Festivalbericht: Ragnarök Festival, Freitag – 10.04.2026 – Part 1

Trve und Frostbitten, aber g’scheid!

Der erste vollständige Tag des Ragnarök-Festivals begann, wie ein Ragnarök-Freitag beginnen muss: Die Verabschiedung vom Winterschlafsack fühlt sich an, als würde man mit der Liebe seines Lebens Schluss machen, der (mehr oder weniger erholte) Blick streift über die (abhängig vom konkreten Campinplatz mehr oder weniger malerische) Kulisse von Stadthalle/Tennisgebäude/Flüsschen; alles beleuchtet von ein paar sehr schüchternen Sonnenstrahlen. Zögerlich von eben jenen angestreichelt glitzert eine dünne Schicht Frost auf Zelt und Pavillon.

Aber genug Zeltplatz-Landschaftsmalerei und zurück zum eigentlichen Fokus. Der Tag begann nämlich auch darüber hinaus, wie ein Ragnarök-Freitag beginnen muss: mit Rumms! Zum einen natürlich dank der Waffenschau/des Schaukampfs, der wieder vor Beginn der Musik-Acts stattfand. Gegen 12:15 Uhr ging es an diesem Tag los; Bilder des Spektakels können im folgenden Unterpunkt bewundert werden.  Zum anderen bot aber auch das Line-up des Tages so gut wie alles, was das geneigte Extreme Metal – Herz begehrt: Convictive als Tagesstart mit dem erwähnten und ganz wunderbaren Rumms; weitere Möglichkeiten zum Abriss gab es u.a. mit den sympathischen Niederländerinnen von Asagraum sowie bei Septicflesh.  Außerdem Waldgeflüster, Enisum, Sunken und Psychonaut 4, wenn’s dezidiert vor allem atmosphärisch oder/und emotional reinhauen soll.

Damit jede Band den Raum bekommt, der ihr auch zusteht, ohne den Beitragsrahmen komplett zu sprengen, wird unser Bericht zu diesem Festivaltag in zwei Teilen erscheinen. 

Vorprogramm

Manchmal ist der beste Start in den Tag ein ordentliches Handgemenge.

Das klingt vielleicht erst mal etwas plakativ, doch hat das Ragnarök wieder keine Kosten und Mühen gescheut, um eine Schaukampftruppe zu finden, die historischen Wikinger-Schildwallkampf darstellte. In mehreren kürzeren Sessions zeigte die Truppe mehrere Kämpfe, in denen zwei Gruppen aufeinander trafen. Das ganze natürlich in kompletter Rüstung, mit verschiedenen Waffen und mit Fokus aufs Detail: „Getötete“ Darsteller ließen sich punktgenau auf den Boden fallen und deckten sich mit ihren Rundschilden ab.

Ein interessanter Start in den Tag, den man sich als Besucher definitiv mal gönnen kann.

Convictive

Der Award für die Sängerin mit der besten Kombination aus höchsterfreulich räudiger Schrei- und absolut niedlicher Sprechstimme geht dieses Jahr an Convictive. Es mag sein, dass ich diesen Award zum ersten Mal verleihe, vielleicht niemals wieder verleihen werde und ihn mir letztlich auch gerade erst ausgedacht habe, aber er ist absolut verdient und sollte, wie auch die Band, besonders hervorgehoben werden.

Im ersten Moment wirkte die Band wie sehr angenehmer Guten-Morgen-Black Metal, schnell zeigte sich aber, dass sie deutlich mehr können, als „nur“ ein wirklich guter Opener zu sein: Musikalisch waren sie nah genug am klassischen Black Metal, um eben jenes Hallo-Wach mit Bravour zu liefern, gleichzeitig gab es genug Melancholie und Dramatik, um nicht komplett im stumpfen Geballer zu versinken. Aber auch das, ohne dabei in Richtung Kitsch oder Belanglosigkeit abzudriften. Selbst die Samples wurden durchdacht dosiert und platziert.

Sängerin Nova bedankte sich sehr herzlich und bezeichnete die Möglichkeit, auf dem Ragnarök zu spielen, als einen in Erfüllung gegangenen Traum. Eine gute Menge an erhobenen Händen und lautstarkem Feedback der Besucher legte nahe, dass auch diese mehr als zufrieden waren, und mir selbst blieb nur, mich zu wundern, warum ich bisher noch nichts über Convictive geschrieben habe. 

Fazit: Ich habe nicht nur keinen Grund, zu meckern, ich gehe sogar soweit, ein ebenso ehrliches wie herzliches fränkisches Lob auszusprechen: Passt scho. Wirklich schöner Start in den Tag, hat mir gut getan.

Setlist: Genesis // Epos // Rastlose Jagd // Reinheit des Verfalls // Lichtlos // Verfall // Exodus

Folkheim

Das schöne an dieser Band ist: Sie machen Spaß, ohne eine Spaßkapelle zu sein. Folkheim aus Chile erweitern eine folkig-schwarzmetallische Basis mit traditionelleren lateinamerikanischen, bzw. chilenischen, musikalischen Elementen. Das Ergebnis ist für Hörer des „klassisch-europäischen“ Folk Metals unter Umständen etwas ungewohnt, dabei aber in keinem Fall unangenehm. Zumal Folkheim ihre Musik wirklich mit maximaler Energie und Motivation auf die Bühne bringen: An den Saiteninstrumenten wurde nicht nur rumposiert, sondern auch ordentlich abgegangen (inklusive Tanzeinlagen), und im Fall von Sänger Alexis erscheint es mir unzureichend, lediglich von einer dynamischen Bühnenpräsenz zu reden – er schien die Musik derart zu fühlen und so komplett in ihr aufzugehen, dass ein hypothetischer an ihm angebrachter Schrittzähler vermutlich absolut epische Zahlen angezeigt hätte.

Gegen Ende gab es auch mal kurz eine gemeinsame Tanz-Performance, das Highlight für mich war aber Vaai Honga Kaina am Ende des Sets. Keine ausufernde Begründung, ich mag ihn einfach sehr gerne und er war ein gut platzierter Abschluss, der, sehr direkt und sehr schnörkellos, sehr gut rein ging. 

Hinsichtlich der Besuchermenge wär‘ schon mehr drin gewesen, aber immerhin schienen die, die anwesend waren, bereitwillig mit den Musikern zusammen abzugehen. Folkheim schienen dennoch zufrieden: Sie bedankten sich nicht nur, sondern verkündeten :“We will always keep you in our hearts!“

Setlist: Y la herida se cerro // Kiepja // Wayra // Vaai Honga Kaina 

Waldgeflüster

Mit Waldgeflüster stand als Nächstes eine der Bands auf dem Plan, auf die ich mich im Voraus mit am meisten gefreut hatte, und zumindest von der Tribüne aus entstand der Eindruck, dass es ziemlich vielen anderen Menschen ähnlich ging. Auf die Setliste geschafft hatten vorwiegend neuere Lieder: Krähenpsalme und Knochengesang vom aktuellen Album rahmten den Auftritt ein, hinzu kam der Titeltrack der 2023er EP Unter bronzenen Kronen. Der älteste Song war Rotgoldene Novemberwälder, erschienen 2019. Wenn aus irgendeinem Grund ein Lied von Dahoam (2021) dabei gewesen wäre, hätte ich mich nochmal mehr gefreut; ich bin aber auch erklärter Fan des Dialekt- Black Metals in allen Varianten.

Doch auch auf Hochdeutsch war das aber ein sehr stimmiges Set, wie immer mit intensiver musikalischer Atmosphäre. Waldgeflüster sind für mich das Äquivalent zum sanftmelancholischen Berg-Herbstwaldspaziergang, wenn gerade genug Blätter vom Baum gefallen sind, um gleichzeitig Sonne und den Blick auf die Weite, aber auch so langsam aber sicher etwas Winterkälte durchzulassen. 

Dass eben jene atmosphärische Dichte mit einer ziemlich ausladenden Bühnennebel-Front unterstrichen wurde, hat zwar teilweise zu gewissen Sichteinschränkungen geführt, ist im Fall von Musik, deren Fokus eher auf dem Erleben liegt und weniger auf der Show aber auch nicht allzu dramatisch.

Zumindest als Besucher und für mich als Nur-Schreiberin.

Setlist: Krähenpsalme // Unter bronzenen Kronen // Rotgoldene Novemberwälder // Knochengesang

Servant

Dezidiert finster wurde es bei der nächsten Band: Servant starteten mit dunkeltürkisem Licht, den zunächst nur als schattenartige Umrisse erkennbaren Musikern und einer gewissen Menge Nebel, bei der nicht klar war, ob sie zu diesem Set gehörte oder immer noch ein Rest der von Waldgeflüster schwungvoll verteilten war. Nach diesem kurzen Intro ging es mehr oder weniger direkt los, und man knüppelte sich mehr oder weniger durchs Set; nicht komplett ohne Dramatik, aber doch ziemlich geradlinig. Wie von Servant erwartet bewegte man sich hier musikalisch und thematisch im Bereich des klassisch düster-okkulten Black Metals, wenn auch durchaus auch mit melodischeren Parts. Insbesondere in den Vocals, bei denen gerade im Fall von Ausflügen in den Bereich des Klargesangs deutlich wurde, wie markant Faragos Stimme vor allem in diesem Gesangsmodus ist.

Als zwar nicht komplett, aber doch überwiegend schnörkelloser Black Metal erschien dieser Auftritt als gut platziertes Kontrastprogramm zwischen den vorangegangenen Waldgeflüster und den nachfolgenden Sunken, das gerade aufgrund eben jenes Kontrasts jeder der drei Bands die Gelegenheit gab, die individuellen Charakteristika ihrer Musik mit voller Intensität wirken zu lassen. Für sich allein betrachtet sind Servant eine Band, die wirklich genau das liefert, was ihre Song- und Albumtitel erwarten lassen, und daher insbesondere Freunde dieser musikalischen Nische ansprechen dürfte.

Setlist: Litany // Empire of Madness // The ultimate occult worship // Mater Hominis // Temple // Sin // Devil // Negate the I

Sunken

Die dänischen Sunken illustrierten für mich ebenso prägnant wie großartig, was ich meinte, als ich hier mal geschrieben habe, dass gute, ausdrucksstarke Musik nicht auf großartige Showeinlagen angewiesen ist. Teil des Konzepts von Sunken ist es nämlich, alles, einfach alles, sehr nachhaltig in Nebel zu hüllen. Bühnenbild? Keine Ahnung, ich hab nur Nebel gesehen. Wer stand eigentlich auf der Bühne, und wie viele? Nur per Recherche zu beantworten, keine Umrisse gesehen, nur Nebel. Zuschauerraum? Nach dem ersten Song verschwunden, Nebel. Feueralarm hinter der Bühne, der von der Feuerwehr abgeschaltet werden muss? Passiert, war aber erwartbar, weil: NEBEL.

Das liest sich so ein bisschen locker-flapsig, ist aber eigentlich gar nicht kritisch oder belustigend gemeint. Da war einfach eine massive, wirklich massive Menge an Nebel, die die obigen Großbuchstaben verdient hat. Vor allem aber:  Die zwangsläufig dazu führte, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, in dem Fall das Musik-Erleben. Dazu eignet sich Sunken ganz hervorragend, denn es ist wirklich schöner atmosphärischer Black Metal, der sein Adjektiv „atmosphärisch“, wirklich verdient hat,  der sich Zeit zur Entfaltung lässt und der diese Entfaltung nicht nur in die Breite von Klangteppichen, sondern gerade auch in emotionale Tiefe vollzieht.

Wer sonst manchmal zu „verkopft“ ist, um sich auf diese Art von Musik einzulassen, ist bei einem Auftritt von Sunken unter Umständen gut aufgehoben, weil die Nebelwand alle Möglichkeiten zur Flucht ins Rational-Erlebende schluckt und, wie ein Besucher anführte, ein bisschen „Privatsphäre“ geben kann, wenn es doch mehr aufwühlt als gedacht. Wer Musik sowieso vor allem über die emotional-assoziative Ebene wahrnimmt, ist bei Sunken sowieso gut aufgehoben und kennt sie wahrscheinlich eh schon. Wenn nicht, empfehle ich auch in diesem Fall nachhaltig den Besuch eines Live-Auftritts. 

Setlist: Din røst malede farver i luften // Foragt // Dødslængsel //  Når livet går på hæld

Vanir 

Nach vielen Bands, die keyboardartige Klänge in ihrer Musik verwendet und in Form von Samples vom Band gespielt hatten, folgte mit Vanir die erste Band des Tages mit einem echten Keyboard – samt Mensch dahinter, der dieses bedienen kann. Die Band aus Dänemark hat sich als Thema die typischen Pagan Metal-Themen wie die nordische Mythologie, das Trinken und Schlachten herausgesucht. Was jedoch im Vergleich mit anderen Bands des Genres herausstach, war die pragmatische Bühnenerscheinung und Show, die ohne viel Schnickschnack, Kostüme etc. auskam. Zu Beginn des Sets zog sich ein dünner Nebelschleier durch die Halle, der noch von der Band zuvor übrig geblieben war, und die Band betrat die Bühne in neutraler Kleidung. Einzig ein Gitarrist machte mit einem Bandshirt der eigenen Band ein Statement. 

Vanir hatten erst am dritten April ihr achtes Album Wyrd herausgebracht. Zu diesem Anlass wurde natürlich die Setlist mit neuem Material vollgepackt, denn fünf der sieben Songs stammen von diesem Album – was natürlich zur Folge hatte, dass selbst die meisten Fans nicht so ganz textsicher waren. Dafür nutzte die Band gleich die Chance, ihr neuestes Werk ordentlich zu präsentieren. Sänger Martin nutzte indessen Pausen zwischen den Songs für Ansagen, die etwas mehr Hintergrund zu den Songs boten, wie bei Helgrindir, bei dem es sich um einen Song über den Tod, aber dann doch eigentlich noch viel mehr über das Leben handle, das wir auf diesem „beschissenen“ Planeten verbringen, bevor wir ihn verlassen. Ja, grob wörtlich wiedergegeben. Generell gab sich das Set gut: Mal etwas Rohes, mal etwas Melodiöseres, mal etwas Ruhiges, das  brachte ein wenig Abwechslung in das Set. Viel Publikum lockte die Band leider dennoch nicht an die Bühne, so blieb der Auftritt in etwa so gut besucht wie der Tagesopener. 

Setlist: Against the Storm // Call to Arms // Helgrindir // Da Lammet Brød Det 6. Segl // Boudica  // Never Surrender // Twisting the Knife

Damit sind wir am Ende des ersten Teils unseres Berichts zum Freitag des diesjährigen Ragnarök-Festivals. Im zweiten Teil gibt’s abermals einen in seiner Kontrastierung durchaus stimmigen Wechsel von Atmosphäre und solide-finsterem Geknüppel, sowie eine wirklich – und ich meine WIRKLICH- beeindruckende Gleichzeitigkeit absoluter Trunkenheit und absoluter Motivation auf der Bühne.

Bericht: Tanja, Roksi
Bilder: Roksi

Mehr zum diesjährigen Ragnarök Festival findet ihr hier:

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