Interview mit Lisa Schubert (bildende Künstlerin und Theatermalerin)

Interview Lisa Schubert

Heute stelle ich eine Künstlerin aus Leipzig vor, die mich mit ihren ästhetischen und manchmal etwas morbiden Ölgemälden sofort neugierig gemacht hat. Besonders die Farbtöne, die oft düster und geheimnisvoll wirken, schaffen eine magische Atmosphäre. Lisas Werke integrieren sich wunderbar in die „Dark-Art“- Reihe, wie ich finde.

Hi Lisa, vielleicht gleich eingangs zu Deinem Künstlernamen „Vinsterwân“. Was bedeutet er? Und was heißt das explizit für Dich und Deine Kunst?

Den Künstlernamen Vinsterwân habe ich mittlerweile abgelegt, weil er ein früheres Kapitel meiner künstlerischen Laufbahn widerspiegelt. Unter diesem Namen habe ich vor allem im Bereich Gothic- und Metal-Art gearbeitet – etwa an CD-Covern, T-Shirt-Designs und Illustrationen. Mit der Zeit hat sich meine künstlerische Sprache jedoch weiterentwickelt. Heute liegt mein Fokus auf einer eigenständigen Bildwelt, die sich stärker mit Mythologie, Symbolismus und der menschlichen Psyche auseinandersetzt. 
Der Name Vinsterwân stammt aus dem Mittelhochdeutschen: vinster steht für dunkel, düster, schattenhaft, wân bedeutet Hoffnung, Erwartung, Glaube. Für mich verkörperte dieser Name immer das Licht in der Dunkelheit – den Gedanken, dass selbst in den tragischsten oder dunkelsten Momenten ein Funke Hoffnung bestehen bleibt. 
Auch wenn ich den Künstlernamen heute nicht mehr verwende, ist diese Grundidee in meiner Kunst geblieben. Meine Bilder behandeln oft düstere Themen wie Vergänglichkeit, Verlust oder innere Konflikte, doch sie tragen immer auch die Möglichkeit von Wandlung, Hoffnung und Schönheit in sich.

Du schreibst auf Deiner Website: „Ich male, weil ich muss und weil ich nicht anders kann. In mir brennen Dinge, die rauswollen und die ich nicht ewig gefangen halten kann.“ Siehst Du Kunst als Berufung? Wie bist Du zur Kunst gekommen?

Ja, für mich ist Kunst definitiv eine Berufung. Sie ist für mich weit mehr als ein Beruf – sie ist ein Ventil und ein Katalysator. Durch das Malen kann ich meine innere Bildwelt, meine Gedanken und Konflikte sichtbar machen. Es gibt Dinge, die sich für mich kaum in Worte fassen lassen, aber auf der Leinwand ihren Ausdruck finden.
Gleichzeitig ist Kunst für mich ein wichtiger Teil meiner persönlichen Entwicklung. Jeder Schaffensprozess hilft mir, mich selbst besser zu verstehen und Erlebtes zu verarbeiten. Ich hoffe, dass meine Bilder auch andere Menschen berühren – Menschen, die ähnliche Gedanken oder Gefühle kennen und sich in meinen Arbeiten wiederfinden. Wenn Kunst dazu beitragen kann, dass sich jemand verstanden fühlt oder neue Perspektiven gewinnt, dann hat sie für mich ihren größten Wert.
Zur Kunst bin ich eigentlich schon sehr früh gekommen. Schon als Kind habe ich ununterbrochen gemalt, gezeichnet und Geschichten sowie Gedichte geschrieben, die ich anschließend illustriert habe. In der Schule habe ich den Kunstleistungskurs besucht, und auf Empfehlung meiner Kunstlehrerin absolvierte ich ein Praktikum bei einer Künstlerin. Diese Begegnung hat meinen weiteren Weg entscheidend geprägt. Durch sie begann ich zunächst ein Restaurierungsstudium, bevor ich schließlich meinen Platz in dem Theatermalereistudium an der HfbK Dresden fand. Heute arbeite ich als freiberufliche Theatermalerin und gleichzeitig als freischaffende Künstlerin in Leipzig – zwei Bereiche, die sich für mich gegenseitig bereichern.

Wie würdest Du Deinen Malstil beschreiben? Hast Du künstlerische Vorbilder?

Mein Malstil ist stark von den alten Meistern geprägt. Ich arbeite überwiegend mit Öl und kombiniere klassische Techniken wie Lasuren, Alla-prima mit Spachtelmalerei. Farblich bewege ich mich meist in einer reduzierten Palette aus Erd- und Naturtönen, die ich gezielt durch kräftige Akzente wie Magenta oder Chromoxidgrün ergänze.
Ein großes Vorbild ist für mich Nicola Samorì. Ich bewundere seine Verbindung aus altmeisterlicher Maltechnik und einer zeitgenössischen, emotionalen Bildsprache. Seine Werke besitzen eine enorme Ausdruckskraft und inspirieren mich immer wieder aufs Neue.

Wie findest Du Deine Inspirationen? Haben beispielsweise Literatur, Filme oder Musik Einfluss darauf?

Ja, definitiv. Meine Inspiration finde ich vor allem in der Literatur. Ich lese gerne Gedichte und Bücher und interessiere mich besonders für Mythologie, Symbolik und Psychologie. Viele meiner Bildideen entstehen aus diesen Themen.
Auch Filme inspirieren mich, vor allem wenn sie tiefgründig sind und eine starke künstlerische Bildsprache besitzen. Sie eröffnen oft neue Perspektiven und beeinflussen die Atmosphäre meiner Arbeiten.

Mir gefallen Deine Portrait-Studien zur „Epiphanie“-Serie: „Ich ist ein anderer“. Gibt es Lieblingsmotive oder -themen?

Zurzeit beschäftigt mich vor allem das Motiv „Leda und der Schwan“. Die Geschichte aus der griechischen Mythologie fasziniert mich schon seit meiner Kindheit, nachdem ich Rubens‘ Darstellung in der Gemäldegalerie Alte Meister gesehen habe. Seitdem hat mich dieses Thema nicht mehr losgelassen.
Mich interessiert dabei weniger die Mythologie selbst als ihre Aktualität. In meinen Bildern wird Leda zu einer selbstbestimmten Frau der Gegenwart. Der Schwan steht für das Schöne und Verführerische, das zugleich eine dunkle, gefährliche Seite in sich trägt.
Meine Arbeiten erzählen vom Spannungsfeld zwischen Sehnsucht, Verlangen, Verantwortung und Selbstbestimmung – Themen, die bis heute nichts von ihrer Relevanz verloren haben.

 

Schwanklein

 

Beachtenswert sind auch die sinnlichen Werke  „Ledas Kampf“ und „Jeanne. Am Abgrund“. Was waren hier die Intentionen dahinter? Ist es auch eine Interpretation der historischen/mythologischen Figuren?

Ja, beide Werke greifen historische beziehungsweise mythologische Figuren auf, sind aber keine klassischen Nacherzählungen.
„Ledas Kampf“ basiert auch auf dem Mythos von Leda und dem Schwan. Mich interessiert dabei vor allem die Übertragung in die Gegenwart: Leda wird zu einer selbstbestimmten Frau, die sich mit Verführung, Macht und Verantwortung auseinandersetzt.
„Jeanne am Abgrund“ und mein neues Werk „Jeanne d’Arc“ beziehen sich auf die historische Figur der Jeanne d’Arc. Mich beeindruckt ihre Entschlossenheit und ihr Mut, für ihre Überzeugungen einzustehen – selbst um den Preis ihres eigenen Lebens.
Beide Figuren stehen für mich stellvertretend für Frauen, die Haltung zeigen und Verantwortung übernehmen. Diese Themen sind auch heute noch aktuell – nicht nur in der Kunstwelt, sondern in vielen Bereichen des Lebens. Genau diese Stärke und der innere Kampf interessieren mich und bilden den Kern meiner Arbeiten.

Du hattest letztes Jahr die Ausstellung „Les Fleurs du Mal – Die Blumen des Bösen“ im Rahmen des WGTs. Möchtest Du uns über diese Serie etwas erzählen? Ich finde beispielsweise den Gegensatz bei „Les Fleurs du Mal – Opium“ von getrockneten Mohnkapseln und einer saftgrünen glänzenden Geschenk-Schleife sehr interessant.

Die Serie entstand aus meiner Auseinandersetzung mit dem Gedichtband „Les Fleurs du Mal“ von Charles Baudelaire. Mich fasziniert daran die Verbindung von Schönheit und Abgründigkeit – etwas, das auch meine Malerei prägt.
Die Blumen in meinen Bildern sind bewusst verführerisch dargestellt, doch hinter ihrer Schönheit verbirgt sich immer auch eine Gefahr. Die glänzenden Geschenkschleifen bilden dazu einen Kontrast: Sie machen die giftigen Pflanzen scheinbar zu einem Geschenk und werfen die Frage auf, ob wir uns von der äußeren Schönheit verführen lassen oder ihre verborgene Gefahr erkennen.
Ergänzt wird die Serie durch drei Frauenfiguren, die giftige Pflanzen verzehren oder kurz davor sind. Dabei interessiert mich vor allem der Moment der Entscheidung. Es bleibt offen, ob sie der Versuchung nachgeben oder sich bewusst dagegen entscheiden. Genau diese Ambivalenz zwischen Verführung, freiem Willen und Eigenverantwortung bildet den Kern der Serie.

 

 

Les fleurs du mal
Les Fleurs du Mal

 

„Kunst“ liegt ja bekanntlich im Auge des Betrachters. Ich könnte mir vorstellen, dass Du mit Deinen Werken auch polarisierst. Die Zielgruppen für Dark-Art oder Dunkle Romantik beispielsweise scheinen ja leider relativ klein zu sein und das Unverständnis groß. Hast Du auch die Erfahrung gemacht? Wenn ja, wie gehst Du damit um?

Ja, diese Erfahrung habe ich durchaus gemacht. Meine Arbeiten sind nicht darauf ausgelegt, dekorativ oder gefällig zu sein. Sie behandeln Themen, die berühren, irritieren und zum Nachdenken anregen. Dadurch polarisieren sie – und das ist für mich völlig in Ordnung.
Ich glaube, dass jede Kunstrichtung ihr Publikum findet. Natürlich ist Dark Art oder symbolistische Malerei eine Nische, aber gerade darin liegt ihre Stärke. Mich interessiert nicht, Kunst zu schaffen, die allen gefällt, sondern Arbeiten, die etwas auslösen und mit denen sich die Betrachter wirklich auseinandersetzen.
Künstler wie Nicola Samorì zeigen, dass anspruchsvolle, unbequeme Kunst durchaus ihren Platz in der internationalen Kunstwelt hat. Das bestärkt mich darin, meinen eigenen Weg konsequent weiterzugehen.

Beim WGT 2024 hattest Du ja sogar als Kuratorin gearbeitet. Ich finde es super, wenn man einander unterstützt. Wie hat Dich diese Aufgabe bereichert? Sind weitere Ausstellungen dieser Art geplant?

Ja, seit 2024 bin ich Kuratorin der Kunstausstellung zum Wave-Gotik-Treffen. Diese Aufgabe bereichert mich sehr, weil ich dadurch Künstlerinnen und Künstlern mit einer ähnlichen Bildsprache und thematischen Ausrichtung eine Plattform bieten kann.
Mir ist gegenseitige Unterstützung in der Kunstwelt sehr wichtig. Gerade symbolistische und düstere Malerei ist im klassischen Ausstellungsbetrieb eher eine Nische. Umso schöner ist es zu sehen, wie groß das Interesse beim WGT ist und wie viele Menschen sich von dieser Kunst angesprochen fühlen.
Ich freue mich deshalb sehr, dass ich auch 2027 wieder die Kuration der Ausstellung übernehmen werde.

Was macht eine Künstlerin neben der Arbeit? Gibt es Hobbys?

Da gibt es jede Menge! Mir ist es wichtig, auch bewusst Abstand von der Malerei zu gewinnen. Gerade diese Pausen helfen mir dabei, mit einem klaren Blick ins Atelier zurückzukehren.
Einen großen Ausgleich finde ich im Sport. Ich gehe gerne joggen, fahre Fahrrad, wandere und verbringe viel Zeit mit meinem Hund in der Natur. Diese Nähe zur Natur ist für mich sehr wichtig – sie bringt Ruhe, ordnet meine Gedanken und gibt mir neue Energie. Oft entstehen gerade während eines Spaziergangs oder einer Wanderung neue Ideen für meine Bilder.

Wo kann man sich Arbeiten von Dir live anschauen?

Aktuell bin ich bei der Nacht der Kunst auf der Georg-Schumann-Straße in Leipzig vertreten. Außerdem ist für Ende des Jahres eine Ausstellung in Tübingen geplant. Ab dem kommenden Jahr folgt eine größere Ausstellung in einem Zahnarztzentrum, weitere Ausstellungen sind bereits in Planung.
Wer auf dem Laufenden bleiben möchte, findet aktuelle Informationen zu Ausstellungen und neuen Arbeiten auf meinem Instagram-Kanal. Dort teile ich regelmäßig Einblicke in meine Projekte und kündige kommende Termine an.

Vielen lieben Dank, Lisa!

 

Links: 

https://www.facebook.com/lisavinsterwan

https://www.instagram.com/lisa_schubert_art/

https://www.lisa-schubert.de/

 

 

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