Wer am Dienstagabend den Weg zum Aschaffenburger Colos-Saal einschlug, traf auf eine lange Schlange vor dem Einlass. Die aktuellen Tourdaten von Simon Phillips & Protocol VI haben nämlich ein paar Lücken in der Landkarte. Deswegen hatten einige Fans eine weite Anreise aus Essen oder Bingen auf sich genommen. Drinnen blieb zwar noch ein bisschen Luft nach oben, jedoch bot sich eine solide Kulisse für das, was folgen sollte.
Die Bandvorstellung vor dem ersten Ton
Pünktlich um acht gab es direkt die erste Überraschung. Simon Phillips betrat zunächst völlig allein die Bühne. Anstatt stumpf loszuballern, schnappte er sich das Mikrofon. Danach rief er seine Mitstreiter einzeln ins Rampenlicht. Besonders im Fokus stand dabei Neuzugang Phillip Whack am Saxophon. Er feierte an diesem Abend seine erfolgreiche Feuertaufe im Colos-Saal.
Das erste Set startete schließlich mit Andromeda und Unstable Grounds. Das Publikum reagierte anfangs allerdings noch recht verhalten. Kein Wunder, denn das neue Album Protocol VI erscheint erst am 5. Juni. Obwohl die ersten beiden Tracks bereits auf YouTube rotieren, musste sich die Menge erst auf das komplexe Material eingrooven. Erst mit den folgenden Stücken wie As the River Flows und der Reprise an vergangene Werkeplatzte der Knoten. Spätestens bei Intrepid Traveler war das Publikum dann voll auf dem Stand der Dinge.
Trockener Humor und famoses zweites Set
Nach dem vierten Song lockerte Phillips die Stimmung mit einer kurzen Ansprache auf. Er erklärte gewohnt trocken den Entstehungsprozess der neuen Platte. Dabei scherzte er: „It took forever to come up with that title.“ Auch die Vorbereitung des Clubs blieb ihm nicht verborgen. Mit einem Grinsen blickte er auf sein eigenes BigFace-Porträt von Künstler Jürgen Spachmann, das prominent an der Saalwand prangte.
Nach der Pause ging es direkt ins zweite Set. Hier zeigte sich sofort die enorme Klasse dieser Besetzung. Obwohl die Band ausschließlich brandneues, unveröffentlichtes Material spielte, ging das Publikum jetzt bedingungslos mit. Der Sound bewegte sich an der perfekten Schnittstelle zwischen anspruchsvoller Fusion und der Wucht einer Rock-Show.
Besonders Phillip Whack integrierte sich hierbei nahtlos in das extrem dichte Bandgefüge. Sein Saxophon-Spiel lieferte genau die richtige Mischung aus gefühlvoller Tiefe und purer Energie. Jedes einzelne Solo wurde zudem mit frenetischem Applaus bedacht. Davon gab es reichlich, da fast jeder Song gleich zwei Musikern Raum zur Entfaltung bot. Gitarrist Alex Sill untermauerte eindrucksvoll, warum Steve Vai so große Stücke auf ihn hält. Währenddessen betonierten Ernest Tibbs am Bass und Otmaro Ruiz an den Keys das unerschütterliche Fundament.
Zugabe: Das Warten auf das Solo
Natürlich entließ Aschaffenburg die Truppe nicht ohne Nachschlag. Als erste Zugabe schickte die Band Azores in den Saal. Dieser Song vom Protocol IV-Album enthielt das epische Drumsolo-Intro. Die Schlagzeug-Konnerseure im Saal hatten den ganzen Abend sehnlichst darauf gewartet. Phillips zelebrierte sein Kit mit einer Präzision und Dynamik, die auch jene im Raum abholte, die sonst eher im Progressive-Metal zu Hause sind.
Da die Menge immer noch nicht genug hatte, gab es nach einer kurzen Verschnaufpause noch Indian Summer. Dieser Klassiker setzte den finalen Rausschmeißer. Wer im Anschluss noch ein Autogramm oder ein Foto am Merch-Stand abgreifen wollte, brauchte etwas Geduld. Die Band nahm sich jedoch ausgiebig Zeit für ihre Fans.
Fazit
Auch mit einem Set aus fast vollständig ungehörtem Material haben Simon Phillips und Protocol bewiesen, dass sie live eine absolute Macht sind. Das war keine egozentrische One-Man-Show eines alternden Star-Drummers. Hier stand eine perfekt geölte Einheit auf der Bühne. Jeder Musiker bekam exakt den verdienten Platz im Rampenlicht.
Setlist: Andromeda // Unstable Grounds // As the River flows // Intrepid Traveler // Code 4 Kryptos // Sundown in old Town // Event Horizon Pt I – III /// Azores /// Indian Summer
Bericht & Bilder: Clemens
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