Interview mit dem Künstler Matthias Korb (Künstlerhaus INITIUM ET FINIS – Wunderkammer der Humanität)

Interview Matthias Korb
Foto: Peter Kunz

Matthias ist ein Künstler aus Lohrheim (in der Nähe von Frankfurt), der ein ganz besonderes Werk geschaffen hat. Ich suche ja speziell nach kreativen Künstlern aus dem Bereich Dark-Art. Gemeldet hat sich ein fantasievoller Schöpfer eines bewundernswerten und sehr interessanten Kuriositätenkabinettes – eines sich ständig entwickelnden Kunstraumes.

Hallo Matthias, Du schreibst INITIUM ET FINIS (Anfang und Ende) – wie Du Dein Projekt nennst – sei ein „düsteres, dystopisches Outsider-Art Gesamtkunstwerk“. Was war/ist Deine Intention, Deine Vision? Wie und wann bist Du auf die Idee gekommen, Dein eigenes Haus und sogar den Garten umzugestalten?

 

Hallo Dani, die Idee eines Gesamtkunstwerkes kam mir schon sehr früh. Ich wollte und will ein Werk schaffen, das mich ständig herausfordert sowohl vom Inhalt wie auch von seiner räumlichen Ausdehnung und das es in der bestehenden Kunstlandschaft in dieser Form nicht gibt. Kunst ist etwas, das alle Lebensbereiche des Menschen durchwirkt und somit gibt es nichts, das nicht nach einem künstlerischen Ausdruck verlangt. Das INITIUM ist äußerlich ein dreigliedriges Werk, welches sich in einem alten Bauernhof aus dem Jahre 1900 verwirklicht, es besteht aus einem Wohnhaus mit vielen Räumen, einer großen Scheune mit vielen Ebenen und einem tollen Garten. Das Haus ist komplett der Kunst gewidmet. Jedes Fleckchen an Boden, Decken und Wänden ist ausgestaltet. Zum Wohnen ist hier kein Platz mehr.

 

Du bist eigentlich hauptberuflich Landschaftsgärtner. Das ist m.E. nach auch ein sehr kreativer Beruf. Er ist geprägt von Naturverbundenheit und einer gewissen Ordnungs- und Strukturliebe. Gibt es da einen Zusammenhang?

 

Das hängt auf jeden Fall zusammen. Als Landschaftsgärtner verwandelt man im Prinzip ein Stück Natur in ein Stück Kultur. Egal ob Nutz- oder Ziergarten, immer verwirklicht man eine Idee, man gestaltet mit Erde, Holz, Steinen und Pflanzen einen neuen Raum. Genauso tue ich das im INITIUM, mittels gesammelten Materialien erschaffe ich Kunstwerke mit denen ich dann die Räume gestalte.
Meinen Gärtnerberuf musste ich aber aus gesundheitlichen Gründen vor zwei Jahren aufgeben. Seit dieser Zäsur widme ich meine ganze Lebenszeit der Kunst.

 

Wie viele Fundstücke und Kunstgegenstände hast Du bisher im Haus? Kann man da eine ungefähre Zahl nennen?

 

Man kann das nur schätzen. Ich finde die Anzahl auch nicht so wichtig, es ist viel wichtiger, dass der Eindruck intensiv, dass die Erfahrung des Sehens bedeutsam ist. Aber es sind sicherlich weit über 100.000 Dinge im Haus, Fundstücke, wie auch die daraus entstandenen Bilder, Objekte, Skulpturen, Schreine und Bücher.

 

Kunstkabinette oder Panoptiken waren ja Vorläufer von heutigen Museen, beispielsweise auch für Naturkunde. Sogenannte Wonder-Rooms gibt es etwa seit der Renaissance. Artefakte, Naturalien und Kunstobjekte wurden schon immer gern gesammelt. Du schaffst einzelne Kreationen selbst und ordnest Fundstücke neu.
Cabinet of Curiosities kennt man ja beispielsweise aus der gleichnamigen Dark-Fantasy-Serie von Guillermo del Toro. Gibt es künstlerische Vorbilder oder Inspirationen in Form von Literatur oder Filmen?

 

Vorbilder habe ich keine. Auch wenn ich traurige Musik, Filme und auch Literatur liebe. Aber nichts von dieser Kunst wirkt direkt auf mein Werk.

Die historischen Wunderkammern hingegen sind schon eine Inspiration gewesen. Die Ästhetik und die Stimmung, die von solchen Kammern ausgeht ist sehr faszinierend für mich. Allerdings sind diese Kammern reine Sammlungen gewesen und in meiner Wunderkammer liegt der Schwerpunkt mehr auf der Zurschaustellung eigener Kunst.

 

Dein Opus besteht oft aus Schrottplatz- und Flohmarktfunden und dessen Collagen, Assemblagen und Installationen. Gibt es ein Lieblingsobjekt?

 

Ich liebe alle meine Objekte. Sie sind wie ein Familie für mich. Wie könnte ich da jemanden vorziehen?

 

Es gibt auch ein „Gehirn“ des Hauses, richtig? Die Schaltzentrale sozusagen – in Anmutung dem Inneren einer großen mechanischen Uhr. Dein „Bewusstsein der Welt“. Erzähl uns gern etwas dazu.

 

Nun, das INITIUM ist ein Gesamtorganismus, alles hängt miteinander zusammen. Man muss sich das wie einen Körper vorstellen, dessen ganze Glieder und Organe von den einzelnen Räumen, Ecken und Ebenen dargestellt werden. Und so gibt es auch ein Gehirn, einen Raum des Bewusstseins, das all dies steuert und zusammenhält. Hier laufen alle Fäden zusammen, hier werden alle Kräfte gesteuert und an die richtigen Stellen gelenkt. Eine perfekte Koordination aller Aktivitäten. Auch wird hier die Zeit thematisiert, indem Vergangenes analysiert und für eine mögliche Zukunft getestet wird. Es ist eine sehr komplexe Einheit.

 

Foto: Regi Itten (CH)
Foto: Regi Itten (CH)

 

Vordergründig betrachtet, wirken Deine Kunstwerke spirituell, morbide, teilweise vielleicht verstörend und dunkel. Diese stehen häufig im Kontrast zum Charme und der Eleganz schöner alter Möbel. Memento Mori in Form von Vanitas-Stillleben sind oft zu sehen. Schädel, Stacheldraht und Kreuze sind Symbole, die oft wiederkehren. Deine Wunderkammer wirkt vom Gesamteindruck sehr geheimnisvoll, magisch – aber auch gefährlich, düster, leicht chaotisch und intensiv. Man ist auf den ersten Eindruck erst einmal überfordert. (Lachen)
Was sind die Zusammenhänge der gigantischen technologischen, organischen und sakralen Kunstinstallation? Und warum das Alte, das Dunkle, das Leidenschaftliche und das Extreme?

 

Im Grunde stellt das INITIUM die Schöpfung dar. Die Welt zeigt sich mit all ihrer Komplexität. Über Naturmaterialien, Bücher, Kunstwerke, technische Errungenschaften, verstorbene Lebewesen spannt sich der Bogen der Lebensvielfalt. Somit hängt sehr Vieles mit sehr Vielem zusammen. Schönheit ist da genauso präsent, wie das Hässliche. Alle Polaritäten des Seins sind im INITIUM zu finden.
Da jedoch das Leben die Gefühle der Menschen, wie auch die Vernunft sehr verletzt, ist es nicht anders möglich, als das Gesamte sehr düster darzustellen.

 

Wie bist Du auf die Themen Glaube, Leben und Tod – INITIUM ET FINIS – gekommen?

 

Diese Themen beschäftigen mich schon von Kind an.
INTIUM ET FINIS ist lateinisch und bedeutet „Anfang und Ende“. Es ist die Grundstruktur allen Seins. Alles beginnt und alles endet. Vom kleinsten Lebewesen über Planeten und Sterne bis hin zu unserem Universum. Es ist ein Faktum, dass jeder Mensch, nachdem er auf die Welt kommt, verstehen muss, dass alles vergeht. Er muss lernen, dass das Vergängliche möglicherweise das Ewige ist. Jegliche Materie ist gefangen im Strudel der Zeit und ist in Bewegung: Leben ist Bewegung. Mit unserem Bewusstsein wollen wir aber dem Kreislauf des Vergehens entfliehen und dem Ewigen nahe kommen. Jeder von uns.

 

Du schaffst Dinge, die sonderbar und skurril sind. Die Dinge haben immer eine Bedeutung, wie beispielsweise das Wandbild über die Phobien. Man muss sich mit der Psyche des Menschen auseinandersetzen. Oder auch der Leuchter aus Phiolen, mit chemischen Elementen etikettiert, die eine andere Darstellung des menschlichen Körpers versinnbildlichen. Du verknüpfst alte Dinge neu.
In der Philosophie gibt es den Begriff Mängelwesen (Arnold Gehlen). Der Mensch ist unangepasst, instinktarm und stets in der Entwicklung, daher benötigt er beispielsweise Kultur und Orientierung. Wie siehst Du das? Sind wir die Krone der Schöpfung? Wie stehst Du zum Thema kybernetischer Organismus in einer möglichen Zukunft?

 

Das ist ein schwieriges Thema, weil der Mensch keine „runde Sache“ ist. Er ist zerrissen zwischen guten und bösen Kräften und zwischen Gedanke und Gefühl. Er ist voller Gegensätze und somit Widersprüche. Es ist erstaunlich, dass wir soweit bis ins heute gekommen sind. Wir haben fantastische Erfindungen in die Welt gebracht, aber ethisch stehen wir immer noch auf dem selben Fleck wie vor ewiger Zeit.
Der Entfremdung von der Natur, die sehr stark in der Zukunft stattfinden wird, stehe ich sehr kritisch gegenüber. Da kommen solche Umbrüche und Herausforderungen auf uns zu, das wird eine Herkulesaufgabe für die Menschheit werden. Wahrscheinlich sind wir dem nicht gewachsen, auch wenn ich mir das Gegenteil wünsche.
Ja, ich glaube, wir sind die Krone der Schöpfung. Aber diese Krone glänzt durch zweifelhaftem Charme und ist nicht unbedingt aus Gold und mit Edelsteinen besetzt.

 

Foto: Regi Itten (CH)
Foto: Regi Itten (CH)

 

Im Detail gibt es viele Dimensionen, viele Perspektiven in Deinen Konzepten. Du hast Dich beispielsweise mit der Frage der Zeit auseinandergesetzt, mit Veränderung. Deine Objekte komplettierst Du mit Poesie, mit Aphorismen und Gedanken. In einem Kunstwerk steckt die Seele des Künstlers – so sagt man. Siehst Du Dich selbst in erster Linie als Sammler, Künstler oder Philosoph?

 

Genau genommen, identifiziere ich mich mit keiner der drei Rollen.
Ich sehe mich eher als einen Helfer, der dem INITIUM Material bereit stellt, damit es sich selbst hervorbringen kann.
Ich selbst bin im Kunstwerk kaum zu finden. Es ist die Natur, die das Werk erschafft. Es ist die Weltgeschichte, die in ihren zurückgelassenen Spuren aufgezeigt wird. Das INITIUM ist eine Darstellung der Menschheit. Daher auch der Untertitel: „Wunderkammer der Humanität“.

 

Ich teile Dein „Mitgefühl für alles Lebendige“ und finde es auch super, dass Du Dich mit Problemen wie beispielsweise der „schwarzen Pädagogik“ oder mit Drogenmissbrauch auseinandersetzt. Was sind Themen, die Dich außerdem beschäftigen?

 

Ich versuche bei all dem Leid in der Welt auch das Schöne zu bergen. Die Liebe und die Akribie früherer Handwerkskunst zum Beispiel ist überall zu sehen. Auch Biografien von außergewöhnlichen Menschen, die großes geleistet haben, kann man an sehr vielen Stellen finden. Es gibt auch einen „Erotischen Salon“, der ganz der Liebe und der Schönheit gewidmet ist.

 

Auf YouTube wurde Deine Wunderkammer mit Howls Zimmer aus dem Studio Ghibli Anime Das wandelnde Schloss (Originaltitel Howl’s Moving Castle) verglichen.
Aber es gibt auch negative Kritiken. Es sei eine gruselige staubige Horrorsammlung, eine Rumpelkammer oder Geisterbahn beispielsweise. Wie gehst Du mit dieser Polarisierung um? Du machst auch Führungen durch Dein Kunstprojekt. Wie sind die Reaktionen? Ich kann mir gut vorstellen, dass viele Deine Werke erst einmal ab- und verschrecken. Man muss sich auf jeden Fall auf die Dinge einlassen. Die Hintergründe verstehen… .

 

Ja, es gibt Führungen. Ich freue mich über jeden Menschen, der dieses Kunstwerk einmal in echt erleben will.
Wer es einmal gesehen hat wird es nicht so schnell wieder vergessen. Die Besucher sind meist tief ergriffen, weil es so beeindruckend ist. Man kann sich im Vorfeld keinen wirklichen Eindruck vom Kunstwerk durch die Bilder und Videos im Internet verschaffen. Besonders in diesem Falle übertrifft das echte Leben definitiv die virtuelle Realität.

Kunst ist meist sehr speziell. Man kann nicht jedem gefallen. Man kann immer nur ein paar Wenige erreichen, die ähnlich denken, fühlen und wahrnehmen.

 

Vielleicht eine abschließende Frage, die sich evtl. der eine oder andere bereits gestellt hat: Wie schaffst Du es, dass sich kaum Staub ansammelt?

 

Staub gehört zum Konzept und ist wertvoll und gewollt. Er wird nirgendwo entfernt.
Er ist ein Hinweis auf die Zeit, das Alter und kann uns bei längerer Betrachtung innerlich sehr ruhig stimmen … . Staub legt sich wie ein versöhnlicher Schleier über unsere gelebte und erfahrene Vergangenheit.

 

In der heutigen Zeit ist es schön, wenn man noch Staunen und Entdecken kann. So eine Wunderkammer hat etwas Faszinierendes an sich – ähnlich einem Lost Place. Es sind die emotionalen Erinnerungen, die Melancholie, das Geheimnisvolle, die Geschichten – die guten wie die schlechten, die der Vergangenheit anhaften. Aber auch die Poiesis und der Ethos sind Kostbarkeiten, die im Werk von Matthias zum Tragen kommen. Sie regen zur Selbstreflexion an.

Danke Matthias! Ich komme sehr gern auf Dein Angebot zurück, mir das außergewöhnliche INITIUM ET FINIS einmal in der Realität anzuschauen. Ich bin schon sehr gespannt.

 

Das würde mich sehr freuen.
Vielen Dank für das Interview.

 

 

Fotos Galerie: Regi Itten (CH)

 

Links: 

https://www.initium-et-finis.de

https://www.youtube.com/@initiumetfinis1880

https://www.instagram.com/initium.et.finis/

 

 

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