Stell dir vor, es ist ein ganz normaler Sonntagabend in Berlin und du freust dich darauf, gleich ein Folk-Konzert zu besuchen. Nachdem du deine Jacke an der Garderobe abgegeben hast, betrittst du ahnungslos die Location und stellst erstaunt fest … die Band ist ja schon da?
Ganz genau dieser verwirrte Gedanke stand vielen Fans am 26.04.2026 ins Gesicht geschrieben, als sie das Maschinenhaus, kurz nach Einlass, betraten und dort direkt Nadzeya und Uladzimir von Irdorath antrafen. Dieser Abend sollte nämlich nicht nur ein ganz besonderes Konzert für die Fans des belarussischen Folks bereit halten, sondern auch den Release des brandneuen Albums BESTIARIUM. Doch damit noch nicht genug, in Kombination mit dem Album veröffentlichte die Band auch noch ein zweites Herzensprojekt in Form eines Buches. So begann der Abend, ganz anders als erwartet, mit einer Buchvorstellung und der Möglichkeit auf Autogramme und Fotos vor dem eigentlichen Konzert.
BESTIARIUM
Das Buch hört ebenfalls auf den Namen BESTIARIUM und bettet alle Songs des neuen Albums in ihren kulturellen Kontext und Ursprung ein. Zweisprachig auf Belarussisch und Englisch erklären Irdorath Kapitel für Kapitel die Hintergründe zu ihren Werken und welche Mythen, Fabelwesen und Geschichten dahinter stecken. Nadzeya und Uladzimir betonten dabei mit glitzernden Augen, wie wichtig es ihnen sei, diesen Weg gefunden zu haben, um ihre Kultur weiterzuverbreiten und mit Menschen zu teilen, die nicht aus Belarus stammen. Vieles aus der belarussischen Mythologie ist jenseits der Grenzen des Landes gar nicht bekannt, weil die dort immer noch vorherrschende Diktatur eine Verbreitung verhindert. So ist es auch nicht verwunderlich, dass das Buch auf allgemeine Begeisterung traf und die Fans direkt nach dessen Vorstellung den Merchandise-Stand stürmten, allesamt mit dem Gedanken, das Werk direkt signieren zu lassen und vielleicht auch noch ein schönes Foto und ein nettes Gespräch mit Nadzeya und Uladzimir abgreifen zu können.
Was für ein besonderer Auftakt in das einzige Deutschlandkonzert von Irdorath auf ihrer BESTIARIUM Tour 2026.
Furda
Als dann um Punkt 20:00 Uhr die Vorband Furda die Bühne betrat, fand die Signierstunde ein fast schon abruptes Ende. Man hätte meinen können, dass ein paar Menschen vergessen hatten, dass ja eigentlich ein Konzert anstand. Das polnische Neofolk-Duo zog dann aber ziemlich schnell die volle Aufmerksamkeit auf sich.
„Furda“ ist das polnische Wort für „Papperlapapp“ oder „Unsinn“ und schnell war klar, die Band hätte keinen passenderen Namen wählen können. Die Darbietung glich einer willkürlichen Vorführung unterschiedlichster Instrumente, bzw. für Musik oder Rhythmik nutzbarer Objekte. So befanden sich auf der Bühne neben einer klassischen polnischen Suka, einer Laute, diversen Blas- und Rhythmusinstrumenten auch ein verrosteter Kochtopf und ein Hammer mit entsprechendem Amboss. Jeder Rhythmus und jede Melodie wurden live eingespielt und dann im Live-Looping-Style präsentiert. Kuba Cukier Podskarbi steuerte jeden Loop perfekt getimt mit seinen nackten Füßen. So entstand ein ganz eigener multiinstrumentaler Sound, welcher vom leicht bedrohlichen Sprechgesang des Duos untermalt wurde. Kehlige Laute und polnische Geschichten standen auf dem Programm. Da durfte natürlich auch ein Song über die polnischen Teigtaschen Pierogi nicht fehlen.
Zwischen den musikalischen Darbietungen scherzten die beiden Musiker immer wieder miteinander und verbreiteten eine liebevolle Stimmung. Bolesław Ren Rygiel und Kuba Cukier Podskarbi spielten die Musik nicht nur, sondern fühlten sie mit jeder Faser ihres Körpers. Was auf den ersten Blick chaotisch wirkte, folgte einem strikten Skript und ergab ein beeindruckendes Großes Ganzes. Die wilde Performance zog die Menge in einen faszinierten Bann. Es war schier unfassbar, wie viele Instrumente die beiden Musiker beherrschten. Abgerundet wurde die Musik mit ungewöhnlichen Kratzgeräuschen, Amboss-Schlägen, völlig zügellosen Schreien und rhythmischen Bewegungen. Das Duo wirkte dabei schon fast ekstatisch. Es gelang Furda, das Publikum in eine völlig neue Sphäre der Musik zu entführen und auf den Hauptakt des Abends einzustimmen. Verrückt, chaotisch, aber mit ganz viel Liebe zum Detail!
Irdorath
Mittlerweile wurde es kuschelig in der beschaulichen Räumlichkeit des Maschinenhauses. Die vorfreudige Menge drängte sich immer näher an die Bühne heran. Dies war dank fehlender Absperrung auch ohne Probleme möglich. Die erste Reihe stand schon quasi direkt mit drin im Bühnengeschehen.
Der Jubel war groß, als das Sextett rund um Irdorath begleitet von einer spannungsaufbauenden Intro-Melodie seine Positionen einnahm. Mit einer Kombination aus Maultrommel und Schlagzeug wurde direkt der erste Song des Abends, Lesavik, eingeleitet. Bereits ab dem ersten Refrain hatte sich das Publikum mit der positiven Energie, welche die Band auf der Bühne ausstrahlte, angesteckt. Spätestens bei Rusalka war dann ans Stillstehen aber wirklich nicht mehr zu denken. Alle stimmten mit ein und tanzten zusammen mit den Meerjungfrauen, welche im Lied thematisiert wurden. Gesanglich lieferten Irdorath einen Mix aus Nadzeyas tieferer warmer Stimme, den hellen und klaren Vocals von Sängerin Aliaksandra und dem gutturalen Gesang von Uladzimir. Begleitet von Drehleier, Dudelsack und Co. ergab sich ein starker Folk-Sound. Für Dimna Juda holten sich Irdorath noch einmal Furda mit auf die Bühne. Das Duo ließ seine wilde Energie im Gesang, an der Handtrommel und mit rhythmischen Hammerschlägen einfließen.
Irdorath verarbeiten sehr viel aus der Mythologie ihrer Heimat in ihrer Musik. Doch auch die Erfahrungen aus ihrem Kampf gegen die belarussische Diktatur und die Zeit der Gefangenschaft haben großen Einfluss auf die Werke der Band genommen. So entstanden auch sehr tiefgründige und emotionale Momente, wie bei der Vorführung von Vadzianik. Dies war der erste Song des neuen Albums, welcher an diesem Abend gespielt wurde. Hierfür blieben lediglich Nadzeya und Aliaksandra auf der Bühne und lieferten sich, begleitet von der Drehleier, ein sehr gefühlvolles, ruhiges Duett. Die Emotionen der beiden Frauen, waren klar zu spüren und am Ende, als Aliaksandra eine Träne die Wange hinablief, auch zu sehen. Es folgte ein kurzer Moment der Stille, ehe Irdorath ihren Auftritt fortsetzten. Der Song thematisierte die Suche nach Menschlichkeit in unmenschlichen Wesen.
„You cannot imagine how cool you are.“, lobte Nadzeya das Publikum, nachdem dieses freudig zu Loima mitgetanzt hatte. Daraufhin schaute Uladzimir zu seiner Frau und erwiderte schmunzelnd: „You cannot imagine how cool YOU are!“, und zeigte dabei kurz stolz auf ihren Schwangerschaftsbauch. Eine sehr liebevolle Szene, welche die Herzen des Publikums zum Schmelzen brachte. Generell lagen sehr viele Emotionen und ganz viel Liebe in der Luft, sowohl von Seiten der Fans für die Band, als auch von der Band für das Publikum. So entstand eine angenehme Wohlfühlatmosphäre. Natürlich ließ sich das Publikum dadurch auch nicht mehrfach bitten, als es sich für Zhahi-Zhahi in eine tobende Menge aus Monstern verwandeln sollte. Mit zu Klauen gekrümmten Fingern winkten alle im Takt des Refrains.
Ein Song, der auf einem Konzert von Irdorath nicht fehlen darf ist Zorami. Die Band widmete diesen Song allen Freiheitskämpfern und politischen Gefangenen. Niemand solle wegen seines Kampfes für Menschenrechte in Gefangenschaft geraten, erklärte Uladzimir. Ein starkes Zeichen gegen die Diktatur und für den gemeinschaftlichen Kampfgeist. Vaukalak ist ein Song welchen die belarussische Band lange vor ihrer Flucht geschrieben hatte, ganz im Unwissen darüber, dass die Zeilen, welche übersetzt „Du wirst niemals zurück nach Hause kommen“ lauteten, später mal von hoher Bedeutung sein würden. Doch dank allem, was der Band bisher passiert ist und sämtlicher positiver Entwicklungen, haben die Musiker und Musikerinnen den Glauben daran, irgendwann wieder zurückkehren zu können, niemals komplett verloren. Diesen positiven Glauben feierten alle zusammen mit dem sehr energiegeladenen Stück. Aliaksandra sang, tanzte und sprang auf der Bühne.
Mit Balotnik näherte sich der Abend so langsam seinem Ende, ganz zum Unwillen des Publikums. Aber die Band hatte noch etwas vorbereitet, einen belarussischen Zauberspruch, welchen alle mitsingen sollten. Auch wenn die Aussprache bei vielen dürftig war, stärkte diese Aktion das Gemeinschaftsgefühl noch einmal immens. Mit der Ankündigung, dass BESTIARIUM nun offiziell veröffentlicht sei, leitete die Band dann den Konzertabschluss ein. Mit einem letzten mitreißenden Stück stellten sich alle Musiker und Musikerinnen noch einmal namentlich vor. Es folgten ein paar packende Soli, welche die Menge zum Tanzen verleiteten. Im schillernden Licht einer sich drehenden Discokugel waren viele glückliche Gesichter zu erkennen. Noch ein obligatorisches Abschlussfoto und dann verließen Irdorath schließlich die Bühne.
Setliste Irdorath: Lesavik // Vuzhalka // Rusalka // Dimna Juda // As Bas // Vadzianik // Serca Raskolata // Loima // Varazheya // Zhahi – Zhahi // Staury Haury // Byu. Jost‘. Budu // Zorami // Maci Syra Ziamlia // Vaukalak // Paludnica // Balotnik // Introduction
Das Publikum blieb freudestrahlend und beseelt zurück. Sämtliche Emotionen hingen noch spürbar in der Luft. Das Besondere an diesem Konzert war, dass selbst wenn nicht alle Anwesenden der belarussischen Sprache mächtig waren, so haben dennoch alle die Geschichten und Botschaften der Band verstanden und mitgefühlt, nicht mit den Ohren, sondern mit dem Herzen. Dieser Abend wird in Erinnerung bleiben.
Mehr von Irdorath bei Dark-Art findet ihr hier:
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