Festivalbericht: Atmospheric Arts V, 09.05.2026, Halle 101 Speyer – Part 1

„A monument of atmospheric devotion ….“

Zur fünften Ausgabe des Atmospheric Arts am 09.05.2026 gab es erstmalig ein Shirt der Veranstaltung. Neben den Namen der Bands, dem Veranstaltungslogo und einem stimmungsvollen Foto prangte darauf jener Slogan, der die Überschrift zu diesem Beitrag bildet. Und ähnlich, wie der Name der Veranstaltungsreihe selbst, ist auch dieser Slogan, wenn man ihn das erste Mal liest, eine mutige Ansage – ob Kunst oder Monument, beides sind große Worte, die entsprechend große Erwartungen wecken.

Ich bin nach wie vor der absoluten Überzeugung, dass das Atmospheric Arts dem absolut gerecht wird.

Das Line-up überzeugte auch in diesem Jahr mit Bands und Musikprojekten, die sich nicht nur in Sachen atmosphärischer Ausdruckskraft hervortaten, sondern bot zugleich eine mehr als solide Menge an speziellen Setlists und Live-Debuts – nicht nur auf deutscher, sondern auch auf europäischer bis weltweiter Ebene. Was übrigens beim Veranstalter Gypfelsturm Konzerte keine Ausnahme ist, sondern mit einer derartigen Regelmäßigkeit und Zuverlässigkeit passiert, dass in einer etwas phantastischeren Welt die Unterstellung des Einsatzes schwarzer Magie durchaus plausibel erscheinen würde.  In diesem Jahr wurden u.a. Morok (ein weiteres Projekt von Severoth), Hypothermia, Nocturnal Depression mit vollständiger Live-Darbietung ihres großartigen Albums Spleen Black Metal, sowie Kim Carlssons Ritual Ambient – Projekt A Symphony To The Void und form- und stimmungsschöner Tolkien-Metal von Emyn Muil beschworen.

Die stimmungsvoll-kontrastige Kulissen-Abrundung lieferte diesmal die Halle 101 in Speyer als Veranstaltungsort: Draußen Industriegebiets-Charme und eine Sonne, die tagsüber nicht nur runterknallte, sondern einen regelrecht anschrie; drinnen Komplettverdunkelung, abgesehen von für Umbaupausen und Getränke-/Merchverkauf notwendiger Beleuchtung und ein paar Reststrahlen des Sonnen-Grants im Eingang. Wer, dem pünktlichen Einlass sei Dank, noch ein bisschen Zeit zum Umschauen und Getränkeholen hatte, konnte sich, Rheinland-Pfalz halt, anstelle des klassischen Biers auch eine Weinschorle genehmigen, in jedem Fall aber das Getränk seiner Wahl stilecht aus den „I <3 Pfalz“-Bechern trinken, die wohl zum Veranstaltungsort gehören.  Ist ja auch nett, ich mag solche Details.

Aufgrund der im Vergleich zum Vorjahr deutlich gestiegenen Menge an Bands ist unser Bericht zum fünften Atmospheric Arts zweigeteilt. Dabei folgen wir dem chronologischen Verlauf der Running Order, sodass der vorliegende erste Teil die Bands von Morok bis einschließlich Severoth abdeckt.

Morok

Der erste Auftritt des Tages startete frostig-finster, oldschool-evil und mit jeder Menge Energie: Bühnengewalt Severoth war nicht nur mit dem gleichnamigen, sondern auch mit einem weiteren seiner Projekte, Morok, zum Atmospheric Arts und zum Abriss angetreten.

„Abriss“ meint hier nicht „Party“, sondern jene Art atmosphärischer Energie-Entladung, wie sie bei Vulkan-Ausbrüchen passiert, oder eben, wenn Severoth/Illia Rafalskyi auf der Bühne steht. Was sonst das Risiko hat, ins Klischeehafte abzudriften – der Nebel, der Schädel, mit dem zwischendurch mal posiert wird, die raumgreifenden und hochdynamischen Bewegungen auf der Bühne – wirkte bei Morok wie ein natürlicher, dadurch schon fast beiläufiger, Bestandteil der Musik. Wenn Künstler ihre Kunst mit Authentizität und Leidenschaft auf’s Publikum werfen (und meines Empfindens nach passierte das hier), dann fühlt sich das halt manchmal an und sieht so aus, als hätte sich der Schlund der Hölle aufgetan. Unnötig zu erwähnen, dass es auch so klang: Stimmlich, und insbesondere im Bereich des spezifisch schrilldämonischen Schreiens ist Severoth für mich in der absolut obersten Liga. Auch bringen sowohl er selbst, als auch die Live-Musiker, mehr als genug musikalische Erfahrung und Professionalität mit.

Beim Publikum schien dieser erste Deutschland-Auftritt Moroks seine Wirkung ebenfalls nicht zu verfehlen. Zwar stand man hier nicht absolut dicht an dicht, dafür starteten manche Headbanger bereits bei In the Vortex of Times, und sowohl die Menge an motivierten Haarschleuderern oder/und Hände-Hebern, als auch die der Anwesenden an sich, nahm im Verlauf des Sets stetig und merkbar zu.

Kurzum, wer seinen Black Metal gern finster und mit einer Prise 90er in Sachen Sound und Atmosphäre mag, ohne, dass es in stumpfe Reproduktion um ihrer selbst Willen abdriftet, wird ziemlich wahrscheinlich Freude an Morok haben. Ich hatte sie auf jeden Fall.

Setlist: In the Vortex of Times // Mysteries of Darkness // Where the Night … // Bells of the Abyss // Conjuration of Eternal Night // Carpathian Fullmoon Ritual pt. II

 

Afraid Of Destiny

Italienischer DSBM hat bereits an sich eine sehr charakteristische Handschrift; für die klangliche Handschrift von Afraid Of Destiny trifft das natürlich ebenfalls zu, allerdings in einer individuellen, eigenständigen Umsetzung, die sie durchaus von der übergeordneten Kategorisierung abgrenzt und zu einer höchst spannenden Angelegenheit macht.

Am auffälligsten war das im Hinblick auf den Gesang. R.M. ist dezidiert tieftonig unterwegs, was auch Passagen im Grenzbereich zum Sprechgesang betraf, sowie Stellen mit klarem Gesang. Ob das nun noch ein Tenor war oder nicht, wage ich nicht zu beurteilen; was ich mir aber erlaube zu beurteilen, und an der Stelle besonders herausheben möchte, ist der Umstand, dass dieser Mensch wirklich gut mit seiner Stimme umgehen kann.

Afraid Of Destiny sind mal schwermütig, mal aufgewühlt-kathartisch, mal melancholisch und manchmal alles auf einmal; gleichzeitig erhält sich die innerpsychische Abgrundschau hier stets ein Maß an emotionaler Verletzlichkeit und Intimität, die dafür sorgt, dass es nicht chaotisch wird. Diese ganzen Facetten nicht nur zu einem kohärenten Ganzen zusammenzufügen, sondern auch stimmig umzusetzen, ist keine leichte Aufgabe; hier hat es aber definitiv funktioniert. Aufgrund einer Stimme, die jeden ihrer Gesangsmodi technisch sauber und wirklich gut beherrscht, und im gleichen Maße auch aufgrund einer Instrumenten-Besetzung, die diese Vielschichtigkeit und Nuanciertheit ebenso zielsicher, feinsinnig und professionell umsetzt.

Großes Kompliment an Afraid of Destiny dafür, dass die gefühlte Intimität, Verletzlichkeit und Nahbarkeit/Nähe der Musik mich nach ihrem Auftritt mit einem Gefühl hinterlassen hat, als hätte ich gerade das sehr, sehr private Tagebuch eines Cousins gelesen. Und an den Techniker, der bei einem kurzen Soundproblem dermaßen schnell, effizient und unauffällig auf- und wieder abtauchte, dass ich kurz dachte, da wäre gerade ein Ninja mit einer Rolle vorwärts über die Bühne gehuscht.

Setlist: Abyss // Anti // Ramblin‘ // Breath // Hear Me // The Man Who Never Existed // Erotic Narcotic

 

A Symphony To The Void

In den Dramen Friedrich Dürrenmatts passieren ungünstige bis katastrophale Dinge absolut zuverlässig, und zwar nicht aufgrund von irgendetwas Erwartbarem (oder irgendeiner höheren Macht, Schicksal o.ä.), sondern aufgrund unerwarteter und in ihrer Konsequenz oft unabwendbarer Zufälle.

Das Atmospheric Arts erwischte der Dürrenmatt’sche Zufall beim Auftritt von ASTTV: In den ziemlich dicht stehenden ersten Reihen konnte man den Eindruck gewinnen, dass Soundcheck und Beginn des Sets recht nahtlos ineinander übergingen – es gab also keinen „großen Schlag“ auf akustischer Ebene. Logischerweise, muss man hinzufügen, denn musikalisch bewegt man sich hier im Ambient-Bereich. Auch war Kim Carlsson eher kniend oder sitzend auf der Bühne; sei es, um Gitarre (mit Bogen) zu spielen, oder, um die neben einer Handpan platzierten elektronischen Effekte einzurichten. Aber: Nichts davon ist eigentlich ein Problem. Und wenn eben die Musik und ihr Feeling im Fokus stehen, passt das sogar sehr gut. Außerdem markierten zusätzlich der Stopp der „Pausen-Musik“ und der Hallen-Beleuchtung, dass es losgehen sollte.

An der Unterhaltungslautstärke und -dichte im Raum änderte das allerdings nicht ganz so viel, eventuell gab es zusätzlich auch technische Probleme – von meinem Beobachtungspunkt aus war das leider nicht einwandfrei festzustellen. In jedem Fall beendete ein, nachfühlbar, gefrustet wirkender Kim Carlsson das Set vorzeitig mit einem zünftigem „Fuck you!“ ans Publikum, dem aber quasi direkt ein „Maybe next time“ und kurzes Lächeln folgte, als das „Fuck you“ mit Applaus und ziemlicher Begeisterung erwidert wurde.

Das Atmospheric Arts ist zum Glück kein Dürrenmatt-Drama, sodass die ungünstigen Zufälle keinen kompletten Weltuntergang auslösten. Wenngleich es natürlich sehr schade ist, dass dieser Auftritt nicht so richtig stattgefunden hat – den Veranstalter trifft, soweit für mich nachvollziehbar, keine Schuld; auch die Technik, wie generell alle Involvierten, schienen wirklich ihr Bestes zu geben. Und die Enttäuschung, beim allerersten Live-Auftritt mit A Symphony To The Void komplett ignoriert zu werden, ist nachfühlbar. Kurzum: Blöd gelaufen.

Aber es gab ein „vielleicht nächstes Mal“. Mich würde es freuen, nicht wenige andere Besucher wohl auch.

 

Bilwis

Dem ungeplant verfrühten Ende des ASTTV-Auftritts wurde, soweit es aus meiner Zuschauerinnen-Perspektive beurteilbar ist, ziemlich flexibel und flott begegnet, denn nach nicht allzu langer Zeit standen Bilwis für Soundcheck und dem anschließend ersten Live-Auftritt des Projekts überhaupt bereit.

Und der ging auch ziemlich gut rein und ziemlich gut ab. Kurzes klassisches „dunkle Bühne, epische Klänge“-Intro, dann recht direkter Start mit mönchskuttenartig gewandeten Musikern (Bilwis selbst: in weiß, Live-Musiker: in schwarz), deren durchaus sehr eingängig-melodischer Black Metal nicht nur musikalisch sehr gut ankam, sondern zumindest bei mir hinsichtlich Stimmung und Verarbeitung der Inhalte teilweise solide Assoziationen zum auf Naturerfahrungen und volkstümliche Erzählungen fokussierten Teil der literarischen Romantik ab ca. der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts weckte. 

Doch auch, wer Musik und Literatur nicht als enge Verwandte ansieht, kam hier auf seine Kosten: Songs wurden mit hörbarer Begeisterung erkannt und aufgenommen, auch ohne, dass das Publikum dazu großartig aufgefordert wurde – am deutlichsten bei Walpurgisnacht (hier wurden schon begeistert Verse im Publikum gesungen, bevor das Lied richtig gestartet hatte). Verständlicherweise, denn im an sich schon sehr eingängigen und zum Mitfühlen einladenden Bilwis-Gesamtwerk ist das mMn eines der Lieder, die sich nochmal als besonders feierbar hervor tun, und ich bin mir recht sicher, dass das, wenn’s nicht schon einer ist, mal ein Klassiker wird. Wären wir in anderen musikalischen Sphären unterwegs und auf TikTok, könnte man’s als ‚Banger‘ bezeichnen.

Trotz aller Feierbarkeit und Eingängigkeit ist das aber eben keine stumpfe Partymusik, sondern eine, die, ähnlich wie solider Dialekt-Black Metal, Naturlandschaft und Waldluft atmet, mit Begeisterung und einer Prise sympathischer Kautzigkeit. Das funktioniert schon auf Platte sehr gut, ist live aber nochmal unmittelbarer erlebbar und absolut ansteckend. Von daher: Passt scho‘ so, sehr gerne wieder.

Setlist: Intro/Seid Wilkommen // Hameln // Der Mond am Himmel // Die Greisin // Ein Licht dort in der Nacht // Sagenwelt // Erkinger// Walpurgisnacht

 

Severoth

Auch beim zweiten Auftritt Severoths, diesmal mit dem gleichnamigen Projekt, wurde dem geneigten Zuschauer Atmosphäre, Finsternis und Bühnen-Energie auf dem Level einer Naturgewalt um die Ohren gehauen. Vor überwiegend dunkelblauer Hintergrundbeleuchtung erschienen die Musiker teilweise auf kantige scherenschnitt-artige Schatten reduziert, was zum einen die ausgeprägte Bewegungsdynamik visuell nochmal stärker hervorhob, darüber hinaus aber auch dergestalt dazu beitrug, die Atmosphäre der Musik hervorzuheben, als damit eben diese mehr in den Vordergrund gerückt wurde, weil optische Einzeldetails so ein Stück weit geschluckt wurden.

Klangliche Parallelen im Sinne einer erkennbaren „ähnlichen Handschrift“ zu Morok gab es logischerweise. Insgesamt empfand ich Severoth aber als tendenziell im Musikalischen etwas epischer und mit deutlich wahrnehmbareren Momenten des Pathos, etwa (aber nicht nur) bei Sunrise Will Come, oder auch bei Far Above the Sky. „Pathos“ ist, hier und generell, auch nicht automatisch etwas negatives, sondern zunächst Mal ein Gestaltungselement oder Stilmittel. Wenn auch eines, das bei allzu sorgloser und schwungvoller Dosierung ein ähnliches Maß an Magengrummeln verursachen kann, wie mehrere Liter Milch bei Laktoseintoleranz.

Beim Auftritt von Severoth tauchten diese Momente des Pathos allerdings für mein Empfinden sehr wohldosiert auf; sie wurden außerdem verbunden mit einer ausreichenden Menge musikalischer Kontrastmomente, sodass sie insgesamt mehr im Bereich des Episch-Majestätischen landeten und weniger in dem der Laktosebombe. Zudem traf alles, was schon bei Morok beobachtbar gewesen war, auch hier wieder zu: Severoth schrie mit der Schrillheit und Gequältheit eines kompletten Geisterschiffs voller verfluchter Seelen und ich war (und bin) überzeugt davon, dass der Mann seine Musik wirklich fühlt. Auch das Publikum ging hier wieder sichtbar mit, in allen Varianten, in denen sich das äußern kann: musikvertieftes Augen-zu-und-bisschen-mitnicken, eine kleinere (aber deswegen nicht weniger motivierte) Anzahl an „Hey“-Rufern und/oder Headbangern, plus solider und verdienter Applaus. Und wer günstig stand, konnte vielleicht sogar die Setliste erwischen, die nach dem Auftritt als Papierflieger Richtung Publikum geworfen wurde.

Setlist: Call of Carpathians // Sunrise Will Come // Silver Dawns of Spring // And Winter in My Heart… // Far Above the Sky

 

Zwischenstopp

Zumindest in diesem Bericht begann und endete der erste Teil des Atmospheric Arts mit Projekten von Severoth, die ein ganz wunderbares Kontrastprogramm einrahmten: fast rockig-eingängiger Black Metal bei Bilwis, italienischer Ausnahme-DSBM mit Afraid of Destiny, und wenn der Dürrenmatt’sche Zufall nicht reingegrätscht wäre, hätte es sogar eine vollständige Dosis Ritual Ambient von ASTTV gegeben.

Auch der zweite Teil des Tages hatte es in sich – für mich ja sowieso, weil Nocturnal Depression im musikalischen Bereich zu meinen Lieblingsfranzosen gehören und, es klang eventuell schon mal durch, ich Spleen Black Metal wirklich gerne mag. Von diesen individuellen Präferenzen mal abgesehen standen aber unter anderem noch solche wunderbaren Dinge wie solider Tolkien-Black Metal (Emyn Muil), ein Live-Auftritt von Vinterland, sowie Hypothermia auf dem Programm.

 

Bericht: Tanja
Bilder: Matthias

 

Mehr zum Atmospheric Arts & Gypfelsturm Konzerte bei Dark-Art findet ihr hier:

 

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