Ragnarök ist Krieg!
Von Bodenfrost bis Sonnenbrand, monsunartigem Regen bis Staubtornados, und von Campground-Frühstücksgrind bis Mehnersmoos-Ultras in der Zeltnachbarschaft – das Ragnarök Festival ist eines jener Festivals, die nicht nur musikalisch, sondern auch im Hinblick auf die Rahmenbedingungen immer wieder einzigartige Erlebnisse bieten. Die räumlichen Gegebenheiten des Veranstaltungsortes, der Stadthalle Lichtenfels, liefern auf der positiven Seite Wetterschutz und Sitzmöglichkeiten, auf der anderen Seite aber eben auch Sardinendosen-Atmosphäre bei manchen Bands, sowie eine gewisse nervliche Anspannung bei der Parkplatzsuche – Auto am Camp geht hier schlichtweg nicht, und eine Baustelle auf dem Gelände machte das Ganze in diesem Jahr nochmal etwas spannender. Ähnlich spannend ist manchmal das Wetter (kein Ragnarök ohne Regen, egal, was die Wettervorhersage behauptet – wie sich dieses Jahr erneut bestätigte). Aber der gestandene Besucher des Festivals ist natürlich vorbereitet – sei es durch entsprechende Camping-Ausrüstung, ein Plätzchen in der Schlafhalle, oder die Nutzung einer alternativen Übernachtungsmöglichkeit mehr oder weniger in der Nähe.
Als Belohnung gibt es eine überzeugende Mischung aus Black- und Pagan-Metal, die absolute Klassiker ebenso auf die Bühne bringt wie spannende Neuentdeckungen. Nachdem im vorangegangenen Jahr 2025 das zwanzigjährige Jubiläum des Festivals begangen wurde, lieferte auch die diesjährige Auflage des Festivals ein wirklich überzeugendes Line Up (Psychonaut 4, Leute!), sodass wir nur zu gern wieder dabei waren. In diesem Bericht lassen wir den ersten Festivaltag nochmal Revue passieren; die anderen beiden Tage folgen.
Nephylim
Mit freundlicher Begrüßung, warmtonigen Bannern auf der Bühne und klassisch epischem Intro nach Art einer Fantasyroman-Vertonung läuteten Nephylim ihr Set und den Beginn des diesjährigen Ragnarök Festivals ein. Sowohl musikalisch, als auch in der Bühnendramaturgie bot das vielleicht keine absoluten Überraschungen – muss ja aber auch nicht immer. Insbesondere als Opener zum „warm werden“ boten die Niederländer einen wirklich soliden Auftritt: Melodische bis heroisch-epische Parts mit Samples und Wechselgesang zum Mitklatschen und Hände heben gab es ebenso, wie Parts zum Headbangen und ein bisschen eskalieren. Und vor allem brachte die Band Motivation und gute Stimmung mit: Neben sichtlicher Freude am Musizieren und einer Prise klassischer Pagan-Posen-Theatralik war man auch um das Wohlergehen des Publikums besorgt („Wie geht’s? Gut? Haben Sie Bier? Ja? Dankeschön!“) und zeigte selbst bei der klassischen Werbe-Einlage Humor: „Support your favorite band! I mean, we’re not your favorite band – yet!“ Für nicht wenige Anwesende schien das mit „noch kein Favorit“ gar nicht so zutreffend zu sein – die Halle war zwar nicht gestopft voll (ist ja auch mal nett), aber die Menschen, die da waren, hatten sicht- und hörbar Bock.
Gesamtfazit: Ein wirklich netter Einstieg. Dass Nephylim für mich kein Highlight waren, liegt nicht an musikalischen Mängeln, sondern schlichtweg am persönlichen Musikgeschmack. Das, was sie machen, machen sie sehr gut, und ich würde sie guten Gewissens an Menschen weiterempfehlen, die es etwas paganer und melodischer mögen.
In Vain
Neben Nephylim waren auch In Vain Teil der Kinship-Tour Iotunns und somit auf dem Ragnarök dabei. Gestartet wurde hier vielversprechend mit Kreuzzug-Posaunen und Gerumms, dennoch war die Anwesenheit der Band auf diesem Festival, rein ausgehend von ihrem Sound, für Teile des Teams überraschend. Denn von den Doom und Black Metal-Elementen, die der Musik der Gruppe zugeschrieben werden, war zumindest in diesem Set nicht so viel zu hören; stattdessen dominierte das, was gemeinhin als Progressive Metal einsortiert wird. Die deutlichste Präsenz hatten dabei jedoch zwei Dinge: zum einen eine derart ausgeprägte musikalische Melodik, dass so mancher schwedischer Klassiker vor Neid erblassen würde. Zum anderen stimmliche Höchstleistungen in Sachen Vocals, die sich teilweise ebenso problemlos wie hervorragend in Power Metal-Songs einfügen würden. Abgerundet wurde das Ganze mit einer gut abgestimmten Lichtshow, ausgeprägter Bühnendynamik, und genug Momenten zum Mitklaschen, „Hey“-Rufen, oder sich-von-epischen-Männerchören-wegpusten-lassen.
Die Publikumsreaktion wirkte an sich positiv, wenn auch nicht komplett ergriffen: Zwar wurde es im Laufe des Auftritts voller als bei der vorangegangenen Band, jedoch wurden die angesprochenen Möglichkeiten zum Mitgehen und Mitfeiern meist von weniger als der Hälfte der Anwesenden genutzt, was wohl aber auch daran gelegen haben kann, dass In Vain erst die zweite Band des Tages waren, und noch dazu am Donnerstag. Denn rein musikalisch war das derart professionell umgesetzt und derart solide, dass ich nicht anders kann, als von dieser (respektvoll und anerkennend gemeint) Melodikbombe der Verdammnis beeindruckt zu sein.
Setlist: Shadows Flap Their Back Wings // Seekers Of The Truth // Season of Unrest // Captivating Solitude // Watch For Me On The Mountain // Image Of Time // Against The Grain
Iotunn
Dass die bereits erwähnte Europa-Tour Iotunns auch in Lichtenfels Halt machte, schien die Besucher des Festivals sichtlich zu erfreuen, denn die Stadthalle war quasi voll. Auch bei dieser Band passte die visuelle Umsetzung zur musikalischen Atmosphäre: Bunte Lichtkegel und eine solide Dosis Nebel, die dann und wann durch den am Mikrophonständer Jón Aldarás angebrachten Scheinwerfer zerschnitten wurde, trugen zur angedüstert-andersweltlichen Grundstimmung bei. Und sie lieferten einen Schwung Dramatik, vor dem sich der tendenziell heroische bis epische, stellenweise fast ein wenig tragische Sound von Iotunn sehr gut entfalten konnte. Dieser ließ sich im Großen und Ganzen im Bereich Melo-Death verorten, dennoch war hörbar, dass die Wurzeln der Band nahe am Bereich des Power Metals liegen. Auf instrumentaler Ebene zeigte sich das in der bereits erwähnten Tendenz zum Epischen bis Dramatischen, gerne auch mal mit einem Schwung Pathos – das aber alles sehr gekonnt, und ohne Komplettabstürze in den Kitsch-Sumpf. Aber auch der Gesang konnte überzeugen, denn Aldará lieferte sowohl Klargesang, der in seiner Emotionalität und Gravitas teilweise solide auf der Primordial-Skala landete, als auch gekonntes Geschrei.
Insgesamt zeigten sich Iotunn als eine überzeugende Band, die, sofern sie den entsprechenden Musikgeschmack trifft, guten Gewissens weiterempfohlen werden kann und vor allem live überzeugt.
Setlist: Twilight // Earth To Sky // Mistland // Kinship Elegiac // I Feel The Night // The Tower of Cosmic Nihility
Non Est Deus
Ob es nun einen Gott gibt, oder, wie der Bandname nahelegt, eben nicht: rein visuell wurden bei Non Est Deus erstmal die ebenso großen wie christlichen Geschütze aufgefahren: Kathedralenbanner als Hintergrund, mehrere Kreuze und Deko nach Art kirchlicher Buntglas-Fenster auf der Bühne, weiße Gewänder (am Sänger samt Mitra und Hütestab), sowie diverse weitere Kirchen-Paraphernalia als Requisiten. Auch im Ablauf der Bühnenshow orientierte man sich an entsprechenden christlichen Ritualen: Es wurde etwa die Predigt aus einer Bibel imitiert und (vor Save Us) die Kommunion an einen Mit-Musiker verteilt, zwischendurch gab es mal ein wenig (angedeutete) Selbst-Geißelung (konsequenterweise bei Flagellation), und am Schluss Glockenläuten. Garniert wurde das Ganze mit auf Rhythmus und Inhalt der Songs abgestimmten Nebel- und Feuerstößen, sowie einer durchaus charismatischen und motivierten Führung durchs „Programm“ durch Noise, dessen teilweise zackige bis grenz-militärische Bewegungen nochmal vergegenwärtigten, dass man den Mann auch von Kanonenfieber kennt. Ähnlich wie dieses Projekt scheint auch Non Est Deus in den letzten Jahren einen ordentlichen Hype zu erfahren: Die Halle war voll und das Publikum begeistert genug, um auch ohne große Motivationsreden von der Bühne mitzugehen, mit zuklatschen, die Hände oder Fäuste zu recken, oder auch mal zu headbangen.
Alles in allem wie gewohnt grundsolider Black Metal mit klassisch anti-christlicher Auslegung, eingebettet in eine, im Vergleich zum Ragnarök-Auftritt vor zwei Jahren deutlich aufwändigere, Bühnen-Ästhetik und -show, die sich irgendwo auf der Skala zwischen Batushka und Behemoth bewegt. Läuft.
Setlist: Show Mercy // Forgive Me // Hiob // Thousand Years Of Sand // Kora // The Indulgence // Flagellation // Save Us // Fuck Your God // Burn it Down // Transgression
Einherjer
Freunde des ebenso kompromiss- wie schnörkellosen Viking Metals waren bei Einherjer nicht nur sehr gut aufgehoben, sondern wurden sogar direkt mit einem neuen Song begrüßt : Bloodborn, das am darauffolgenden Tag veröffentlicht werden sollte, feierte an diesem Tag seine Live-Premiere und wurde entsprechend begeistert aufgenommen. Auch das restliche Set konnte sich sehen lassen und wusste zu überzeugen. Was aber auch kein Wunder ist – Einherjer gibt es seit mehr als dreißig Jahren und kann daher guten Gewissens als eines der Urgesteine des Genres angesehen werden. Musikalische Professionalität und Bühnenerfahrung haben sie somit mehr als genug, und davon ab nach wie vor jede Menge Bock – “ 30 years and the fire still burns“, wie Sänger Glesnes passenderweise zu Dragons Of The North mitteilte. Das schienen auch die anwesenden Fans so zu empfinden: Ein Moshpit wurde ohne große Aufforderung gestartet, und auch die erste Crowdsurfer-Sichtung machten wir bei Einherjer.
Nach einem überzeugenden Set, dass den Bogen vom neuesten Song (Bloodborn) bis zurück zu Songs der ersten full length – Veröffentlichung (Dreamstorm, Dragons of the North) spannte, endete der Auftritt von Einherjer mit einer freundlichen Danksagung nicht nur an alle Anwesenden, sondern auch an die „Ragnarök Crew“ für das Ermöglichen des Festivals und des Auftritts. Schöne Sache.
Setlist: Bloodborn // The Blood And The Iron // West Coast Groove // Balladen Om Bifrost // Nord Og Ner // Dreamstorm // Dragons Of The North // Ironbound // Far Far North
Arkona
Der Tausch der Auftrittszeiten von Helfró und Arkona war aufgrund von Anreiseproblemen erfolgt, zumindest aus meiner Perspektive aber eine der besten Entscheidungen im Hinblick auf die konsequente musikalische und atmosphärische Entwicklung der Donnerstag – Running Order. Die paganen und Folk-Elemente von Arkona schufen thematische wie klangliche Kohärenz; die zunehmende Präsenz der Black Metal – Elemente in den jüngeren Werken der Band sorgte dafür, dass die generelle Entwicklung des Tagesprogramms von „sanfter Einstieg“ zu „Auf die Fresse, aber mit Leidenschaft!“ einen schönen Abschluss fand. Insbesondere auch, weil Arkona an diesem Abend eine ebenso kunstvoll wie organisch wirkende Verflechtung schwarzmetallischer Klangsprache mit folkloristisch-paganer Musik- und Textästhetik lieferten, die ohne Übertreibung nicht nur als beeindruckend, sondern wirklich als meisterhaft bezeichnet werden kann.
Ein atmosphärisches Intro nach Art eines ominösen Flüsterstimmen-Gewirrs aus einem verfluchten Brunnen ließ ein wenig Spannung aufkommen, bevor Arkona medias in res einen der wohl charakterstärksten und authentischsten Stürme musikalischer Landschaftsmalerei entfesselten. Die sichtbare Leidenschaft der Musiker:innen, inklusive großgestigem Hexentanz Mashas, mitsamt einer wirklich authentisch wirkender Besessenheits-Ästhetik in ihrer schönsten Form, erschien hier als absolut natürliche und nur konsequente Ergänzung eines Sets, das tendenziell die schwarzmetallischen Elemente betonte, ohne dabei seine Verwurzelung im spezifisch slawischen mythologisch-folkloristischen Bereich zu verlieren.
Überhaupt ist das spezifisch Slawische, konkret: Russische, hier eine spannende Angelegenheit. Natürlich, die Band kommt aus Russland und hat entsprechend russische Texte. Sprache (und Musik, und Kunst generell) hat aber neben der konkreten Ebene inhaltlicher Aussagen und Strukturen auch noch eine abstraktere – die atmosphärische, oder die „Vibes“. Im 19. Jahrhundert sprach man in diesem Zusammenhang von einem „Sprachgeist“ oder einer „Sprachseele“, die man komplementär zu einem angenommenen „Volksgeist“ setzte. Die skurrilen daraus konstruierten politischen Implikationen, mitsamt dem „Volksgeist“, ruhen zurecht auf der Müllhalde der Geschichte. Aber, wenn man Musik und Sprache als Hilfsmetapher eine „Seele“ zuschreiben möchte, dann stand sie am Donnerstag des diesjährigen Ragnaröks mit Arkona auf der Bühne. Die eigentümliche (und bisweilen unterschätzte) Melodik der russischen Sprache, die Gleichzeitigkeit emotionaler Intensität, ebenso kantiger wie authentischer emotionaler Intensität und rauer Romantik der russischen Literatur lassen sich bisweilen schwer angemessen in Worte fassen. Bei diesem Arkona-Auftritt ließen sie sich aus nächster Nähe nicht nur beobachten, sondern ganz unmittelbar erleben und erfühlen.
Schlichtweg, ein großartiger Abschluss des Tages.
Abschließende Gedanken
Der Donnerstag war für mich eine spannende Angelegenheit. Musikalisch lagen einige der Bands deutlich außerhalb meiner privaten Hörgewohnheiten. Wäre ich als „Privatperson“ da gewesen, hätte ich daher wohl auf den Besuch ihrer Auftritte verzichtet, um mir die Energie für den kommenden Tag zu sparen.
Zum Glück war ich eben nicht privat da, sondern für Dark-Art, was standardmäßig Anwesenheit bei jeder Band bedeutet. Solche Ausflüge in Welten außerhalb der eigenen musikalischen Komfortzone können horizonterweiternd bis erkenntnisreich sein; insbesondere, wenn man die konstruktive Herangehensweise wählt und das, was eine Band erschafft, auch dann als gute Musik anerkennen kann, wenn es nicht den eigenen Geschmack trifft. Was für mich insbesondere bei den ersten Bands des Tages der Fall war. Voraussichtlich werden weder Nephylim, noch In Vain in meiner regelmäßigen Rotation landen, ich würde aber beide als gute Bands bezeichnen und empfand sie als überzeugend. Denn, zumindest aus meiner Perspektive, wissen und können sie nicht nur, was sie tun, sondern ich hatte auch den Eindruck, dass sie „mit dem Herz dabei“ sind und ihnen wirklich etwas daran liegt, Musik zu machen und sie mit Menschen zu teilen. Das mag ich, das schätze ich, das hat meinen Respekt. Genug, um mit genügend zeitlichem Abstand nochmal und dann auch genauer reinhören zu wollen.
Mehr zum diesjährigen Ragnarök Festival findet ihr hier:
Frühere Beiträge zum Ragnarök Festival findet ihr hier:
- Festivalbericht: Ragnarök Festival 2025 – Samstag
- Festivalbericht: Ragnarök Festival 2025 – Freitag
- Festivalbericht: Ragnarök Festival 2025 – Donnerstag
- Festivalbericht: Ragnarök Festival, Samstag den 06.04.2024
- Festivalbericht: Ragnarök Festival, Freitag 05.04.2024
- Ragnarök Festival 2023 – Samstag
- Ragnarök Festival 2023 – Freitag
- Ragnarök Festival 2023 – Donnerstag
Mehr von den Bands bei Dark-Art findet ihr hier:
- Ankündigung: Beth Hart – You Still Got Me Tour 2026
- Ankündigung: Skunk Anansie – European Tour 2026
- Konzertbericht: SKYND – Dead Serious Tour 2026, Batschkapp Frankfurt, 05.04.2026
- Ankündigung: Subway to Sally – exklusive Nord Nord Ost Clubshow
- Ankündigung: TANZT! Festival 2026
- Konzertbericht: 1914 – The War That Never Ends Tour, Nachtleben Frankfurt, 08.04.2026
- Ankündigung: Decapitated – 30th Anniversary – Headliner Shows
- Ankündigung: Visions of Atlanits – To the Brave, ’Til the Grave Tour 2026
- Band der Woche: Rue Oberkampf
- Ankündigung: Munarheim / Bosparans Fall / Mornir – 23.05.2026, b-hof Würzburg
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