Wacken Open Air 2023 – Samstag

Der letzte Tag des Wacken Open Airs brach an. Die größten Headliner wurden bereits hinter sich gelassen und viele machten sich bereits auf den Weg nach Hause. Das war sehr schade, denn auch am letzten Tag spielten noch viel tolle Bands. Das Wetter war hervorragend, der Schlamm größtenteils getrocknet und das machte die Fortbewegung auf dem Gelände deutlich angenehmer als an den Tagen davor. Trotzdem waren Gummistiefel noch zu empfehlen, denn auch die Sonne konnte gegen die größten Schlammgruben nichts ausrichten. Auf dem Weg zur Louder Stage und im oberen Bereich des Infields gab es einige größere Staubflächen und nicht wenige Leute konnte man dort sitzen sehen.

Ein Highlight des Tages waren die Wacken Firefighters. Durch die schwierige Wetterlage am Mittwoch, konnten sie ihr Eröffnungskonzert nicht spielen, aber dafür waren heute umso mehr Leute da. Bereits am Tag zuvor statteten die Firefighters dem Fliegerhorst Hungriger Wolf einen Besuch ab, auf dem einige Metalheads ausgelagert wurden, weil die Zeltplätze nicht begehbar waren. Wenn die Leute nicht zur Musik kommen können, kommt die Musik eben zu ihnen. Wie es typisch ist für ein Blasorchester, gab es natürlich mehrere Pits vor der Wackinger Stage und das sogar, obwohl nicht nur Metalhits sondern auch Partyklassiker neu interpretiert wurden. Neben dem Hochzeitstag von Hansi (Posaune) und Biene (große Trommel) wurde hier auch ein Junggesellinnenabschied gefeiert. Ich behaupte, dass hier die Stimmung besser war, als bei irgendeinem anderen Auftritt.

Auf den Hauptbühnen machten Masterplan den Anfang. Nach den Regenfällen am Morgen, waren nicht viele willig, sich in die Schlammgräben vor der Bühne zu begeben. Schade eigentlich, denn Masterplan feierten ihr 20-jähriges Jubiläum! Mit Taucherbrille auf der Bühne begrüßte Sänger Rick Altzi das Publikum und wechselte, perfekt vorbereitet, auf die Sonnenbrille. Rain or Shine. Er hatte einen Masterplan für Wacken (nein, den Wortwitz hat er schon selbst verbrochen) und Songs aus den ersten vier Alben gab es für die Nostalgiker.

Aber natürlich gibt es auch Metal auf einem Metalfestival und so betraten Jinjer die Faster Stage. Selbstverständlich musste dieser Auftritt politisch werden, denn die Band stammt ursprünglich aus Donezk, zog aber mit Beginn des Kriegs gegen die Ukraine 2014 von dort weg und lebt heute in Kiew. Vor diesem Hintergrund verwundet es auch nicht, dass der Backdrop auf der Bühne ein Peace-Zeichen in den Farben der ukrainischen Flagge zeigte und das symbolisierte, was wir uns alle wünschen: Frieden für die Ukraine. Das spiegelte sich auch in der ersten Ansage wider, in der Sängerin Tatiana Shmayluk nichts als „peace, love and harmony“ für jeden auf der Welt wünschte. Aber weg von der Politik, hin zur Musik. Die Bandbreite an Genres, die Jinjer abdecken ist genau wie die verschiedenen Stimmlagen von Tatiana immer wieder sehr beeindruckend, umso mehr freut es, dass sie diese Qualität live auch halten können. Auch wenn die Show selbst vergleichsweise unspektakulär war, war es ein wirklich toller Auftritt.

Etwas später an diesem Tag ertönten auf der Harder Stage die Worte „Are you ready for Saltatio?“, was die Menge mit einem lauten „Mortis!“ quittierte und damit war klar, dass jetzt gute Laune folgen sollte. Schon beim ersten Song gab es einige Circle Pits, die tiefe kreisförmige Spuren im Schlamm hinterließen. Alea war heute anfangs aber etwas neben der Spur, zumindest machte er den Eindruck. Nicht nur traf er einige Töne nicht, er vertauschte auch Songs in der Setlist. Aber das machte überhaupt nichts, denn die Show machte trotzdem unglaublich viel Spaß. Peyton Parrish, der am Tag zuvor noch auf der Wackinger Stage spielte, bekam heute die Chance, auf einer großen Bühne zu stehen und mit Saltatio Mortis zusammen zu singen. Ein etwas ungewöhnlicher Gast war Finch, den man eigentlich von seinem Party-Schlager-Rap kennt, aber die Mischung passte erstaunlich gut zusammen. Sogar Jesus schaute als Crowdsurfer einmal kurz vorbei. Es war ständig etwas los auf der Bühne und es machte einfach nur Spaß.

Was passiert, wenn sich ein Spartiat, ein Wikinger, ein Kreuzritter und ein Tribun des römischen Reiches in Valhalla treffen? Sie gründen selbstverständlich eine Band namens Warkings und werden von Odin zurück nach Midgard geschickt, um dort Metal zu verbreiten – natürlich Power Metal, was auch sonst. Dabei werden sie von Morgana le Fey und gelegentlich von Hephaistos unterstützt. Diese Gruppe darf auf einem so heiligen und sagenumwobenen Ort wie Wacken nicht fehlen und so annektierten sie die Wackinger Stage. Große Krieger brauchen Waffen, also wurde sich kurzerhand eine Seifenblasenpistole aus dem Publikum geklaut. Die große Lücke um eine besonders unangenehme Schlammpfütze brachte der Menge den Spitznamen „water pussies“ ein, jedoch wurde sich durch eine Moshpit in eben dieser Pfütze dagegen gewehrt. Die Menschen brauchten etwas Nachhilfe, um auf die Interaktionsversuche des Tribuns einzugehen, aber bald schon erschallte auf die Frage „What is you profession?“ in 300-Manier ein lautes „Ahuuu“ aus hunderten Kehlen.

Auf der Faster Stage gab es ein 20-jähriges Wacken Jubiläum. Wahrscheinlich die größte Hobbyband des Festivals, Heaven Shall Burn, spielte das erste Mal 2003 auf dem Festival und heizten auch heute wieder ordentlich ein. Mit Raketen, Fontänen und Funken blieben keine Wünsche offen, aber auch vor der Bühne ging es ordentlich ab. Nicht nur bildeten sich die meisten und größten Pits, es sammelte sich auch ein Haufen Leute, die um die Türme herumrannten und selbst die Securities im Graben bildeten einen Minipit. Bei den Securities wurde sich auch angemessen für ihren Job bedankt, denn sie sammelten auch die ganzen Crowdsurfer ein, die hier wirklich in großen Massen vertreten waren – schließlich wurde auch dazu aufgerufen. Dafür und für die Unterstützung wurde sich auch beim Publikum bedankt, was mit einem herzförmigen Pit quittiert wurde. Auf den ganzen „Zugabe-Quatsch“ wurde auch verzichtet, sondern direkt weitergespielt. Als Finale gab es ein Cover vom Blind Guardian-Hit Valhalla. Auch wurde eine Pause angekündigt, für die Familie und auch vielleicht für einen Besuch im Studio.

Ein Orchester hatten wir heute schon, aber das Orchester, was als nächstes auf der Harder Stage spielen sollte, ist kein Vergleich zu den Wacken Firefighters. Two Steps From Hell rückten mit einem riesigen Orchester mit mehreren Solisten in verschiedensten Instrumenten, einem umfangreichen Schlagwerk und jede Menger gute Laune an. Eigentlich gar keine Musikgruppe im klassischen Sinne, sondern eine Firma für Trailermusik von Filmen und Videospielen, sind sie heute vor allem für ihre Epic Music bekannt, die sie seit letztem Jahr auch endlich live zum Besten geben. Natürlich muss man dafür erstmal eine Bühne finden, die groß genug für so ein Orchester ist, da eignete sich die Harder Stage natürlich perfekt, obwohl sie hier schon fast zu klein wirkte. Man konnte jedem einzelnen der Musiker ansehen, wie viel Spaß sie während des Auftritts hatten und dazu trug mit Sicherheit auch die Menge an Menschen bei, die sich vor der Bühne versammelte und diese etwas andere Erfahrung teilten. Nachdem der Tag so schön sonnig war, musste es nach Einbruch der Dunkelheit natürlich anfangen zu regnen, aber auch das vertrieb die Leute nicht. Der Höhepunkt war natürlich Heart of Courage, ein Stück, das wahrscheinlich jeder kennt und sei es nur der Melodie nach. Der Funkenregen auf der Bühne setzte dem Ganzen die Krone auf. Ein wirklich fantastischer Act, der eigentlich nicht auf diese Art von Festival passt, aber einfach überzeugt hat und deshalb auch zurecht Zugabe- Rufe zur Folge hatte. Einmal mehr wurde dem Publikum der Titel „best audience in the world“ vergeben.

Direkt im Anschluss gab es auf der W:E:T Stage eine Band, die dieses Jahr einen unfassbaren Aufstieg hingelegt hat. Sleep Token mischen seit Januar dieses Jahres die Playlists und seit Mai mit ihrem neuen Album Take Me Back To Eden die Charts auf und spätestens seit sie für Slipknot eröffnen durften, sind sie kein Geheimtipp mehr. Man muss den Crossover Stil wirklich mögen oder sich darauf einlassen und ihm eine Chance geben, aber um einmal Corey Taylors Aussage über die Band zu zitieren „This is really good. […] It’s stuff like that, that gives me hope for the future.“ Die Raffinesse kann man nicht leugnen, selbst wenn man die Musik nicht mag. Die Band, die vollständig verschleiert und ohne Ansagen performt, schaffte es, die Zuhörer vollkommen in ihren Bann zu ziehen und der Regen machte die Atmosphäre nur noch besser. Der fast schon klagende Gesang von Sänger Vessel mit einer unfassbaren Range zwischen Growlen und hohem Klargesang legte sich wie ein schwerer Schleier über das Gelände. Es war auch erstaunlich, wie viele Menschen die Texte der Songs kannten, vor allem die der älteren Songs, von denen es viele zu hören gab. Diese eine Stunde hätte noch viel länger gehen können und man hätte es nicht bemerkt. Es war wahrlich ein Erlebnis.

Währenddessen endete das Programm auf der Faster Stage auch allmählich. Eine letzte Ehre gaben uns dort die Dropkick Murphys. Bei bestem irischem Wetter spielte die Band auf, dass die Dropkick Murphys dabei gar nicht von der grünen Insel kommen, spielt dabei keine Rolle, denn ihre Herzen und ihre Musik leben von den Irish Folk Einflüssen. Mit einer Mischung aus eigenen Songs und Covern konnte jeder im Publikum abgeholt werden, ob es Johnny, I Hardly Knew Ya oder das Rodgers & Hammerstein Cover You’ll Never Walk Alone war. Auf der Videoleinwand auf der Bühne, bebilderte die Band ein jedes Lied mit dem passenden Bildern, das die immersion vergrößerte. Spätestens zu Rose Tattoo konnte ein jeder mitsingen. 

Der absolut letzte Act des Festivals, wurde das französische Projekt Igorrr. Mit einer Mischung aus Metal, Breakcore und Barockmusik bewegt die Band musikalisch über den Grenzen des Zuordenbaren hinweg. Und das bei jedem Stück. Im wahrsten Sinne Kunst zum Hören – allerdings diese kranke, absonderliche und faszinierende Kunst aus Growls, Opern Gesang, Breakdowns, Metal, Dubstep, Hühnchen. Man muss es erlebt haben oder mal selbst sehen, um es zu verstehen. Ein grandioser Abschluss!

Natürlich spielten in Wacken auch an diesem Tag noch viele andere Bands. Diese waren auf der Wasteland Stage Asrock, All Hail the Yeti, Heriot, Venues, The Night Eternal, Peter Pan Speedrock und Blitzkid. Auf der W:E:T und Headbanger Doublestage spielten abwechselnd Enemy Inside, Black Mirrors, Marty Friedman, Jag Panzer, Burning Witches, The Answer, Empire State Bastard, Be’lakor, Nestor, Evergrey, Voivod und Der W. Die Wackinger Stage wurde von Frog Bog Dosenband, Die Beschissenen Sechs, Ereb Altor, Monsters of Liedermaching und Mr. Hurley und die Pulveraffen. Auf der Louder Stage wurde das Line Up durch Brand of Sacrifice, Angus McSix, Biohazard, Kataklysm, Possessed, Versengold und Beartooth. Auf der Harder Stage spielten außerdem Ensiferum und Alestorm und auf der Faster Stage Delain und Killswitch Engage. Bilder dieser Bands findet ihr in unserem Sammelbeitrag.

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