Salve und willkommen zurück zu meiner kleinen Länderschau rund um Black Metal Bands, die nicht aus Deutschland kommen. Nach den Ausflügen in die Schweiz (hier) und den ebenso angrenzenden Niederlanden (hier), geht es heute in den südlichen Teil von Europa nach Bella Italia. Neben feinsten kulinarischen Köstlichkeiten, warmen traumhaften Landschaften, die zum Ausspannen einladen und einer spannenden Landesgeschichte, bietet auch dieses Land einiges an Bands, die der Lebensfreude der Dolce Vita Mentalität vehement widersprechen. Ich muss gestehen, bei dieser Recherche hatte ich nicht allzu viel Vorkenntnisse und war bereit, mich durch unbekanntes Terrain zu wagen. Sicher kennt der geneigte Black-Metal-Fan italienische Schwergewichte wie Forgotten Tomb, Enisum oder auch Whiskey Ritual, jene mir hier aber nicht den Blick auf die musikalische Landschaft dahinter verbergen sollten und die ich daher bewusst außen vor lasse.
Italien ist ein großes Land. So groß (immerhin ca. 300.300 km²), dass es natürlich nicht möglich ist, alle der Sonne abgewandten Kapellen kennenzulernen und genauer zu inspizieren. Daher auch bei diesem Beitrag wieder der Disclaimer: Das hier ist nur eine kleine Auswahl an Bands, die ich als spannend und hörenswert empfinde. Stochern wir also nicht weiter in unserer Pasta herum und fangen an, das Ganze kurz von hinten aufzurollen, um einen Blick auf die Ursprünge zu werfen.
Die Ursprünge
Wie in vielen Ländern, die Mitte der 80er mit dem Phänomen Black Metal konfrontiert wurden, starteten auch in Italien zu dieser Zeitspanne die ersten Krachkombos, um den Idolen aus Skandinavien und Großbritannien nachzueifern. An Mortuary Drape kommen wir hier nicht vorbei, da diese aus Alessandria stammende Formation bereits seit 1986 ihr Unwesen treibt und damit eine der dienstältesten italienischen Extreme-Metal Bands ist. Die Jungs sind immer noch aktiv und sind vor allem für Interessenten geeignet, die sich bei old-schooligem, noch stark Thash- und Heavy Metal-lastigen Black Metal à la Venom oder Hellhammer wie Zuhause fühlen. Als zweite Band der frühe Tage nenne ich Bulldozer, die sogar seit Anfang der 80er mit ihrem Gemisch aus sehr frühen Black- und Thrash Metal von Mailand aus die schwarze Szene im Land mitgeprägt haben und dabei wirklich kauzig bis kultige Plattencover vorweisen können und konnten. Beides sind Bands für Old-School Puristen (also so richtig alte Schule) und bieten einen guten Einblick, in die frühen und ersten extremeren Klänge die so aus unserem warmen Quasi-Nachbarland erklangen.
Aborym
Die erste Band die ich euch nun ausführlicher vorstellen will, beginnt passenderweise mit dem ersten Buchstaben des Alphabets und hört auf den kurzen und prägnanten Namen Aborym. Es wird gleich zu Beginn besonders, da diese Combo eine der übersichtlichen Bands ist, die sich an eine Verbindung von Industrial und Black Metal traut. Mittlerweile wohl im Industrial Rock angekommen, sind die ersten Veröffentlichungen der Band durchaus noch Black Metal, aber eben mit einer ungewöhnlichen elektronischen Schlagseite. Ich schicke vorweg, ja das Ganze hat einen gewöhnungsbedürftigen Klang. Programmierte, synthetisch ballernde Drums treffen auf symphonischen Black Metal und erzeugen eine Art uncanny valley. Industrial Black Metal war auch für mich etwas bis dato recht unbekanntes und meine bisherigen Berührungspunkte mit diesem Genre waren auf ein bis zwei Bands beschränkt. Wenn sich das Ohr aber einmal an den Klang gewöhnt hat, offenbaren sich interessante Songwriting-Konzepte.
Gerade durch die mitunter sehr kalte, synthetische und noisige Klangkulisse, erhält der Sound etwas Raues, Martialisches und Finsteres. Ich sehe vor meinem inneren Auge kalte Korridore, dunkle dröhnende Fabrikhallen, apokalyptische Szenarien sowie Dystopien, Menschen und Maschinen. Hier und da unterbricht sogar ein Break-Down oder ein Tech-Death Riff das maschinelle Getöse. Es dürfte keinen verwundern, dass das Geschehen geprägt ist von Experimenten und künstlichen Tönen, die sich versuchen in den Black Metal einzugliedern. Mitunter erzeugt das Chaos und Diffusion, an anderer Stelle Rhythmus und Groove. Auch die unterstützenden Instrumente und Vocals werden häufiger durch das ein oder andere Effekt-Gerät gejagt. Sehr spannend das Ganze, wenn auch mitunter etwas überladen. Auch erwähnenswert: Attila Csihar (u.a. Tormentor, Mayhem) übernimmt die Vokalarbeit auf dem zweiten und dritten Album der Diskografie. Während auf dem Erstlingswerk Kali Yuga Bizarre noch dezenter mit elektronischen Einflüssen gearbeitet wird und sich die Band mehr auf die symphonischen Aspekte des Black Metals verlässt, verlässt man diesen Pfad spätestens mit Fire Walk with us mit einhergehenden Sängerwechsel und geht komplett zur Symbiose über. Ab der Langrille Generator wurde das Projekt dann norwegisch unterwandert, Faust (u.a. Djevel, Emperor, Thorns) wird in das Projekt integriert und auch Prime Evil von Mysticum setzt sich mit an den Tisch.
Fides Inversa
Vom experimentellen Cyber-Geholze geht es nun schnell zu zumindest thematisch klassischeren Gefilden. Fides Inversa sind eine schwarzmetallische Macht, die sich mit rasenden, aber dennoch melodischen Black Metal dem dunklen Fürsten verschrieben hat. Die Band wurde ursprünglich als Duo in der Hauptstadt Rom gegründet, hat mittlerweile neue Mitglieder hinzugewonnen und kann – Stand heute – auf drei Alben blicken. Wer auf schnellen, orthodoxen, gut produzierten und handwerklich astreinen Black Metal steht, der oder diejenige wird hier fündig. Die Diskografie der Band bietet wunderbar schneidende Gitarrenarbeit in Verbindung mit herausragenden Lyrics die vergleichsweise facettenreich (anrufend, singend, wütend aber auch mal demütig) dem Okkulten huldigen und das Ganze in gut ausgearbeitete, aber nicht zu verkopfte Songs packt. Ein skandinavischer Einschlag durch finnisches und norwegisches Riffing ist unverkennbar. Drummer Gionata Potenti kennt man unter diversen Synonymen auch von anderen international besetzten Bandprojekten. Mit am bekanntesten ist dabei die italienisch/norwegischen Kollaboration Darvaza, deren Sänger Wraath (Behexen, Ritual Death) auf dem dritten Fides Inversa Album Historia Nocturna die Lyrics einschreit und hier eine beeindruckend hingebungsvolle Performance abliefert. Sehr empfehlenswert und gutes Material für Fans von beispielsweise Chaos Invocation.
Gorrch
Italien kann aber auch richtig finster. Wem Fides Inversa noch etwas zu melodisch und klar strukturiert ist, dem sei die folgende Gruppierung empfohlen. Gorrch haben nicht nur einen Namen, der zunächst unaussprechbar scheint, sie sind auch die Kreatur, die man erhalten würde, wenn Bands wie Akhlys und Deathspell Omega eine Verbindung eingehen würden. Sommerliche Post-Riffs gibt es vielleicht woanders, aber nicht hier. Gorrch beschwören einen Albtraum aus Angst, Schrecken und Beklemmung, der es in sich hat. Das hier ist der Wahnsinn von weit aufgerissenen Augen, dieser Moment, wenn man etwas Schreckliches erkennt, es einem bewusst wird und man erstarrt. Die Verarbeitung der Erkenntnis scheitert, es droht Katatonie. Es erwartet euch schrille und dissonante Gitarrenarbeit in Verbindung mit malträtierenden Blast-Gewittern, die sich der Prämisse perfekt anpassen. Disharmonie steht bei Gorrch groß auf der Tagesordnung, um die angsterfüllte Unruhe eindringlich zu inszenieren. Mitunter unterbrechen unheilvolle Chöre das Chaos und fügen sich ins Gesamtbild ein. Das hier ist zwar schwere Kost, allerdings auch ein guter Einstieg in die eher experimentellen Gefilde des Black Metal, da der vertonte Schrecken auch hier und da gnädigerweise mal aufgelöst wird, um Verschnaufpausen zu gewähren. Das Zweiergespann (kennt ihr eigentlich meine Duo-Theorie?) hat bisher zwei Langspieler veröffentlicht, die nur darauf warten, euch zu verstören.
The Secret
Wir bleiben bei ziemlich finster. Während The Spirit aus dem Saarland schon länger kein Geheimnis mehr sind, kennen The Secret aus Triest vielleicht ein paar weniger. Ah, jetzt verstehe ich den Bandnamen. Ok, das ist kein reiner Black Metal, das ist mir klar. Gerade das Erstlingswerk des Geschwaders, Luce, ist meilenweit davon entfernt, überhaupt Black Metal zu sein. Falls Ihr aber einen pechschwarzen, kurzweiligen und klanglich dichten Hassbatzen für mittags braucht, ist die 2018 erschienene EP Lux Tenebris eure Pille für zwischendurch. Drei Tracks, mehr braucht es nicht. Diese derartig fiese Finsternis, die hier zelebriert wird, ist nur selten zu finden. Bitterböse, mal sägende, mal malende Riffs zerballern dir das Trommelfell und ein enorm unentspannter Vokalist hat auch eher Probleme sich zu beruhigen. Die Band mischt auf beeindruckende Art und Weise Crust, Black, Sludge sowie Death und kreiert einen bösartigen, dreckigen und fiesen Sud, der ins Unterbewusstsein blubbert und dort hängen bleibt. Wer sich jetzt denkt… ‚Hm, dieses Gebräu habe ich irgendwo schonmal verköstigt‘, der hat vermutlich schonmal Hierophant erleben können, die in den letzten Jahren fleißig getourt sind. Gründungsmitglied Lorenzo Gulminelli kommt von The Secret und treibt mit Hierophant seine finstere Kreation weiter voran. Wem die EP von The Secret gefällt, sollte sich natürlich auch die Alben der Band zum Gemüte führen. Diese sind aber mitunter dem ein oder anderem Genre aus dem Gemisch mehr zugewandt und nehmen sich etwas mehr Zeit diese auszuspielen. Lux Tenebris ist komprimierte Kompromisslosigkeit, von der ich mich immer wieder gerne zerlegen lasse. Hier gibt es kein Licht und keine Hoffnung, nur ein endloses Fallen in die tiefste Dunkelheit ohne Aufprall.
Und wenn wir schon bei fehlender Hoffnung und immerwährender Dunkelheit sind, sollte hier auch unbedingt die italienische DSBM Szene eine Erwähnung bekommen. Tanja hat euch bereits die beeindruckenden Eyelessight näher gebracht (und zwar hier). Neben dem italienischen DSBM Flaggschiff Forgotten Tomb gibt es aber auch noch andere deprimierende Klänge. Schaut euch zum Beispiel mal Afraid of Destiny an, besonders wenn ihr auf etwas kernigeren Depressive Black wie Begotten steht.
Earth and Pillars
Das war nun alles etwas viel Finsternis, Kummer, Tod und Verderben. Es wäre wohl aus gesundheitlicher Sicht ratsam sich umzuschauen, ob sich da nicht ein paar Bands finden lassen, die uns nicht nur mit den finstersten und abgründigsten Facetten unserer geliebten Sub-Kultur konfrontieren. Dass Italien wunderbare Landschaften und Umgebungen zu bieten hat, ist bekannt. Dolomiten, Toskana, Sardinien, Amalfiküste oder auch der Gardasee; all das sind Schlagworte, die uns nach einem langen Urlaub sehnen lassen. Wo Natur ist, ist auch Black Metal. Fakt. Der natürlichen Schönheit dieses Landes haben sich unter anderen Earth and Pillars verschrieben. Eine Band, die klangästhetisch wieder etwas besonders ist. Besonders in dem Sinne, dass sich vor allem Fans von Paysage D’Hiver, Darkspace oder auch Wolves in the Throne Room hier wie zuhause fühlen sollten. In dieser Klangwand, die hier heraufbeschworen wird, ist das Schlagzeug im alles verschlingenden Gitarrenteppich nur zu erahnen und auch die Lyrics brechen nur selten aus den mächtigen verhallten Riffs heraus. Earth and Pillars präsentieren uns hypnotischen lo-fi Atmo Black Metal der zum Träumen, schweben und ehrfürchtig sein einlädt. Die Band kommt bereits auf vier Langspieler und die Songs liegen erwartungsgemäß nicht bei radiotauglichen 3-Minuten Grenzen. Im Gegenteil, die Spieldauer der einzelnen Titel liegt eher im zweistelligen Minuten Bereich und der geneigte Hörer sollte Zeit und Lust mitbringen, sich mal richtig in die vertonten Naturgewalten fallen zu lassen.
Hesperia
Italiens heutige Kultur mit all ihren Ausprägungen, die wir mit dem Land verbinden, birgt natürlich eine Vorgeschichte. Alleine Städte wie Rom, die Vatikanstadt, Neapel oder Venedig gehen spannende historische Entwicklungen voraus. Dass Geschichte musikalisch vertont werden kann, ist nichts Neues. Sich dieser musikalischen Sparte aber erst einmal anzunehmen, das Konzept schwarzmetallisch aufzuarbeiten und wie im Fall von Hesperia dabei alle Register zu ziehen, verdient Anerkennung. Bei diesem Soloprojekt erwartet euch nicht nur Musik. Ähnlich wie es das Kunstkollektiv Heilung handhabt, würde ich auch hier mitunter von einer Art „amplified history“ sprechen. Durch beeindruckend gut gemachte, hörspielartige Szenen zwischen den Songs wirkt die vertonte italienische Geschichte nah und bisweilen richtig cineastisch. Durch die Verbindung aus Musik, Soundscape und Ambient bleiben die Alben atmosphärisch dicht und der große Fokus auf Dramaturgie und Abwechslung in den Songs sorgen für Kurzweiligkeit. Bands wie Emperor, Summoning, Heilung oder die ein oder andere ukrainische Band kommen als Vergleich am nächsten. Das Projekt kann aktuell bereits acht Alben vorzeigen, auf jenen sich auch die musikalische Weiterentwicklung des Künstlers gut nachvollziehen lässt. Aber Achtung: Das ganze Konzept kommt mit einer gehörigen Portion Folk um die Ecke. Wer einschlägigen rauen Schwarzmetall erwartet, wird schneller auf Stopp drücken als ihm lieb ist, da sich auch die Folk-Passagen Zeit lassen und minutenlang atmen können. Fazit: Spannend und produktionstechnisch sehr beeindruckend, aber auf Dauer etwas überladen und vor allem etwas für Leute, die sich auch im sehr folkigen Bereich wohlfühlen.
Das reicht erstmal. Es ist mir diesmal schwergefallen, aus der ganzen italienischen Schwarzmetal-Vielfalt eine bestimmte Art Sound oder Struktur herauszudestillieren. Es zeichnen sich aber hier und da klassische verspielte Rock-Nuancen ab, die im Vergleich mit anderen Ländern doch etwas auffallen. Außerdem gibt es neben den üblichen Black Metal Tropes auch einen gewissen Hang zum romantischen, zum melancholischen und zur italienischen Dichtkunst (hier haue ich euch einfach noch die beiden Bands Sentiero del principo und Coil Commemorate Enslave an den Kopf, reinhören lohnt sich!). Aber es muss ja auch nicht immer ein bestimmter Stil oder länderspezifische Merkmale herausgearbeitet werden. Die schwarzmetallische Klanglandschaft Italiens entzieht sich einer bequemen Kategorisierung. Hauptsache die Musik macht etwas mit einem. Das ausgewogene italienische Band-Menü bietet dafür reichhaltige Gerichte und kann je nach persönlichen Geschmack in jegliche Szene Ausprägung gewürzt und verfeinert werden. Ich hoffe, meine kleine Zusammenstellung kann euch genau das aufzeigen und verführt euch vielleicht dazu, auch bei diesem Land weiter in den musikalischen Black Metal Kosmos einzutauchen. Arrivederci und ich freue mich schon auf die nächste Länderreise.
Ich habe gehört, Spanien und Portugal sollen auch sehr schön sein…
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