Wer im Berliner Underground unterwegs ist, kennt das: Man kommt irgendwo an und sieht sofort die üblichen Verdächtigen. So auch beim ersten Tag des Rockcity Berlin Festival Vol. 3 im Laut&Staub in Lichtenberg. Die Location ist eine umgebaute Werkstatt, die Bar liegt drinnen. Draußen zieht sich ein etwa drei Meter breiter Streifen an der Werkstatt entlang. Dort gibt es, unter einem Zelt, das Festival-Merch, den Merch der Bands und einen Bratwurststand.
Schon zu Beginn war rund ein Drittel der Location gefüllt, und über den Abend wurde es stetig voller. Die Stimmung war freundlich, ausgelassen und ziemlich familiär. Weil der Platz begrenzt war, liefen einem auch diverse Musiker über den Weg, die nach ihrem Auftritt durchs Publikum zogen und mit Fans quatschten. Dazu kamen etliche Mitglieder anderer Bands, die an diesem Abend gar nicht spielten und einfach zum Supporten da waren. Genau das ist ja die Idee hinter dem Festival: von Bands für Bands.
Geplant waren sieben Bands, gespielt haben sechs. Alex Born To Be Wild mussten leider krankheitsbedingt absagen. Der Takt war trotzdem klar: 40 bis 45 Minuten pro Band, dann Umbau, und zur vollen Stunde ging es weiter. Die Umbauten dauerten jedoch öfter mal zwei, drei Minuten länger, sodass die letzte Band am Ende knapp eine Viertelstunde später auf der Bühne stand als geplant.
Mental Ability
Durch die Absage rutschten Mental Ability auf 18 Uhr und durften das Festival eröffnen. Aufwärmphase? Brauchten sie nicht. Die Musiker waren vom ersten Ton an bei der Sache und spielten ein kraftvolles Set zwischen Rock und Metal, mit druckvollen Riffs und Refrains, die schnell hängen blieben. Auf der Bühne stand dabei kaum jemand still. Zum Abschluss gab es mit Tik Toxic noch einen neuen Song, der am 2. Oktober erscheinen soll. Als Opener hat die Band den Abend jedenfalls ordentlich angeschoben.
Setlist: Injection// Trainwreck // It Goes Blank // A Dime a Dozen // Out of My Halo // Boom // Greetings and Goodbyes // The End of Us Is Me // Tik Toxic
Soulset
Soulset sind noch ganz frisch im Berliner Underground unterwegs, das hat man an diesem Abend aber nicht gemerkt. Sängerin Klara hatte das Publikum vom ersten Song an im Griff und sprang dabei selbst wie ein Gummiball über die Bühne. Der Funke sprang sofort aufs Publikum über. Beim letzten Song forderte sie einen Moshpit ein, hielt sich nicht lange mit Zuschauen auf, sondern ging einfach selbst mit rein. Für eine Band, die erst seit Februar live spielt, ein richtig starker Auftritt.
Setlist: Burn // Cocaine, baby // Under Water // Skinwalker // Devil // Back Home // Nude // Given up // Reset your Soul // Anger issues // Chains
Dekadenza
Für Dekadenza war der Abend nicht nur ein Auftritt, sondern gleichzeitig ihre Releaseshow. Am selben Tag ist ihr Debütalbum Wasteland erschienen, und das Set stand ganz in diesem Zeichen. Die Band ging vom ersten Ton an in die Vollen.
Wer die Review von Kollege Nori gelesen hat, fand im Set einiges davon wieder. Decadent Night lebt von seinem starken Instrumentalteil, das instrumentale Teutonic Dance sorgt auf dem Album für Auflockerung. Dazu kamen Old School Mad und das Ace of Spades-Cover mit Cello und Saxofon, bei dem Sänger Raphy, laut Review, erstaunlich nah an Lemmy herankommt. Den Schlusspunkt setzte der Titeltrack Wasteland, der ohne Umweg mit Riffs einsteigt und im Mittelteil Cello und Saxofon gemeinsam eskalieren lässt. Den Song hatten Dekadenza übrigens schon 2024 beim Metal Gods Open Air im Programm, damals auch wie hier mit zweigeteiltem Publikumschor. Live halten sie, was das Album verspricht. Man spürt die ganze Arbeit, die in dieser Platte steckt, und sie hat sich gelohnt.
Apropos Saxofon: Adry stand in der zweiten Hälfte nur noch in kurzen Hosen und rosa Socken auf der Bühne. Bewegung ins Publikum haben Dekadenza auf jeden Fall gebracht.
Setlist: Intro // Digital Messiah // Decadent Night // Lost Generation // Ace of Spades // Teutonic Dance // Monster Hero // Old School // Mad // Distracted // Wasteland
Palmira Furman
Bei Palmira Furman wurde es dann etwas persönlicher. Sie selbst ist eine ukrainische Rocksängerin mit kraftvoller Stimme, die ihre Basis in Berlin gefunden hat und mit ihren Songs erzählt, was sie erlebt hat, verpackt in atmosphärischen Hard‑ und Alternative-Rock. Lebenserfahrungen, Freiheit und das, was sie selbst bewegt, waren der Inhalt. Ein sehr persönlicher Auftritt, der aber dennoch nichts an Kraft und Schwung missen ließ.
Setlist: United // Fuck the System // Ukrayina Chornobrova // Shutup // Monsters // Under the Bridge // I wanna get drunk // Little Hearts // Leave me be // Parasites
Inge & Heinz
Was da bei Inge & Heinz passiert ist, lässt sich schwer beschreiben. Es war auf jeden Fall viel. Die Luckenwalder nennen ihren Stil selbst Brutalhardschlager, und das trifft es besser als jeder Versuch einer Einordnung. Sänger und Bassist: Der Alte hatte zu jedem Song einen neuen Hut auf, und das Chaos auf und manchmal auch vor der Bühne war kaum zu toppen.
Schuh wurde z.B. als Cover von Milli Vanilli angesagt, nur damit dann plötzlich die Melodie von Rammsteins Du hast durch die Halle ging. Bei Hund zog die Tänzerin mit einer Hundemaske los, suchte sich im Publikum ein Opfer, zog ihm die Maske über und führte es den ganzen Song lang an der Leine durch die Menge. Und bei Ick will nich … gingen die beiden Tänzer*innen, eine als Krabbe verkleidet, der andere im Frauenkostüm, mit einem Tablett durch die Reihen und verteilten Schokolade. Verstehen muss man das alles nicht, dabei gewesen sein sollte man trotzdem.
Setlist: Arbeitsschutz // Ditte // I & H // Tetrapack // Schuh // Bioharzer // Liebe // Ick will nich … // Hund // Dackel // Mondfahrt // Megafon // Turnschuh D // Templin
United and Strong
Zum Schluss dann die alten Hasen. United and Strong gibt es seit 25 Jahren, und den Spaß am Spielen merkt man ihnen immer noch an. Gitarrist Flo hüpfte regelmäßig quer über die Bühne, Sänger Christian stand mit einem Arm in der Schlinge da. Das kommentierte er mit dem Hinweis, er sei ja gar nicht krankgeschrieben, man möge ihn also bitte nicht bei Friedrich Merz verpfeifen. Ansonsten gab es Hardcore mit sehr viel Bumms dahinter, von Up Against the World bis Difference Between Us and Them. Das Publikum hatte sich zu dieser späten Stunde schon leider etwas ausgedünnt, wer aber noch da war, hatte nichts falsch gemacht.
Setlist: Up Against the World // Coma City // Hassad // Muscle // Memory // Who’s Laughing Now // T-Shirt and Jeans // Survivor’s Guilt // Away From Home // The Storm Difference Between Us and Them
Fazit
Ein starker Abend mit einer guten Mischung an Genres. Wo sonst stehen Epic Groove Metal und Brutalhardschlager am selben Abend auf der Bühne? Bis auf leichte Verzögerungen beim Soundcheck war alles gut durchgeplant. Die Leute waren nett, ich habe mit vielen Musikern gequatscht und etliche bekannte Gesichter wiedergesehen. Für den Berliner Underground ist das Festival ein gutes Aushängeschild, und der erste Tag hat richtig Lust auf den zweiten gemacht.
Bericht und Bilder: Andreas Sperl
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