Ein Lob der Nischigkeit und epische Nachrichten vom God of Hellfire – Prophecy Fest 2026!
Eine der im besten Sinne eigentümlichen Veranstaltungen, die ich regelmäßig besuche, ist das Prophecy Fest. 2015 aus der Wiege gehoben, demonstrierte das Festival auch in seiner aktuellsten Auflage, vom 03.09. bis zum 05.09., wieder jene charakteristischen Eigenschaften, die ihm sein spezifisches Profil geben: musikalische Nischigkeit und Exklusivität, „Festival“ als alle Sinne ansprechende Gesamterfahrung, und nicht zuletzt eine Prise des Besonderen und des Luxus, die mich in anderen Situationen mindestens ein paar Sekunden lang in Richtung des Hipster-Stempels schielen lassen würden.
Nische und Exklusivität deswegen, weil die auftretenden Bands und Künstler nunmal mit dem Label Prophecy Productions assoziiert sind, was nahezu zwangsläufig dazu führt, dass hier Musik zu erleben ist, der man nicht alle Tage begegnet – sowohl im Hinblick auf gegebenenfalls seltene Auftritte, als auch im Hinblick aufs stilistische Gesamterlebnis.
Fest(ival) für alle Sinne, weil das Ganze nicht irgendwo, sondern in der archäologisch wie kultur- und auch literaturwissenschaftlich spannenden Balver Höhle stattfindet, die atmosphärisch wie auch ganz banal visuell eine wirklich besondere Location ist, und weil der Donnerstag am Prophecy Fest nicht einfach irgendwie beginnt, sondern mit speziellem Musikprogramm und dezidiert zu diesem Anlass gebrautem Bier, das den Abend über kostenfrei ausgeschenkt wird.
Besonders und ein wenig luxuriös aufgrund der genannten Punkte und vieler weiterer Kleinigkeiten – etwa dem Umstand, dass für’s körperliche Wohl nicht nur mit Musik und Verpflegung gesorgt wurde, sondern auch durch die Möglichkeit, sich am Freitag beim Dark Yoga physisch und seelisch (wieder) einzurenken.
Zusammengefasst: Das Prophecy Fest ist eine Erfahrung, deren Profil sich deutlich von anderen Veranstaltungen abhebt, und die auf jeden Fall in Erinnerung bleibt. Dieser Beitrag ist dem Donnerstag der diesjährigen Auflage gewidmet. Die anderen beiden Tage mit beeindruckenden Bands, teilweise ebenso beeindruckenden Sturmböen, Exklusiv- und Jubiläums-Shows und all den anderen wunderbaren Dingen, die das Prophecy besonders machen, erhalten jeweils einen eigenen Beitrag.
Opening Ceremony & Welcome Drink
Traditionell steht der Donnerstag des Prophecy-Fests im Zeichen des gemeinsamen Ankommens und Einstimmens: Die Höhle bleibt noch geschlossen, stattdessen gibt es in familiärer Stimmung auf dem Campground Feuerschalen, kostenfreies und exklusiv gebrautes Bier zur Begrüßung und, je nach persönlichem Geschmack, als erstes musikalisches Highlight, oder als stimmungsvolle Hintergrundmusik, einige Auftritte von Künstlern, die oftmals eher sanfte Klänge mitbringen. In diesem Jahr waren das Nest aus Finnland, Neun Welten mit einem Special Set anlässlich des zwanzigjährigen Jubiläums ihres ersten Albums Vergessene Pfade, sowie ein Solo-Auftritt von Simone Salvatori (Spiritual Front). Und, ich bestehe darauf, ihn explizit lobend zu erwähnen: Der mir nicht namentlich bekannte Mensch, der für Soundtechnik und Beschallung des Campinplatzes „aus der Dose“ vor Beginn der Live-Auftritte zuständig war und dessen musikalisches Programm unter anderem Werke von Rimsky-Korsakov und Smetana umfasste. Das fügte sich sehr schön ins etwas nieselige NRW-Wettergrau (mit gelegentlich durchbrechender Sonne) auch einfach generell die Gesamtatmosphäre der Festival-Eröffnung ein.
Das Prophecy wäre nicht das Prophecy, wenn es als Welcome Drink einfach nur profanes Freibier gäbe – so kredenzte man auch in diesem Jahr wieder zwei besondere Brauspezialitäten, die in Kooperation mit der regionalen Landbrauerei Tobias Mohrmann entstanden waren: Ein Ale mit dem vielversprechenden Namen ‚Golden Omen‘, sowie ein Witbier (Weißbier niederländischer/belgischer Prägung), das in Kooperation mit Markus Stock entstanden und ‚Witty Owl‘ getauft worden war. In diesem Jahr stand auch Brauer Tobias Mohrmann selbst am Zapfhahn.
Nest
Ambient mit Neofolk-Einschlägen, inhaltlich und atmosphärisch inspiriert von Tolkien und den Brüdern Grimm ebenso wie von regionalen volkstümlichen Sagen – das finnische Projekt Nest klingt bereits auf dem Papier ebenso spannend wie zum Gesamtkonzept der Prophetic Overture passend. Ausgerüstet mit Kantele (dem finnischen Nationalinstrument), Computer und einem ordentlichen Schwung Samples präsentierte Aslak Tolonen Musik, die sich, wie das bei Ambient oft so ist, eher subtil entfaltet. Die Musik von Nest ist keine schwungvolle Dampfwalze, sondern eher ein leichtes Webstück, das sich sanft, aber gleichzeitig erstaunlich raumfüllend entfaltet. Wie es sich bei den inhaltlichen Topoi anbietet, brachte auch ihre musikalische Verarbeitung die atmosphärische Wirkung des andersweltlich‑/fantastischen mit, mit einem guten Schwung musikalischer Landschaftsmalerei: ich assoziierte zum Beispiel Wald, weite Schneesteppe und generell eine gewisse Weite, wie sie etwa Berglandschaften haben können.
Gerade, wenn der Auftritt einer Band nicht als isoliertes Ereignis stehen soll, sondern ein Teil eines übergeordneten Gesamtereignisses und -erlebnisses ist, bieten sich solche Zwischenton-Künstler an. Wie ein Auftritt von Nest unter anderen Bedingungen auf mich gewirkt hätte, kann ich nicht sagen; im Rahmen des Prophecy-Donnerstags empfand ich ihn aber als stimmig und gelungen.
Neun Welten
Die nächste Band demonstrierte zum diesjährigen Prophecy Fest ganz handfest ihre stilistische Vielfalt: Vor dem (nicht nur von mir mit Spannung erwarteten) Metal-Set am Freitag gab es im Rahmen der Prophetic Overture ein spezielles Vergessene Pfade – Set, inklusive Mitwirken diverser ehemaliger Mitglieder. Das entsprechende Album (die erste Full-Length Veröffentlichung der Band, erschienen 2006) hat nun auch schon 20 Jahre auf dem Buckel, empfiehlt sich aber nach wie vor für Freunde der sanftmelancholisch-romantischen Natur- und Emotionsbesichtigung. Je nachdem, was gerade gut tat, konnte sich der Auftritt von Neun Welten entweder auf dieser Ebene entfalten, oder aber eine einfach eine schöne angefolkte Hintergrundmusik für die Gesamterfahrung des Abends bieten. Beides wurde im Publikum in etwa gleichem Umfang zelebriert, wobei gerade die (stehenden wie sitzenden) ersten Reihen durchaus eng zusammenrückten und das Set mit deutlich zu hörendem Applaus würdigten.
Der Vergleich mit Dornenreich liegt nahe, die Klangästhetik (nicht nur aufgrund der Geige) ist durchaus eine ähnliche. Neun Welten fahren aber eine größere Batterie an Instrumenten auf, erscheinen mir insgesamt etwas folkiger, und insbesondere Gesangsstimme und -vortrag unterscheiden sich für mich deutlich: Neun Welten wirkten zu diesem Zeitpunkt, vor dem Metal-Set, „verwässerter“ auf mich. Im Sinne von: Evigas Gesang schneidet für mich persönlich tiefer und unmittelbarer ein, und ich bin voreingenommen, weil ich mich gerne auf heilsame Art und Weise von Musik emotional zerreißen lasse. Das ist aber keine wertende Feststellung, sondern eine Sache des persönlichen Geschmacks; es heißt nicht, dass Neun Welten „besser“ oder „schlechter“ sind, sondern einfach, dass die musikalische Assoziation da ist, sie aber eben kein reiner Dornenreich-Doppelgänger sind, sondern ein eigenständiges musikalisches Werk geschaffen haben. Und das ist doch schön.
Setliste: Nahend Zauberwald // Auf kargem Fels // Heidenacht // Midsommer // Pan // Frosthauch // Svartalfheim // Nebelland // Valg
I am the God of Hellfire and I bring you …
Das Prophecy Fest wäre nicht das Prophecy Fest, wenn die auf dem Campground aufgestellten Feuerschalen einfach so entzündet und Headliner für das kommende Jahr einfach so angekündigt werden würden. Und irgendwie wäre es auch nicht das Prophecy Fest, wenn Arthur Brown nicht dabei wäre. Der nächste Programmpunkt kam somit zwar in dem Moment überraschend, ist im Nachhinein betrachtet aber eigentlich nur ein Zeichen hervorragend umgesetzter Konsequenz bei der Festivalplanung.
Kurz hätte man es noch für einen regulären Übergang zwischen zwei Auftritten halten können, als „Pausenmusik“ aus der Dose erklang und die ersten Feuerschalen-Entzünder unterwegs waren. Aber spätestens, als eine durchaus mächtige Mischung aus Wanderstock und Zauberstab, ein schwarzer Zylinder und solide Rockstar-Rufe mit britischem Akzent auf der Bildfläche erschienen, wusste auch der letzte Besucher, dass die Zeit zum Bierholen vorbei und maximale Aufmerksamkeit gefordert war. Um die musste sich Arthur Brown nicht großartig bemühen, denn der Herr mit dem Faible für ausgefallene Garderobe (zu diesem Anlass: dunkles Ensemble mit einzelnen roten Akzenten und Coybowjacken-Effekt, plus Zylinder) und absolutem Bühnenwahnsinn zieht sie erstens automatisch auf sich, und kam zweitens mit höchst relevanten Neuigkeiten. Nach Aufbau eines musikalischen Spannungsbogens mit seinem Hit Fire, fand das fleischgewordene Kunstphänomen und Prophecy-Urgestein, inspiriert vom wohl bekanntesten seiner Songs, ebenso pragmatische wie passende Worte, um den Headliner des kommenden Prophecy Fests mitzuteilen: „ I am the god of hellfire, and I bring you…Falkenbach!“
Das war und ist so wunderbar, auf inhaltlicher Ebene wie auf der Inszenierung, dass man dazu eigentlich gar nicht noch mehr sagen kann. Daher lasse ich es und verbleibe mit : Schöne Sache. Man könnte sogar „geiler Scheiß“ sagen.
Simone Salvatori
Ein Solo-Set des Spiritual Front-Sängers und -Gitarristen Simone Salvatori stellte den Abschluss des musikalischen Programms dar. Im Vergleich zu den vorherigen Auftritten war hier definitiv mehr Bewegung drin: Zum einen, weil Salvatori selbst, wenn er „nur“ auf der Bühne steht, mit dynamischer Bewegung und dramatischer Mimik seine musikalischen Stories unterstreicht, und zum anderen, weil dieser Auftritt klanglich durchaus in eine andere Kerbe schlug als die vorherigen.
Emotionale Dramatik, ein bisschen Romantik und natürlich auch Sex waren inhaltlich wiederkehrende Motive, die, wenn das einfach irgendein Mann mit Gitarre gewesen wäre, auf dem Papier durchaus Anlass zur „Bitte kein nichtssagender Singer-Songwriter-Matsch“-Sorge hätten geben können. Glücklicherweise war es aber Simone Salvatore, sodass sich ein eingängiges, durchaus auch mal angekitschtes, aber definitiv nicht nichtssagendes Set ergab. Eine Mischung aus groovig-angerockten Passagen, aus meiner Sicht deutlichen Post-Punk-Vibes und der speziellen Art von Nicht-ganz-Pop, die Spiritual Front auf einigen Alben liefern, ergab einen Auftritt, der in sich stimmig wirkte und mir einen spannenden Blick in die Bereiche außerhalb meiner typischen musikalischen Komfortzone gab. Wer noch weiter feiern wollte – ob die Falkenbach-Ankündigung oder einfach generell –, konnte sich hier nochmal Energie holen. Wer von den sanfteren Auftritten von Nest und Neun Welten nicht so ganz abgeholt worden war, bekam hier mehr „Action“, und alle anderen einen musikalisch nicht zu sperrigen, aber nichtsdestotrotz leidenschaftlich vorgetragenen letzten Auftritt des Tages. Auch hier: schöne Sache.
Bericht: Tanja
Bilder: Roksana & Matthias
Mehr zum diesjährigen Prophecy Fest findet ihr hier:
Frühere Beiträge zum Prophecy Fest findet ihr hier:
- Festivalbericht: Prophecy Fest 2025 – Cave of Balve Day 1 – Freitag, 12. September
- Festivalbericht: Prophecy Fest 2025 – Prophetic Ouverture – Donnerstag, 11. September
- Festivalbericht: Prophecy Fest 2024 – Samstag
- Festivalbericht: Prophecy Fest 2024 – Freitag
- Interview: Tim Yatras von Germ auf dem Prophecy fest 2024
- Festivalbericht: Prophecy Fest 2024 (Donnerstag)
- Interview: Blazing Eternity auf dem Prophecy fest 2024
- Festivalbericht: 09.09.2023 Prophecy Fest 2023 – Samstag
- Festivalbericht: 08.09.2023 Prophecy Fest 2023 – Freitag
- Festivalbericht: 07.09.2023 Prophecy Fest 2023 – Donnerstag
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