Vier Bands, ein Abend voller Breakdowns und eine Crowd, die offenbar nicht zum Stillstehen gekommen ist. Am Freitag, den 18. September, eröffneten The Amity Affliction ihre House Of Cards-Tour und machten dafür Halt im Wiesbadener Schlachthof. Mit dabei: Orthodox, Varials und Silent Planet. Vier Bands, die zwar unterschiedliche Facetten des Metalcore mitbrachten, aber eines gemeinsam hatten: Wer hier einen ruhigen Abend verbringen möchte, war definitiv am falschen Ort.
Opener des Abends: Orthodox
Als Opener des Abends hatten Orthodox aus den USA direkt eine besondere Premiere im Gepäck: ihre erste Show überhaupt in Europa. Ob das für die Band ein Grund zur Nervosität ist? Davon ist im Schlachthof jedenfalls wenig zu merken. Statt sich erst einmal vorsichtig an das Publikum heranzutasten, ging es direkt in die Vollen. Der Pit öffnete sich früh, und auch die Interaktion mit der Crowd ließ nicht lange auf sich warten. Die Band wusste offensichtlich, wie man ein Publikum in Bewegung versetzen kann. Zwischen Aufforderungen zum Mitmachen und ordentlich Druck von der Bühne wird schnell klar, dass hier niemand vorhatte, den Abend gemütlich anzugehen.
2‑Step? Kein Problem. Die nächste Crowdsurfer-Challenge? Wurde ebenfalls in den Raum geworfen. Und als wäre das noch nicht genug, gab es auch einen Oldschool-Moshpit, der die Halle endgültig auf Betriebstemperatur brachte. Orthodox lieferten damit genau das, was man sich von einem Opener dieser Größenordnung wünschen kann: keine langen Anlaufzeiten, keine unnötigen Pausen und jede Menge Energie. Für die erste Europashow ist das jedenfalls ein Einstand, der sich sehen lassen konnte. Wenn die Band diesen Schwung mitnimmt, dürfte sie auch auf den kommenden Stationen der Tour ordentlich Eindruck hinterlassen.
Varials
Wer nach Orthodox auf eine kurze Verschnaufpause gehofft hatte, wurde von Varials relativ schnell eines Besseren belehrt. Die zweite Band des Abends machte dort weiter, wo der Opener aufgehört hatte, nur mit noch mehr Hardcore im Gepäck. Clean Vocals waren hier eher die Ausnahme als die Regel. Stattdessen dominierten aggressive Vocals, drückende Riffs und Breakdowns, die sich hervorragend dafür eigneten, die eigene Energie im Pit loszuwerden.
Varials machten keine großen Umwege, sondern rissen die Halle mit einer kompromisslosen Performance ab. Und das übertrug sich direkt auf die Crowd. Der Moshpit war beim ersten Song direkt offen und während auf der Bühne die nächsten schweren Riffs rausgehauen wurden, ging es davor entsprechend zur Sache. Viel Raum für ruhige Momente blieb bei diesem Set nicht. Nach zwei Bands war damit bereits klar: Der Schlachthof war an diesem Abend keine Location für Menschen, die ihre frisch gebügelten Klamotten schonen möchten. Und das Beste daran? Die beiden größten Namen des Abends standen noch aus.
Silet Planet – der erste Headliner des Abends
Nach dem kompromisslosen Einstieg durch Orthodox und Varials übernahmen Silent Planet das Kommando. Die US-Amerikaner brachten eine andere Dynamik in den Abend: Zwar wurde auch hier ordentlich Druck gemacht, gleichzeitig bekam die Show aber eine deutlich atmosphärischere und emotionalere Ebene.
Den Einstieg markierte Offworlder, bevor es mit Collider und Dreamwalker weiterging. Spätestens bei Antimatter wurde deutlich, wie gut die Band ihre unterschiedlichen musikalischen Elemente miteinander verbindet. Elektronische Einflüsse, massive Gitarrenwände und die Wechsel zwischen aggressiven Vocals und melodischeren Passagen griffen ineinander, ohne dass die Songs ihren Druck verloren. Gerade die Drum-and-Bass-Elemente sorgten dabei für zusätzliche Bewegung und setzten interessante Kontraste zum ansonsten schweren Sound. Die Band nutzte die Pausen zwischen den Songs, um klare Botschaften zu vermitteln. Besonders hängen blieb ein Statement gegen Rassismus. In einem Genre, in dem es live gerne einmal ausschließlich um Circlepits und möglichst tiefe Breakdowns geht, ist es umso wichtiger, dass solche Themen ihren Platz bekommen. Die Ansage wirkte dabei nicht wie ein beiläufiger Einschub, sondern als bewusste Haltung, die zum Gesamtbild der Band passt. Mit The New Eternity wurde anschließend noch einmal ordentlich nachgelegt. Der Song fügte sich mit seiner Mischung aus Wucht und Dringlichkeit perfekt in das Set ein. Später folgten unter anderem Panopticon, Mindframe und Trilogy. Die Setlist verband damit Material aus verschiedenen Phasen der Bandgeschichte, ohne dass der Auftritt auseinanderfiel. Stattdessen entstand ein stimmiges Gesamtbild aus modernen Metalcore-Elementen, atmosphärischen Passagen und emotionaler Intensität.
Doch Silent Planet ließen es nicht bei politischen Aussagen bleiben. Auch das Thema mentale Gesundheit bekam Raum. Der Sänger sprach darüber, wie wichtig die Band für ihn sei und dass es in Ordnung sei, nicht immer in Ordnung zu sein. Gerade in einem Umfeld, in dem Stärke oft mit Durchhalten und Funktionieren gleichgesetzt wird, ist das eine wichtige Botschaft. Musik kann nicht jedes Problem lösen, aber sie kann Menschen das Gefühl geben, mit ihren Problemen nicht allein zu sein. Genau darin liegt eine der größten Stärken von Silent Planet: Die Band schafft es, Härte und Verletzlichkeit miteinander zu verbinden. Der Auftritt war intensiv, ohne sich ausschließlich über Lautstärke zu definieren. Zwischen den schweren Passagen bleibt Platz für Emotionen, klare Worte und Momente, die über das Konzert hinaus wirken.
Nach rund 45 Minuten war Schluss. Silent Planet haben gezeigt, dass ein Metalcore-Set gleichzeitig musikalisch anspruchsvoll, körperlich fordernd und inhaltlich relevant sein kann. Und auch wenn der Headliner noch aussteht, haben sie an diesem Abend längst ihren eigenen Akzent gesetzt.
Setlist: Offworlder // Collider // Dreamwalker // Antimatter // Wick // :Signal: // Panopticon // Mindframe // The New Eternity // Panic Room // Trilogy
The Amity Affliction – Abriss mit Ansage
Nach drei Bands, jeder Menge Bewegung im Pit und einer Halle, die längst auf Betriebstemperatur ist, wurde es Zeit für den Headliner. The Amity Affliction betraten die Bühne und machten direkt klar, dass sie nicht vorhaben, den Abend langsam ausklingen zu lassen. Mit Pittsburgh fiel der Startschuss und die Crowd war sofort dabei.
Die ersten Takte saßen, die Refrains wurden lautstark mitgesungen und die Band bekam genau die Reaktion, die man sich von einer Toureröffnung erhofft. Dazu kamen die visuellen Elemente der Show: LED-Wände, abgestimmte Lichteffekte und eingespielte Videos verliehen dem Auftritt eine zusätzliche Dimension. Gerade im Vergleich zu den vorherigen Sets wirkte die Produktion noch einmal deutlich größer. Hier wurde nicht einfach nur ein Konzert gespielt, sondern eine Show inszeniert. Mit Drag the Lake ging es weiter, bevor Like Love und Bleed folgten. Die Mischung aus melodischen Refrains, aggressiven Vocals und drückenden Instrumentalparts funktionierte live hervorragend. Besonders die Mitsingparts zeigten, wie tief sich die Songs der Australier in das kollektive Gedächtnis ihrer Fans eingebrannt haben. Die Band musste die Crowd kaum dazu auffordern, einzusteigen, denn an vielen Stellen übernahm das Publikum ganz von selbst.
Ein besonderer Fokus lag natürlich auf dem aktuellen Album House Of Cards, das der Tour ihren Namen gibt. Es ist das erste Album mit Bassist und Cleanpart-Sänger Jonny Reeves und setzt sich thematisch intensiv mit familiären Traumata, Verlust und den Folgen schwieriger Beziehungen auseinander. Dass diese Themen auch live funktionieren, zeigte sich besonders bei den neuen Songs. Die emotionalen Inhalte standen dabei nicht im Widerspruch zur Härte der Musik, sondern wurden durch sie noch verstärkt. Bei Heaven Sent unterstrichen rote Visuals die düstere Stimmung des Songs. Die Bilder auf den LED-Wänden passten zur emotionalen Schwere des Materials und unterstützten die jeweilige Atmosphäre der einzelnen Songs. Natürlich blieb aber auch genügend Platz für die älteren Klassiker. Mit House of Cards ging es zurück zum aktuellen Album, bevor All My Friends Are Dead und Open Letter folgten. Gerade bei den bekannten Songs zeigte sich, wie gut die Band die Balance zwischen persönlicher Schwere und gemeinschaftlichem Erlebnis beherrscht. Die Texte handelten häufig von Schmerz, Verlust und inneren Kämpfen, wurden in der Halle aber von hunderten Stimmen gemeinsam getragen. Aus individuellen Geschichten entstand so ein gemeinsamer Moment. Besonders All Fucked Up sorgte für ordentlich Bewegung: Hier gab es wieder einen riesigen 2-Step-Pit, in dem sich die Energie des gesamten Abends bündelt.
Dass The Amity Affliction nicht ausschließlich auf Eskalation setzen, zeigt sich bei den ruhigeren Momenten des Sets. Gerade Chasing Ghosts gehört zu den Songs, bei denen die emotionale Seite der Band besonders deutlich wird. Nach dem Abriss zuvor wirkte dieser Kontrast umso stärker. Für einen Moment ging es nicht darum, wer am schnellsten durch den Pit sprintet oder wie viele Crowdsurfer über die Köpfe getragen werden. Stattdessen stehen die Texte und die Verbindung zwischen Band und Publikum im Mittelpunkt. Mit Afterlife, Kickboxer, All That I Remember und Death’s Hand nahm das Set anschließend wieder Fahrt auf. Die Setlist verbindet neues Material mit Songs aus unterschiedlichen Phasen der Bandgeschichte und lässt dabei kaum Wünsche offen. Als Zugabe folgte Soak Me in Bleach, womit der Abend seinen Abschluss findet.
The Amity Affliction lieferten im Schlachthof Wiesbaden eine Show ab, die musikalischen Druck, große Refrains und emotionale Tiefe miteinander verband. Die starke Produktion setzte die Songs gekonnt in Szene, während die Crowd vom ersten bis zum letzten Song mitging. Nach drei Bands, die bereits ordentlich vorgelegt hatten, war das ein Headliner-Set, das den Abend überzeugend abrundete.
Setlist: Pittsburgh // Drake the Lake // Like Love // Bleed // Heaven Sent // Its Hell Down Here // House of Cards // All my friends are dead // Open Letter // Afterlife // All Fucked Up // Kickboxer // All that I Remember // Death`s Hand // Soak Me in Bleach
Bericht: Riley
Bilder: Patrick
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