann. Sodann lassen wir die Musik mal sprechen und hören zu:
Das Album
Mit sphärischen Klängen und ruhiger Erzählstimme wiegt uns Wanderer in den Schatten zunächst in Sicherheit, nur um uns Sekunden später abrupt und ohne Gnade ins erste überaus gut produzierte Blast-Gewitter zu werfen. Beim Einsetzen der Vocals wird klar, wie auch bei den durchweg sehr soliden Vorgängern, bekommt der Hörer direkte und klare Botschaften ins Gesicht gespien, die sich einer üblichen Verklausulierung größtenteils entziehen und trotz Schreigesang verständlich aus den Boxen schallen. Wir begleiteten einen Wanderer, den die Abkehr vom Menschen und der Gesellschaft in die Natur treibt. Ein Thema, das bei Wallfahrer häufig im Mittelpunkt steht. Musikalisch wird ebenfalls direkt angespielt, worauf wir uns folgend einstellen können. Fein ausgearbeitete Riffs im Sinne der konzeptbasierten deutschen Black-Metal-Schule, die handwerklich sauber und eingängig im Einklang mit den treibenden Drums auf uns einwirken.
Mit Knochenkabinett folgt dann auch sogleich der Titeltrack des neuen Albums und Eisregen ärgern sich sicher, dass diese Alliteration ihnen nun verwehrt bleibt. Musikalisch bleiben wir bei eben erwähnter gut funktionierender Formel und schieben den Fokus textlich noch etwas mehr in die gesellschafts- und religionskritische Ecke. Langweilig wird das Ganze dank guter Riffwechsel und verspielter Passagen noch lange nicht. Wallfahrer beweisen spätestens hier wieder einmal, dass sie Sinn für eingängige und erhabene Melodien haben. So gesellt sich zur zugrundeliegenden Riffstruktur oft noch eine prägnante Leadgitarre, die den Melodieführungen eine Substanz verleiht.
Festung Einsamkeit beginnt passend erst einmal getragen, melancholisch und schwer und bleibt auch dabei. Die schwarzmetallische Midtempo-Ballade, die auf keiner Veröffentlichung fehlen sollte, nimmt uns an die Hand und zeigt uns wie Frustration, Abscheu und die Erkenntnis der menschlichen Belanglosigkeiten auf uns wirken können. Es geht um Rückzug in die inneren Burgmauern der eigenen Einsamkeit, um möglichst weit weg von dem Treiben der restlichen Menschheit zu sein. Der prägnante Refrain lehrt uns eine gewisse Ehrfurcht vor diesen Mauern und zeigt musikalisch, dass sich der Künstler hinter dem Projekt auch im mittleren Tempo sehr gut auskennt. Doch ein jeder muss sich auch wieder nach draußen begeben, so sehr es das verdrossene Individuum auch zum Rückzug treibt. Ein emotionaler Ausbruch in Musik und Wort, der das Tempo dann doch noch einmal variiert, verdeutlicht uns dies und wir werden übergeleitet zum instrumentalen Interludium Osseum.
Verhallte und Echo werfende Gitarren stimmen im Verbund mit Verzerrung und Akustik eine traurige, sehnsüchtige und verzehrende Melodie an, die wie eine Ergänzung oder gar Fortsetzung der vorherigen Darbietung wirkt. Mit einer spürbaren Last lädt das Zwischenspiel zum Nachdenken und Resümieren über das bisher Gehörte ein und begleitet uns hoch hinauf zum nächsten Titel. Wirklich sehr gelungen und gut platziert.
Hoch hinauf? Ganz recht. Gipfelthron nennt sich das nächste Liedgut und präsentiert uns nach einem kurzen und wütenden Zitat über die eigene Rechenschaft eine majestätisch und heroisch angehauchte Riffstruktur, die Demut vor dem Aufstieg lehrt, bevor auch die Lyrics wieder zurückkehren und die Hörerschaft zum Wanderer am Fuße des Berges führen. Mühsam aber unbeirrt bewegt sich der Getriebene nach oben, die Gedanken voller Verdruss, aber auch voller Ehrfurcht vor dem Weg in die Wolken und die Hoffnung, am Ende vielleicht einen Einklang mit sich selbst zu finden. Entgegen aller Ablehnung des menschlichen Seins und Wirkens ist die Anerkennung und Huldigung der den Menschen umgebenden Natur merklich fester Bestandteil bei diesem Projekt. Musikalisch wird es abwechslungsreich und von auflockerndem Staccato-Riffing, erhabenen Blastbeat-Passagen, Samples bis hin zu spannungsgeladenen Zwischenspielen, vereinen Wallfahrer auf dem Song alles, was sie gut darbieten können. Der Track ist vermutlich nicht umsonst die gewählte Vorabveröffentlichung des Albums geworden und bietet sich für jene an, die noch unschlüssig sind, ob sie ein Ohr riskieren sollten.
Unbeirrt und überzeugt geht es weiter auf dem Pfad der Verdrossenheit. Wir waren das Volk rechnet folgend mit unserer seltsamen Veranlagung für falsche Propheten und irreführenden Ideologien ab und ist dabei erschreckend aktuell. Das gespaltene Volk, das kein Volk ist, die Eigenart, nur zu schimpfen, aber nichts zu machen, die Arroganz und Egomanie des Einzelnen und dass die Geschichte sich wiederholt, wird uns belehrend aufgezeigt und tonal mit nachdenklichen und mitunter zynisch-stolzen Riffstrukturen untermalt. Der Song ist merklich darauf bedacht, nicht durch musikalische Eskapaden vom Text abzulenken, und verbleibt relativ unaufgeregt im eingängigen Midtempo-Bereich, damit auch jeder folgen und zuhören kann.
Die Leichtigkeit des Scheins beschließt wütend das Album und reißt den Hörenden energisch aus der grübelnden Resignation des letzten Titels. Wallfahrer fahren hier noch einmal feinste Gitarrenarbeit auf und blasten uns über weite Strecken schöne Riff-Variationen ins Ohr. Abgerundet wird der Abschlusstitel mit einem schönen Refrain, der im Kopf bleibt und zum Wiederhören einlädt. Ein gelungener Abschluss, dessen ausklingender Fade-Out Wehmütigkeit aufkeimen lässt.
Fazit
Was lässt sich nun sagen, nachdem die Musik gesprochen hat? Sicher, in der Komposition von Wallfahrer schwingt eine gewisse Formelhaftigkeit mit. Aufbau und Struktur der Songs klingen oft (nicht immer!) bereits vertraut. Das ist nicht schlimm und gerade im musikalisch häufig eng geschnürten Korsett des Genres, ist es absolut legitim bis sogar gewünscht, sich Reminiszenzen und gewohnter Elemente zu bedienen. Wichtig ist immer, was daraus gemacht wird und ob es zu überzeugen weiß. Was geboten wird, ist wieder einmal sehr gut produzierter, musikalisch absolut solider und vor allem textlich sehr direkter, nachdenklicher und ehrlicher deutscher Schwarzmetall. Der fast durchgängige Verzicht auf genreübliche theatralische, verklausulierte und altertümliche Sprache, das direkte Ansprechen aktueller Probleme in und um den Menschen und der Bezug zur Moderne sind eine sehr erfrischende Note bei Wallfahrer und hier sehe ich auch das prägnanteste eigene Merkmal, im Vergleich mit den offensichtlichen musikalischen Vorbildern. Ein gelungenes, wenn auch etwas formelhaftes Album, das sich problemlos in eine sehr gelungene und kurzweilige Diskografie einreihen kann.
Mehr von Wallfahrer bei Dark-Art findet ihr hier:
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