Weiter geht es nun mit der zweiten Hälfte des Hauptprogramms des Donnerstags auf dem Wacken Open Air und wir steigen direkt ein mit dem Auftritt der Hard-Rock-Legenden von Europe. Unsere Eindrücke der ersten Tageshälfte findet ihr hier. Parallel dazu fand der zweite Teil des Metal Battles statt, über den wir hier berichtet haben.
Europe
Wer im Line Up Europe liest, denkt automatisch an dieses eine Lied. Auch wenn The Final Countdown ihr größter Hit ist und eine der größten Rock Hymnen aller Zeiten, wird es der Band nicht gerecht, sie ausschließlich darauf zu reduzieren. Ihr Auftritt am Donnerstagabend auf der Harder Stage, im Vorfeld ihrer 40-Jahre-Jubiläumstour von The Final Countdown, sollte dies unter Beweis stellen.
Los ging es mit einem Intro, wo eine Mumie Backstage wirr umher rannte, mit Aufschriften auf ihren Mullbinden wie: Madness, Torn Apart, Twisted und Divide. Was zunächst für Verwirrung sorgte, erschließt sich, wenn man einen Blick auf das Cover des im Herbst erscheinenden neuen Albums wirft. Selbige Mumie findet sich auf dem Titelcover wieder. Somit konnte dieser Auftritt sicher als kleine Promoaktion verstanden werden.
Mit den ersten Beats eröffnete Drummer Ian Haugland die Show und sofort lösten die ersten Töne und Lieder Erinnerungen aus. Die Stimme von Sänger Joey Tempest hat nichts von ihrer Strahlkraft verloren und dazu versprühte er eine unglaubliche Energie, die die Bühne erbeben ließ. Bei Scream of Anger fühlte er förmlich mit dem Lied, legte seine Emotionen in seine Stimme und kreiste dynamisch den Mikrofonständer. Mehrfach ließ er das Mikro elegant in die Luft fliegen, um es ebenso elegant und geschickt wieder aufzufangen. Beim anschließenden Sign of Times wurden sämtliche Hände im Infield nach oben gerissen, klatschend im Takt bewegt und der Band somit Tribut gezollt. Während der Show traute sich dann die Mumiengestalt vom Intro vor die Bühne und stattete im Graben den Metalheads in der ersten Reihe einen Besuch ab.
Europe präsentierten eine routinierte Show, die ihre jahrzehntelange Bühnenerfahrung erkennen ließ. Bass, Gitarren, Keyboard und Gesang, alles war perfekt aufeinander abgestimmt und unterstrich ihre Professionalität. Joey Tempest lenkte als charismatischer Frontmann das Geschehen auf der Harder Stage und hatte mit seinem Charme das Publikum auf seiner Seite. Die Setlist war ein gelungener Spagat von alten Klassikern wie Scream of Anger aus 1984, Carrie aus 1986 bis hin in die unmittelbare Zukunft zum neuen bereits erwähnten Album mit dem Titel Come this Madness, ihrem ersten Studioalbum seit neun Jahren. Mit One on One und The Cult of Ignorance enthielt die Setlist bereits einen Vorgeschmack darauf.
Die Bühnenshow selbst kam ohne große Effekthascherei aus. Zahlreiche Scheinwerfer sorgten für eine perfekt abgestimmte Lichtshow. Ein großes Europe Logo erstrahlte auf der Rückwand und wurde bei einigen Liedern ab und zu durch Videoeinspielungen ersetzt. Die Wacken Community bewies unterdessen, dass man auch zu klassischem Rock fantastisch Crowdsurfen kann und so bekamen auch die Secus nach ca. 30 Minuten Spielzeit einiges zu tun. Gegen Ende der Show stellte Joey den Rest seiner Mannschaft vor, um anschließend den Drums ein Solo einzuräumen.
Als letztes Stück folgte endlich, worauf vermutlich jeder einzelne Zuschauer gewartet hatte. Das große Finale mit The Final Countdown, was direkt ab der ersten Zeile lauthals vom Publikum mitgesungen wurde. Frontman Joey genoss seinen Auftritt dabei in vollen Zügen. Er ließ ein letztes Mal den Mikroständer kreisen, sprang auf und ab und ließ den Refrain vom Publikum singen. Seine Energie übertrug sich auf die Zuschauer, die Europe noch einmal ordentlich abfeierten und die letzten Gelegenheiten zum Crowdsurfen nutzten.
Mit diesem fantastischen Finale verabschiedeten sich Europe mit einem „Dankesehr“ von ihren Fans.
Blood Red Throne
P.O.D.
Nu Metal direkt aus San Diego, dafür stehen P.O.D. Das Quartett brachte von der ersten Sekunde an die Louder Stage mit energetischen Gitarrenriffs und kräftigen Rhythmen zum Beben. Für eine leicht aggressive Note sorgten die Rap-Parts von Frontmann Sonny. Insgesamt ergab sich eine musikalische Mischung, die sich irgendwo zwischen Limp Bizkit und Reggae einordnen lassen könnte. Das Publikum war absolut hooked und ständig in Bewegung.
Weil Coversongs auf Wacken immer sehr gut ankommen, fügte sich mit Don’t Let Me Down eine Beatles Nummer sehr gut in die Setlist ein. Hier stellte Sänger Sonny auch unter Beweis, wie treffsicher seine klare Gesangsstimme ist. Der Auftritt brachte so ziemlich alles mit sich, was man auf dem Wacken Open Air braucht: schwingende Dreadlocks, Crowdsurfer, gute Stimmung, ein knallrotes Mikrofon und ein dauerhaftes Moshpit.
Gegen Ende des Sets ergab sich ein schöner Moment der Gemeinsamkeit, als die gesamte Menge zu Youth Of The Nation lautstark mitsang. Den perfekten Abschluss dieses starken Auftritts bildete der Song Alive, zu welchem das Publikum noch ein letztes Mal die volle Ladung an positiver Energie, welche P.O.D versprühten, zu spüren bekam.
Temple of the Absurd
Misery Index
Savatage
Eine Gitarre erschien auf den Bildschirmen rund um die Faster Stage und Lianen wuchsen in die Höhe. Mit der Ansage „There is power“ und der Einblendung des Savatage Schriftzugs begann die Show und damit die von vielen Fans lang erwartete Rückkehr von Savatage nach Wacken. Zuletzt waren sie hier im Jahr 2015 gemeinsam mit dem Trans-Sibirian Orchestra auf zwei Bühnen parallel aufgetreten und hatten damit Musikgeschichte geschrieben.
Das Publikum war ab den ersten Gitarrenklängen voll dabei und Frontmann Zachary (Zak) Stevens wurde mit viel Applaus und Jubel begrüßt. Immer wieder ermunterte er die Metalschar seinerseits zur Interaktion. So wurden Fäuste in die Höhe gerissen, begleitet von enthusiastischen Hey Rufen und Pommesgabeln. Die Stimmung blieb während der ganzen Show auf einem gleichbleibend hohen Level.
Die Setlist ließ kaum Wünsche offen und im Publikum war die Freude spürbar, dass Savatage endlich wieder live spielten, auch wenn Mitbegründer und Mastermind Jon Oliva nach seinem Wirbelsäulenbruch noch nicht dabei sein konnte. So übernahm Zak Stevens den Gesangspart komplett. Stimmlich war er dafür gut in Form und wurde außerdem lautstark von zahlreichen Savatage Fans unterstützt. So feierten die Metalheads jedes einzelne Lied des Sets wie Jesus Saves und Handful of Rain, ein ruhigeres Stück, das dennoch genauso ausdrucksstark vorgetragen wurde und immer wieder von virtuosen Gitarrenpassagen getragen war. Während der Metalballade Chance erschienen Flaggen unterschiedlichster Länder auf den Bildschirmen und gegen Ende des über sieben Minuten andauernden Stücks auch im Publikum vor der Bühne.
Auch Zak merkte man an, wie sehr er diesen emotionsreichen Abend genoss und schließlich eine Botschaft von Jon Olivia, dem Mountain King überbrachte: „He loves you all“.
Dann folgte der emotionale Höhepunkt der Show, als bei Believe Jon Olivia per Video zugeschaltet wurde und den Anfang des Stücks auf dem Piano vortrug. Zeitgleich war der Himmel über Wacken in ein phantastisches Abendrot getaucht. Spätestens jetzt war es ein richtiger Gänsehautmoment, der noch verstärkt wurde, als beim Gitarrensolo Bilder des bei einem Autounfall verstorbenen Chris Olivia eingeblendet wurden. Zum Ende des Sets war es dunkel geworden, der Bullhead brannte bereits und die Lichteffekte auf der Bühne kamen bei den letzten Stücken noch besser zur Geltung.
Für die Fans von Savatage ging ein rundum gelungener Auftritt zu Ende, begleitet von der Hoffnung, dass sie vielleicht tatsächlich noch einmal mit Jon Oliva, dem „Mountain King“, zurück nach Wacken kommen werden.
Anaal Nathrakh
Manntra
Während zwischen den Hauptbühnen der Bullhead bereits brannte und das Infield, wo sich bald Def Leppard auf der Harder als Headliner des heutigen Abends die Ehre geben sollten, bis ganz nach hinten gefüllt war, hatten sich vor der Wackinger Stage etliche Zuschauer versammelt, um mit Manntra ordentlich abzufeiern. Auch Sänger Marko Sekul war dieser Umstand bewusst und er hatte einige Sorgen gehabt, als er die Timetable gesehen hatte. Doch wenn die fünf Jungs aus Kroatien die Bühne betreten, ist Eskalation vorprogrammiert und das wissen auch die Metalheads, die somit zahlreich erschienen waren. So waren Markos Sorgen unbegründet geblieben und auch zwischenzeitlich einsetzender Regen tat der Stimmung keinen Abbruch.
Den Auftakt des Sets machte das Lied Titans aus dem gleichnamigen aktuellen Album. Manntras unverkennbarer Mix aus Industrial- Gothic- und Folk-Metal entfesselte sofort seine volle Energie und die Kroaten gaben wie gewohnt ab dem ersten Stück Vollgas. Schließlich war es Zeit für den Barren King, der wie immer mit Totenkopfmaske auftrat, sein Surfbrett in Position zu bringen. Getragen von den Händen der Fans, drehte er seine obligatorische Crowdsurf-Runde vor der Bühne.
Dann ging es weiter mit Gitarrist Dodo und einer wissenschaftlichen Biertheorie die besagte: Wenn man drei Bier trinkt und dann für drei Minuten leicht herumspringt, dann sind diese drei Bier wieder weg. Zwischendurch bekam er eine Dose Bier gereicht, die er innerhalb weniger Sekunden exte und kommentierte: „German beer is the best.“ Ob er gemerkt hatte, dass er gerade eine Dose Bud geleert hatte, blieb unklar. Um seine Theorie zu testen, sollte nun Bewegung vor die Wackinger Stage kommen. Marko kommentierte:“ If you jump for three Minutes, three beer kaputt“. Mit Unholy Water hatten sie das passende Lied dafür am Start.
Danach leitete ein Trommel Intro vom Barren King The Heart Of The Storm ein und zu Higher gab es reichlich Flammen vor und auf der Bühne. Schließlich näherte sich mit dem Manntra Hit Ori Ori der Abend langsam dem Ende. Natürlich nicht ohne nochmals ein Moshpit beim kroatisch vorgetragenen Kisa zu starten und den all time Hit Nightmare abzufeiern. So endete eine Party zwischen Folk und Metal, mit jeder Menge Spaß und guter Laune vor und auf der Wackinger Stage.
Die Stimmung im Publikum zeigte, dass die Songs vom letzten Album Titans längst ihren Weg in die Köpfe und auf die Lippen ihrer Fans gefunden haben und das Portfolio von Manntra enorm bereichern.
Sventevith
Year of the Goat
Bericht: Roksana & Jenny & Anne
Bilder: Matthias & Patrick
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