Dirk (aka Corvo Nero) ist Inhaber des Tattoo- und Kunst-Ateliers „Corvo Tattoo Art“ in Hamburg. Er hat sich auf Black & Grey und im Besonderen auf Dark- , Dystopian- und Morbid-Art spezialisiert. Ich freue mich, dass er sich für ein Interview zur Verfügung gestellt hat.
Hallo Dirk, Du bist eigentlich Grafiker und Illustrator. Wann hast Du Deine Berufung erkannt?
Hallo 🙂
Mh, ich denke man muss anders anfangen. Zwischen 4 und 5 Jahren wurde bei mir Hochbegabung festgestellt. Ich kenne es nicht anders als zu zeichnen, modellieren, malen etc. Ich war das erste Kind, was offiziell mit einem Stuhl und Staffelei im Senckenberg Museum (Frankfurt am Main) jeden Tag zeichnen durfte. Mein Ziehvater unterstützte mich stark, da meine leiblichen Eltern sehr überfordert waren mit mir und in den 80er Jahren Schulen für Begabte noch sehr viel Geld gekostet hatten und dieses war einfach nicht möglich.
Mit 11 Jahren habe ich dann schon für den Eichborn Verlag illustriert und für das Grafik-Design-Studio meiner Ziehmutter. Ich hab meine Berufung nicht erkannt. Ich lebe sie anscheinend einfach von Anfang an. Andere Berufe um Rechnungen zu bezahlen, waren immer die Herausforderung, sich da zurecht zu finden.
Als Tattoo-Artist ist dein Hauptthema ja der Realismus. Dafür benötigt man ein gutes Auge und viel Geduld. Wie bist Du zum Tätowieren gekommen? Was reizt Dich selbst an Tattoos?
Wie bin ich dazu gekommen … ich habe schon lange Tattoo-Vorlagen für andere entworfen oder für Artists manchmal geändert/korrigiert. Thema Anatomie etc.. Meistens bekam ich ein nettes Danke oder ein Bier dafür. 2016 befand ich mich in einem Job, der mir nicht gut tat und durch einen Ärzte-Fehler wurde ich beinahe blind. Ich hatte viel Zeit im Krankenhaus zu überlegen, was möchte ich. Meine Frau und meine besten Freunde sagten zu mir, meinst du nicht, dass es jetzt Zeit ist, selber davon zu leben, was dich interessiert und du für ein Bier schon für andere getan hast. Ich beendete mein Arbeitsverhältnis, setzte alles auf eine Karte und fing an, mir das Tätowieren richtig beizubringen.
Meine Schwester erzählte mir, nach meiner Entscheidung, dass meine Großmutter mich mal als Kind mit in ein Studio nahm, da meine Schwester Ohrringe bekam. Ich soll danach gesagt haben „Das werde ich später auch als Beruf machen. Die zeichnen ja alle und dann auf der Haut“.
Es war immer schwer, mein Selbst zu finden. Ich denke Body-Art, in welcher Form auch immer, kann einem helfen bzw. begleiten auf seinen Reisen.
Du hast vor ein paar Jahren zum 25. Jubiläum des HR Giger-Museums in Zürich tätowieren dürfen, habe ich gelesen. Hast Du eigentlich künstlerische Vorbilder? Oder was und wer inspiriert Dich zu Deinen Arbeiten?
Ja, das war eine sehr große Ehre für mich im H.R. Giger-Museum tätowieren zu dürfen.
Wie man so langsam erahnen kann, ist mein Weg als Künstler sehr steinig. „Du bist nicht richtig, so wie du bist“, „möchtest du nicht mal was Ernsthaftes machen“, „die anderen akzeptieren dich nicht, du malst komische Dinge“, „Mein Sohn ist normal!“ … . Man hinterfragt sich dauernd selbst und sieht plötzlich Arbeiten von Gottfried Helnwein, Giger, Dali, Floria Sigismondi (bekannt durch ihr Artwork und Fotos für Antichrist Superstar). Man hört und sieht David Bowie, Nine Inch Nails und irgendwie scheinen die alle nicht „reinzupassen“ aber sie machen es. Konsequent! Das hat mich sehr inspiriert.
Du tauschst auch manchmal die Tätowiermaschine mit dem Pinsel, Spachtel oder Stift. Bei Deinen Gemälden handelt es sich hauptsächlich um (erotische) Frauenmotive. Gibt es da einen besonderen Grund für? Ich finde, dass Du Emotionen richtig gut auf die Leinwand bringst.
Ich finde den weiblichen Körper ästhetischer zu malen als Männer-Körper. Eine gewisse Erotik verbinde ich auch immer mit Kunst. Die Leidenschaft an sich. Und ich mag mich nicht selber malen!
Im ersten Moment erscheint es vielen einfach als Erotic-Art, weil die Personen nackt sind. Nackt bedeutet aber auch Ehrlichkeit. Da ist nichts zu verstecken. Keine Maske. Kein Schutz. Einfach die Person.
Für viele ist es im ersten Moment oft ein „oh Gott, die ist ja nackt“, aber dann verändert sich was. Man schaut weiter hin und bemerkt, dass da noch so viel mehr passiert. Am Ende des Tages sprechen die Leute oft nur noch über das Thema und es ist egal, dass man eine Brust sieht etc.. Diesen Blick begrüße ich natürlich. Es geht um die Emotion, den Ausdruck, die nackte Wahrheit.

Kann man Deine Acrylgemälde live, beispielsweise auf Ausstellungen, sehen?
Die nächste Ausstellung findet am 19.09 auf der „Skin and Canvas“ im Museum Schloss Untergröningen statt.
Da werde ich auch (Spoiler) ein Giger-Motiv parallel stechen.
Ich finde es toll, dass Du Dich für LGBTQ einsetzt. Man sieht ab und zu Regenbogentattoos in Deinen Postings. Gibt es aktuell weitere Themen, die Dich beschäftigen?
(Wie stehst Du zum Beispiel zu KI?)
Ich denke, dass man sich für Gleichberechtigung einsetzt, sollte von jedem oberste Priorität sein. Habe sehr viele Freunde, die entweder homosexuell sind, lesbisch, bisexuell. Ich selber lebe Polyamorie und finde es furchtbar zu sehen, dass 2026 noch
immer nicht der Mensch gesehen wird, sondern nach irgendwelchen altmodischen Wertesystemen (die mit dem Christentum unter anderem erst entstanden sind) beurteilt, verurteilt werden. Sexualität bzw. wen du liebst, sagt nichts darüber aus, ob du ein Arsch bist oder nicht! Ebenso nicht deine Herkunft, Hautfarbe.Uff … KI … ich fang am besten erst gar nicht an, ha ha. Aber ich sehe es mittlerweile als brandgefährlich auf so vielen Ebenen.
Deine Zeichnungen und Illus sind großartig! Man sieht Deine handwerklichen Fertigkeiten. Ich mag den Stil und natürlich die Motive (z. B. „Queens of Rats“).
Wie kommst Du auf Deine Ideen, wie beispielsweise auch bei den Gemälden der älteren Serie „Simply Human“? Das waren ja, im speziellen Fall, wahrscheinlich keine Kundenwünsche. Du hast sicher auch „wanna dos“.
Hast Du Lieblingsmotive? Gibt es ein Konzept, welches Du gerne mal auf die Haut bringen würdest?
Dankeschön! Nein, das waren keine Kundenwünsche. Ich setze eigentlich immer gerne das um, was mich gerade beschäftigt. Im Positiven sowie im Negativen. Ich denke oft über die Menschheit und Ihre Muster nach. Womit struggeln eigentlich über 8 Milliarden Menschen? Bewusst, unbewusst.
Und manchmal darf es auch einfach Spaß machen. Bin ein Nerd und liebe dementsprechend auch einfach Dinge, die ich feiern kann, wie zum Beispiel Batman, Godzilla, Vampire etc..
Ich würde gerne mehr freehand auf einem Körper malen und dieses dann tätowieren. Einfach dem Flow folgen und sehen wo es endet. Eine lebende Leinwand.
Gibt es für Dich ein No-Go – etwas, was Du auf keinen Fall tätowieren würdest?
Ich denke, ich muss nicht betonen, dass gewisse Symbole mit giftigen Ideologien ein absolutes No-Go sind.
Und wenn ich merke, dass jemand gerade nur einem Trend folgt und ich schon sehen kann, dass diese Person das in 2 Jahren bereuen wird. Kein Tattoo am Körper, aber Hauptsache auf der Hand und im Gesicht haben wollen, damit es sofort sichtbar ist.
Tattoos sind keine Klamotten, die man mal eben dann wieder in Schrank hängt, wenn sie out sind. Ich finde, momentan werden Tattoos zu sehr konsumiert als gelebt. Gilt auch für Musik und Kunst.
Ich liebe Deine düsteren Arbeiten. Würdest Du Dich selbst als Dark-Artist bezeichnen? Was fasziniert Dich an der „dunklen Seite“?
Ich denke, man kann mich so nennen.
Ohne Schatten gibt es kein Licht. Wer sagt, dass die dunkle Seite negativ ist?
Vielleicht finden wir ja genau in dieser Dunkelheit das, was wir brauchen, um das Richtige im Licht zu sehen.
Meine Mutter sagte mal zu mir „tue das, wovor du Angst hast, das bringt dich weiter“. Ich denke, dass mich die Schatten weiter gebracht haben, als nur das Licht.
Das Licht kann einen auch blenden. In der Dunkelheit musst du zuhören, was in dir ist. Du musst dich auf andere Sinne konzentrieren. Wenn du dich im Licht frei fühlen möchtest, musst du dich erst mal in deinem Keller frei fühlen können.
Ich habe im Netz etwas recherchiert und herausgefunden, dass Du auch Musik machst. Auf Facebook entdeckt man auch hier und da ein paar Pics mit Mikro. Ihr hattet auch schon Auftritte beim M’era Luna und auf dem Wave-Gotik-Treffen, richtig? Kannst Du uns was zu „Eyes Shut Tight“ erzählen?
Eyes Shut Tight war mein Versuch mich auch musikalisch, via Texte und als Sänger auszuleben, da Musik schon immer ein wichtiger Bestandteil meines Lebens ist.
Ich denke, wir hatten auch sehr guten Zuspruch für das, was wir da gemacht hatten. Sei es auf der Tour mit Zeromancer, Lord of the Lost (zu der Zeit hatte ich auch das Cover für deren LP Full Metal Whore gezeichnet), M’era Luna, WGT etc.. Unser Produzent war zum Schluss dann sogar JP Genkel, der schon Cradle of Filth produzierte.
Aber ich glaube, ich wollte auch etwas anderes noch, als die anderen. Bzw. Dinge passieren nicht einfach von alleine. Die Welt kommt nicht auf dich zu. Du musst dich bewegen.
Es war nicht leicht, alle dazu zu bringen an einem Strang zu ziehen. Da kann schnell die Konsequenz sein: wenn was gut läuft klopfen sich alle auf die Schulter, wenn was nicht klappt, wird einer ans Kreuz genagelt.
Habe mich vom Kreuz genommen und mich gänzlich auf die anderen Dinge wieder konzentriert. Ich vermisse die Kunstform Musik manchmal, aber vielleicht ist das nicht meine Welt.
Hast Du neben der visuellen und akustischen Dark-Art noch Zeit für Hobbys? Du hast Katzen, oder? 😉
Ja, Wir haben vier Katzen.
Nero aka der Kaiser.
Calcifer Geraldo Binder aka der Schnuff.
Devil der Pinguin.
Beelze-Bob Binder aka 3B.
Manchmal ist es nicht einfach Zeit zu finden, aber ich bastel gerne Dioramas zum Entspannen.
Vielen lieben Dank, Dirk!
Ich danke Dir!
Links:
https://www.instagram.com/dirk_corvo_nero_tattoo/
https://www.facebook.com/dirk.t.wieczorek
Mehr aus dem Bereich Kunst und Fotografie bei Dark-Art findet ihr hier:
- Interview mit Lisa Schubert (bildende Künstlerin und Theatermalerin)
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- Interview mit dem Fotografen und Künstler Sebastian Freitag
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- Adventskalender: Dark Art – gruseliger Horror oder ästhetische Kunst? Part III
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