Interview mit dem Illustrator und Grafik-Designer Jan-Erik Mendel (Gotikatur)

Jan-Erik Mendel

Ich möchte euch heute einen Künstler vorstellen, dessen Karikaturen vielleicht schon einigen von euch bekannt sind. Unter seinem Label Gotikatur porträtiert er bereits seit über 10 Jahren Menschen vorwiegend aus der Schwarzen Szene.

Hi Jan-Erik, schön, dass wir Dich für ein Interview gewinnen konnten.
Du bist ein großartiger Karikaturist und Illustrator, wie ich finde. Ich folge meiner eigenen Tradition und beginne mit der Frage nach Deinen Wurzeln. Wann hast Du Dein Talent fürs Zeichnen entdeckt?

Vielen Dank erst einmal für die Einladung und die lieben Worte! Ich zeichne, seit ich ungefähr drei Jahre alt bin. Gefühlt gab es für mich nie eine andere Leidenschaft, die mich so durchgehend begleitet hat. Allerdings hatte ich immer bestimmte Lieblingsthemen, mit denen ich mich dann monatelang beschäftigt habe: erst Dinosaurier, dann Drachen, Hexen, Vampire, Aliens und alles, was meine Fantasie sonst noch angeregt hat.
Comics haben mich schon früh begeistert. 1999 habe ich angefangen, eigene Asterix-Hefte zu zeichnen. Der Auslöser war damals der Film „Asterix und Obelix gegen Cäsar“, mit dem großartigen Gottfried John als Julius Cäsar. Ich wollte aber auch selbst Filme machen: einen eigenen Asterix-Film, „Titanic“, „Mary Poppins“ – unter anderem mit selbst gebastelten Marionetten. An Ideen und Begeisterung hat es jedenfalls nicht gefehlt.
Irgendwann entdeckte ich dann Don Rosas Dagobert-Duck-Comics und wollte unbedingt Entenzeichner werden. Später kamen Star-Wars-Comics dazu, und mit Freunden habe ich mich an Kurzfilmen versucht. Rückblickend ging es eigentlich immer darum, Figuren zum Leben zu erwecken und Geschichten zu erzählen. Die Gotikaturen kamen erst viel später dazu.

Wie sieht der kreative Prozess aus? Mit was und wie arbeitest Du – digital oder analog? Wie entsteht so eine Gotikatur? Wie würdest Du Deinen Stil beschreiben?

Im Grunde bin ich ein ganz altmodischer Zeichner: Ich arbeite nach wie vor auf Papier und mit Tinte. Erst danach digitalisiere ich die Zeichnungen und bearbeite sie in Photoshop weiter.
Für eine Gotikatur schaue ich mir zunächst ein Foto oder ein Video der Person an. Dabei versuche ich, die charakteristischen Gesichtszüge und etwas von ihrem Ausdruck einzufangen. Daraus entsteht eine Skizze, die ich anschließend mit Tinte ausarbeite, ganz ähnlich wie beim Comiczeichnen. Der Rest passiert dann in Photoshop. So beschrieben klingt das eigentlich ziemlich einfach!
Meinen Stil würde ich als eine Mischung aus klassischer Comiczeichnung und Porträtkarikatur beschreiben, mit einer Vorliebe für das Skurrile und die dunkle Romantik. Ich möchte die Eigenheiten eines Menschen hervorheben und daraus eine Figur entwickeln, in der er sich wiedererkennt. Meine Begeisterung für Comics und die Ästhetik der Schwarzen Szene kommen dabei ganz selbstverständlich zusammen.
Der Name entstand übrigens völlig spontan. Ich habe 2013 eine Facebookseite angelegt und sie einfach „Gotikatur“ genannt – als Verbindung aus „Gothic“ und „Karikatur“. Eine große Strategie steckte nicht dahinter. Umso erstaunter war ich, dass die Seite ziemlich schnell viele Follower bekam. Manches kann ich nicht erklären, manches passiert wie von allein.

 

Selbstportrait 2023 Gotikatur

 

Du nimmst gern Aufträge an. Auf Deinem Instagram-Profil sieht man stetig neue Gotikaturen – vorwiegend aus dem Bereich Punk, Metal und Gothic. Kannst Du uns eine Zahl nennen, wie viele Menschen von Dir bereits „gotikatiert“ worden sind? Wie kann man von Dir ein Porträt bekommen?

Puh, gefühlt sind es inzwischen über tausend Menschen. Mit dem Wimmelbuch „Wir Kellerkinder – Everyday is Halloween“ wahrscheinlich noch deutlich mehr. Genau mitgezählt habe ich allerdings nicht.
Wer eine Gotikatur haben möchte, kann mir einfach über Instagram oder Facebook schreiben. Die meisten meiner deutschen Follower haben mich bisher über Facebook kontaktiert. Als Vorlage wünsche ich mir möglichst ein Foto, auf dem Kopf und Schultern gut zu sehen sind. Auch ein kurzes Handyvideo mit einer langsamen Kopfdrehung eignet sich gut, weil ich das Gesicht dadurch aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten kann.
Meistens bekommt man die fertige, digital bearbeitete Datei. Auf Wunsch kann ich aber auch einen Druck per Post schicken oder die Originalzeichnungen abgeben. Die bestehen manchmal aus mehreren Einzelteilen, besonders bei Ganzkörperbildern. Ich zeichne auf A4, und da reicht mir der Platz nicht immer für die Details, die ich gern unterbringen möchte. Deshalb zeichne ich einzelne Bereiche separat und setze sie später digital zusammen.

Du illustrierst Bücher und zeichnest Comics und Karikaturen. Hast Du Vorbilder oder gibt es Zeichner, die Du besonders magst? Deinem letzten Facebook-Post ist zu entnehmen, dass Du gern „Enten“ darstellst. 😉

Ja, die Enten haben mich nie so richtig losgelassen! Für meine Donald-Duck-Comics, die ich immer wieder im Disney-Online-Fanzine „Bertel-Express“ veröffentliche, sind Carl Barks und Don Rosa auf jeden Fall meine wichtigsten Vorbilder. Ihre Geschichten haben meinen Wunsch, selbst solche Comics zu zeichnen, entscheidend geprägt.
Außerhalb von Disney gehört natürlich Albert Uderzo dazu. Durch meine frühen Asterix-Comics habe ich mich intensiv mit seinen Zeichnungen beschäftigt. Ich mag außerdem Sempé, Tomi Ungerer und verschiedene französische Zeichner sehr.
Meine Interessen gehen aber weit über Comics und Karikaturen hinaus. Ich liebe klassische Kunst und bin von Malern wie Caspar David Friedrich, Claude Monet, Vincent van Gogh und Gustav Klimt fasziniert. Auch Elsa Beskows Illustrationen und die nordische Märchenillustration mit ihren Trollen, Wäldern und fantastischen Wesen sprechen mich sehr an.
Das ist eine ziemlich breite Mischung. Ich kann mich für eine stimmungsvolle Landschaft ebenso begeistern wie für eine ausdrucksstarke Comicfigur. Beides regt meine Fantasie an und macht Lust, selbst zu zeichnen.

Es ist bald Halloween. Du hast ein Wimmelbuch über das WGT illustriert. Magst Du uns etwas darüber erzählen?

Sehr gern! „Wir Kellerkinder – Everyday is Halloween“ war wirklich ein Mammutprojekt. Die Idee kam von Christian Schäfer, der auch die gesamte Organisation übernommen hat. Ich habe die Illustrationen gezeichnet, und insgesamt hat das ungefähr ein Jahr gedauert.
Das Besondere ist, dass sämtliche Figuren im Buch auf echten Menschen beruhen, die das Wave-Gotik-Treffen in Leipzig besuchen. Hinter den vielen kleinen Gestalten stehen also tatsächlich Menschen aus der Szene. Das macht das Buch für mich sehr persönlich.
Wir hatten außerdem großartige Unterstützung von bekannten Szenekünstlern, unter anderem von Umbra et Imago, Das Ich, Chris Pohl und Letzte Instanz. Das Buch erschien mitten in der Pandemie. Wenn ich daran zurückdenke, bin ich immer noch begeistert, wie viele Menschen uns damals unterstützt und dieses Projekt mitgetragen haben. Das war alles andere als selbstverständlich.

 

Letzte Instanz_ Wir Kellerkinder – Gotikatur

 

In Deinen „Deathrock-Novellen“ oder dem Gothic-Roman „Der Fluch von Falkenstein“ beispielsweise sieht man nicht nur Deine künstlerische Handschrift. Man kann eine weitere Seite von Dir kennenlernen. Du schreibst auch, richtig?

Ja, tatsächlich stammen bei diesen Büchern sowohl die Texte als auch die Covergestaltung von mir. Sie gehören sogar zu den wenigen meiner Buchprojekte, die im Innenteil ganz ohne meine Illustrationen auskommen und rein auf Worten basieren.
Ich habe schon als Jugendlicher viel geschrieben, damals allerdings nichts veröffentlicht. Mit Print-on-Demand haben sich später ganz neue Möglichkeiten für mich eröffnet. Plötzlich konnte ich ein eigenes Buch umsetzen und veröffentlichen, ohne darauf warten zu müssen, dass ein Verlag sich dafür entscheidet.
Diesen Weg kann ich Menschen empfehlen, die selbst gern etwas veröffentlichen möchten, bei Verlagen aber keine Chance bekommen oder glauben, ohnehin keine zu haben. Gerade diese Vorstellung kann einen ja schon davon abhalten, es überhaupt zu versuchen. Für mich war es eine tolle Möglichkeit, auch dieser Seite meiner Kreativität Raum zu geben.

 

Gotikatur – J.-E. Mendel

 

Was kommt als Nächstes? Sind Projekte geplant?

Im Moment stehen meine Duck-Fancomics im Mittelpunkt. Damit komme ich gewissermaßen auf meinen Kindheitswunsch zurück. Damals wollte ich solche Geschichten schon zeichnen, hatte aber noch nicht die zeichnerischen Möglichkeiten, die ich heute habe. Jetzt kann ich mich viel eher dem annähern, was mir schon damals vorgeschwebt hat.
Diese Comics mache ich rein unkommerziell. Trotzdem nehme ich das für ein Hobby ziemlich ernst. Ich möchte mich weiterentwickeln und Geschichten zeichnen, die auch für andere lesenswert sind. Und natürlich habe ich immer noch die Hoffnung, irgendwann beispielsweise bei Egmont mit meinen Arbeiten wahrgenommen zu werden und eine Chance zu bekommen, offiziell Disney-Comics zu zeichnen. Das wäre die Erfüllung eines sehr alten Wunsches.
Gotikaturen werde ich weiterhin zeichnen, wenn Interesse besteht. Sie sind im Moment nur nicht meine erste Priorität. Mich zieht es stärker zum Erzählen von Geschichten, und dafür bieten mir Comics den Raum, den ich gerade suche.

In der heutigen multimedial übersättigten Zeit, von Social Media und KI & Co, hat man es wahrscheinlich nicht leicht als Zeichner. Wie stehst Du zu KI? Und siehst Du allgemein Gefahren für die Zukunft?

Ich lehne KI grundsätzlich nicht ab. Als Hilfestellung finde ich sie sogar großartig. Wie bei Menschen kommt es für mich sehr darauf an, was sie tun beziehungsweise wofür sie eingesetzt wird. Entscheidend ist, wie wir mit diesen Möglichkeiten umgehen.
Was Datenschutz, Umweltfolgen und die Auswirkungen auf Kreativität und die Existenzgrundlage von Kunstschaffenden angeht, sehe ich allerdings vieles kritisch. Ein KI-generiertes Bild werde ich persönlich auch nicht als fertiges Kunstwerk akzeptieren. Für mich gehört zum künstlerischen Arbeiten die eigene Auseinandersetzung mit einer Idee und ihrer Umsetzung dazu – mit all den Entscheidungen, Schwierigkeiten und Erfahrungen, die währenddessen entstehen.
Natürlich geht diese Entwicklung auch an meiner Motivation nicht spurlos vorbei. Wenn man sieht, wie viele Menschen sich lieber kostenlos Bilder von sich generieren lassen, fragt man sich schon, welchen Stellenwert die eigene zeichnerische Arbeit noch hat. Man sagt gern, Künstler sollten in erster Linie für sich selbst arbeiten. Aber wenn man seine Arbeiten mit anderen teilt und auch von Aufträgen lebt, spielen Interesse und Wertschätzung eben ebenfalls eine Rolle.
Dabei möchte ich niemanden verteufeln, der KI benutzt. Mich stört vor allem der inflationäre und oft wenig durchdachte Einsatz. Ich wünsche mir einen bewussteren Umgang damit und mehr Aufmerksamkeit für die Menschen, deren kreative Arbeit Zeit, Können und eine persönliche Geschichte mitbringt.

Gibt es etwas, was Dich als Künstler oder als Mensch aktuell bewegt?

Mich beschäftigt die zunehmende Spaltung der Gesellschaft, und zwar nicht nur in Deutschland. Mir macht Angst, wie schnell Menschen einander nur noch als Gegner wahrnehmen und wie wenig Raum manchmal dafür bleibt, zuzuhören und sich wirklich zu verstehen.
Ich habe das Gefühl, dass wir in einem merkwürdigen Widerspruch leben: Vieles wird immer bequemer, gleichzeitig stehen wir ständig unter Druck. Zwischen Alltag, Sorgen und pausenloser Ablenkung bleibt wenig Ruhe, um selbst nachzudenken, neugierig zu sein oder etwas Eigenes zu schaffen. Ich glaube, dass dadurch unglaublich viel Potenzial ungenutzt bleibt. So viele Menschen könnten etwas beitragen, das unsere Welt schöner, freundlicher und liebevoller macht.
Dabei muss ich an einen Satz aus Frank Herberts „Dune“ denken: „Fear is the mind-killer.“ Angst kann unseren Blick verengen und uns lähmen. Für mich liegt eine große Herausforderung darin, die eigenen Ängste zu erkennen und zu überwinden, ohne vor wirklichen Problemen die Augen zu verschließen. Ich nehme mich da selbst überhaupt nicht aus. Aber ich glaube, wenn uns das gelingt, können wir wieder offener aufeinander zugehen und mehr von dem verwirklichen, was in uns steckt. Darin liegt für mich auch Hoffnung.

Vielen lieben Dank, Jan-Erik! Dir weiterhin alles Gute! Vielleicht lass ich mich ja auch mal gotikatieren. 😉

 

 

 

Links: 

Instagram: https://www.instagram.com/gotikatur/
Facebook: https://www.facebook.com/gotikatur

 

 

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