Festivalbericht: Atmospheric Arts V, 09.05.2026, Halle 101 Speyer – Part 2

Die fünfte Ausgabe des Atmospheric Arts brachte erneut Bands, die im besten aller Sinne herausfordernd sind. Denn bei dieser Musik, und dieser Veranstaltungsreihe, geht es nicht um Show und Action, sondern um Stimmung, Atmosphäre und Gefühl – und in (meinen) Berichten geht es, idealerweise, nicht um ein bloßes Ereignisprotokoll, sondern darum, das Erlebte angemessen und so anschaulich wie eben möglich einzufangen.

Um den entsprechenden Raum hierfür zu schaffen, wurde der Festivalbericht in zwei Parts aufgeteilt. Den ersten Teil findet ihr hier, der zweite ist der vorliegende und folgt ebenfalls der Auftrittsreihenfolge der Bands.

Aber genug der Einordnung, weiter geht’s: mit nervösem Augenbrauenzucken, produktiver Irritation, großer Liebe und allem dazwischen und darüber hinaus.

Emyn Muil

Tolkien-Black Metal ist etwas, was bei mir manchmal nervöses Augenbrauenzucken auslöst. Er kann großartig sein, ist es auch immer wieder, aber egal, was ich tue: Es fällt mir oft schwer, ihn nicht automatisch mit den Königen dieser musikalischen Kategorie, Summoning, zu vergleichen. Vorab: Auch bei Emyn Muil kam die Assoziation auf. Aber durchaus positiv.

Das erste (und in 2026 einzige) Deutschland-Konzert des italienischen Projekts um Saverio Giove (einigen vielleicht noch von Ymir bekannt) zeigte, für mich sehr gut, was eine Hommage ausmacht: Das Aufgreifen eines bekannten Stoffes oder Elements auf eine respektvolle und anerkennende Art, die ebenjenen Stoff würdigt, ohne ihn eins zu eins zu kopieren.

Im Fall von Emyn Muil lässt sich das sowohl im Hinblick auf die literarischen Vorlagen, als auch im Hinblick auf Summoning attestieren. Textlich ist der Fokus natürlich klar und wird bereits durch die Titel entsprechend markiert, doch auch musikalisch gelingt es, die Phantastik, Epik und atmosphärische Dichte der Werke Tolkiens einzufangen. Und eben auch seine Vielfältigkeit – das Intro des Auftritts zeigte sich mit einer gewissen Verspieltheit und Leichtigkeit, die durchaus überraschend war, wenn man den Direktstart in raumgreifende Erhabenheit erwartet hatte. Doch auch die gab es natürlich, ebenso wie eine solide Dosis Dramatik, Pathos Epik auf Tolkien-Black Metal – Art. Unterstützt, und gleichzeitig gegen andere Projekte aus dieser Nische ein Stück abgegrenzt, wurde das unter anderem durch weiblich besetzte Gesangsparts von Hildr Valkyrie/Angela-Kelly Antoniou, die die verschiedenen genre-typischen Gesangsstile sehr gut abbilden kann, hier aber überwiegend klaren Gesang beisteuerte.

Wenn ich den Auftritt und die Musik von Emyn Muil mit möglichst wenig Schlagworten zusammenfassen sollte, wäre „episch“, benutzt, nicht im aufs Wertende reduzierten, sondern im eigentlichen Wortsinn, ganz weit vorne mit dabei. Wer Tolkien oder Summoning schätzt, wird hier sowieso glücklich. Doch auch, wer sich mit beiden nie tiefergehend befasst hat, aber ein Freund des epischen und nach Art großformatiger Naturaufnahmen phantastischen Black Metals ist, dürfte hier auf seine Kosten kommen.

Hommage statt Kopie, schöne Sache.

Setlist: Intro/Mim’s Betrayal // Tùrin son of Hùrin // Arise in Gondolin // Heading Eastward // Aure Entuluva // Noldomire // Dark riots from Angband // The Lay of Numenore

Unreqvited

Nicht nur ein Deutschland- sondern gleich auch ein Europa-Debüt war der Auftritt des kanadischen Ein-Mann-Projekts Unreqvited. Die Musik dieses Projekts ist das, was bei mir die eingangs genannte „produktive Irritation“ auslöst – ein Begriff, mit dem der Literaturwissenschaftler Maximilian Bergengruen mal das beschrieb, was in der Auseinandersetzung mit dem ein oder anderen Werk Franz Kafkas passieren kann, und den ich absolut als Kompliment meine.

Ähnlich wie die Literatur Kafkas ist die Musik von Unreqvited etwas, worauf man sich einlassen können muss: Je nach Song tritt mal Post Black (mit unterschiedlich starker Betonung von „Post“) in den Vordergrund, mal Ambient, mal die webteppich-artige Rockigkeit von Shoegaze, und manchmal feuert alles gleichzeitig auf die Synapsen. Es ist die Art von Musik, bei der sich (für mich) die Herangehensweise anbietet, die ich auch bei eher komplexen literarischen Werken nutze: Paralleles Fühlen und Analysieren, oder : „Was macht das eigentlich mit mir? Und warum? Und wie zur Hölle beschreibe ich das?“

Keine Musik für nebenher, sondern eine, die gleichzeitig Raum, Fallenlassen-Können und Konzentration braucht. Und genau da liegt der Knackpunkt: Der Auftritt von Unreqvited war an sich sehr gut; durchaus sperrig, durch die im Vergleich zu vielen anderen Bands des Abends etwas ausdifferenziertere und präsentere Lichtgestaltung auch visuell unterstützt, klanglich wie in der Stimmungsentfaltung und -darstellung dicht, und auch in der konkreten musikalischen Ausgestaltung spannend. Für Freunde unkonventioneller bis sperriger Musik, zu denen ich mich zähle, definitiv interessant und ein Reinhören, oder idealerweise einen Konzertbesuch, wert.

Nun war das aber kein „regulärer“ Auftritt mit drei, vier Bands, sondern einer, der im Rahmen des Atmospheric Arts stattfand: Einer Veranstaltung, die nahezu automatisch raumgreifende, herausfordernde und/oder sperrige Bands mit sich bringt, und in diesem Jahr gleich zehn Stück davon, mit Unreqvited als Nummer sieben. In meinem Fall führte das dazu, dass ich, vielleicht aufgrund einer gewissen Reizüberflutung, wahrnehmen und anerkennen konnte, dass da gerade wirklich spannende Musik passiert, mich aber nicht vollständig auf diese konzentrieren und in ihr fallen lassen konnte.

Setlist: Autumn and Everley // Empathica II : Everwinter // Anhedonia // Nightfall // Disquiet // Void Essence // Birth // The Autumn Fire

Hypothermia

Erfreulicherweise hatte der verhinderte Auftritt von A Symphony To The Void keine negativen Auswirkungen auf den von Hypothermia. Eventuell dauerte der Soundcheck etwas länger aufgrund besonderer Gründlichkeit, bevor die Band mit Svartkonst, dem Titeltrack des gleichnamigen Albums von 2015, in ein Set startete, das die charakteristische nicht nur musikalische, sondern auch emotionale Wirkung von Hypothermia ebenso überzeugend wie gekonnt illustrierte. 

Visuell und hinsichtlich performativer Elemente war man hier eher im Bereich des Understatements:  Verzicht auf elaborierte Bühnendekoration, Show-Elemente, Posen oder Publikumsanimation, was mir durchaus passend erschien, denn so werden Musikempfinden und -erleben in den Vordergrund gerückt. Gleichzeitig passt das auch sehr gut zur charakteristischen Wirkung von Hypothermia, die sich für mich gerade dadurch auszeichnet, dass die gezeichneten Stimmungsbilder oftmals mit einer gewissen klanglichen Subtilität daher kommen, ohne dabei an Eindringlichkeit zu verlieren.

Svarkonst, wie auch Efterglöd vom gleichen Album, luden als rein instrumentale Stücke besonders dazu ein, diese subtile Zwischenton-Intensität zu erspüren; und erst recht das im Anschluss folgende Warakumbla mit seinen etwas über 20 Minuten fassenden Wanderung durch den liminalen Raum zwischen Leben und Tod.

Angesichts des 25-jährigen Bandjubiläums war eine besondere Setliste angekündigt, und so folgte ein Ausflug in die frühere Schaffensphase der Band: Gartoner, und im Anschluss das bereits 2006  erschienene, aber immer noch großartige Melankoli, bevor der Auftritt mit Myrsubiaergh I von der EP Myrsubiaergh endete, die erst kurz vor dem Atmospheric Arts, am 01. Mai, veröffentlicht worden war.

Auch Hypothermia sind eine Band, auf die man sich einlassen können (und wollen) muss. Wer das konnte, bekam einen Auftritt, der sehr schön illustriert und erfühlbar machte, was die Musik dieser Band ausmacht. 

Setlist: Svartkonst // Efterglöd // Warakumbla // Gratoner // Melankoli // Myrsubiaergh I

Nocturnal Depression

Französischer DSBM, und Black Metal allgemein, ist ein ganz besonderes Biest, das ich persönlich sehr schätze. Gleiches gilt für die Musik von Nocturnal Depression, wie diverse schamlose Wiederholungen dieses Umstands im Verlauf dieses Berichts eventuell nahelegen könnten. Konsequenterweise war das Ziel für diesen Auftritt die erste Reihe – ein Plan, den offensichtlich ziemlich viele andere Besucher des Atmospheric Arts auch hatten, sodass die ersten Reihen, noch bevor Nocturnal Depression auftauchten, zum zusammengeballten Menschenhaufen mutierten. 

In diesem Monat wurde das Album  Spleen Black Metal, das an diesem Abend in voller Länge und ergänzt mit Her Ghost Haunts These Walls (von Reflections of a Sad Soul, 2008), 21 Jahre alt. Das ist eine Menge Zeit, in der eine Menge Menschen über dieses Album reden konnten, sodass ich dem Drang widerstehe, diesem hier eine weitere Abhandlung hinzuzufügen. Fest steht, das wurde beim Atmospheric Arts deutlich, dass sowohl die Fans, als auch die Band dieser Musik nach wie vor mit authentischer Leidenschaft begegnen.  Hier wurde nicht nur vor der Bühne schwungvoll geheadbangt, applaudiert oder auch mal gejubelt, auch die Musiker waren sichtbar in ihrem Element, und Lord Lokhraed vollbrachte erneut das Kunststück, dem DSBM zugeschriebenen Black Metal mit der Bühnenpräsenz und Energie einer rockig-infernalische Partykanone zu verbinden, ohne, dass das aufgesetzt oder im negativen Sinne skurril wirkte.

In Sachen direkter und expliziter Publikumsinteraktion hob sich der Auftritt von Nocturnal Depression von den vorangegangenen Bands durchaus ab: Neben der bereits erwähnten Eskalationsenergie auf der Bühne wurden die Besucher hier auch mehrfach zum Händeheben und klassischen „Hey, Hey“-Rufen motiviert (etwa bei Nostalgia); auch nahm sich Lokhraed zwischendurch die Zeit, ein wenig aus der Bandgeschichte zu erzählen – zum Beispiel, dass auch der erste Deutschland-Auftritt der Band in der Halle 101 in Speyer stattgefunden hatte, im Rahmen der siebten Nacht der drohenden Schatten 2009.

Im ersten Moment mag es ein bisschen seltsam anmuten, bei Extreme Metal mit durchaus nicht sanften Themen von jeder Menge Energie und abgehendem Publikum zu erzählen, und natürlich trat und tritt das bei dieser Musik anders auf, als bei „Party-Metal“. Dennoch erscheinen die Begriffe passend gewählt. Emotionale Affekte und die manchmal mit ihnen verbundene innerpsychische Abgrundschau sind vielgesichtig, und das gilt auch für die Musik, die einem dabei ein Begleiter sein kann. Es gibt Bands, die passen, wenn sich die Abgrundschau nach sanft-tragischem Ausbluten auf einer Sommerwiese anfühlt. Wenn’s aber eher ein fingernagel-abreißendes Graben durch Dreck, Steine, Morast und Sumpf ist, empfehle ich persönlich gerne Nocturnal Depression.

Setlist: Elégie // L’Insolement // Acédie // Méditation Grisâtre // Remords Posthume // Spleen Black Metal // Nostalgia // When My Time Has Come to Die // Her Ghost Haunts These Walls

Vinterland

Etwas vereinfacht augedrückt, haben Vinterland mit Welcome My Last Chapter im Jahr 1996 ein Album rausgehauen, das für seine zahlreichen Fans das musikalische Äquivalent zu einem Kanon-Werk der Weltliteratur darstellt – und dann war’s das erstmal eine ganze Weile.

Mittlerweile ist das Album dreißig Jahre alt und die Menge an Besuchern jeder Altersklasse, die zum Auftritt von Vinterland die Halle füllte, legt nahe, dass die Band und Welcome My Last Chapter in dieser Zeit nicht nur nicht vergessen wurde, sondern auch immer weiter neue Fans dazugewonnen hat (was die Einstufung als Kanon-Werk stützt).  Aber nicht nur das Publikum, sondern auch die Musiker selbst schienen sicht- und hörbare Freude an diesem Auftritt zu haben: Applaus, Jubel und gelegentliches Headbangen (wenn auch gefühlt etwas weniger, als bei der vorherigen Band) vor der Bühne, ebenso professionelle wie motivierte Performance darauf, ausgesprochener Dank ans Publikum und die bei der Veranstaltung Involvierten. 

Klanglich und optisch war der Auftritt konsequenterweise eine klassische Angelegenheit: Nebel und überwiegend kühltoniges Licht als Rahmen für schwedischen Melo-Black aus den 90ern, der so dezidiert schwedisch, melodisch und nach den 90ern klang, dass er anstelle von Definitionstexten Eingang in Lehrbücher halten könnte.  Auch das ist oft (wenn auch nicht immer) Merkmal kanonischer Werke, sodass es mir angebracht erscheint, Vinterland als musikalische Pflichtlektüre einzustufen, wenn Interesse an melodischem Black Metal oder speziell schwedischem Melodic- oder Black Metal besteht, oder an historischen Entwicklungen des Genres. 

Ein bisschen wie mit Goethe, oder Lessing: Unabhängig davon, ob jedes Werk den persönlichen Geschmack trifft, sorgen Gestalt, Wirkung und historischer Kontext des Werks (hier: Welcome My Last Chapter) dafür, dass die Auseinandersetzung damit als Teil einer soliden Allgemeinbildung eingestuft werden kann.

Setlist: (Intro) // Our Dawn Of Glory // I’m An Other In The Night // So Far Beyond … // A Castle So Crystal Clear // As I Behold The Dying Sun // Vinterskogen // Still The Night Is Awake // A Winter Breeze // Wings Of Sorrow // (Outro)

Schlusswort

Das Atmospheric Arts V war erneut eine Tour de Force in jeder Hinsicht; ich meine das anerkennend und als ehrliches Kompliment.

Die Veranstaltung vollbrachte das Kunststück, zehn Bands unter einen Hut und in ein ebenso stimmungsvolles wie stimmiges Kontrastprogramm zu packen, die man zwar einer gemeinsamen Überkategorie zuordnen kann (hier: atmosphärisch i.S.v. stimmungs- und ausdrucksstark), die aber jeweils genug Individualität und Eigenheit mitbrachten, dass man sie unmöglich in eine Kiste werfen kann. Das Ergebnis ist eine Veranstaltung, die ein enormes Facettenreichtum ausrollt, ohne dabei an Kohärenz zu verlieren, gerade weil das Kontrastige hier Teil des Konzepts zu sein scheint und meines Empfindens nach darüber hinaus auch zum Funktionieren des Ganzen beiträgt – bereits im letztjährigen Bericht habe ich erwähnt, dass der Wechsel zwischen Klang und/oder Wirkung unterschiedlicher Bands durch eben jenen Kontrast für eine gegenseitige Wirkungsverstärkung aufeinander folgender Gruppen beiträgt, und auch dieses Jahr hatte ich diesen Eindruck.

Eine Tour de Force, nach wie vor im positiven Sinn, war es aber auch mental/emotional, denn beim Atmospheric Arts gibt’s eben keine leichte Kost oder „Pausen-Bands“,  man kriegt konsequent und durchgängig atmosphärische Intensität schwungvoll ins Gehirn geschmissen; mit/von Projekten und Bands, die oftmals selten live zu sehen sind. 

Ein Kraftakt war es sicherlich auch für alle Beteiligten: Sei es die Organisation, die Technik (hier ein erneutes Shout-Out an den mir unbekannten Technikmenschen, der sich mit der Gewandheit und Geschwindigkeit eines Ninjas über die Bühne schlich/rollte/teleportierte) und alle anderen Helfer, inklusive den Menschen am Ausschank, die selbst zur letzten Band noch mehr als freundlich waren.

Solche kleineren, nischigen Veranstaltungen sind für mich eine Herzensangelegenheit. Nicht nur wegen der Bands, sondern gerade auch, wenn ich als Außenstehende das Gefühl habe, dass das für wirklich alle Beteiligten ein Herzensprojekt ist, dem sie mit Leidenschaft begegnen.

Beim Atmospheric Arts habe ich dieses Gefühl. Daher endet dieser Beitrag nicht mit einer bloßen Zusammenfassung, sondern explizit mit dem Höchstmaß an Lob, das mir als Fränkin möglich ist. Das hat so gepasst, das passt schon so, und ich kann jeden, der sich für das Konzept dieser Veranstaltungsreihe interessiert, nur ermuntern, sie zu besuchen.

 

Bericht: Tanja
Bilder: Matthias

 

Mehr vom Atmospheric Arts bei Dark-Art findet ihr hier:

 

Mehr von den Bands bei Dark-Art findet ihr hier:

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